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Peter Weber (Hrsg.): Tätig sein! Jenseits der Erwerbsarbeit

Cover Peter Weber (Hrsg.): Tätig sein! Jenseits der Erwerbsarbeit. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2005. 180 Seiten. ISBN 978-3-88414-386-5. 12,90 EUR, CH: 23,50 sFr.

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Das Thema

Welche Möglichkeiten bieten sich für psychisch kranken Menschen, ihr Leben jenseits von Erwerbsarbeit durch sinnstiftendes "Tätigsein"  aktiv und befriedigend zu gestalten? Hier setzt der vorliegende Ratgeber an und bietet den von Arbeitslosigkeit betroffenen Menschen zahlreiche Anregungen und konkrete Hinweise zur Gestaltung eines aktiven Lebens, in dem Arbeit weiterhin einen festen Platz einnimmt.

Der Inhalt

In insgesamt acht Kapiteln werden alternative Arbeits- und Betätigungsmöglichkeiten für psychisch kranke Menschen skizziert und in ihrer sinnstiftenden, zeitstrukturierenden und persönlichkeitsbildendenden Funktionen thematisiert.

  1. Peter Weber weist in seinem Aufsatz "Erwerbstätigkeit psychisch kranker Menschen auf einem schrumpfenden Arbeitsmarkt" ( S. 17-36) auf die besondere Problematik der beruflichen Wiedereingliederung psychischer kranker Menschen hin. Strukturell bedingte  Arbeitslosigkeit und veränderte Anforderungen der Arbeitswelt führen dazu, so seine Argumentation, dass immer weniger psychisch kranke Menschen einen "Normalarbeitsplatz" finden. Im Rahmen der beruflichen Rehabilitation müssen daher zukünftig neue Wege beschritten und das Ziel verfolgt werden, Formen sinnvoller gesellschaftlicher Tätigkeit außerhalb der klassischen Arbeitssysteme zu erschließen.  Er entwirft ein Modell, in dem die Menschen, die keinen Zugang zum ersten Arbeitsmarkt finden, verschiedene gesellschaftlich relevante Dienstleistungen erbringen und im Gegenzug hierfür eine finanzielle Grundsicherung, z.B. in Form einer Grundrente, erhalten.
  2. Die gegenwärtigen gesetzlichen Regelungen zur "Existenzsicherung und Möglichkeiten des Zuverdienstes" (S. 39- 60) werden von Manfred Becker aufgezeigt und an praktischen Beispielen verdeutlicht. Sozialhilfe, Grundsicherung, Sozialgeld und Arbeitslosengeld II  werden ebenso dargestellt, wie die Möglichkeit durch ein geringfügiges Beschäftigungsverhältnis ein Zusatzeinkommen zu erwirtschaften. Ob und inwieweit dies auf die Zahlung von öffentlichen Transferleistungen oder Renten angerechnet wird, wird  u.a. anhand zahlreicher Tabellen ausgeführt.
  3. Silke Dennhardt thematisiert im Kapitel "Arbeit ist nur das halbe Leben" (s. 63-86)  die zeit- und sinnstiftende Funktion von Arbeitstätigkeiten. Der Wegfall von fremdbestimmter Erwerbsarbeit beinhaltet, so die Annahme, einerseits mehr Chancen selbstbestimmt einer sinnstiftenden Betätigung nachzugehen, andererseits aber auch  neue Belastungen und Anforderungen. Es muss nicht nur eine neue und auf die persönliche Situation zugeschnittene Zeitstruktur entwickelt, sondern auch ein Interessengebiet gefunden werden, für das es sich  lohnt aktiv zu sein. Fallbeispiele und Fragen zur Selbstreflexion, z.B. "Welche Aufgaben oder Dinge können mich verpflichten? Wofür übernehme ich Verantwortung?" (S. 79), bieten zahlreiche Anregungen, wie dieser Suchprozess von den Betroffenen aktiv gestaltet werden kann.
  4. Unter dem Titel "Die dosierte Arbeit - das Mittel der Wahl" (S. 89 - 100) stellt Peter Weber die besonderen Chancen niedrigschwelliger Beschäftigungsprojekte vor. Diese bieten nicht nur die Möglichkeit etwas dazu zu verdienen, sondern vor allen Dingen "Arbeit nach Maß", da Arbeitszeiten unter Berücksichtigung der Belastungsgrenzen individuell und flexibel vereinbart werden können. 
  5. Die Vielfalt der Betätigungsmöglichkeiten im Rahmen ehrenamtlichern Engagements stellt Doris Appel in ihrem Aufsatz "Ehrenamtliche Arbeit: Zu tun gibt es eigentlich genug" (S. 103 - 122) dar. Ehrenamtliche Kräfte können ihre persönlichen Motive, Kenntnisse und Interessen nicht nur mit sozialen Anliegen verbinden, sondern erfahren auch unmittelbar, dass ihr Arbeitseinsatz sinnvoll ist und von anderen Menschen geschätzt wird. Wie an Freiwilligenarbeit interessierte Menschen Kontakt zu gemeinnützigen Organisationen aufnehmen können, worauf sie vor Beginn einer entsprechenden Tätigkeit achten sollten und wie sie sich vor Überforderung schützen können wird in Form von Empfehlungen und Checklisten dargestellt.
  6. Sybille Prins richtet den Blick auf  die  Landschaft der Selbsthilfe. "Aktiv sein in der Selbsthilfe" (S. 125- 147) können Interessierte z.B. in eher informellen Selbsthilfegruppen, wo psychiatrieerfahrene Menschen sich auf der Basis von Gleichwertigkeit wechselseitig unterstützen. Darüber hinaus werden aber auch Möglichkeiten vorgestellt, wie durch die Mitarbeit in einem der Landesverbände oder dem Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener aktiv an der Durchsetzung der Interessen psychisch kranker Menschen mitgewirkt werden kann. Anregungen, wie sich in der Selbsthilfe Tätige vor Überforderungssituationen schützen können, runden dieses Kapitel ab.
  7. Das "Bildung als Chance" (S. 149- 167) für ein produktives und sinnstiftendes Leben genutzt werden kann, wird von Horst Lazarus am Beispiel der "gebildeten Biographie" ausgeführt. Er gibt Anregungen, wie frühere Interessen und Hobbys wieder-entdeckt und als Ausgangspunkt  für eine befriedigende Alltagsgestaltung genutzt werden können. 
  8. Im letzten Kapitel (Tätig sein - außerhalb der Erwerbsarbeit, S. 168-177)  verdeutlicht Peter Weber, dass es nicht darum gehen kann, das Ziel der Erwerbsarbeit völlig aus dem Blick zu verlieren. Aus seiner Sicht muss jedoch die bisherige Vorstellung, nur ein sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplatz sei ein "guter" Arbeitsplatz, aufgeweicht werden.

Fazit

Es handelt sich um einen Ratgeber, der psychisch kranken Menschen Mut machen möchte, sich auf die Suche nach sinnvollen Arbeits- und Betätigungsmöglichkeiten außerhalb der gängigen Arbeitssysteme zu begeben. Leserinnen  und Leser finden im Text nicht nur viele praktische Beispiele, sondern auch Hinweise, worauf bei einer ehrenamtlichen Tätigkeit oder bei einem Mini-Job zu achten ist. Leitfragen zu den einzelnen Kapiteln laden ein, eigene Vorstellungen zu reflektieren. Adressen von möglichen Ansprechpartnern oder Informationsstellen sind im Anhang enthalten.

Arbeitslosenzentren und sozialpsychiatrischen Einrichtungen sollten dieses Buch für ihre Nutzerinnen und Nutzer auf jeden Fall anschaffen. Die Lektüre des Ratgebers lohnt sich aber auch für  all jene Menschen, die auf der Suche nach Anregungen für ein "tätiges Leben" sind.


Rezensentin
Dipl.Soz.-Arb. Ursula Ebert
Technische Hochschule Köln, Fachbereich Sozialpädagogik
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Zitiervorschlag
Ursula Ebert. Rezension vom 13.12.2005 zu: Peter Weber (Hrsg.): Tätig sein! Jenseits der Erwerbsarbeit. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2005. ISBN 978-3-88414-386-5. Reihe: Rat!schlag. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2645.php, Datum des Zugriffs 12.12.2018.


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