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Vinzenz Thalheim: Heroische Gemeinschaften

Cover Vinzenz Thalheim: Heroische Gemeinschaften. Ich-bin-Räume von Ultras im Fußball. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 328 Seiten. ISBN 978-3-7799-6072-0. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.

Reihe: Edition Soziale Arbeit.
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Thema

In der vorliegenden Arbeit „Heroische Gemeinschaften. Ich-bin-Räume von Ultras im Fußball“ fokussiert Vinzenz Thalheim sein Forschungsinteresse auf Ultras, also jene Fußballfans, die mit ihren aufsehenerregenden Praktiken im Stadion präsent sind. Der Autor thematisiert die Fragestellung „Wer bist du und wofür stehst du?“ als eine der zentralen Fragen moderner Gesellschaften. Er bezieht sich auf die großen soziologischen Gesellschaftstheorien – Individualisierung, Modernisierung und Multioptionalität – und fragt nach den Orientierungsleistungen und der Konstruktion von Selbstbildern der Ultras im Fußball.

Autor

Dr. Vinzenz Thalheim ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet Sozialpädagogik des Kindes- und Jugendalters an der Universität Kassel. Nach seinem Masterstudium der Sozialen Arbeit forschte er in Drittmittelprojekten zu Selbstregulationskompetenzen von Fußballfans und Konfliktmanagement in der Fußballfanarbeit. Aktuell richtet er sein Forschungsinteresse auf stationäre Formen der Jugendhilfe.

Entstehungshintergrund

Vor dem Hintergrund eines beständig gestiegenen Forschungsinteresses an Fußballfans insbesondere den Ultras reiht sich der Titel ein in eine Reihe von qualitativ angelegten Studien in der Fußballfanforschung (u.a. Sülzle, 2011; Kathöfer & Kotthaus, 2013; Winands, 2015; von der Heyde, 2018).

Aufbau und Inhalt

Thalheims Dissertation folgt dem klassischen Aufbau einer empirischen Arbeit, er leitet mit einem theoretischen Teil zu Forschungsstand und Methodologie ein und stellt differenziert die Gegebenheiten des Feldes vor. Danach folgt ein empirischer Teil mit der Rekonstruktion der Praktiken und abschließend die Ergebnisdarstellung in einer materialbegründeten Theorie.

Thalheim arbeitet in Kapitel 2 die aktuellen Forschungsstände und begrifflichen Kontextuierungen zu Fans, Gemeinschaft, Szenen und Events heraus. Sein methodologisches Vorgehen in Kapitel 3 orientiert sich zum einen theoretisch an den Begriffen Situation, Identität und soziale Praktiken (u.a. Goffman,1973; 2016; Strauss,1974; Joas, 1992; Soeffner, 2013) und zum anderen an der Anlage einer ethnographischen und rekonstruktiven Forschungspraxis. Dabei rekonstruiert er das Stadionereignis als das zentrale Aktivitätsfeld der Ultras mit den dazugehörigen Praktiken sowie Aktivitäten vor Veranstaltungsbeginn in Stadionnähe und Reisen zu Auswärtsspielen, die er alle ethnographisch begleitet.

Er nimmt durch seine Beobachtungen in Kapitel 4 eine Erweiterung der Bekenntnisnarration „Ich bin Fan von …“ durch ein Szenebekenntnis der Ultras vor, das einerseits auf eine gruppenbezogene Teilnahmeidentität als Träger*innen eines Szenebekenntnisses rekurriert, für das die Teilnahme an der Stadionveranstaltung andererseits Voraussetzung ist. Die Veranstaltungsteilnahme ist dabei sozialorientiert und die Gruppenzugehörigkeit steht über der Zugehörigkeit zum Fanobjekt – dem Fußballverein. Thalheim zeigt auf, wie dieses gruppenspezifische Verhalten auch an Erwartungshaltungen aus dem Feld gekoppelt ist.

In Kapitel 5 und 6 macht er auf ein Spannungsverhältnis aufmerksam, das er in seinen Beobachtungen immer wieder fokussiert: auf den binären Charakter der Wettkampfveranstaltung und die dichotome Aufteilung der Zuschauer*innen. Er interpretiert die Stadionveranstaltung als eine Gegenwelt zur unüberschaubaren, überfordernden Alltagswelt.

In Kapitel 7 stellt er dar, wie sich Ultras als risikobereite Widerstandskämpfer*innen sehen, die im Besonderen über den Einsatz von Pyrotechnik Deutungshoheit über die Ausgestaltung der Veranstaltung erhalten. Ultras würden innerhalb der „offiziellen“ Stadionveranstaltung einem eigenen Veranstaltungsprotokoll folgen. Für ein glaubhaftes Bekenntnis zur Szene und für das Selbstbild gegenüber sich und anderen spielt Kampfbereitschaft eine immanente Rolle, wobei es eher um die Bereitschaft gehe als um das tatsächliche Ausführen von Kampfhandlungen.

Thalheim stellt in Kapitel 8 anhand seiner Beobachtungen dar, wie Reisen als Freiräume genutzt werden, die sich von dem Erlebnis in der massiven Sicherheitsarchitektur der Stadien abheben. Ordnungsmacht Ultras und Ordnungsmacht Polizei stehen sich hier ambivalent gegenüber.

Der Autor erörtert in Kapitel 9 am Beispiel eines Fahnenverlustes den symbolischen Kampf um Leben und Tod. Die selbst auferlegte Ordnung, die Gruppe bei Fahnenverlust aufzulösen, führe zu einer ständigen Alarmbereitschaft.

In Kapitel 10 arbeitet Thalheim abschließend vier Kernkategorien heraus: Reduktion, Idealisierung, Vulnerabilsierung und Heroisierung, die er in der Schlüsselkategorie Selbstinstitutionalisierung einer heroischen Gemeinschaft zusammenfasst. Die Stadionveranstaltung bietet eine außeralltägliche Erlebnisstruktur in einer reduzierten Welt, in der Handlungsorientierungen aufgrund der Binarität klar sind. Die eigenen Werte in der reduzierten Welt werden idealisiert und über Opferbereitschaft wird soziale Anerkennung gewonnen. Diese Idealisierung bezieht sich auf die konstruierte Tradition der Vereine, ihr immanent ist eine Modernisierungskritik, die sich an ökonomischen Entwicklungen orientiert, aber nicht zur Konsumverweigerung führt. Widerständige Praktiken und soziales Engagement der Ultras bündelt Thalheim in der Kernkategorie Heroisierung. In der Schlüsselkategorie fasst er zusammen, wie sich Ultras selbst zur Institutionalisierung verpflichten, um so ihr Selbstbild nach außen zu präsentieren. Seine Ausführungen gipfeln in der Conclusio: „Sinn und Zweck der gesamten sozialen Unternehmung Ultra ist es folglich, eindeutige Selbst- und Fremdbilder zu konstituieren, um mit der gewonnenen Orientierungskraft handlungsfähig selbstgesetzte Ideale opferbereit umzusetzen, um so ein heroisches Erleben zu erzeugen.“ (S. 321)

Diskussion

Sowohl für den sozialwissenschaftlichen Diskurs als auch für die (sozialpädagogische) Fanarbeitspraxis hat Thalheim eine erkenntnisreiche Arbeit vorgelegt. Seine Theoriebezüge zu Ultras als Szenen und seine ethnographische Forschungspraxis fügen sich gut in die „Fußballfanforschung“ ein. Obgleich seine Beobachtungen eher auf die nach außen gerichteten Praktiken der Ultras fokussieren – er beschreibt selbst die Hürden für den Zugang zu den Szenen –, sind die Einblicke, die er insbesondere zu den Reisewegen und zur Situation des Fahnenraubes gewährt, sehr erhellend. Dem Aufbau seiner Arbeit lässt sich sehr gut folgen, die Kapitel sind in sich geschlossen und besonders die ethnographischen Schilderungen der Praktiken sind sehr anschaulich. Thalheim nutzt in seiner Darstellung eine symbolisch aufgeladene Sprache und rekurriert auf Münkler (2015), Begriffe wie Kampf, Opfer, Leben und Tod stechen hervor. Er wählt für seine Darstellungen eine ausschließlich männliche Form der Sprache, wobei offenbleibt, ob es sich hier um die Sprache des Feldes handelt. Geschlechterkonstruktionen werden in dieser Arbeit nicht thematisiert.
Für eine sozialpädagogische Praxis empfiehlt sich weiterführend Thalheims Beitrag in der Zeitschrift für Jugendkriminalrecht und Jugendhilfe (ZJJ) „Ultras – Was hat das noch mit Fußball zu tun?“ (2019). Wünschenswert wären hegemoniekritische Studien, die nach den Emanzipationsleistungen von Ultras und dem Politischen im Widerständigen fragen.

Fazit

Vinzenz Thalheim präsentiert Ergebnisse, die für Wissenschaft und sozialarbeiterische Praxis, aber auch das gesamte Netzwerk rund um die Fußballfanarbeit relevant und übertragbar sind. Seine Erkenntnisse treffen den Kern und bleiben nah an der untersuchten Gruppe, was der ethnographischen Anlage der Studie zu verdanken ist. Die Ergebnisse laden sowohl Wissenschaft als auch Praxis ein, vertieft über die Rolle(n) der Ultras zu diskutieren. Aktuell besondere Relevanz dürfte dabei wohl einerseits das soziale Engagement vieler Gruppen in Zeiten der Covid-19-Pandemie haben, andererseits die Widerständigkeit, mit der um die Zukunft des Fußballs gerungen wird.

Literatur

Goffman, E. (1973). Interaktion: Spaß am Spiel, Rollendistanz. München:Piper.

Goffman, E. (2016). Wir alle spielen Theater: die Selbstdarstellung im Alltag. München; Berlin; Zürich: Piper.

Joas, H. (1992). Die Kreativität des Handelns. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Kathöfer, S. &Kotthaus, J. (2013). Block X – Unter Ultras. Ergebnisse einer Studie über die Lebenswelt Ultra in Westdeutschland. Weinheim und Basel: Beltz Juventa.

Münkler, H. (2015). Kriegssplitter: die Evolution der Gewalt im 20. Und 21. Jahrhundert. Berlin: Rowohlt.

Soeffner, H.-G. (2013). Situation – Information – kommunikative Handlung. In A. Ziemann (Ed.), Offene Ordnung?: Philosophie und Soziologie der Situation (pp.257-279). Wiesbaden: Springer VS.

Strauss, A.L. (1974). Spiegel und Masken: die Suche nach Identität. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Sülzle, A. (2011). Fußball. Frauen. Männlichkeiten: Eine ethnographische Studie im Fanblock. Frankfurt am Main: Campus Verlag.

v. d. Heyde, J. (2018). Doing Gender als Ultra – Doing Ultra als Frau. Weiblichkeitspraxis in der Ultrakultur. Eine Ethnographie. Weinheim und Basel: Beltz Juventa.

Winands, M. (2015). Interaktionen von Fußballfans: Das Spiel am Rande des Spiels. Wiesbaden: Springer VS.

 


Rezension von
Julia Zeyn
M.A. Politikwissenschaft, Referentin Koordinationsstelle Fanprojekte bei der dsj
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Zitiervorschlag
Julia Zeyn. Rezension vom 07.08.2020 zu: Vinzenz Thalheim: Heroische Gemeinschaften. Ich-bin-Räume von Ultras im Fußball. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-6072-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26466.php, Datum des Zugriffs 23.09.2020.


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