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Doris Dörrie: Leben, schreiben, atmen

Cover Doris Dörrie: Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben. Diogenes Verlag AG (Zürich) 2019. 276 Seiten. ISBN 978-3-257-07069-9. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 24,00 sFr.
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Thema

„Wir sind alle Geschichtenerzähler“, schreibt Doris Dörrie zu Anfang ihres Buches und wir sollten auch alle Schreibende sein, so der Tenor ihres Buchs über das Schreiben. Schreiben ist bei Dörrie immer radikal ich-bezogen und es ist ein Mittel, um sich die Welt anzueignen, sich selbst in ihr besser zu verstehen, sich die eigenen Erinnerungen und Erlebnisse deutlicher vor Augen zu führen. Und Schreiben sollte ein tägliches Ritual sein, in dem sich jede und jeder auf sich selbst und den Moment des Schreibens einlassen sollte, und sei es nur für 10 Minuten.

Autorin und Entstehungshintergrund

Doris Dörrie ist bekannt als Regisseurin (z.B. 2008: Kirschblüten – Hanami; 2016: Grüße aus Fukushima), Drehbuchautorin und Schriftstellerin (2015: Diebe und Vampire; 2011: Alles inklusive). Seit Jahren unterrichtet sie Workshops zum kreativen Schreiben, deren Inhalte sie mit „Leben, schreiben, atmen“ nun in Buchform vorlegt. 

Aufbau und Inhalt

In 51 Kapiteln zu verschiedenen Themen präsentiert Doris Dörrie zunächst eigene autobiographische Episoden, bevor diese mit Anregungen zum Schreiben abgeschlossen werden. Doris Dörrie schreibt von Kindheitserinnerungen, Auslandsaufenthalten, Freundschaften, vom Verlieben, von der Ehe, von Drogen und Alkohol und auch vom Tod. Ihre Schreibanregungen werden oft in Fragen formuliert oder als Anweisungen gegeben („Erinnere dich an…“).

Das kann auch ziemlich körperlich werden: „Schreib über deine Haare. Deine verschiedenen Frisuren“ (S. 146), und auch persönlich kritisch: „Schreib über deine Haut. Über Pickel. Deine Hautfarbe. Deinen Rassismus“ (S. 118)

Oftmals geht es aber auch darum, sich an bestimmte Orte zu erinnern:

  • „Schreib über einen Ort, den du zweimal besucht hast. […]“ (S. 146).
  • „Schreib über dein Elternhaus. […] Über deine Erinnerungen als Kind und deine Erinnerungen als Erwachsener. Was ist noch da? Was ist nicht mehr da? […]“ (S. 211).

Obwohl es Dörrie stark um das Erinnern geht, empfiehlt sie, in der Gegenwartsform zu schreiben:

  • „Schreiben ist wie mit der Vergangenheit zu telefonieren und sie in die Gegenwart zu holen. Schreib deshalb möglichst in der Gegenwartsform. Alles wird gegenwärtig. Ist wieder da. Jetzt.“ (S. 123)

Wichtig ist Dörrie, dass man am Schreiben dranbleibt, unter allen Umständen:

  • „Manchmal geht gar nichts mehr. Eigentlich geht ziemlich oft gar nichts mehr, wenn ich ehrlich bin. […] Wenn nichts mehr geht, schreibe über den vergangenen Tag. […]“ (S. 238).

Alle diese Schreibimpulse sind im Anhang des Buches, überschrieben mit „Selber schreiben“, noch einmal aufgeführt.

Doris Dörries Programm für das autobiografische Schreiben wird schnell deutlich und zentrale Botschaften werden immer wieder durch Wiederholung bestärkt. Zuvorderst rangiert dabei ihr Fokus auf das Drauflosschreiben. Hinsetzen, Stift ansetzen, Losschreiben und sei es nur für 10 Minuten. Dörrie ist Verfechterin des Flow-Schreibens, des unzensierten Gedanken-in-Schrift-Übersetzens. Wichtig ist ihr zu betonen, dass alles interessant ist, jedes kleine Stück Alltag ist es wert schriftlich reflektiert zu werden. Das Leben muss nicht besonders, intensiv, außergewöhnlich sein, um darüber zu schreiben. Über sich selbst schreiben ist ein Akt der Selbstliebe und der Selbst-Wertschätzung. Dabei kann der Wechsel von der ersten zur dritten Person bei schwierigen Erinnerungen und Erlebnissen wichtig sein. Auch müssen einige mentale Widerstände, oder besser hindernde Vorstellungen überwunden werden, um sich das Schreiben zu trauen, von „1. Ich bin zu blöd; 2. Ich bin zu uninspiriert.; […] 6. Ich kann einfach nicht schreiben und konnte es noch nie […]. Bis hin zu: 11. Und was wird meine Mutter sagen, wenn sie das liest?“ (S. 24 f.)

Diskussion

Die Schreibtipps an sich sind nicht neu, die Art der sehr persönlichen Darstellung ist es allemal. Ähnlich wie Hanns-Josef Ortheil in „Schreiben über mich selbst. Spielformen des autobiografischen Schreibens“ gibt Doris Dörrie den Leserinnen und Lesern Schreibimpulse bzw. Schreibaufgaben an die Hand. Im Unterschied zu Ortheil geht es dabei allerdings nicht darum, eine bestimmte Spielart des autobiografischen Schreibens zu imitieren, sich von literarischen Mustern/​Beispielen inspirieren zu lassen. Dörrie ist das einzige Beispiel, ihr Schreiben einziger Inspirationsquell und alleiniges Imitationsmuster. Dabei scheut Dörrie sich nicht eigene autobiografische Episoden offen zu legen. Schreibstrategisch arbeitet Dörrie an den falschen Vorstellungen, die es oft verhindern, dass wir mit dem Schreiben überhaupt anfangen. Sie wirbt für ein Schreiben als verschriftlichtem Gedankenstrom, dass in der akademischen Schreibdidaktik mit der Übung Freewriting und dem Namen Peter Elbow verbunden ist, und für Dörrie einen Schreibsog und Flow-Erleben (Csíkszentmihályi) beim Schreiben verspricht. Dörrie betont auch immer wieder die therapeutische Seite des autobiografischen Schreibens, die Selbstfürsorge, die damit einhergeht – wer als Leserin oder Leser hier tiefer einsteigen möchte, schaue sich z.B. die poesietherapeutischen Werke von Silke Heimes an. Darüber hinaus lässt sich auch im Bereich des wissenschaftlichen Schreibens eine Diskussion über den Wert sogenannter autoethnografischer Studien (JoSch 2/2019: Autoethnografisches Schreiben) verzeichnen.

Fazit

Die Botschaft des Buches ist: sich selbst wichtig genug zu nehmen, um sich autobiografisches Schreiben zu erlauben, und zwar egal, wer man ist und was man tut. Inhaltlich lässt sich für Kennerinnen und Kenner wenig Neues an Schreibtipps und -techniken entdecken. Der Reiz des Buches liegt in Dörries Darbietung von Episoden autobiografischen Schreibens, die von ihr am Ende jeweils mit einem Schreibimpuls abgeschlossen werden. Als Leser bekomme ich also einen Eindruck davon, wie ein Text, der auf einen solchen Impuls hin verfasst wurde, aussehen könnte.


Rezension von
David Kreitz
M.A., Mitarbeiter der Zentralen Einrichtung für Qualitätsentwicklung in Studium und Lehre an der Universität Hannover. Freiberuflicher Schreibberater und Schreibtrainer, Mitherausgeber der Zeitschrift JoSch – Journal der Schreibberatung und der Reihe „Theorie und Praxis der Schreibwissenschaft“.
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Zitiervorschlag
David Kreitz. Rezension vom 10.02.2020 zu: Doris Dörrie: Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben. Diogenes Verlag AG (Zürich) 2019. ISBN 978-3-257-07069-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26444.php, Datum des Zugriffs 28.03.2020.


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