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Rolf Dubs: Die Vorlesung der Zukunft

Cover Rolf Dubs: Die Vorlesung der Zukunft. Theorie und Praxis der interaktiven Vorlesung. UTB (Stuttgart) 2019. 144 Seiten. ISBN 978-3-8252-5269-4. 12,99 EUR, CH: 16,90 sFr.

Reihe: Kompetent lehren.
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Thema

Im Band XII der Reihe „Kompetent lehren“ legt Rolf Dubs dar, warum Vorlesungen auch in einer digitalen Zukunft ihren festen Platz an der Hochschule haben sollten. Er zeigt auf, wie sie gestaltet werden können, damit sie eine hohe Lernwirksamkeit entfalten.

Autor

Rolf Dubs, Wirtschaftswissenschafter und -pädagoge, Emeritus und Alt-Rektor der Universität St. Gallen, schöpft aus dem Fundus seiner langjährigen und breit gestreuten universitären und publizistischen Erfahrung u.a. in den Themenbereichen Lehren, Lernen, Schulentwicklung und Qualitätsmanagement.

Inhalt

Ausgangspunkt des ersten Kapitels (S. 13 bis 39) ist die recht verbreitete Kritik an der Vorlesung als „Auslaufmodell“. Der Autor zeigt auf, dass die Kritik an der reinen Darbietung von Wissen, wie sie in einer traditionellen Vorlesung geschieht, nicht erst mit dem Konstruktivismus begann, dass sich die Kritik jedoch hartnäckig zu halten vermag. Aktuelle Argumente gegen die Vorlesung seien beispielsweise die fehlende Kompetenzförderung, die Überlegenheit aktiven Selbststudiums, die Tendenz, in Vorlesungen zu viel Detailwissen zu präsentieren, die Hörigkeit/Abhängigkeit der Studierenden oder die geringe Aufmerksamkeitsspanne der Studierenden. Der Autor unterscheidet im Folgenden zwischen „darbietender Vorlesung oder Magistralvorlesung“ und „interaktiver Vorlesung“ (S. 18) und weist darauf hin, dass sich viele der Kritikpunkte erübrigen, wenn die Vorlesungen generell sorgfältig den Rahmenbedingungen und Lernbedürfnissen angepasst, vielgestaltig und interaktiv werden. Dabei können Ansätze wie Blended Learning oder Flipped Learning, Videos und E-Lectures eine wichtige Rolle spielen, auch wenn die Ergebnisse empirischer Studien zur Lernwirksamkeit dieser Ansätze widersprüchlich bleiben. Er folgert, dass eine dem Prinzip der „Vielgestaltigkeit des Unterrichts“ (S. 37) verpflichtete Lehre auf interaktive Vorlesungen auch in Zukunft nicht verzichten kann.

Im zweiten Kapitel (S. 40 bis 65) steht die Planung einer Vorlesungsreihe für das ganze Semester im Mittelpunkt. Der Autor erläutert die methodisch-didaktischen Entscheidungen bezüglich Rahmenbedingungen, Studierendenvoraussetzungen, Organisationsformen, (elektronischen) Medien, Lernzielen und Prüfung. Dabei verdeutlicht er die Vor- und Nachteile verschiedener Ansätze und Vorgehensweisen (z.B. zwischen einem linearen, einem problemorientierten oder einem Spirallehrplan unter „Organisationsformen“). Ein Beispiel einer Vorlesungsreihe und eine Checkliste mit Fragen zur Selbstreflexion runden die Darlegungen ab.

Im dritten Kapitel (S. 66 bis 84) geht es um vier Schritte bei der Vorbereitung einer einzelnen Vorlesung. Gemäß Autor werden in einem ersten Schritt Thema und Inhalte einer Vorlesung festgelegt. Dabei soll geklärt werden, welches deklarative und/oder prozedurale Wissen und welches spezifische und/oder ganzheitliche Denken und welche Kompetenzen gefördert werden sollen. In einem zweiten Schritt werden aussagekräftige und möglichst kompetenzorientierte Lernziele formuliert. Der Autor verdeutlicht wiederum anhand konkreter Beispiele, wie das Erreichen von kompetenzorientierten Lernzielen (nur) durch „interaktive“ Lehrsequenzen möglich wird. In einem dritten Schritt wird die Vorlesung nach bestimmten Prinzipien (z.B. nach dem Prinzip der Problemorientierung, des Vergleichs oder des Netzwerkes etc.) strukturiert, abhängig von den Zielen, dem Vorwissen der Studierenden und den Zeitressourcen. Abgeschlossen wird das Kapitel durch Überlegungen zu formativen Tests als Lernhilfen.

Im vierten Kapitel (S. 85 bis S. 114) geht es um die Durchführung einzelner Vorlesungen. Der Autor gibt minutiöse Anleitungen, beginnend mit dem Kontaktvorlauf (Auftreten der Lehrenden im Raum), der Kontaktaufnahme (erste begrüßende und informierende Worte) und dem inhaltlichen Startpunkt (Ausgangspunkt: Zielsetzung und Motivation). Anhand motivationstheoretischer Ansätze listet Dubs motivationsfördernde Maßnahmen auf, denn der Umgang mit der Motivation werde „als Folge der immer breiteren Streuung der Interessen und der Leistungsfähigkeit der Studierenden“ (S. 94) immer schwieriger. Es folgen Ausführungen zur argumentativen Entwicklung eines Themas, wobei beispielsweise auf den Umgang mit Fragen, auf Plenumsdiskussionen, auf Vortragstechniken und Visualisierungen eingegangen wird. Abgeschlossen wird die Lehrsequenz laut Autor mit der Formulierung einer Zusammenfassung und Aufgaben für die nächste Veranstaltung. Dubs gibt zudem Tipps für den Umgang mit Störungen und Disziplinlosigkeiten in Vorlesungen.

Das fünfte Kapitel (S. 115 bis 127) ist der Vorlesungsbeurteilung gewidmet und enthält Überlegungen zur generellen Schwierigkeit, die Qualität von Vorlesungen valide zu beurteilen. Es wird ein kritischer Blick auf die Dozentenbeurteilung durch Studierende geworfen. Dubs hebt den Nutzen von Vorlesungsbeurteilungen für die Weiterentwicklung spezifischer Vorlesungen und die entsprechenden Lehrfähigkeiten hervor und ergänzt seine Überlegungen durch allgemeine und konkrete Hinweise zur Gestaltung spezifischer Items und Beurteilungsbögen.

Das sechste Kapitel (S. 128 bis 134) enthält Tipps und konkrete Checklisten für eine Selbstreflexion, die darauf ausgerichtet ist, das Handeln im Rahmen von Vorlesungen kontinuierlich zu hinterfragen und zu verbessern.

Diskussion

Mit dem vorliegenden Band gelingt es dem Autor, glaubwürdig aufzuzeigen, dass Vorlesungen „keine Auslaufmodelle“ (S. 37) sind, und es sich auch in Zukunft lohnt, in eine gezielte Verbesserung der Vorlesungspraxis zu investieren. Rolf Dubs erklärt nachvollziehbar vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen und empirischer und theoretischer Erkenntnisse, warum Vorlesungsreihen „interaktiv“, sinnvoll digital unterstützt und auf die heterogenen Lernvoraussetzungen der Studierenden und weitere Rahmenbedingungen abgestimmt sein müssen. Darüber hinaus präsentiert er hilfreiche Ideen, wie dies in der Praxis konkretisiert werden kann.

Der Begriff „interaktive Vorlesung“ wird zunächst in einem engeren Sinne definiert (S. 18). Im ganzen Band werden jedoch unter dem Begriff verschiedenste Elemente des „Kontaktstudiums“ (in Abgrenzung zu Selbststudium) abgehandelt. Dabei geht stellenweise der Fokus auf die interaktive Vorlesung im engeren Sinne verloren.

Insgesamt bietet das Buch eine Reihe von konkreten Umsetzungs-, Reflexions- und Entwicklungsimpulsen für Lehrende an Universitäten und Fachhochschulen.

Fazit

Dubs untermauert in diesem Band argumentativ, warum das Lehrformat „Vorlesung“ allen Unkenrufen zum Trotz nicht ausgedient hat. Er zeigt auf, dass Kritiken häufig die „traditionelle“ Vorlesung (Magistralvorlesung) im Blick haben, und dass diese „traditionelle“ Vorlesung im Vergleich zu E-Learning/​Blended Learning und Selbststudium als weniger lernwirksam und kompetenzorientiert bewertet wird. Anhand empirischer Erkenntnisse legt Dubs die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Lehransätze dar und relativiert damit alle kritischen Argumente. Er plädiert für eine Reduktion traditioneller Vorlesungen zugunsten von interaktiven Vorlesungen, und für eine generell vielgestaltige Lehre, bei der die methodischen Ansätze entsprechend den Rahmenbedingungen und den Studierendenvoraussetzungen eingesetzt werden. Konkret und schrittweise zeigt er auf, wie solche Lehrsequenzen zu planen, durchzuführen, zu evaluieren und zu reflektieren sind. Das Buch enthält viele Anregungen und Reflexionsimpulse für Lehrende an Hochschulen.


Rezension von
Prof. Dr. Elisabeth Müller Fritschi
Homepage www.fhnw.ch
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Zitiervorschlag
Elisabeth Müller Fritschi. Rezension vom 18.03.2020 zu: Rolf Dubs: Die Vorlesung der Zukunft. Theorie und Praxis der interaktiven Vorlesung. UTB (Stuttgart) 2019. ISBN 978-3-8252-5269-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26431.php, Datum des Zugriffs 28.03.2020.


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ISSN 2190-9245

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