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Julia Geissler, Timo Vloet u.a.: Verhaltenstherapie bei ADHS im Jugendalter

Cover Julia Geissler, Timo Vloet, Marcel Romanos, Ulrike Zwanzger, Thomas Jans: Verhaltenstherapie bei ADHS im Jugendalter. Ein modular aufgebautes Therapieprogramm. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2019. 102 Seiten. ISBN 978-3-8017-2979-0. 39,95 EUR, CH: 48,50 sFr.

Reihe: Therapeutische Praxis.
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AutorInnen

Dr. Julia Geissler, geb. 1981. 2002–2008 Studium der Psychologie in Würzburg. Seit 2011 tätig an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Urüversitätsklinikums Würzburg. 2013 Promotion.

PD Dr. Timo D. Vloet, geb. 1974. 1995–2001 Studium der Humanmedizin an der RWTH Aachen. 2006–2016 Oberarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Aachen. 2012 Habilitation. 2013 Seit 2016 Leitender Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Uni­versitätsklinikum Würzburg.

Prof. Dr. Marcel Romanos, geb. 1975.1995-2002 Studium der Humanmedizin in Würzburg und Hamburg. 2004 Promotion. Seit 2008 Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. 2009 Habilitation. Ab 2010 W2-Professur an der Ludwig-Maximilians-Universität München. 2012 Lehrstuhl und Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Würzburg.

Dipl.-Psych. Ulrike Zwanzger, geb. 1980. 2001–2007 Studium der Psychologie in Würzburg. 2008–2016 tätig an der Klinik für Kinder-und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Würzburg. Seit 2016 tätig an der Klinik für Psychi­atrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter in Nürnberg. 2014 Approbation als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin.

PD Dr. Thomas Jans, geb. 1968. 1989–1995 Studium der Psychologie in Würzburg. Seit 1995 tätig an der Klinik für Kinder- und Jugend­psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Würzburg, seit 2012 als leitender Psychologe. 1999 Approbation als Psychologischer Psychotherapeut. 2001 Promotion. 2017 Habilitation.

Entstehungshintergrund

Das Buch „Verhaltenstherapie bei ADHS im Jugendalter“ richtet sich an Therapeuten, die mit einer äußerst schwierigen Patientengruppe arbeiten. Die Autoren verweisen zu Recht auf „niedrige oder schwankende Therapiemotivation“ bzw. „niedrige Compliance“ bei Jugendlichen mit ADHS. Sehr verdienstvoll ist deswegen der Versuch, ein systematisch aufgebautes aber dennoch flexibel handhabbares Material für den Praktiker zu entwickeln.

Das Therapieprogramm versteht sich als Bestandteil eines multimodalen Behandlungsansatzes, in dem psychotherapeutische, pädagogische und medikamentöse Zugangsweisen miteinander verbunden werden. Die „Wirksamkeit des vorliegenden Verhaltenstherapieprogrammes“ wird dabei „aktuell“ in einer verkürzten Form an „Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren“ (S. 24) überprüft.

Aufbau und Inhalt

Als Einführung zu dem eigentlichen Therapiemanual werden folgende Themen kurz dargestellt:

  • Symptomatik, Komorbidität, Diagnostik und Differentialdiagnostik, Diagnostiksysteme
  • Ätiologie
  • Pharmakotherapie der ADHS
  • Forschungsstand zur Verhaltenstherapiebei ADHS
  • Konzept des Therapiemanuals

Der Hauptteil besteht aus einem verhaltenstherapeutisch ausgerichteten Therapiemanual.

Das Programm setzt sich aus einem Basismodul, 10 thematisch ausgerichteten Modulen und einem Abschlussmodul zusammen. 7 Module richten sich an die Jugendlichen, zwei an deren Eltern und ein Modul sieht gemeinsame Sitzungen für Jugendliche und Eltern vor. Für jeden Modulbaustein sind zwei Sitzungen in der Dauer von 50 – 60 Minuten vorgesehen. Zu jeder Sitzung gibt es Hausaufgaben, um die jeweiligen Inhalte zu vertiefen.

Das Basismodul umfasst 5 Themenblöcke:

1. Sitzung

  • Kennenlernen,
  • Vorstellung des Ablaufs und Struktur der Therapie,
  • Psychoedukation zum Thema ADHS und Erarbeitung eines individuellen Störungsmodells

2. Sitzung

  • Bisherige Erfahrung mit Lösungsstrategien, Formulierung von Therapiezielen, Auswahl der Module,
  • Erarbeitung der individuellen Stärken und positiven Eigenschaften

Positiv ist festzuhalten, dass in der 2. Sitzung der weitere Verlauf der Therapie und die Abfolge der ausgewählten Module auf den Wünschen des Jugendlichen aufbaut. Nur die drei Module, welche die Eltern einbeziehen, enthalten ein Standardprogramm mit einer festgelegten Abfolge von Inhalten.

Die 7 Module für die Jugendlichen beinhalten folgende Themenschwerpunkte:

  1. Verbesserung von Alltagsorganisation und -planung
  2. Kampf gegen Chaos, Ablenkbarkeit und Aufschieberitis
  3. Die Macht der positiven Gedanken
  4. Der richtige Umgang mit (negativen) Gefühlen
  5. Strategien zum Problemlösen und gegen Stress
  6. Der richtige Umgang mit der ADHS-Medikation
  7. Die Suche nach dem Kick

Ein Modul richtet sich sowohl an die Jugendlichen als auch an deren Eltern und soll die familiäre Kommunikation verbessern.

Die beiden Elternmodule beschäftigen sich mit den Themen Elterncoaching und Möglichkeiten, die eigene Gesundheit mehr im Blick zu behalten.

Diskussion

Beispielhaft sollen einige ausgewählte Verbesserungsmöglichkeiten aufgezeigt werden:

Im Basismodul werden erst in der zweiten Sitzung die Wünsche des Jugendlichen ermittelt. In der Therapiesituation (vgl. z.B. Grawe) aber auch in der Erwachsenenbildung entscheidet die erste Sitzung über den erfolgreichen Verlauf des weiteren Geschehens, über Compliance bzw. Dropout. Dies bedeutet, der Therapeut muss in der ersten Sitzung die Jugendlichen mit ihrer nicht sehr ausgeprägten Therapiemotivation „packen“ und lösungsorientierte Wege aufzeigen, die jeweils für den Jugendlichen relevant sind. In der ersten Sitzung wäre deswegen zu erfragen: An welchen Stellen läuft es zurzeit ein bisschen schwierig? Wo könnte es vielleicht ein bisschen besser laufen? Gezielt und achtsam können dabei die für den Jugendlichen wichtigen Lebensbereiche durchgegangen werden. Darauf aufbauend könnten im Folgenden auf die Frage nach dem Warum das Störungsmodell bzw. nach Verbesserungsmöglichkeiten einzelne Module vorgeschlagen werden. An dieser Stelle deutet sich schon eine durchgängig zu findende, eher akademisch ausgerichtete Entwicklung der Inhalte an.

Im Modul „Die Macht der positiven Gedanken“ wäre es notwendig, eine Differenzierung vorzunehmen. Bei den ADHS-Jugendlichen ist das Modul bei einer Subgruppe hilfreich und zwar bei Jugendlichen, häufig Mädchen, die dem vorwiegend unaufmerksamen Erscheinungsbild zuzurechnen sind. Bei der Subgruppe der hyperaktiv-impulsiven Jugendlichen besteht ein anderes Problem: bei ihnen ist eher ein Übermaß an positiven Gedanken zu finden, die aber unrealistisch sind und die die „Einsicht“ verhindern, dass sie eigentlich das anstehende Notwendige, aber für sie Anstrengende tun müssten.Aus der Erfahrung von über 60 durchgeführten Trainingsgruppen mit Eltern von ADHS-Kindern wäre dieses Thema für die Eltern ebenfalls von sehr großer Bedeutung. In einer Nachbefragung ein bis zwei Jahre nach Beendigung des Trainings wurde es von den Eltern als eines der wichtigsten Trainingsinhalte mit nachhaltiger Wirkung eingeschätzt.

Eine große Lücke besteht im Hinblick auf das Thema „Lernen“. Gerade im Alter von 12 bis 17 Jahren stellen bei ADHS-Jugendlichen schulische Leistungsprobleme häufig die größte Herausforderung dar. Deswegen wäre ein Modul über Lernen ein dringend notwendiger Bestandteil. Die Autoren verweisen selbst auf ein nachgewiesenermaßen erfolgreiches Programm, bei dem eine „Anleitung von Eltern und Jugendlichen mit einem Schwerpunkt auf einer Verbesserung der akademischen Leistung“ zu einer „Verbesserungen in Bezug auf akademisches Funktionsniveau und ADHS-Symptomatik“ (S. 24) führten. In diesem Modul sollten grundlegende Informationen über den Lernprozess und auch über die besonderen Gefahrenstellen beim Lernen für Jugendliche mit ADHS vermittelt werden. Darauf aufbauend könnten wenig anstrengende und dennoch effektive Lernstrategien, die gehirngerecht konzipiert sind und von der Schule seltenst vermittelt werden, vorgestellt werden. Wenn der Jugendliche in diesem Bereich dann aufgrund der Vorgaben Erfolge erleben kann, verändert sich nicht nur sein Selbstbild und sein Selbstwertgefühl. Auch die Bedeutung des Therapeuten/der Therapeutin für den Jugendlichen wächst und die Compliance für das folgend Therapiegeschehen nimmt zu. Das Modul verschenkt hier konstruktive Möglichkeiten und „kratzt“ mit den wenigen behandelten Aspekten zum schulischen Leistungsverhalten nur an der Oberfläche der Problematik.

Nachdem die Autoren mehr Erfahrung mit diesem Programm gesammelt haben, wäre es, wie es z.B. im THOP (Döpfner, Schürmann, Frölich) geschieht, für den Anwender hilfreich, Hinweise zu den möglicherweise auftretenden Problemen bei der Durchführung der Modulbausteine zu geben und wie damit umgegangen werden kann.

Grundsätzlich wären folgende Punkte zu reflektieren:

  • Die Diskrepanz zwischen Aufklärung und Einsicht und dauerhaftem Verändern bzw. der sehr weite Weg zu einer dauerhaften Veränderung von Verhalten und Einstellungen gerade auch bei ADHS-Jugendlichen müsste intensiver problematisiert werden. Im Hinblick auf ADHS-Jugendliche wäre es wichtig, zu versuchen, passende Lösungsmöglichkeiten für diese Grundproblematik aufzuzeigen.
  • Die Entwicklung im Alter zwischen 12 und 17 Jahren führt zu gravierenden Veränderungen. Deswegen wäre zu überprüfen: Welche Gemeinsamkeiten in Bezug auf die Problemkonstellationen bestehen in diesem relativ großen Alterszeitraum bei den Jugendlichen? An welchen Stellen, abhängig vom Alter, unterscheiden sich ihre Probleme? Auf einer solchen Analyse aufbauend könnte dann entschieden werden: Ist überhaupt noch ein gemeinsames Konzept für diese Altersgruppe möglich oder sollte nicht besser differenziert werden? Müssten nicht eher z.B. Therapieprogramm für 12 bis 14 Jährige bzw. für 15 bis 17 Jährige entwickelt werden. Analog wäre in den Elternmodulen zu überlegen: Das Erziehungsverhalten einem 12-Jährigen gegenüber unterscheidet sich grundlegend vom Erziehungsverhalten einem 17 jährigen, fast volljährigen Jugendlichen gegenüber. Spannend wäre es aufzuzeigen, wie sich in diesem Entwicklungszeitraum ihrer Kinder die Rolle der Eltern im Erziehungsprozess verändert und wie altersabhängig jeweils passendes Erziehungsverhalten aussieht.
  • Grundlegende Probleme, aber auch Trainingsmöglichkeiten für passendes Verhalten bestehen im Elternhaus. Deswegen wäre es hilfreich, die Anzahl der Elternmodule zu erhöhen.

Fazit

Obwohl das Therapieprogramm teilweise den Eindruck einer „akademisch“ ausgerichteten inhaltlichen Zusammenstellung und Vorgehensweise vermittelt und trotz der bestehenden Verbesserungsmöglichkeiten bereichern die sehr informative Sammlung zu den einzelnen Themenbereichen und die 93 ausdruckbaren Arbeitsblätter den Werkzeugkoffer derjenigen, die therapeutisch mit ADHS-Jugendlichen arbeiten und erweitern das therapeutische Repertoire für eine äußerst schwierige Patientengruppe.


Rezension von
Dr. Armin Born
Psychologischer Psychotherapeut; Diplom-Psychologe/ Diplom-Pädagogeich
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Zitiervorschlag
Armin Born. Rezension vom 28.12.2020 zu: Julia Geissler, Timo Vloet, Marcel Romanos, Ulrike Zwanzger, Thomas Jans: Verhaltenstherapie bei ADHS im Jugendalter. Ein modular aufgebautes Therapieprogramm. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2019. ISBN 978-3-8017-2979-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26460.php, Datum des Zugriffs 26.01.2021.


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