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Holger Lindemann: Konstruktivismus, Systemtheorie und praktisches Handeln

Cover Holger Lindemann: Konstruktivismus, Systemtheorie und praktisches Handeln. Eine Einführung für pädagogische, psychologische, soziale, gesellschaftliche und betriebliche Handlungsfelder. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2019. 329 Seiten. ISBN 978-3-525-40675-5. D: 30,00 EUR, A: 31,00 EUR.
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Thema

Holger Lindemann führt in diesem Buch in die wichtigsten Theorien und Modelle des Konstruktivismus und der Systemtheorie ein und stellt sie in den Kontext pädagogischer, psychologischer, sozialer, gesellschaftlicher und betrieblicher Handlungsfelder.

Autor

Prof. Dr. Holger Lindemann ist Diplom-Pädagoge, Supervisor, Coach, Organisationsberater und Mediator, zertifizierter Lehrender (SG/DGSF) für Systemische Beratung, Supervision und Organisationsentwicklung, und Professor für Entwicklungspsychologie und Systemische Beratung an der Medical School Berlin und Leiter des HafenCity Instituts für Systemische Ausbildung (HISA) in Hamburg (Verlagsangaben).

Entstehungshintergrund

Das Buch erschien 1999 in einer ersten Fassung und bezog sich hier vornehmlich auf sonderpädagogische Zusammenhänge, erfuhr dann 2006 eine erste Verallgemeinerung im Hinblick auf Konstruktivismus und Pädagogik. Hier wird es nun auf weitere Wissenschaftsbereiche ausgeweitet und um die Handlungsorientierung erweitert.

Aufbau

Das Buch bildet 8 inhaltliche Schwerpunkte ab:

  1. Eine Einführung in den Konstruktivismus
  2. Lebende, kognitive und soziale Systeme
  3. Wahrnehmung und Bewußtsein
  4. Kognitive Entwicklung, Kommunikation und Gesellschaft
  5. Systemtheoretische und synergetische Interaktions- und Veränderungsmodelle
  6. Praktisches Handeln als Frage der Ethik
  7. Reflexion, Handlungsorientierung und Handlungsleitung
  8. Fazit.

Abgerundet wird das Buch durch ein Glossar, Literaturverzeichnis und Sachregister.

Inhalt

Lindemann führt zu Beginn des Buches in die Grundzüge konstruktivistischer Theorien ein und hält fest, dass in diesem Zusammenhang „Wahrnehmung keine Gegebenheiten einer von uns unabhängigen Realität abbildet, wie sie 'an sich' sind, sondern dass wir lediglich Modelle entwerfen, deren Objektivität oder Wahrheit nicht überprüft werden kann.“ (17), Menschen ihr Erleben also konstruieren. Der Autor führt in diverse konstruktivistische Ansätze ein und schlägt auch den Bogen zu ihren historischen Wurzeln bis hin zur antiken Philosophie. Er verbindet dies mit der allgemeinen und soziologischen Systemtheorie Niklas Luhmanns und der von Hermann Haken entwickelten Theorie der Synergetik. Dabei nimmt er explizit auch Bezug zur Dimension des praktischen Handelns, insbesondere im Kontext ethischer Fragestellungen und diskutiert die Konsequenzen der theoretischen Ansätze in Hinblick auf die Reflexionsdimensionen, auf Handlungsorientierung und Handlungsleitung.

Exemplarisch soll hier das fünfte Kapitel „Systemtheoretische und synergetische Interaktions- und Veränderungsmodelle“ genauer vorgestellt werden.

Gleich zu Beginn des Kapitels verweist der Autor auf die Bedeutung eines spezifischen Menschen-und Weltbildes für die Wahrnehmung und Interpretation bzw. daraus folgenden Interaktionen: „Betrachtet man Menschen als System, auf die man (pädagogischen, therapeutischen, gesellschaftlichen, betriebswirtschaftlichen) Einfluss nehmen möchte, benötigt man eine Vorstellung davon, nach welchen Prinzipien derart komplexe System, wie Menschen oder Gruppen von Menschen, funktionieren und wie sie Stabilisierungs- und Organisierungsprozesse organisieren. Solche Funktions- und Beeinflussungsmodelle sind in allen (pädagogischen, psychologischen, sozialen, gesellschaftlichen, betrieblichen) Handlungen implizit enthalten.“ (185). Der Autor führt in die Grundannahmen der Kybernetik ein, die sich mit der Wirkungsweise dieser Funktions- und Beeinflussungsmodelle befassen und stellt im Anschluss von Foersters Modelle der trivialen und nicht-trivialen Systeme vor. Diese Differenzierung erfolgt Beobacher*innen-seitig und differenziert aufgrund angenommener Komplexität der Systeme. Dabei funktionieren triviale Systeme aufgrund eines einfachen Ursache-Wirkung-Prinzips (186). Lindemann weist jedoch darauf hin, dass es sich dabei vor allem um Wunschvorstellungen handelt und triviale Systeme faktisch in der Realität nicht vorkommen, denn spätestens dann, wenn sie nicht funktionieren, wird ihre Komplexität offenbar. Er schlägt daher vor, zwischen Systemen zu unterscheiden, die sich hinsichtlich ihres Grades von Trivialität unterscheiden (189). Übertragen auf den Menschen, etwa im pädagogischen Kontext, warnt Lindemann davor, dass die Trivialisierung von Systemen dazu führen kann, dass davon ausgegangen wird, dass „alle Menschen, da sie ja derselben Klasse von System angehören, aufgrund eines bestimmten Inputs in der Lage sein [müssten], einen entsprechenden gleichen Output zu erzeugen“ (191) und tun sie es nicht, müssen sie als individuelle Systeme „fehlerhaft“ sein. Lindemann spricht hier von „Defektlogik“ (191).

Nicht-triviale Systeme unterscheiden sich von trivialen insofern als das in Bezug auf den Output ihre inneren Zustände berücksichtigt werden (191) und dies in dynamischer Weise, denn durch jeden Output verändert sich die Grundlage und damit die Zustände und die daraus folgenden Prozesse. Dies aber führt dazu, dass solche Systeme per definition nicht analysierbar, nicht vorhersehbar und nicht steuerbar sind (192). Funktionen und Zustände können dabei stabilisierend oder destabilisierend wirken. Geht es um Menschen als nicht-triviale Systeme, sind wichtige Prinzipien dieser inneren Zustände z.B. Selbstorganisation, Selbstreferenz, Zustandsdeterminiertheit, Autonomie etc. Ergebnisse, die sich aus den Zuständen und ihren Wechseln ergeben sind beispielsweise Erfahrungen, Wirklichkeitskonstruktionen, Bewusstsein, Handeln, Sprache etc. Zustandsveränderungen wiederum wären u.a. abhängig von Konsistenz, Anschlussfähigkeit und Komplexitätsreduktion (193). Lindemann verweist darauf, dass das Menschbild, das auf dem Verständnis des Menschen als nicht-triviales System beruht, einerseits hilft, vielfältige innere Dynamiken wahrzunehmen und zu verstehen, nicht aber unbedingt den Umgang erleichtert. Zugleich aber multiple Erklärungen dafür zulässt, warum ein bestimmter Input nicht zu einem bestimmten Output geführt hat (194-5) oder eben doch.

Auf der Ebene der Handlungslogiken bedarf es daher einer Komplexitätsreduktion und der Sicherstellung einer Funktion der Anschlussfähigkeit. Lindemann bietet eine Gegenüberstellung einer trivialisierenden und nicht- trivialisierenden Systembeschreibung an. Trivialisierende Systembeschreibung sind beliebt, weil sie eine einfachere Handhabbarkeit suggerieren (197), während nicht-trivialisierende Systembeschreibung deutlich komplexere Denk- und Handlungsstrategien erfordern, weil keine linearen Ableitungen möglich sind.

Im zweiten Schwerpunkt des Kapitels widmet sich Lindemann der Frage, was sich aus diesen Erkenntnissen für Interaktionen ableiten läßt und widmet sich zunächst den Konsequenzen aus einer linearen Handlungslogik. Eine lineare und triviale Handlungslogik kommt vor allem dann an ihre Grenzen, wenn beim Gegenüber nicht die erwünschten Erfolge erkennbar sind. Im Extremfall wird dies dann auf die Fehlerhaftigkeit dieses Systems zurückgeführt und häufig mit „mehr desselben“ beantwortet (199-200), obwohl dies in der Praxis oft zu Verstärkungen und Verschärfungen führt. Alternativ wäre die Wahrnehmung und Achtung der Innenwelt als subjektiver Konstruktion angemessen und sinnvoll. Dies würde dazu führen, dass das Verhalten von Menschen stärker als „Ergebnis viabler Wirklichkeitskonstruktionen“ (202) wahrgenommen und wertgeschätzt werden könnte und dessen Sinnhaftigkeit, Plausibilität und Rechtmäßigkeit sich leichter offenbart (203). Für den einzelnen Menschen ergeben vor dem Hintergrund individueller Erlebnisse, Erfahrungen, die eigenen Wirklichkeitskonstruktionen und Handlungsmuster, die einen Sinn bzw. einen Zweck erfüllen. Notwendigkeit zur Veränderung ergibt sich dann, wenn eigene Denk- oder Handlungsmuster als hinderlich oder nicht mehr zielführend erlebt werden.

Darauf geht Lindemann im dritten Schwerpunkt des Kapitels ein, indem er sich dem kreativen Zirkel von Vorschlag und Gegenvorschlag widmet. Hier fordert er dazu auf, Menschen als Gestalter*innen ihrer Welt ernst zu nehmen, und ihre Erfahrungen und ihr Können sowohl als Ergebnis als auch als Grundlage von Interaktion ernst zu nehmen (205). Das erfordert, im Dialog mit einem anderen System „eigene Handlungen als Vorschlag zu betrachten und zu beobachten, was das System als Gegenvorschlag hervorbringt“ (205). Daraus kann sich eine offene Spirale ergeben, die sich auch als Grundhaltung auf diverse pädagogische, psychologische, soziale, gesellschaftliche und betriebliche Zusammenhänge übertragen lässt. Als solche impliziert sie expliziert die Erosion der hierarchischen Position der Lehrenden. Lindemann führt vertiefend in von Foersters Unterscheidung zwischen illegitimen und legitimen Fragen ein, also Fragen, der Antworten schon bekannt sind und die das Gegenüber entsprechend reproduzieren soll und legitimen Fragen andererseits, deren Antworten noch nicht bekannt sind, sondern vielmehr noch gefunden werden müssen und subjektive Perspektiven zulassen.

Dies führt den Autor zu einem weiteren inhaltlichen Fokus des Kapitels: der Auseinandersetzung mit der Machtfrage. Lindemann macht einführend deutlich, dass „aus einer sozialen Perspektive die Bedeutung von Interaktion und Kommunikation in der Suche nach Zustimmung liegt.“ (208). Hinzukommt, dass die Beschreibung der Realitäten eines Systems definitorisch andere ausschließt (Komplexitätsreduktion). Um Anschlussfähigkeit herzustellen, ist Zustimmung zu dieser Komplexitätsreduktion erforderlich. Im Luhmannschen Sinne kann Macht als Komplexitätsreduktion mit dem Ziel der handlungsgemäßen Anschlussfähigkeit beschrieben werden (209).

Lindemann skizziert Macht vor diesem Hintergrund als

  • Mittel der Handlungskoordination
  • als Erwartungshaltung
  • als Einigung und Metakommunikation
  • als Zusammenspiel von Handlungserwartungen mit dem Ziel der Stabilisierung und Veränderung.

In einem letzten Schwerpunkt dieses Kapitels widmet sich Lindemann Aspekten der Systemveränderungen und hier im Besonderen dem Modell der Systemdynamik komplexer Systeme nach Hermann Haken und Günter Schiepek. Beide haben Grundbedingungen formuliert, die gegeben sein müssen, damit Systemveränderungen möglich werden, diese werden als generische Prinzipien bezeichnet und stellen sich im Detail wie folgt dar:

  1. Schaffung von Stabilitätsbedingungen
  2. Identifikation von Mustern des relevanten Systems
  3. Sinnbezug, Synergitätsbewertung
  4. Kontrollparameter identifizieren, Energetisierungen ermöglichen
  5. Destabilisierung, Fluktuationsverstärkungen realisieren
  6. „Kairos“ beachten, Resonanz, Synchronisation
  7. Gezielte Symmetriebrechung ermöglichen
  8. Re-Stabilsierung (214-5).

Die Beachtung dieser Prinzipien soll helfen, systemische Veränderungs- und Entwicklungsprozesse nachhaltiger zu gestalten. Sie helfen außerdem, Risiken im Veränderungsprozess zu identifizieren oder positive Effekte zu verstärken. Abschließend führt Lindemann vertiefend in die Prinzipien ein.

Fazit

Lindemanns Buch erhebt den Anspruch, eine Einführung in den Konstruktivismus und die Systemtheorie zu bieten und diese darüber hinaus noch mit praktischen pädagogischen, psychologischen, sozialen, gesellschaftlichen und betrieblichen Handlungsfeldern zu verknüpfen. Diesen Anspruch löst das Buch in fundierter und kreativer Weise ein. Es verbindet umfangreiches theoretisches Wissen auf aktuellem wissenschaftlichem Forschungsstand reflexiv und handlungsorientiert mit immer wieder überraschenden und inspirierenden Impulsen, wie Cartoons, Comics, Zitaten aus Kinder- oder Jugendbüchern oder Filmzitaten. Zahlreiche Abbildungen erläutern die theoretischen Ausführungen, vielfältige praktische Beispiele veranschaulichen und erden sie. Insofern darf dieses Buch als eine wahre Fundgrube betrachtet werden für alle, die sich intensiver mit Konstruktivismus und Systemtheorie beschäftigen möchten und sich dafür neben einem Grundlagenwerk aber auch Impulse für ihre Praxis beispielsweise als Pädagog*innen, Berater*innen, Coaches oder Manager*innen wünschen.


Rezension von
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 26.05.2020 zu: Holger Lindemann: Konstruktivismus, Systemtheorie und praktisches Handeln. Eine Einführung für pädagogische, psychologische, soziale, gesellschaftliche und betriebliche Handlungsfelder. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2019. ISBN 978-3-525-40675-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26445.php, Datum des Zugriffs 19.09.2020.


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