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Afua Twum-Danso Imoh, Michael Bourdillon u.a. (Hrsg.): Global Childhoods beyond the North-South Divide

Cover Afua Twum-Danso Imoh, Michael Bourdillon, Sylvia Meichsner (Hrsg.): Global Childhoods beyond the North-South Divide. Springer International Publishing AG (Cham/Heidelberg/New York/Dordrecht/London) 2018. ISBN 978-3-319-95542-1. D: 106,99 EUR, A: 109,99 EUR, CH: 110,00 sFr.

Reihe: Palgrave Studies on Children and Development.
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Thema

Um den postkolonialen Zustand der Welt mit seinen enormen Ungleichheiten der Macht und des Wohlstands zu kennzeichnen, hat sich eingebürgert, zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden zu unterscheiden. Im Englischen wird auch von der Minority World und der Majority World gesprochen, um auszudrücken, dass die große Mehrheit der Menschen (und mehr noch der Kinder) im armen, abhängigen und machtunterworfenen Süden lebt. Zwar wird in regierungsoffiziellen Darstellungen, UN-Dokumenten, den Medien und teilweise auch in der Fachliteratur noch immer zwischen entwickelten und unterentwickelten oder Entwicklungsländern unterschieden, aber diese Bezeichnungen werden zunehmend als ideologisch erkannt, weil sie die falsche und in ihren ökologischen Auswirkungen fatale Botschaft transportieren, der eine Teil der Welt sei dem anderen voraus und überlegen und müsse vom anderen Teil nachgeahmt werden. Auch die seit Ende des Zweiten Weltkriegs gebräuchlichen Bezeichnungen Erste und Dritte Welt (neben der Zweiten Welt, mit der die sowjetische Einflusssphäre gemeint war) sind seit dem Fall der Berliner Mauer obsolet geworden und werden kaum noch verwendet.

Die Rede vom Globalen Norden und Globalen Süden ist nicht geografisch, sondern geopolitisch zu verstehen. Sie weist zwar Bezüge zu bestimmten Regionen der Welt auf, aber der Globale Süden breitet sich mit den massenhaften Migrationsprozessen auch im geografischen Norden aus, und in den Ländern des geografischen Südens finden sich Inseln des Reichtums und einer verschwenderischen „imperialen“ Lebensweise, die den Globalen Norden repräsentieren. Dies gilt vor allem für die Megastädte (Global Cities), in denen in Sichtweite weiter anwachsender Elendsviertel pompöse Luxusbauten und abgeschottete „Gated Cities“ das Stadtbild prägen.

Auch in der Kindheitsforschung wurden diese Gegensätze aufgegriffen. In der Kultur- und Sozialanthropologie und der Ethnologie, die sich seit je sogenannten primitiven Gesellschaften und Kulturen widmen, oft in Begleitung kolonialer Eroberungen, waren und sind auch Kinder seit langem ein Gegenstand der Forschung. Seit etwa drei Jahrzehnten sind auch für die an europäischen und nordamerikanischen Universitäten ansässigen Kindheitswissenschaften die Kinder des Globalen Südens zum Forschungsthema geworden. Bis heute liegen ihren Forschungen oft noch Kategorien zugrunde, die der Lebensrealität der Kinder in anderen Kontinenten nicht gerecht werden und mitunter sogar ihrer Diskriminierung Vorschub leisten. Allerdings wird diese Grundhaltung, die gelegentlich als eurozentristisch bezeichnet wird, auch in den im Norden beheimateten Kindheitswissenschaften zunehmend problematisiert und es werden Forschungsansätze und dialogische Kooperationen angestrebt, die kultursensibel und offen sind für Sichtweisen und Erfahrungen jenseits des europäischen Kultur- und Wissenschaftsverständnisses. In diesem Zusammenhang ist davon die Rede, dass die Wissenschaften selbst entkolonialisiert werden müssten.

Angesichts der großen Unterschiede zwischen den Lebensumständen und dem Selbstverständnis von Kindern in verschiedenen Bevölkerungsgruppen und Regionen der Welt, stellt sich die Frage, ob von einer einzigen Kindheit oder ob eher von verschiedenen Kindheiten zu sprechen ist. Gelegentlich wird unter dem Eindruck wirtschaftlicher Globalisierungsprozesse und der Ausbreitung elektronischer Medien angenommen, es sei eine Art globaler Kindheit entstanden. Zwar haben Kinder heute mehr als früher Möglichkeiten, Realitäten außerhalb ihres nahen Lebensumfeldes wahrzunehmen, aber die Rede von der globalen Kindheit verleitet leicht dazu, zu übersehen, dass sich in ihr vorwiegend das im Globalen Norden favorisierte Kindheitsbild spiegelt. Das Leben von Kindern bleibt von der Globalisierung nicht unberührt, aber sie führt beileibe nicht dazu, dass alle Kinder der Welt sich in derselben Lebenssituation befinden und dieselbe Kindheit hätten. 

Vielleicht besteht die größte Herausforderung der heutigen Kindheitswissenschaften darin, die Zusammenhänge und Widersprüche zwischen den globalen und lokalen Dimensionen von Kindheit und der Lebensweisen von Kindern zu verstehen, und zwar auf der Ebene des Objektiv-Materiellen ebenso wie auf der Ebene der Subjektivität, des Denkens, Fühlens und Handelns. Kinder sind ebenso (wenn auch nicht in absolut gleicher Weise) wie Jugendliche und Erwachsene von dem beeinflusst, was in anderen Teilen der Welt geschieht, denn abgeschottete Nischen gibt es nicht mehr. Aber die Art und Weise, wie sie beeinflusst werden, hängt auch davon ab, in welchen Teilen der Welt und unter welchen Bedingungen sie dort leben, und – das sollte nicht übersehen werden – ob sie sich überhaupt beeinflussen lassen. Die Globalisierung der Kindheiten ist weder ein unilinearer noch ein absolut zwangsläufiger Prozess, sondern impliziert viele Interdependenzen. Sie bringt nicht eine einzige uniforme „globale Kindheit“, sondern viele, durchaus verschiedene „globale Kindheiten“ hervor.

Dabei sollte nicht übersehen werden, dass die Interdependenzen bei der Herausbildung globaler Kindheiten in eine extrem ungleiche globale Machtstruktur eingebettet sind. Wie ungleich diese globalen Interdependenzen sein können, zeigt sich am offenkundigsten an der sich vergrößernden Kluft zwischen wohlhabenden und armen Regionen der Welt und den wesentlich geringeren Lebenschancen der Kinder in den ärmeren Teilen der Welt. In der weltweit wachsenden sozialen Ungleichheit spiegelt sich die ungleiche Machtverteilung zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden, die in der Kolonialepoche entstand und heute in verdeckten institutionellen Formen fortbesteht. Sie drückt sich nicht mehr offen in kolonialer Expansion, Eroberung und Herrschaft aus, sondern in der weniger sichtbaren Abhängigkeit scheinbar unabhängiger Nationalstaaten im Globalen Süden, die ihrerseits intern die soziale und politische Ungleichheit reproduzieren.

Mit diesen Fragen befasst sich der hier zu rezensierende Sammelband, indem er der Herausbildung globaler Kindheiten angesichts der Aufspaltung der Welt in einen Globalen Norden und Globalen Süden nachgeht und danach fragt, welche Interdependenzen sich zwischen dem Globalen und Lokalen ergeben. 

Entstehung und Kontext

Der Sammelband ist aus einem Aufruf hervorgegangen, den die Herausgeber*innen Afua Twum-Danso Imoh, Michael Bourdillon und Sylvia Meichsner an Kindheitsforscher*innen in verschiedenen Teilen der Welt versandt hatten. Er war von der Sorge motiviert, dass die sozialwissenschaftliche Debatte um Kinder und Kindheit(en) sich darauf beschränkt, die Unterschiede zwischen dem Globalen Norden und Globalen Süden hervorzuheben, und in einem Denken verharrt, das die Herausgeber*innen als „binär“ oder einander ausschließend verstehen. Es ging ihnen darum, stattdessen die Dynamik zwischen dem Globalen und Lokalen zu erfassen und grenz- und kulturübergreifend die vielfältigen Realitäten von Kindern ganzheitlich zu erfassen und zu begreifen.

Afua Twum-Danso Imoh ist Dozentin für Soziologie der Kindheit an der University of Sheffield und hat vor allem in Ghana und Nigeria das Leben von Kindern untersucht. Michael Bourdillon, geboren in Sambia, war viele Jahre an der Abteilung für Soziologie der University of Zimbabwe in Harare tätig und hat vor allem Forschungen mit arbeitenden und auf der Straße lebenden Kindern in Afrika durchgeführt. Sylvia Meichsner war während der Arbeit an dem Band am Colegio de la Frontera Norte in Tijuana, Mexiko tätig; ihre Forschungsschwerpunkte beinhalten Heimunterbringung für Kinder und Jugendliche sowie Kindheiten in globalen Zusammenhängen mit besonderem Interesse an Lateinamerika.

Inhalt und Aufbau

Der Sammelband greift die Unterscheidung zwischen dem Globalen Norden und Globalen Süden auf und fragt, wie in der Kindheitsforschung über sie hinausgegangen werden kann. Die Herausgeber*innen bestreiten nicht, dass diese Unterscheidung notwendig ist, da die Lebenssituation von Kindern im Norden und Süden große Unterschiede aufweist. Die Forschung habe auch wichtige Erkenntnisse hervorgebracht. So hätte sie gezeigt, dass es notwendig sei, die im Norden üblichen Normen und Ideale von Kindheit zu hinterfragen und neue Konzepte zu entwickeln, um den Kindheiten des Globalen Südens gerecht zu werden.

In der Fokussierung auf Unterschiede sehen sie aber auch ein Problem. Sie basiere oft auf einem Denken in binären Kategorien (binary thinking), das ein hierarchisches und einander ausschließendes Verhältnis zwischen „uns“ und „anderen“ verfestige. Dieses Denken könne leicht zu einer stereotypen Kategorisierung von „guter Kindheit“ im Gegensatz zu „schlechter Kindheit“ führen. Eine solche wertende Konnotation werde durch die koloniale Geschichte der politischen Herrschaft und die Fortwirkung kolonialer Ideologien in formal unabhängigen, aber weiterhin untergeordnete Nationen noch verstärkt.

In Begriffen wie Globaler Norden und Globaler Süden sehen die Herausgeber*innen nicht nur Fachbegriffe, die der Einfachheit halber verwendet werden, um Teile der Welt zu beschreiben (ein Teil der Autor*innen des Bandes zieht es deshalb vor, von Minority World und Majority World zu sprechen). Vielmehr gingen sie mit einem Diskurs einher, der Hierarchien zwischen den Ländern herstellt und manifestiert. Dieser Diskurs durchdringe alle Dimensionen des sozialen, wirtschaftlichen und politischen Lebens in den einzelnen Weltregionen, einschließlich der Wahrnehmung und des Studiums von Kindern und Kindheiten. Dies könne zu Darstellungen führen, die unpräzise und ungenau sind und Stereotypen, Vorurteile und Diskriminierungen verstärken.

Über das Denken in binären Kategorien müsse hinausgegangen werden, weil es die Art und Weise verschleiern könne, in der viele Kinder in ihrem Leben Konzepte, Ideale und Praktiken in Bezug auf ihre Kindheit kombinieren müssen. Diese stammten aus verschiedenen und manchmal widersprüchlichen Quellen, die sowohl lokaler als auch globaler Natur sind. Dies sei auf globale Prozesse wie Migration, die Geschichte des Kolonialismus und sein bleibendes Erbe sowie die Verbreitung von Ideen und Normen zurückzuführen, die zu unterschiedlichen Einstellungen und Reaktionen im Süden geführt haben, die wiederum von Variablen wie sozioökonomischem Status und Bildung abhängen. Das Globale und das Lokale dürfe nicht im Sinne von Universalität und Partikularität einander entgegengestellt, sondern müsse als eng miteinander verbunden und aufeinander verwiesen verstanden werden.

Die Beiträge des Sammelbandes sind in zwei Teile gegliedert. In Teil I (Intersections Between the Global and the Local in Children‘s Lives in the Context of Their Communities) werden die verschiedenen Weisen untersucht, in denen sich das Globale und das Lokale innerhalb lokaler Rahmenbedingungen überschneiden und sich auf den Alltag von Kindern auswirken. In Teil II (Exploring Dissonance and Synergy in Children‘s Lives Across World Areas) finden sich vergleichende Analysen des Lebens von Kindern in verschiedenen Weltregionen. In ihnen wird nicht nur nach den Unterschieden gesucht, sondern auch nach Gemeinsamkeiten, die nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen sind.

Teil I des Buches beginnt mit einem Kapitel von Sarada Balagopalan, das sich auf das Lehren zu globalen Kindheiten an einer Universität in den USA konzentriert. Die Autorin weist auf die Verschiedenheit von Kindheiten in der ungleichen US-amerikanischen Gesellschaft hin, um zu zeigen, wie diese von Dozent*innen genutzt werden kann, um Studierende dazu herauszufordern, ihre eigenen Annahmen darüber, was eine „richtige Kindheit“ sei, zu hinterfragen und dadurch ihr kritisches Denken zu fördern.

Michael Bourdillon wendet sich in seinem Beitrag dagegen, Kinderarbeit nur als ein Problem des Südens zu betrachten, während sie im Norden abgeschafft worden sei. Stattdessen plädiert er dafür, die verschiedenen Formen und Bedingungen der Arbeit von Kindern sowohl im Norden als auch im Süden daraufhin zu betrachten, inwieweit sie für die Kinder Vor- und Nachteile mit sich bringen.

Chandni Basu wiederum setzt sich mit dem Erbe der britischen Kolonialherrschaft in Indien auseinander und zeigt, in welchem Maße dieses historische Ereignis durch die Institution der Schule das normative Verständnis „modernen Kindheit“ vereinheitlicht hat. Dies habe zu einer zunehmenden Kriminalisierung von Jungen aus marginalisierten Bevölkerungsgruppen geführt, deren Lebensweisen im heutigen Indien nicht in die Form passen, die global artikuliert und von den privilegierten Machteliten auf nationaler Ebene reproduziert wird.

In Anlehnung an die Arbeit des französischen Stadtsoziologen Henri Lefebvre gehen Adriana Cordeiro, Stuart Aitken und Sergio Benicio de Mello der Frage nach, wie sich das 2001 in einem nationalen Gesetz übernommene globale Konzept des „Rechts auf Stadt“ in den Erfahrungen brasilianischer Kinder darstellt und neue Perspektiven für eine auf Partizipation und Bürgerschaft abzielende Kinderrechtspraxis erschließt.

Das Kapitel von Magnus Mfoafo-M'Carthy und Bree Akesson ist Familien gewidmet, die aus westafrikanischen Ländern nach Kanada eingewandert sind. Es zeigt, wie Eltern verschiedene kulturelle Praktiken und Vorstellungen von Familie, die üblicherweise als unvereinbar gelten, miteinander verbinden und zu eigensinnigen Handlungsweisen im Umgang mit ihren Kindern gelangen.

Die Beiträge in Teil II des Buches unterstreichen nach Ansicht der Herausgeber*innen die Bedeutung einer relationalen Perspektive für das Verständnis des Lebens von Kindern in verschiedenen Teilen der Welt. Es müsse erkannt werden, wie sehr sowohl der Kontext als auch die Geschichte von Kräften, Dynamiken und Akteuren geprägt sind, die sowohl global als auch lokal ausgerichtet sind. Daher könne eine relationale Perspektive den Forscher*innen die Gelegenheit bieten, über eine binäre Betrachtung hinauszugehen und die Vielfalt der Kräfte und Dynamiken zu untersuchen, die gleichzeitig das Leben von Kindern des Globalen Südens und Globalen Nordens prägen.

Im ersten Kapitel von Teil II berichtet Mary Wickenden von ihren Studien mit Kindern in Großbritannien, Südasien und Ostafrika, die als behindert gelten, und zeigt, wie aus der Sicht dieser Kinder zwei Binärsysteme, der Globale Norden versus Globaler Süden und behindert versus nicht behindert, zusammenkommen und die Lebenschancen und Handlungsdimensionen „behinderter“ Kinder weltweit negativ beeinflussen.

In ihrer Forschung mit Schulkindern in Australien, den USA und Singapur stellte Sara Stevens Zur fest, dass trotz kultureller Unterschiede in der Konzeptualisierung von Musik und Zeit die persönlichen Zeiterfahrungen von Kindern und ihre spontanen musikalischen Ausdrucksformen deutliche Gemeinsamkeiten aufwiesen. Sie kommt zu dem Schluss, dass deren Anerkennung die soziale und emotionale Entwicklung der Kinder und ihren selbstständigen Umgang mit den vorgegebenen Zeitnormen begünstigen kann.

Carla Cribari-Assali untersucht in ihrem Beitrag, der auf ethnographischen Forschungen in der Schule einer tibetischen Gemeinschaft in Indien und einer Schule in Deutschland basiert, der Entstehung von Resilienz bei Kindern in verschiedenen Kulturen. Obwohl sowohl die tibetische als auch die deutsche Schule von westlichen Mustern in Bezug auf Bildung und Kindheit geleitet wurden, ergab sich bei den tibetischen Kindern ein höheres Maß an Resilienz. Sie hält es jedoch für möglich, dass je nach den Kontexten, die sie umgeben, auch bei Kindern in einem westlichen Land wie Deutschland ein ähnliches Maß an Resilienz entstehen könnte.

Auf der Grundlage von Studien in Großbritannien und Sansibar zeigen Rachel Burr und Franziska Fay auf, wie trotz der enormen Unterschiede in den Schulkulturen und -praktiken schulfokussierte Kinderschutzprogramme oft entweder nur einen begrenzten Einfluss außerhalb des Bildungsbereichs haben oder unerwartete Ergebnisse erzeugen, die die Schwierigkeiten einiger Kinder noch vergrößern.

Catherine Walker kommt auf der Basis ihrer Studie mit Schulkindern in Indien und Großbritannien zu dem Ergebnis, dass bei allen Kindern eine starke Sensibilität für Umweltprobleme bestand. Es sei vor allem die strukturelle Positionierung der Kinder in ihrer jeweiligen Community und Gesellschaft, die ihre Möglichkeiten beeinflusst, ihre Sorgen sprechend und handelnd zum Ausdruck zu bringen.

Im letzten Kapitel von Teil II diskutieren Ruth Evans und Saul Becker einige Probleme, die sich aus einem unzureichenden terminologischen Rahmen für das Verständnis der Sorgearbeit von Kindern in verschiedenen Weltregionen und Kulturen ergeben. Sie konkretisieren ihre Überlegungen im Vergleich zwischen Kindern in Tansania und Großbritannien, die Betreuungsaufgaben in von HIV/AIDS betroffenen Familien übernehmen.

In ihren abschließenden Überlegungen zum „binären Denken“ fassen die Herausgeber*innen nicht nur die wichtigsten Überlegungen der einzelnen Kapitel zusammen, sondern denken auch über die Begrenzungen ihres Bandes nach. Sie bedauern, nicht weitere Autor*innen aus Afrika und Lateinamerika für die Mitarbeit gewonnen zu haben (Asien erwähnen sie nicht). Im Allgemeinen konzentriere sich das Interesse und die Aufmerksamkeit afrikanischer Wissenschaftler*innen mehr auf praktische Belange, die sich in ihrem Umfeld ergeben, und solche Themen dominierten den Diskurs stärker als die eher theoretischen Interessen jener Forscher*innen, die in wohlhabenden Gesellschaften leben. Ein weiteres Hindernis für die Zusammenarbeit und die gegenseitige Befruchtung des Verständnisses sehen die Herausgeber*innen in der Dominanz der englischen Sprache, die andere Sprachen oft aus dem Blick verdränge. Insbesondere gebe es viele qualitativ hochwertige wissenschaftliche Arbeiten über Kinder und Kindheiten in Lateinamerika, die auf Spanisch und Portugiesisch, und in Westafrika, die auf Französisch verfasst wurden und die von der englischsprachigen akademischen Welt weitgehend ignoriert würden. Ich möchte hinzufügen, dass dies erst recht für Reflektionen in den originären „lokalen“ Sprachen der ehedem kolonisierten, versklavten und verschleppten Völker des Globalen Südens gilt. Sie finden nicht nur kaum den Weg in gedruckte Publikationen, sondern verkörpern auch Denk- und Erkenntnisweisen, die dem westlichen Wissenschaftsdiskurs fremd sind und von ihm fast vollständig ignoriert werden. 

Diskussion

Mit ihrem kritischen Bezug auf das Denken in binären Kategorien verweisen die Herausgeber*innen und Autor*innen des vorliegenden Bandes auf ein wichtiges Problem jeglicher Sozialforschung, die sich als international und interkulturell versteht und sich mit sozialen Phänomenen befasst, die als „fremd“ erscheinen. Binäre Kategorien konstruieren Gegensätze und hierarchisch konzipierte Beziehungen zwischen vermeintlich eindeutigen Eigenschaften verschiedener Personen, Populationen, Gesellschaften und Kulturen. Beispiele hierfür, die teilweise auch in dem Band genannt werden, sind fortschrittlich oder modern vs. rückständig oder zurückgeblieben, entwickelt vs. unterentwickelt, zivilisiert vs. primitiv, kultiviert vs. naturverhaftet, reif vs. unreif, rational vs. irrational, selbstkontrolliert vs. gefühlsgeleitet usw. Diese Kategorien sind ein problematisches Erbe der europäischen Aufklärung und des davon geleiteten Wahrheits- und Universalitätsanspruchs. Sie tendieren zu essentialistischen Bestimmungen und führen zu einer arroganten Haltung gegenüber allem, was nicht vertraut ist. Sie konstruieren auf elitäre Weise ein „Anderes“ gegenüber dem „Eigenen“ (im Englischen „othering“ genannt), wie der Literaturwissenschaftler Edward Said eindrucksvoll in seiner Analyse des „Orientalismus“ demonstriert hat.

Diskurse und Forschungen, die sich von diesen Kategorien leiten lassen, werden in post- und dekolonialen Studien gemeinhin als eurozentristisch bezeichnet. In Bezug auf Kindheit drücken sie sich in der Behauptung aus, dass es nur eine einzige „richtige“ Kindheit gebe, die in der Regel mit dem im neuzeitlichen Europa entstandenen Muster einer behüteten, vom Leben der Erwachsenen getrennten und diesen untergeordnete Kindheit gleichgesetzt wird. Kinder, die diesem Muster nicht entsprechen, werden als „Kinder ohne Kindheit“ oder „Kinder außerhalb der Kindheit“ etikettiert. Ihnen wird bestenfalls mit Mitleid begegnet, wie sich an den Spendenkampagnen vieler Kinderhilfsorganisationen gut studieren lässt. Auch der Diskurs zu Kinderrechten ist von diesem binären Denken nicht frei, was sich etwa darin zeigt, dass diese als eine Art Exportprodukt verstanden werden, das nicht aufgeklärten oder rückständigen Menschen und Kulturen erst nahegebracht werden müsse.

In dem hier rezensierten Band wird zu Recht darauf aufmerksam gemacht, dass auch die Kindheitsforschung in weiten Teilen eurozentristisch ist. Dies gilt auch und gerade für viele Studien, die sich Kindern in den ehemaligen Kolonialgebieten zuwenden. Sie erkennen zwar meist an, dass es eine kulturelle Vielfalt von Kindheiten gibt, aber sie beachten nur selten, dass diese Kindheiten in vielfacher Weise von der materiellen und diskursiven Ungleichheit betroffen sind, die die heutige „globalisierte“ Weltordnung auszeichnet, und dass sie mit ihren Forschungen oft ungewollt zu deren Reproduktion beitragen. In ihrem Beitrag weist Sarada Balagopalan zum Beispiel daraufhin, dass „die Inanspruchnahme einer ‚kulturellen‘ Erklärung für die Unterschiede, die das Leben der Kinder kennzeichnen, bestenfalls eine Antwort in Form von ‚Respekt für ihre Kultur‘ hervorruft, eine Antwort, die wenig dazu beiträgt, die Hegemonie einer modernen westlichen Kindheit zu destabilisieren“ (S. 25). Sie hält es stattdessen für notwendig, das Leben der Kinder im Zusammenhang größerer globaler wirtschaftlicher Strukturen und Veränderungen zu analysieren. „Diese Einbettung des kulturell eigenständigen Lebens von Kindern in globale Wirtschaftsprozesse ermöglicht uns, Verschiebungen in alltäglichen Mustern zu erkennen, die zeigen, wie globale Realitäten lokale Kulturen beeinflussen und wie diese Kulturen sich anpassen, widerstehen, Neues aufgreifen und diese Veränderungen auch wünschen“ (S. 18).

Auch in den anderen Kapiteln von Teil I des Bandes werden die Beziehungen zwischen dem Lokalen und Globalen in ähnlich kritischer Weise analysiert und damit einer dogmatischen und eurozentristischen Betrachtungsweise der Kindheiten des Globalen Südens entgegengewirkt. Hervorzuheben ist auch, dass sich die Autor*innen bemühen, dabei den Sichtweisen der Kinder selbst Rechnung zu tragen.

Allerdings führt der Versuch, Perspektiven jenseits der binären Unterscheidung von Globalem Norden und Globalem Süden aufzuzeigen, in Turbulenzen. Dies zeigt sich vor allem in den Beiträgen von Teil II, in denen versucht wird, Gemeinsamkeiten zwischen den Kindheiten des Globalen Nordens und Südens in vergleichender Weise sichtbar zu machen. Es geht dabei unter anderem um Prozesse und Phänomene, die in postkolonialen Studien gemeinhin als „Hybridisierung“ bezeichnet werden. Doch bei diesen Hybridisierungen handelt es sich nicht einfach um Vermischungen verschiedener kultureller Praktiken auf gleicher Augenhöhe, sondern – wie Homi Bhabha in seinen Kulturanalysen gezeigt hat – um Prozesse in einer hierarchischen und asymmetrischen Machtkonstellation. Bei ihnen ist zu fragen, inwieweit sie geeignet und in der Lage sind, postkoloniale Machtkonstellationen infrage zu stellen oder gar außer Kraft zu setzen. Da im zweiten Teil des vorliegenden Bandes solche Fragen kaum gestellt werden, tendiert die relationale Perspektive und die Suche nach Ähnlichkeiten dazu, die weiterhin bestehenden ungleichen Machtverhältnisse zwischen dem Globalen Norden und Süden zu verharmlosen und damit ungewollt zu reproduzieren.

In einigen Beiträgen werden Aspekte im Leben von Kindern angesprochen, die in der Tat Gemeinsamkeiten im Leben von Kindern jenseits der Nord-Süd-Trennung betreffen, zum Beispiel ihre Etikettierung als behindert oder paternalistische Schutzkonzepte. Doch es wird kaum danach gefragt, inwieweit diese Aspekte selbst das Ergebnis der ungleichen postkolonialen Machtkonstellation sind und für die Kinder des Globalen Südens besonders nachteilige Folgen haben. Es wäre auch interessant gewesen, die Handlungspotentiale von Kindern auszuloten, die in der Kindheitsforschung unter dem Begriff Agency gefasst werden, und zu fragen, inwieweit sie über die Nord-Süd-Grenzen hinaus gemeinsame Interessen hervorbringen. Es hätte auch nach den Potentialen gefragt werden können, die in einem auf Befreiung und Emanzipation zielenden Kinderrechtsverständnis gründen, das sich nicht wie üblich vom westlichen Kindheitsmuster leiten lässt. Doch solche Fragen, werden leider kaum gestellt. Auch subjektorientierte Konzepte wie das der Resilienz, das inzwischen von der neoliberalen Politik in Dienst genommen wurde, werden weder hinterfragt noch in einem emanzipatorischen Sinn rekonzeptualisiert.

Fazit

Die in dem vorliegenden Band unternommenen Versuche, eine schematische Betrachtung der Unterschiede und Gegensätze zwischen verschiedenen Weltregionen und Kulturen zu überwinden, regen dazu an, das Denken in binären Kategorien zu hinterfragen. Allerdings bleibt der Versuch, kritische und weiterführende Perspektiven für die Kindheitsforschung und Kinderpolitik jenseits der Nord-Süd-Trennung und damit auch neue Perspektiven für eine Globalgeschichte der Kindheiten aufzuzeigen, in Ansätzen stecken.

English version of discussion and conclusion

Discussion

With their critical reference to thinking in binary categories, the editors and authors of the present volume refer to an important problem of any social research that sees itself as international and intercultural and deals with social phenomena that appear “foreign”. Binary categories construct opposites and hierarchically conceived relationships between supposedly unambiguous characteristics of different persons, populations, societies and cultures. Examples of this, some of which are also mentioned in the volume, are progressive or modern vs. backward or retarded, developed vs. underdeveloped, civilized vs. primitive, cultured vs. natural, mature vs. immature, rational vs. irrational, self-controlled vs. emotional, etc. These categories are a problematic legacy of the European Enlightenment and the claim to truth and universality that it led to. They tend towards essentialist determinations and lead to an arrogant attitude towards everything that is not familiar. In an elitist manner, they construct an “other” in relation to the “own” (called “othering”), as the literary scholar Edward Said has impressively demonstrated in his analysis of “Orientalism”.

Discourses and research that are guided by these categories are commonly referred to as Eurocentric in post- and decolonial studies. In relation to childhood, they express themselves in the assertion that there is only one “real” childhood, which is usually equated with the pattern of a sheltered childhood, separated from and subordinated to the lives of adults, which emerged in modern Europe. Children who do not conform to this pattern are labelled as “children without childhood” or “children outside childhood”. At best, they are met with compassion, as can be well studied in the fundraising campaigns of many child welfare organizations. The discourse on children's rights is also not free from this binary thinking, which is shown, for example, by the fact that they are understood as a kind of export product that has to be made accessible to unenlightened or backward people and cultures.

In the volume reviewed here, it is rightly pointed out that childhood research is also largely Eurocentric. This also and especially applies to many studies that focus on children in the former colonial areas. While they usually acknowledge that there is a cultural diversity of childhoods, they rarely take into account that these childhoods are affected in many ways by the material and discursive inequality that characterizes today's “globalized” world order, and that their research often unintentionally contributes to its reproduction. In her contribution, Sarada Balagopalan points out, for example, that “mobilizing a ‘cultural‘ explanation around the differences that mark children's lives produces, at best, a response in terms of ‘respect for their culture‘, a response that does little to destabilize the hegemony of a modern Western childhood” (p. 25). Her challenge consists in locating children‘s lives within larger global economic shifts. “This embedding of the culturally discrete lives of children within global economic processes not only offers us to discern shifts in everyday patterns that demonstrate how global realities affect local cultures and how these cultures adapt, adopt, resist, as well desire these changes” (p. 18).

In the other chapters of Part I of the volume, too, the relations between the local and the global are analysed in a similarly critical way, thus counteracting a dogmatic and Eurocentric view of the childhoods of the Global South. It should also be emphasized that the authors endeavour to take into account the views of the children themselves.

However, the attempt to point out perspectives beyond the binary distinction between Global North and Global South leads to turbulences. This is particularly evident in the contributions of Part II, which attempt to make commonalities between the childhoods of the Global North and South visible in a comparative way. Among other things, they deal with processes and phenomena that are commonly referred to as “hybridization” in postcolonial studies. But these hybridizations are not simply mixtures of different cultural practices on an equal footing, but – as Homi Bhabha has shown in his cultural analyses – processes in a hierarchical and asymmetrical power constellation. In their case, the question must be asked to what extent they are suitable and capable of questioning or even overriding postcolonial power constellations. Since such questions are rarely asked in the second part of this volume, the relational perspective and the search for similarities tend to trivialize and thus unintentionally reproduce the continuing unequal power relations between the Global North and South.

Some contributions address aspects of children's lives that do indeed have commonalities in the lives of children beyond the North-South divide, for example their labelling as disabled or paternalistic concepts of protection. However, little is asked about the extent to which these aspects themselves are the result of the unequal post-colonial power constellation and have particularly detrimental consequences for the children of the Global South. It would also have been interesting to sound out the potential for action of children, which in childhood research is understood under the term agency, and to ask to what extent they generate common interests beyond the North-South binary. It could also have been asked about the potentials that are based in an understanding of children's rights that aims at liberation and emancipation and is not, as usual, guided by the Western childhood pattern. Unfortunately, however, such questions are rarely asked. Even subject-oriented concepts such as that of resilience, which has meanwhile been taken into service by neoliberal politics, are neither questioned nor re-conceptualized in an emancipatory sense. 

Conclusion

The attempts made in the present volume to overcome a schematic view of the differences and contrasts between different world regions and cultures encourage us to question thinking in binary categories. However, the attempt to present critical and further-reaching perspectives for childhood research and childhood policy beyond the North-South divide, and thus also new perspectives for a global history of childhoods, remains stuck in its infancy.


Rezension von
Prof. Dr. Manfred Liebel
Master of Arts Childhood Studies and Children‘s Rights (MACR) an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften
Homepage www.fh-potsdam.de/person/person-action/manfred-lieb ...
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 27.05.2020 zu: Afua Twum-Danso Imoh, Michael Bourdillon, Sylvia Meichsner (Hrsg.): Global Childhoods beyond the North-South Divide. Springer International Publishing AG (Cham/Heidelberg/New York/Dordrecht/London) 2018. ISBN 978-3-319-95542-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26438.php, Datum des Zugriffs 01.10.2020.


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