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Lothar Böhnisch: Sozialpädagogik der Nachhaltigkeit

Cover Lothar Böhnisch: Sozialpädagogik der Nachhaltigkeit. Eine Einführung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 208 Seiten. ISBN 978-3-7799-6060-7. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.

Reihe: Zukünfte.
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Thema

Immer mehr Länder folgen der kapitalistischen Wirtschaftskultur, was dazu führt, dass die Räume zur problemlosen Ressourcenentnahme weltweit knapper werden, die internationale Konkurrenz um die Rohstoffe und ihre Transportwege immer heftiger wird und durch die menschlichen Eingriffe in die Natur Bedrohungen durch den Klimawandel und durch die Unwägbarkeiten der Gentechnologie zunehmen (S. 12). Wir leben angesichts des Fortschreitens ökologischer und sozialer Zerstörungen in einer Gesellschaft, in der sich die Gestaltungsperspektive und der Gestaltungswille längst vom Sozialen auf das Technologische verschoben haben. Weltweit beginnt sich eine politische Gegenkultur zu entwickeln, in der sich die soziale Idee vor allem auch im Prinzip der Nachhaltigkeit gegenüber dem neokapitalistischen Vereinnahmungsdruck behaupten und durchsetzen will. Sie steht in einer Tradition praxiszugewandten sozialutopischen Denkens, das auf die Belebung des sozialen Konflikts und nicht auf technologische Machbarkeit (Integration des Menschen in den technologischen Fortschritt) ausgerichtet ist. Dieses utopische Denken konstituiert sich durch zwei Spannungsmomente: a) durch die Kritik an der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung und b) durch die Vorstellung von einem alternativen Gemeinwesen als einer Gesellschaft der Gleichen (S. 14).

Autor

Lothar Böhnisch (*1944) ist emeritierter Professor für Sozialpädagogik und Sozialisation der Lebensalter der TU Dresden. Seit 2008 lehrt er an der Freien Universität Bozen/​Standort Brixen an der Fakultät für Bildungswissenschaften.

Entstehungshintergrund

Lothar Böhnisch hat in den letzten Jahren eine ganze Reihe überaus wichtiger Bücher geschrieben, die allesamt zum Verständnis der Gesellschaft, in der wir leben, und zur Bedeutung der Sozialen Arbeit/​Sozialpädagogik und des Sozialen allgemein in dieser Gesellschaft wichtige Beiträge leisten. Neben dem neuesten, hier rezensierten Buch, sind von Böhnisch in den letzten Jahren erschienen:

  • Böhnisch, Lothar (2019): Soziale Theorie der Schule, UTB, Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn
  • Böhnisch, Lothar (2018): Die Verteidigung des Sozialen. Ermutigungen für die Soziale Arbeit, Beltz/​Juventa, Weinheim und Basel
  • Böhnisch, Lothar (2016): Lebensbewältigung, Beltz/​Juventa, Weinheim und Basel (www.socialnet.de/rezensionen/20843.php)
  • Böhnisch, Lothar (2015): Bleibende Entwürfe. Impulse aus der Geschichte des sozialpädagogischen Denkens, Beltz/​Juventa, Weinheim und Basel (https://www.socialnet.de/rezensionen/18131.php)

Das vorliegende Buch ist als eine Reaktion auf die Gleichzeitigkeit gespürter sozialökologischer Notwendigkeit und ihrer Verwehrung, der aus ihr erwachsenen trotzigen Abspaltungen genauso wie der dahinter versteckten Hilflosigkeit in vielen Lebensbereichen zu verstehen. In welcher Zeit leben wir? Wovon werden wir in unserem Denken und Handeln beeinflusst? Welches sind die maßgeblichen Entwicklungen und Bedrohungen? Böhnisch versteht es wie wenig andere, „selber zu denken“, sein Denken zu strukturieren und dieses Denken zu Papier zu bringen. Er hilft den geneigten Leser*innen auf diese Weise, Ordnung in das Verständnis der Welt, in der sie leben, hineinzubringen und ermutigt sie gleichzeitig, selber zu denken und konsequent zu handeln.

Aufbau

Das Buch besteht – neben einer „Eröffnung“ zum Thema „Geschichte und Zukunft“ und einem Literaturverzeichnis – aus fünf Teilen:

  • Teil I: Grundlagen sozialer Nachhaltigkeit (S. 18–50)
  • Teil II: Die gesellschaftliche Einbettung einer nachhaltigkeitssensiblen Sozialpädagogik und Sozialen Arbeit (S. 51–90)
  • Teil III: ’Projekte’ sozialer Nachhaltigkeit und ihr sozialpädagogischer Bezug (S. 91- 144)
  • Teil IV: Sozialpädagogik als Erziehung und Bildung zur Nachhaltigkeit (S. 145–173)
  • Teil V: Nachhaltigkeitspolitische Perspektiven (S. 174–201)

Inhalt

Teil I: Grundlagen sozialer Nachhaltigkeit

Wir wissen um die Folgen der ökonomisch-gesellschaftlichen Wachstumsfixierung, die wir auch als Externalisierung bezeichnen und sind dennoch nicht in der Lage, ihrer Folgen Herr zu werden. So lautet die Diagnose des britischen Soziologen Zygmunt Bauman zur ’Gespaltenheit des Wissens’ (Bauman 2003). Was bei Baumans’ Charakterisierung vor allem durchdringt, ist die Hilflosigkeit, die sich mit dem Unvermögen verbindet, Nachhaltigkeit einzulösen. Diese Hilflosigkeit ist für Böhnisch eine Strukturierung, die sich von der personalen Befindlichkeit bis hin zu einem gesellschaftlichen Zustand zieht und für die die Sozialpädagogik eine besondere Sensibilität hat (S. 19). Des Weiteren bildet sie die Grundsätze, von denen Böhnisch sich bei der Entwicklung des Verhältnisses von Sozialpädagogik und sozialer Nachhaltigkeit leiten lässt.

Im Nachhaltigkeitsdiskurs werden – so Böhnisch – drei Dimensionen von Nachhaltigkeit und ihre Verflechtung beschrieben:

  • Die ökologische Frage ist die ursprüngliche. Hier stehen das Problem des sparsamen Umgangs mit den Ressourcen der Natur und ihre Regenerationsfähigkeit im Vordergrund. Aktuell werden vor allem die Erweiterung regenerativer Energien und die Reduzierung von Schadstoffemissionen diskutiert.
  • In der ökonomischen Dimension geht es vor allem um die zentrale Frage, ob unbegrenztes quantitatives Wirtschaftswachstum mit ressourcenhaltiger nachhaltiger Entwicklung verträglich ist oder ob stattdessen eine Begrenzung des ökonomischen Wachstums oder eine Umsteuerung auf „qualitatives Wachstum“ anzustreben sei.
  • In der sozialen Dimension, um die es Böhnisch in seinem Buch vor allem geht, bezieht sich der Nachhaltigkeitsdiskurs vor allem auf die „intergenerationale Gerechtigkeit“, also auf die Berücksichtigung der Lebensinteressen zukünftiger Generationen. Das bedeutet, dass die Grundlagen dafür schon in der Gegenwart geschaffen werden müssen (S. 19): Solidarität, Partizipation, Gemeinwohl- und Netzwerkorientierung.

Die „Kapitalfraktion“ behauptet, die Klimafrage über den Markt lösen zu können (S. 20). Die Klimakritiker bezweifeln die weltweite Machbarkeit von innovativer Ökotechnik innerhalb des Zeitraums, in dem die Erderwärmung ihre kritische Grenze erreichen wird. Sie weisen darauf hin, dass sich damit nichts an der kapitalistischen Profitlogik verändere, denn diese bestimme dann weiter die energiepolitischen Strategien (S. 21).

Deshalb fordern sie ein anderes, eben nachhaltiges und sozial ausgeglichenes Wachstum, eine Regionalisierung der Nahrungsmittelproduktion und -distribution, eine Kapital- und Vermögensbesteuerung zur Finanzierung des bedingungslosen Grundeinkommens und die Wiederbelebung und Stärkung des öffentlichen Sektors als Sphäre des „Gemeinen Eigenen“. Im Mittelpunkt dieser sozialökologischen Vision steht der vom marktkapitalistischen Wachstumsstress entlastete Mensch, der dann Lebens- und Arbeitsbedingungen vorfindet, unter denen er einen neuen, achtsamen Bezug zur Natur aufbauen kann.

Das Grundprinzip des Sozialen besteht für Böhnisch darin, den Menschen in seiner Würde und Gemeinschaftlichkeit in ökonomisch-gesellschaftlichen Spannungsverhältnissen zur Geltung zu bringen. „Zur Geltung bringen“ bedeutet, dass der Mensch in seinen Freiheitsrechten, seinen individuellen Befähigungen und sozialen Handlungsmöglichkeiten sowie deren institutionelle Absicherungen in den Mittelpunkt gestellt wird. „In Spannung“ bedeutet, dass sich das Soziale immer in Konflikten herausgebildet und sich auch historisch so herausgebildet hat (S. 23). Eine Theorie des Sozialen muss deshalb konflikttheoretisch angelegt sein. Grundlegend ist dabei das Spannungsverhältnis zwischen Mensch und Ökonomie, also zwischen menschlicher Autonomie und Integrität und der wirtschaftlichen Definition des Menschen als Kosten- und Marktfaktor. Schließlich stehen auch die zwischenmenschlichen Beziehungsstrukturen wie Gemeinschaft, Solidarität und Sorge im Konflikt mit Marktstrukturen wie Konkurrenz, Verdrängung und Kategorisierung.

Nachhaltigkeit ist als gesellschaftliche Strukturierung zu verstehen, die aus dem Widerspruch zwischen Externalisierung (s. S. 25ff) und Sorge hervorgeht. Wir sind in dieser Strukturierung gefangen. Engagement wie Abwehr sind hier zwei Seiten ein und derselben Medaille. Wenn z.B. massive soziale Ungleichheit als Nachhaltigkeitsbarriere gilt, so müssen schon für die heute Betroffenen sozialpolitische Maßnahmen entwickelt werden, wenn zukünftige Generationen nicht mehr in Armut leben wollen (S. 24).

Nachhaltigkeit wird so als in die Gesellschaft eingelagerte, personell wie sozial und institutionell wirksame Strukturierung bestimmbar, deren Magnetlinien Anziehungen und Abstoßungen erzeugen (S. 24).

Das Unvermögen, Nachhaltigkeit ökonomisch und gesellschaftlich zu praktizieren, bei allem Wissen über die Folgen der Externalisierung, löst Hilflosigkeit aus. Hilflosigkeit ist ein Zustand, in dem Einzelne nicht leben und Gesellschaften nicht stabil sein können. Hilflosigkeit – so die bewältigungstheoretische Umschreibung von Böhnisch – zwingt zu äußeren und inneren Abspaltungen (vgl. S. 34ff). Es kommt zu Rationalisierungen, Leugnungen und Projektionen.

Dass der Klimawandel geleugnet wird, genauso wie die zunehmende Arm-Reich-Spaltung oder die demokratische Integrationskraft des sozialen Konflikts, können wir an den gegenwärtigen populistischen Strömungen beobachten. Dass die neuen Technologien schon alles richten werden, gehört zu den impliziten Leugnungen der ökologischen und sozialen Katastrophen (S. 47).

Es kommt nach Böhnisch darauf an, die Anerkennung von Hilflosigkeit in eine soziale Stärke umzudeuten (S. 48ff). Abspaltungen verschwinden, die Dialektik der Angewiesenheit (des Aufeinander-Angewiesen-Seins zwischen Mensch und Natur und zwischen den Menschen selbst) träte dann wieder hervor (S. 48). Die Bürgergesellschaft wäre das Forum der Nachhaltigkeit; bürgergesellschaftliches Engagement die zentrale Bezugsdimension des Diskurses um die Bürgergesellschaft (S. 51ff). Verantwortung sei eine Nachhaltigkeits-Kategorie und habe in den bürgergesellschaftlichen Konzepten einen sehr hohen Stellenwert.

Teil II: Die gesellschaftliche Einbettung einer nachhhaltigkeitssensiblen Sozialpädagogik und Sozialen Arbeit

In diesem Kapitel nennt der Verfasser verschiedene Beispiele für die Tatsache, dass die Nachhaltigkeits-Kategorie der Verantwortung in den bürgergesellschaftlichen Konzepten einen sehr hohen Stellenwert hat (S. 51ff). Hier geht es beispielsweise um…

  •  …den biographischen Eigenwert genossenschaftlicher Selbsttätigkeit: „Der abstrakten Freiheit des Marktes, wie sie die neoliberale Wirtschaftslehre vertritt, wird die konkrete Freiheit des Menschen in einer lebensdienlichen Wirtschaft gegenüber gestellt“ (S. 69)
  • …die Notwendigkeit einer Gemeinschaftserziehung (Sozialintegration)/Bedeutung von Gruppen (S. 72ff)
  • …Milieubildung: (S. 75ff)
  • …eine grundsätzliche Neubelebung der regionalen Sozialpolitik: Die Menschen sollen schon als Jugendliche erfahren, dass es sich lohnt, an sozialer Gemeinsamkeit orientiert zu sein sowie sich auf soziale Konflikte einzulassen und dass dies nachhaltigere sozialbiografische Verankerungen schafft als der dauernde Zwang zur individuellen Positionierung im Wettbewerb um Leistungen und Erreichbarkeit (S. 77f).
  • Es geht auch darum, dass die Schule einen sozialen Gestaltungsauftrag wieder zu entdecken hat, eine radikale Neuverortung: Zurzeit gerate sie in Gefahr, zum nackten Selektionsapparat mit ordnungsstaatlicher Hintergrundlegitimation zu werden (S. 78). Denn sie ermögliche weder Erfahrungen im Umgang mit den Bildungs- und Verhaltensaufforderungen des digitalen Kapitalismus und der Bewältigung seiner sozialen Folgeprobleme, noch in der Bewältigung von Jugend (ebd.). Des Weiteren geht es um…
  •  … eine bürgerschaftliche Vertragsbasis, sodass nachhaltig gewirkt werden kann. Du und deine Familie werden sich in dieser Stadt nur wohlfühlen und sozial eingebunden sein können, wenn ihr peilt, dass es euren Kindern in Kindergarten und Schulen nur dann gut geht, wenn auch etwas für die anderen Kinder und Jugendlichen getan wird (ebd.)
  •  …Verträge zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen, zwischen Altersheimen und Vereinen, zwischen Polizist*innen und Jugendlichen, interkulturelle Verträge zwischen Bewohner*innengruppen im Stadtteil – in einem Gesamtprojekt Bürgerkommune können diese Verträge statuiert und vernetzt werden. Die Soziale Arbeit habe dabei die Aufgabe, die Mittelschichtzentrierung bürgerschaftlichen Engagements zu durchbrechen (S. 79)

Wenn wir die Nachhaltigkeitsperspektive in den Mittelpunkt stellen, hoffen wir auf eine andere Gesellschaft. Dies meint eine Gesellschaft, in der der Kapitalismus sozial in Grenzen gehalten werden kann: „So wie der Kapitalismus in der Ersten Moderne zu seiner Erhaltung und Modernisierung auf den Einbau des Sozialen angewiesen ist, so ist er in der Zweiten Moderne auf sozialökologische Nachhaltigkeit angewiesen. Das bedeutet, dass – gemäß dem Paradigma Dialektik der Angewiesenheit – das ökonomische System marktbewerteten Wachstums soziale Elemente des Innehaltens, der Sorge um Umwelt und Mensch integrieren, wachstumsmodifizierende Elemente zulassen muss“ (S. 86).

Dies alles geschieht – so Böhnisch – vor dem Hintergrund eines zunehmenden Schwindens notwendiger sozialer Relationalität: Politische Legitimation und sozialer Konflikt können sich nur als soziale Relationen entfalten, sie sind in einen sozial erfahrbaren gesellschaftlichen Rahmen eingebettet. Mit dem politischen Aufkommen des digitalen Kapitalismus scheint diese Grundvoraussetzung sozialer Relationalität nicht mehr gegeben. Es haben sich zwei auseinanderdriftende Welten gebildet. Neben der uns gewohnten raum-zeitlich begrenzten und über soziale Beziehungen fassbaren Welt ist eine virtuelle parasoziale Welt der globalen Kapitalzirkulation und -akkumulation entstanden, die ihrer eigenen, kapitalgebundenen Logik folgt. Sie bilde eine Moral aus, die den sozial gebundenen Normen nicht nur entgegensteht, sondern auch nicht mehr sozial kommunizierbar und vermittelbar ist. Damit wird es nahezu unmöglich, jene Beziehungen zwischen diesen beiden Welten herzustellen, in denen sich Konflikt und Legitimität als Funktionserfordernisse demokratischer Gesellschaften konstituieren können (S. 89).

Mit der Nachhaltigkeitsfrage sei aber ein weltumspannendes Problem sichtbar geworden, das alle angeht: die Bedrohung der Existenz des Menschen überhaupt. Diese Relation sei nicht – so wie das Soziale – aushebelbar. Deshalb sei das sozialökologische Gesamtprojekt das einzige konsequente Zukunftsprojekt, in dem sich lokale und globale Entwicklungen vermitteln lassen. Es sei in seinem Kern, auch wenn das viele noch nicht wahrhaben wollen, ein antikapitalistisches Projekt (S. 89f).

Teil III „Projekte“ sozialer Nachhaltigkeit und ihr sozialpädagogischer Bezug

Im Sinne von reflexiver Erneuerung sollen uns bekannte Prinzipien von Mitteln zu Zielen gemacht werden. Verantwortung und Empathie z.B. sollen von interaktiven, personal variablen Prinzipien der Hilfe zu Strukturprinzipien etwa im Sinne von Rifkins „empathischer Zivilisation“ werden und das in einer und gegen eine wachstumsfixierte(n) Konkurrenzgesellschaft (S. 91).

Genauso sollen sie als Organisationsprinzipien und innere Rechtstitel in die sozialpädagogischen Trägerverfassungen und ihre Praxis eingehen. Dadurch ergäben sich neue Kontexte. Bei den Umkehrungen ist es noch deutlicher. Ökonomistische Ziele wie Gewinn, Markt und Effizienz sollen zu Mitteln zurückgestuft werden. Wichtig sei in diesem Zusammenhang auch, dass sich aus der Umkehrung und Neubewertung dieser Prinzipien Ansprüche und Rechte für die Betroffenen ableiten lassen.

Es handelt sich bei „Projekten“ also nicht einfach um begriffliche Umdeutungen, sondern um Initiativen, welche die Strukturen der sozialpädagogischen Institutionen betreffen: Hierarchie-, Kommunikations- und Beteiligungsstrukturen, Rechte der Klient*innen, aber auch der Mitarbeiter*innen, Zuständigkeiten, Arbeits- und Öffentlichkeitsrechte und Methodiken (S. 91f).

In der sozialpädagogischen Jugendhilfe beispielsweise hat sich längst die Faustregel bewährt, dass es wenig Sinn macht, arbeitslose oder im Ausbildungsprozess gescheiterte junge Menschen unbedingt und direkt in den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln. Vielmehr sollen sie erst einmal Anerkennung und Wirksamkeit als tätige Menschen jenseits der Erwerbsarbeit erfahren können. So ließen sich auch Befähigungen aufschließen, die im linearen Zugang nicht erkannt werden könnten. Das sei ein Modell, das für die Soziale Arbeit der Zukunft insgesamt gelten kann. Sie wird so zur Agentur einer „Tätigkeitsgesellschaft“.

Diese Sondierung und Stärkung des Übergangenen ist für Böhnisch die zukünftige Kernaufgabe der Sozialpädagogik in allen ihren Arbeitsfeldern. Dazu brauche es ein vernetztes Denken, in dem verschiedene Zugänge und Optionen beleuchtet werden können und eine resultante Perspektive ermöglicht werde (S. 93).

Im Folgenden stellt Böhnisch einzelne Projekte dar. Hier sei dies am Beispiel „Das Projekt Verantwortung“ ausführlich skizziert (S. 108ff): Verantwortung ist für Böhnisch ein Kernproblem von Nachhaltigkeit. Mit der sozialen Entbettung transnationaler Machtstrukturen wird die Frage nach der sozialen Verantwortung wieder virulent. Denn im globalen Eigenleben des Geldkapitals hat sich eine strukturelle Verantwortungslosigkeit entwickelt.

Hans Jonas (1979) habe in seinem „Prinzip Verantwortung“ darauf insistiert, dass sich das Gebot globaler Verantwortung auf die Pflicht der Menschheit zur Wahrung ihrer Existenz beziehen müsse. Damit konstituierte er einen Metabezug globaler gegenseitiger Angewiesenheit, in den alle ethnischen und sozialen Gruppierungen eingeschlossen waren.

Programmatisch finden wir diesen Bezug in zahlreichen, meist unverbindlichen Absichtsbekundungen aus Politik und Wirtschaft gleichermaßen. Deshalb müssen wir auf eine empirische Analyseebene gehen und fragen, wie es z.B. mit der sozialen Verantwortungsbereitschaft von Unternehmen und Konzernen in Bezug auf regionale, nationale, aber auch internationale sozialökologische Probleme wirklich steht (S. 108).

Forschungsergebnisse verweisen darauf, dass es einen signifikanten Zusammenhang zwischen regionaler Bindung und sozialer Verantwortung und zwischen globaler Entbettung und Verantwortungslosigkeit gibt. Eliten aus den global agierenden Konzernen neigen danach eher dazu, soziale Verantwortung auf freiwillige und private Basis zu stellen. So ist es nicht verwunderlich, wenn sie einerseits vollmundige Bekenntnisse zur corporate social responsibility abgeben und gleichzeitig in ihren Konzernen Massenentlassungen ökonomisch rechtfertigen. Es sind ja für sie zwei voneinander getrennte Welten. So lassen sich profitökonomische und wohlfahrtliche Haltung durchaus miteinander verbinden (S. 109).

Die neuere ökonomische Entwicklung verhält sich zunehmend gleichgültiger gegenüber den Menschen. Soziale Verantwortung ist ihrer Systemlogik fremd. Das Kriterium „Verantwortung“ schient heute gegenüber dem Kriterium „Erfolg“ nachrangig (ebd.). Den Nicht-Erfolgreichen wird gar nicht erst zugetraut, dass sie eine gesellschaftliche Verantwortung übernehmen können.

Verantwortung in sozialen Beziehungen und gegenüber der Natur sei aber Kern menschlicher Identität und damit allen Menschen zugehörig. Sie begründe sich aus der darin eingebetteten Existenz des Menschen und ihrer Erhaltung (S. 110). Sie sei in die Nachhaltigkeitsperspektive eingeschrieben. Grundlegend dabei ist, dass Rechte und Anspruch des Schwachen und Verletzlichen sich nicht auf ein Vertragsverhältnis beziehen, sondern dieser Anspruch eben in der Verletzlichkeit des Seins von Mensch und Natur selbst begründet ist.

Im 11. Jugendbericht (BMFSJ 2011, S. 59; zit. n. Böhnisch, S. 112) steht: „Die Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen sind so zu gestalten, dass Eltern und junge Menschen für sich selbst und füreinander Verantwortung tragen können“. Dies ist ein Verantwortungsbegriff, der Verantwortung nicht institutionell setzt, sondern staatlich-gesellschaftlich einwebt und dabei die Dimension der social agency, der erweiterten Handlungsfähigkeit der Individuen als Verantwortungsfähigkeit hervortreten lässt. Verantwortung tragen können bedeutet Anerkennung und Respekt. Dazu braucht es Projekte, in denen z.B. Jugendliche Verantwortung in Aufgaben und Rollen übernehmen. Mitarbeiter*innen wiederum müssen die Deutungshoheit über ihre Arbeitsergebnisse behalten, brauchen deshalb die Garantie professioneller Autonomie. Verantwortung gedeiht in Strukturen der Gegenseitigkeit, was wiederum auf die Notwendigkeit der Gruppen- und Milieuperspektive in der Sozialpädagogik/​Sozialen Arbeit verweist (S. 112f).

Teil IV „Sozialpädagogik als Erziehung und Bildung zur Nachhaltigkeit“

In Teil IV werden ansprechbare/für die Botschaft der Nachhaltigkeit empfängliche Altersgruppen (Jugendliche und Senioren) identifiziert und Methoden der „Ansprache“ beschrieben. Vor allem bei erwachsenen Männer sei die Ansprache hingegen schwierig, da sie durchgehend in den Externalisierungssog hineingezogen würden, gegen den sozialpädagogische Gegenkräfte wenig ausrichten können, zumal die Konsumgesellschaft Kompensationsmechanismen bereithalte, die Nachhaltigkeit gerade nicht zum Zuge kommen lassen (S. 146).

Eine gute Methode der Ansprache sei die der Erlebnispädagogik, weil hier vor allem Gestaltungskompetenz erworben wird. Zu ihr gehören die Fähigkeit des Perspektivwechsels und der Antizipation, die Entwicklung von Risikobewusstsein und Mitgefühl. Dies sind alles Fähigkeiten, die für eine Nachhaltigkeitsperspektive zentral sind (S. 147). Im Folgenden werden weitere Methoden vorgestellt:

  • Das exemplarische Prinzip (S. 148f) – (nach Oskar Negt)
  • Angst und Mündigkeit (S. 149ff) – (nach Theodor W. Adorno)
  • Gestaltungskompetenz (S. 151ff)

Zudem wird auf die Themen „Nachhaltigkeit in der Jugendarbeit“ (S. 153ff), sozialpädagogische Anstöße gegen den Zwang zum Mithalten – Erwachsenenbildung (S. 163ff), das Bildungsparadox des neuen Alters (S. 166ff) und Schule der Nachhaltigkeit (S. 169ff) eingegangen.

Teil V Nachhaltigkeitspolitische Perspektiven

In Teil V (S. 174ff) geht Böhnisch auf „Soziale Bewegungen als Nachhaltigkeitspioniere“ (S. 174ff), „Sozialplanung zwischen Externalisierung und Sorge“ (S. 179ff), „Armut und Reichtum im Lichte der Nachhaltigkeit“ (S. 184ff), „Demaskulinisierung“ (S. 190ff), „Jungen- und Männerarbeit“ (S. 196ff) und auf das Thema „Eine bedürftige Gesellschaft“ (S. 199ff) ein.

Hierzu abschließend noch ein Zitat: „Das neue Leiden an der Bedürftigkeit wird sich weiter ausbreiten. Die Gleichzeitigkeit von gespürter sozialökologischer Notwendigkeit und ihrer Verwehrung, der aus ihr erwachsenen trotzigen Abspaltungen genauso wie die dahinter liegende Hilflosigkeit wirkt in vielen Lebensbereichen. Konkurrenzdruck und Machbarkeitseuphorie, Hoffnungen und Ängste liegen eng beieinander. Der digitale Kapitalismus – und das macht ja seine Heimtücke aus – wird diese Leiden, die er freisetzt, integrieren, vermarkten können, wir die Versagensängste der Menschen für sich nutzen und dadurch ihre Verfügbarkeit und Abhängigkeit steigern. Diese innere Widersprüchlichkeit wird meist nicht als Konflikt erkannt und entsprechend thematisiert. Bedürftigkeit gedeiht in Zonen der Tabuisierung von Konflikten“ (S. 200).

Diskussion

Als ich Lothar Böhnisch vor etwa einem Jahr fragte, wie er das mache, so viele (und so viele gute, weil tiefschürfende und aussagekräftige, immer genau strukturierte) Bücher zu schreiben, antwortete er mir: Er bräuchte sich nur hinzusetzen. Alle Gedanken seien in seinem Kopf und müssten nur niedergeschrieben werden. Dieses beeindruckende Statement mag erklären, wie Böhnisch es schafft, so viele wichtige Gedanken zum Thema Nachhaltigkeit zusammengetragen und strukturiert zu haben. Es ist ein wichtiges Buch, weil es seine Leser*innen dort abholt, wo sie sich gerade befinden. Es hilft ihnen, die Zwänge, unter denen wir in dieser Gesellschaft und als Individuen stehen, zu verstehen, ebenso wie es auch auf die Möglichkeiten der „Ermächtigung“ eingeht, die uns als Gesellschaft und als Individuen zur Verfügung stehen. Dieses Buch ist ein haltgebender Wegweiser in einer haltlosen Gesellschaft.

Fazit

Der in diesem Buch verwendete tiefenpsychologisch-soziologische Begriff der Hilflosigkeit erlaubt es den Leser*innen, ihr eigenes Leiden an der Gesellschaft und ihren aktuellen, durch Menschen verursachten Bedrohungen als Hilflosigkeit zu erkennen (die gesellschaftlichen Institutionen sind nicht imstande, diese Hilflosigkeit zu thematisieren; S. 200). Hilflosigkeit in der Gleichzeitigkeit von gespürter Notwendigkeit der Umkehr und ihrer ökonomischen Verwehrung ist für Böhnisch eine „anomische Konstellation, eine strukturelle Abhängigkeit, die die Menschen und mit ihnen die Gesellschaft trotz Wachstumseuphorie gleichsam in einen sozialen Bann zwingt, sie blockiert“ (ebd.). Vor diesem Hintergrund plädiert Böhnisch dafür, soziale Brüche und Spaltungen gesellschaftlich zu thematisieren, anstatt sie zu rationalisieren oder zu pathologisieren. Wir brauchen eine Konfliktöffentlichkeit, in der die Menschen existentielle Lebensängste zur Sprache bringen können, anstatt sie abspalten zu müssen (S. 200). Die Bedeutung der Sozialen Arbeit/​Sozialpädagogik mit ihren vielen wirksamen Methoden wird in diesem Zusammenhang hervorgehoben und an vielen Stellen exemplifiziert.


Rezension von
Prof. Dr. Joachim Thönnessen
Hochschule Osnabrück Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
Tätigkeitsfelder: Unterricht in den Bereichen Methoden der empirischen Sozialforschung, Kulturelle Diversität, Soziale Randgruppen, Soziale Milieus; Forschung in den Bereichen Illegale Drogen und Biographie, Soziale Netzwerke, Bedingungsloses Grundeinkommen
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Zitiervorschlag
Joachim Thönnessen. Rezension vom 05.12.2019 zu: Lothar Böhnisch: Sozialpädagogik der Nachhaltigkeit. Eine Einführung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-6060-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26442.php, Datum des Zugriffs 29.03.2020.


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