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Michaela Pfadenhauer (Hrsg.): Professionelles Handeln

Cover Michaela Pfadenhauer (Hrsg.): Professionelles Handeln. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 266 Seiten. ISBN 978-3-531-14511-2. 27,90 EUR.
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Einführung in das Thema

Professionalisierung scheint für die Soziale Arbeit ein Dauerthema zu sein. Im Diskurs wird unter dem Schlagwort manchmal eine Strategie der Verbreiterung der fachlichen Wissensbasis, der Selbstvergewisserung gegen die Zumutungen der Politik und der Bürokratie verstanden. Die Frage, inwieweit denn nun Sozialarbeit eine Profession sei, markiert einen anderen Zweig der Debatte. Unter Rückgriff auf Professionstheorien wird das Vorhandensein von "Merkmalen" abgefragt und schließlich ein Urteil gefällt. Angesichts der prekären Lage der Sozialen Arbeit und der Schwierigkeiten, ihre Eigenlogik gegen benachbarte Berufe und gegen Auftraggeber zu behaupten, scheint der Entscheidung, ob sie denn nun eine Profession sei oder werden könne, geradezu schicksalhafte Bedeutung zuzukommen. Ein professionssoziologischer Band, der sich fast ausschließlich mit der Sozialen Arbeit beschäftigt, erweckt mithin Interesse zumindest bei all jenen, die von der Debatte, die sich seit langem im Kreis zu drehen scheint, noch nicht ermüdet sind.

Entstehung

Am Rande des Soziologiekongresses in Dresden 1996 bildete sich ein, später rasch wachsender, Arbeitskreis "Professionelles Handeln", der inzwischen als Arbeitsgruppe Professionssoziologie bei der DGS "akkreditiert" wurde. Der vorliegende Band soll aus diesem Anlass so etwas wie eine Zwischenbilanz ziehen.

Aufbau, Inhalte, Gliederung

Der einleitende Beitrag der Herausgeberin charakterisiert Professionalität als eine Form des Expertentums, das, zugespitzt formuliert, "das Problem zur Lösung" sucht und findet. Der Band gliedert sich dann in 5 Abschnitte, denen die Beiträge zugeordnet sind. Die Herangehensweisen an das Thema sind sehr unterschiedlich, so markieren die Einzelbeiträge auch jeweils (bloß) einen Standpunkt, nämlich den der Autorin bzw. des Autors, worauf die Herausgeberin auch hinweist.

  1. Wissensbasis professionellen Handelns. Ulrich Heisig beschäftigt sich mit Professionalismus als Form der Arbeitsorganisation der neuen Wissensberufe. Die Wissensbasis sei nicht mehr disziplinär, sondern heterogen verteilt. Genau deshalb sei die Erreichuung eines Professionen vergleichbaren Berufsstatus kaum möglich. Steffen de Sombre und Harald Mieg beschreiben aus der Sicht der kognitiven Professionssoziologie die spezifische Kompetenz Professioneller in der Fähigkeit, praktische Probleme mit dem eigenen Kategoriesystem wahrzunehmen und so komplexe Informationen rasch verarbeiten zu können.
  2. Kooperation als Bedingung professionellen Handelns. Ein interessanter Beitrag von Gaia de Luzio beschäftigt sich mit "Vertrauen" als Grundkomponente der asymmetrischen Komplementärbeziehung zwischen Professionellen und Klienten. Vertrauen wird dabei nicht nur als erfahrungsbasierte Haltung gesehen, sondern als nötige Vorleistung der Klienten, um eine gelingende Kommunikation zu ermöglichen. Roland Becker-Lenz untersucht die unterschiedlichen Mischungsverhältnisse von Hilfe und Kontrolle in den Arbeitsbereichen der Sozialen Arbeit. Stefan Kutzner postuliert, dass von einem professionellen Arbeitsbündnis nur unter den Bedingungen der Freiheit von Zwang und Kontrolle gesprochen werden könne und erkennt dann - wenig überraschend - anhand einer empirischen Untersuchung, dass so gesehen Sozialarbeit in der Sozialhilfe dem Anspruch auf Professionalität nicht entspricht. Professionalität sei nur erreichbar, wenn Hilfe und Kontrolle personell völlig getrennt würden. Etwas interessanter der Beitrag von Andreas Wernet, der sich anhand von Fallvignetten mit der Professionalität von Lehrern auseinandersetzt und in Kritik an Oevermann die spezifische Leistung von Lehrern eben nicht in der stellvertretenden Deutung in Wahrnehmung der "ganzen Person" des Schülers sieht, sondern in einem Handeln, das sich immer wieder an Normenbestätigung orientiert.
  3. Kontrolle professionellen Handelns. Am Beispiel des Journalismus untersucht Erika Hoerning die Rolle von - hier fehlenden - Kontrollmechanismen für Professionen. Fehlende Kontrollmechanismen machen nach ihrer Einschätzung Journalismus bestenfalls zu einer Quasi-Profession. Andreas Langer plädiert für Effizienz (oder: Sparsamkeit) als Kriterium zur Bewertung sozialarbeiterischen Handelns.
  4. Kontexte professionellen Handelns. Einiges Unbehagen, das einzelne der vorangegangenen Beiträge erweckt haben mögen, lösen dann Eva Nadai und Peter Sommerfeld auf. Sie werfen den Professionstheorien von Oevermann und Schütze Organisationsblindheit vor, und untersuchen die gestaltbare Einbindung von Sozialer Arbeit in Organisationskulturen am Beispiel der Sozialhilfe. Hier wird auch darauf hingewiesen, dass der Umgang mit der Ambivalenz von Hilfe und Kontrolle ja gerade zu den zentralen professionellen Leistungen der Sozialen Arbeit gehört. Nadai und Sommerfeld fokussieren auf die mikropolitischen Aushandlungsprozesse und zeigen deren Rolle für die Herstellung der Möglichkeit professionellen Handelns. Jürgen Enders und Marc Kaulisch gehen den Konsequenzen der Veränderungen an Universitäten, in Wissenschaft und Forschung für die Berufssituation der dort beschäftigten Wissenschafter nach. Jo Reichertz skizziert den Zwang, sich als Wissenschafter in den Medien zu positionieren.
  5. Professionelles Handeln jenseits von Professionen. Thomas Kurtz sieht die Stellung der Professionen im Wanken, die neuen Wissensberufe müssten allerdings eine Handlungslogik anwenden, die ebenso wie jene der Professionen nicht nur in der instrumentellen Anwendung von wissenschaftlichem Regelwissen bestehen kann. Schließlich bringt Michael Meuser die theoretischen Höhenflüge wieder zurück auf einen empirischen Boden, indem er untersucht, was denn nun gemeinhin für "professionell" gehalten wird.

Zielgruppen

Der Band, fern aller direkten "praktischen Anwendbarkeit" seiner Beiträge, richtet sich an jene, die sich theoretisch mit Fragen der Professionalisierung auseinandersetzen.

Tauglichkeit, Lesbarkeit

Der Band gibt einen Überblick über einen Teil der Professionsdebatte, auch wenn manche prominente Exponenten, vor allem aus dem Feld der Pädagogik, unter den Autoren fehlen. Die Lesbarkeit entspricht dem Standard bei wissenschaftlichen Texten.

Fazit

Die Beiträge zu diesem Sammelband sind sehr unterschiedlich, gemeinsam ist ihnen der Fokus auf Fragen der "Profession" bzw. der "Professionalität". Wie Gespenster scheinen Oevermann und Schütze über den meisten Texten zu schweben. Beim Durcharbeiten des Buches gab es bei mir manchmal Ärger, manchmal Interesse am Weiterdenken eines Ansatzes, und dann doch Erleichterung (beim Beitrag von Nadai und Sommerfeld): zwischen den bloß empirischen und den seltsam normativen Ansätzen, in denen sich Professionssoziologen als Richter aufspielen, gibt es noch ein interessantes Drittes.

Wenn die Behauptung des Klappentextes zutrifft, dass der Band einen umfassenden Einblick in den gegenwärtigen Stand der deutschsprachigen Professionssoziologie biete, so ist doch verwunderlich, dass sich die Professionssoziologie nicht mit den klassischen Professionen, sondern nur mit Randbereichen wie Journalismus und Sozialer Arbeit beschäftigt.

Ich empfehle die auszugsweise Lektüre des Bandes, aber das ist ja ohnehin die Regel beim wissenschafltichen Lesen.


Rezension von
Prof. Mag. Dr. Peter Pantuček-Eisenbacher
Diplomsozialarbeiter, Soziologe, Supervisor (ÖVS)
Leiter Department Soziale Arbeit, Master-Stdgg. Soziale Arbeit
Fachhochschule St.Pölten GmbH University of Applied Sciences
Homepage pantucek.com


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Zitiervorschlag
Peter Pantuček-Eisenbacher. Rezension vom 04.10.2005 zu: Michaela Pfadenhauer (Hrsg.): Professionelles Handeln. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. ISBN 978-3-531-14511-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2643.php, Datum des Zugriffs 21.01.2021.


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