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Jeremy Rifkin: Der globale Green New Deal

Cover Jeremy Rifkin: Der globale Green New Deal. Warum die fossil befeuerte Zivilisation um 2028 kollabiert – und ein kühner ökonomischer Plan das Leben auf der Erde retten kann. Campus Verlag (Frankfurt) 2019. 319 Seiten. ISBN 978-3-593-51135-1. D: 26,95 EUR, A: 27,70 EUR, CH: 37,10 sFr.
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Die digital-grüne Revolution

Die Spatzen pfeifen es von den Dächern, die Wälder und Pflanzen zeigen es, und das Unwetter kündet es: Der von den Menschen gemachte Klimawandel bewirkt, dass die Menschheit dabei ist, sich selbst abzuschaffen! Auch wenn Ignoranten und Dummköpfe meinen, dass die von der Wissenschaft vorhergesagten Veränderungsprozesse auf der Erde von übelwollenden Eingebildeten behauptet werden und mit Fake News antworten. Die Warnungen sind bekannt, dass sich die Welt an einem Wendepunkt befindet, dass ein „Bussines as usual“ nicht weiter möglich ist, dass ein „Throughput Growth“, ein Durchfluss-Wachstums-Denken aufgegeben und „Sustainable Development“, eine tragfähige Entwicklung eingeleitet werden müssen (Brundtland-Bericht 1987), dass ein grundlegender, humaner Perspektivenwechsel zu vollziehen sei (Weltkommission „Kultur und Entwicklung“, 1995). Und die Ermunterungen und Ermutigungen, dass die Menschen kraft ihres Verstandes und ihrer Fähigkeiten, Gutes von Bösem unterscheiden und Allgemeinurteile bilden zu können (Aristoteles), werden ihnen immer wieder vorgesagt und vorgehalten (Rolf Arnold: Ach, die Fakten! Wider den Aufstand des schwachen Denkens, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/​23890.php).Wie kommt das Um-Jahr 2028 zustande? Zeitdiagnosen sind immer eingebunden in Vergangenheitserfahrungen, Gegenwartsanalysen und Zukunftsperspektiven (vgl. dazu auch: Heiner Hastedt, Hg., Deutungsmacht von Zeitdiagnosen, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​25798.php). Die Betrachtung von gesellschaftlichen Wandlungsprozessen misst sich vielfach in Jahrzehnten und Generationen. Ausgehend vom Jahr 2018, als bei den Halbzeitwahlen in den USA in das Repräsentantenhaus eine ansehnliche Zahl von jüngeren Abgeordneten einzogen und seitdem für eine grundlegende Neuausrichtung der Wirtschaft hin zum Green New Deal eintreten, wird auch im öffentlichen Bewusstsein eine neue Aufmerksamkeit über die Risiken und Lösungsmöglichkeiten des Klimawandels erkennbar.

Autor

Der US-amerikanische Menschheits- und Gesellschaftsanalytiker Jeremy Rifkin thematisiert die Imponderabilien in der globalisierten (Einen?) Welt in vielfältiger Weise. Es sind Ein- und Draufsichten auf die Entwicklungen auf der Erde: Ökonomische und ökologische, gewollte und ungewollte, schwergängige und leichtfertige; immer aber im Vertrauen darauf, dass die Menschen ihr rationales und empathisches Bewusstsein zum Tragen bringen (Jeremy Rifkin, Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9048.php), und überzeugt davon, dass es den Menschen gelingen könne, die evolutionären und revolutionären Notwendigkeiten zu ergreifen und lokal und global daran mitzuwirken, allen Menschen ein gutes, gelingendes Leben zu ermöglichen (Jeremy Rifkin, Die dritte industrielle Revolution. Die Zukunft der Wirtschaft nach dem Atomzeitalter, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/​12414.php). Er ist überzeugt, dass die Menschen nicht die unfertigen, nicht überzeugbaren, egoistischen Lebewesen sind, die nicht informiert und aufgeklärt sein wollen; vielmehr ist er der Meinung, dass die Menschen eine kluge Erzählung darüber brauchen, wie ein menschenwürdiges Dasein auf der Erde aussehen kann. Sein Rat ist nicht, die Menschen wieder auf die Bäume zurück zu wünschen, sondern mit den technologischen und intellektuellen Mitteln, wie sie uns die Digitalisierung und Globalisierung anbieten, zu einer humanen Weiterentwicklung zu kommen. Es soll, so sein Credo, mitten hinein in die digital-ökologische Revolution gehen.

Aufbau und Inhalt

Das 2019 im Original in New York herausgegebene Buch hat den Titel: „The Green New Deal. Why the Fossil Fuel Civilization Will Collaps by 2028, and the Bold Economic Plan to Save Life on Earth“. Der deutschen Ausgabe stellt er ein Vorwort voran, in dem er die von den deutschen Regierungen und Umweltbewegungen seit mehr als einem Jahrzehnt geplanten und veranlassten Initiativen für eine „grüne emissionsfreie ökologische Gesellschaft“ hervorhebt. Die globale Verbreitung dieser Zukunftsvisionen bewirke sogar, „dass Deutschland …zum Epizentrum eines neuen Narrativs mit einer Strategie zur Rettung des Planeten“ aufgestiegen sei. Er weist aber auch darauf hin, dass die Veränderungsprozesse sich marktgängig allein nicht vollziehen können, sondern dass es der lokalen und globalen Aufklärung und Aktivierung eines jeden Einzelnen bedarf, den „Green New Deal in die Tat umzusetzen und der Menschheit beim Übergang von einer geopolitischen Welt in ein Biosphärenbewusstsein behilflich zu sein“.

„Die Welt steht vor einer Krise“. Diese Warnung drückt der Autor in der Einleitung aus. Er bezieht sich dabei auf die gesellschaftspolitischen und ideologischen Entwicklungen in seinem Heimatland und stellt den Realitätsleugnern die sich abzeichnenden Bewusstseinsänderungen in der Bevölkerung gegenüber: In einer repräsentativen Meinungsumfrage 2018 wurde ermittelt, dass 73 Prozent aller Amerikaner die Erderwärmung als Tatsache anerkennen: „Der Klimawandel ist nicht länger lediglich ein rein akademisches Thema und politisch nur langfristig von Belang, sondern vielmehr eine beängstigende Realität für Millionen von Amerikanern“. Es sind keine Kassandrarufe, und es ist auch kein Aufruf zu einer Vogel-Strauß-Politik, auch kein Pessimismus und schon gar kein Fatalismus; vielmehr sind es Mutmacher zum Umdenken und Handeln. Nicht ohne Grund wendet sich Rifkin in erster Linie an die „Digital Natives“ und an die jungen Menschen der Generation Z, aber auch an die Ideologen, Skeptiker und Follower der Non-Greens, die mit dem „Es geht (soll) nicht!“ sich selbst und die Menschheit bei der humanen Weiterentwicklung blockieren.

Die Studie wird in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil setzt sich Jeremy Rifkin mit den ökonomischen Prozessen auseinander, die den „große(n) Bruch“ bewirken werden: „Die Entkoppelungsstampede und gestrandete Anlagewerte“. Mit dem Ausruf „It’s the infrastructure, stupid“ zeigt er auf, dass ökologische, grüne Entwicklung infrastruktureller Aufmerksamkeit bedarf: „Ohne Kommunikation lassen sich weder unsere wirtschaftlichen Aktivitäten noch unser soziales Miteinander koordinieren. Ohne Energie fehlt uns die Kraft sowohl für den Betrieb unserer wirtschaftlichen Aktivitäten als auch unseres sozialen Miteinanders. Ohne Transport und Logistik bewegen wir weder unsere wirtschaftlichen Aktivitäten noch unser soziales Miteinander“. Mit der Frage: „Wem soll die Infrastruktur gehören“? spricht er die demokratischen und emanzipatorischen Bedingungen an, die unverzichtbar für eine dezentralisierte, humanisierte Entwicklung sind. Die Forderung „Power to the People“ verweist darauf, dass ein kapitalgesteuertes, gewinnmaximiertes Wirtschaften die Menschheit dem Absturz näher bringt, während die „Entkoppelung von der fossil befeuerten Zivilisation … die zentralen Merkmale einer ökologischen Gesellschaft sind“. Die Wege dahin sind bekannt, und sie werden bereits in einigen Gesellschaften planiert: „Kunststofffreies Leben: Autonome E-Mobilität, vernetzte IDD-Gebäude und smarte Öko-Landwirtschaft“. Der Wille zum Perspektivenwechsel beginnt mittlerweile im Bewusstsein vieler Menschen zu reifen. Hilfreich dafür sind Widerstandsfähigkeit und Hoffnung, die durch den Green New Deal befeuert werden können. Wir kommen zum „Kipppunkt“. Im Juni 2018 legte ein Wissenschaftsteam von der Universität Cambridge die Ergebnisse einer Untersuchung vor, wonach die Auswirkungen der sich weltweit gebildeten „Kohlenstoffblase“ dazu führe, dass es zeitnah zu einem diskontierten Verlust des globalen Wohlstands kommen würde. Es sind die Investitions- und Arbeitsplatz-Risiken, die in der Vorhersage aus dem Energie-Paradies des Nahen Ostens stammt: „Mein Großvater ritt ein Kamel, mein Vater ritt ein Kamel, ich fahre einen Mercedes, mein Sohn fährt einen Land Rover, sein Sohn wird einen Land Rover fahren, aber dessen Sohn wird ein Kamel reiten“.

Im zweiten Teil wird diesem Pessimismus der Optimismus des Green New Deal entgegen gestellt: „Phoenix aus der Asche“. Kommt die Asche aus der verbrannten Erde, die die fossile Zivilisation hinterlassen hat? So würde vermutlich Rifkin nicht fragen. Vielmehr schaut er auf die „neue Macht der Pensionsfonds“, indem er aufzeigt, welche Macht die gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer haben, indem sie die in den Rentenfonds befindlichen enormen Werte de- und in kohlenstofffreie, nachhaltige Projekte reinvestieren. Wie kann sich die wirtschaftliche Wende vollziehen? Es ist nicht die marxsche, revolutionäre, verbrannte Erde, die das neoliberale System wegfegt, sondern ein „neuer Sozialkapitalismus“, bei dem sozial verantwortliches Investment im Mittelpunkt steht, und „Commons“ als humanitärer Kitt wirkt ( vgl. auch: Elinor Ostrom, 2011; Helfrich/Bollier, 2019). „Der Green New Deal gibt uns eine kollektive Stimme und das Gefühl einer gemeinsamen Mission“. Es ist der Blick von den USA aus, einem Land, dem Zuversicht und Fortschritt nachgesagt wird, auf Europa. Die von der Europäischen Union ausgehenden und beschlossenen Perspektiven, bis 2050 die „Entkarbonisierung des Kontinents“ vollzogen zu haben, wirkt motivierend und nachahmenswert auch für die anderen Kontinente. Es sind 23 Schlüsselinitiativen des Green New Deals, die als Anreize und Motive für andere Länder und Gesellschaften dienen können.

Fazit

„Was wir brauchen, ist das zehnfache Wachstum über einen Zeitraum von zehn Jahren“; diese Forderung für die USA und für die weltweite, ökonomische Entwicklung freilich kann nur dann akzeptiert werden, wenn sie mit dem Bewusstsein der Widerstandsfähigkeit und der Nachhaltigkeit hin zu einer kohlenstofffreien Gesellschaft ausgesprochen und initiiert wird. Wachstum an sich ist kein Wert; aber das wird Rifkin ohnehin sagen wollen. Es bleibt die Frage offen, wie mit den neoliberalen, kapitalistischen und dominanten, lokalen und globalen Strukturen umgegangen werden soll: Opponieren oder Paktieren? (vgl. dazu auch: Paul Collier, Sozialer Kapitalismus! Mein Manifest gegen den Zerfall unserer Gesellschaft, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​25338.php).


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 12.12.2019 zu: Jeremy Rifkin: Der globale Green New Deal. Warum die fossil befeuerte Zivilisation um 2028 kollabiert – und ein kühner ökonomischer Plan das Leben auf der Erde retten kann. Campus Verlag (Frankfurt) 2019. ISBN 978-3-593-51135-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26434.php, Datum des Zugriffs 05.08.2020.


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