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Samuel Strehle: Kollektivierung der Träume

Cover Samuel Strehle: Kollektivierung der Träume. Eine Kulturtheorie der Bilder. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2019. 346 Seiten. ISBN 978-3-95832-172-4. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Mit „Kollektivierung der Träume. Eine Kulturtheorie der Bilder“ legt Samuel Strehle nichts weniger als den Versuch einer „Grundlegung einer allgemeinen ‚Bildsoziologie‘“ (S. 14, Herv. i.O.) vor, die die „Funktion der Bilder im makrosozialen Gesamtprozess der Gesellschaft“ (S. 15) untersucht. Es geht ihm dabei nicht um eine mediensoziologische Analyse, der im öffentlichen Raum zirkulierenden (populären) Bilder, sondern um Bilder als Zugang zu „der Art und Weise, wie Gesellschaften sich zu sich selbst verhalten und wie sie im Medium geteilter Vorstellungen ‚über sich nachdenken‘.“ (S. 16, Herv. i.O.). Im Anschluss an ‚Die Traumdeutung‘ (1899) von Sigmund Freud entwickelt Strehle hier ein Analyseinstrument der soziologischen Traumdeutung, um sich den (materiellen) Bildern und der durch sie geleisteten kollektiven Kulturarbeit zu nähern (vgl. S. 280).

Autor

Samuel Strehle ist gegenwärtig wissenschaftlicher Mitarbeiter des DFG-Schwerpunktprogramms ‚Ästhetische Eigenzeiten‘ am Institut für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er hat Soziologie und Philosophie an der Albert-Ludwig-Universität Freiburg studiert und war Stipendiat des Graduiertenkollegs ‚Das Reale in der Kultur der Moderne‘ an der Universität Konstanz sowie wissenschaftlicher Assistent an der Universität Basel.

Aufbau

Das vorgestellte Forschungsprogramm einer soziologischen Traumdeutung versteht sich als Zusammenführung von Bildtheorie, Kulturtheorie und Psychoanalyse. Diese Verknüpfung spiegelt sich auch im Aufbau des Buches wider, das sich in vier grundlegende Kapitel aufteilt: Bild, Kultur, Traum, Wirklichkeit. In jedem dieser Kapitel umkreist Strehle aus einer konkreten Perspektive das Phänomen der kollektiv geteilten Bilder. Im ersten Teil werden Bilder selbst „als materielle Objekte betrachtet, denen eine dingliche bzw. bildliche Eigenlogik innewohnt“ (S. 19). Der zweite Teil untersucht die Funktion von Bildern im Raum der Kultur und stellt damit eine soziologische Verortung der Arbeit dar. Im dritten Teil werden Bilder durch die Entwicklung einer psychoanalytisch geschulten Soziologie „als psychische Ausdrucksmedien“ (S. 20) verstanden, die „als intersubjektive ‚Resonanzräume‘ für die Entstehung von Sehgemeinschaften fungieren“ (S. 20, Herv. i.O.). Im vierten Teil schließlich findet unter dem Titel Wirklichkeit eine Anwendung am Beispiel von Christopher Nolans Interpretation des Batman-Universums in ‚The Dark Knight‘(2008) statt. Bilder werden hier – dem vorgelegten kulturtheoretischen Entwurf entsprechend – „als Bilder von der Wirklichkeit betrachtet, die immer auch Bilder in der Wirklichkeit sind“ (S. 20, Herv. i.O.).

Inhalt

„Bilder sind die kollektiven Träume der Gesellschaft“ (S. 14, Herv. i.O.). Mit dieser These ist das Anliegen und das Forschungsprogramm der vorliegenden soziologischen Bildtheorie bereits knapp umrissen. Strehle möchte nun mit seiner Bildsoziologie das Desiderat der „Verbindung von Bildtheorie, Psychoanalyse und Soziologie – wie die (gelungene) Verbindung von Psychoanalyse und Soziologie überhaupt“ (S. 15) schließen. Ein ambitionierter Theorieentwurf, der diesen Anspruch eben nicht über die Rezeption und Kritik bestehender Ansätze einlöst, sondern – im Durchgang durch das Buch – seine Bildsoziologie von Grund auf entwickelt. Dies ist deshalb anregend, da Strehle keine Verengung auf einen Bildbegriff vornimmt, sondern zu zeigen versucht, dass alle bildhaften Medien „als Instrumente der kollektiven Auseinandersetzung von Gesellschaften mit sich selbst, das heißt als kollektive ‚Denkmedien‘ zu verstehen [sind].“ (S. 19, Herv. i.O.). Damit wird zwar der konzeptionelle Anspruch einer grundlegenden soziologischen Analyse des Gebrauchs von Bildern in und durch Gesellschaft mehr als deutlich hervorgehoben, gleichzeitig wird die Spezifik bzw. die Unterschiede einzelner bildhaften Medien ausblendet und damit dem Versuch einer allgemeinen bildsoziologischen Theorie untergeordnet.

Am Ausgangspunkt steht die Frage, was nun mit dem Begriff Bild eigentlich beschrieben wird. Hierfür werden die beiden wirkmächtigsten bildtheoretischen Theoriestränge (Repräsentations- und Präsenztheorie) sowie ein dritter, subjektorientierter Ansatz (Wirkungstheorie) diskutiert, um die „Eigenart und Eigenlogik des Bildes als der ontologischen Grundlage dessen, was Menschen überhaupt mit einem Bild machen können“ (S. 277) nachzuvollziehen. So kristallisiert sich die Wirkungstheorie für Strehle, als eine tragfähige Grundlage des weiteren Forschungsanliegens heraus, um die kollektive Kulturarbeit im und am Bild weiterzuverfolgen. Er schreibt: „Sich auf Bilder einzulassen heißt, sich in ihre Welten entführen zu lassen. Darum spreche ich im Folgenden auch von der ‚Entführungstheorie‘ des Bildes und analog dazu von seiner ‚Entführungskraft‘, also der Fähigkeit des Bildes, uns an andere, imaginäre Orte zu versetzen.“ (S. 64, Herv. i.O.).

Bilder sind jedoch nicht nur Kulturprodukte, die uns in fiktive Welten „entführen“ können. Im zweiten Abschnitt rücken deshalb die „kollektiven Gebrauchsweisen der Bilder, also […] die Art und Weise, wie Gesellschaften als ganze mit Bildern umgehen“ (S. 77, Herv. i.O.) in den Fokus. Über das hier entwickelte Konzept der „Imaginationskollektivierung“ (S. 105), das an die Theorie(n) des (sozialen) Imaginären anschließt, gelingt es Vorstellungen, Wünsche und kulturell relevante (Selbst-)Bilder als kollektiv geteilte zu bestimmen. Denn „Imaginationen sind nicht immer schon kollektiv, aber sie können kollektiviert werden, wenn sie sich als materielle, das heißt als überindividuell erfahrbare Bilder in den Gesellschaftsraum hinein ausbreiten.“ (S. 105, Herv. i.O.). Hierin wird die Komposition der ersten beiden Kapitel nachvollziehbar, da sich Imaginationen in materiellen Bildern manifestieren und damit zu einem privilegierten Objekt für eine soziologische Untersuchungen kollektiv geteilter (Vorstellungs-)Bilder avancieren: „Es ist ein Medium imaginärer Vergesellschaftung ebenso wie ein Medium der ‚Entvergesellschaftung‘ im Sinne einer Auflösung sozialer Bindungen und Zugehörigkeiten.“ (S. 114, Herv. i.O.; vgl. auch S. 133).

Die beiden Kapitel stellen damit die systematische Vorarbeit zum Kern des Buches dar: der Kollektivierung der Träume, d.h. der Analyse „der gesellschaftlichen Bilderwelt aus Sicht der psychoanalytischen Traumtheorie.“ (S. 278). Einleitend wird mit einer Rekonstruktion der Freud’schen Traumdeutung ein Instrument der soziologischen Bildanalyse entwickelt, um über den Begriff des gesellschaftlich Unbewussten eine Brücke zur Imaginationskollektivierung zu schlagen. „Die kollektive Faszination für Bilder zeigt, dass sie [die Subjekte einer Sehgemeinschaft respektive Gesellschaft, M. K.] gemeinsam sehen, gemeinsam phantasieren, gemeinsam träumen. Dass sie von bestimmten Bildern massenhaft in Resonanz versetzt werden, während andere weiterhin wirkungslos bleiben, setzt zumindest eine partielle Gemeinsamkeit ihrer Bedürfnisse und Interessen voraus. Dieses Gemeinsame besitzt viele Facetten; eine davon aber ist ganz zweifellos die Dimension des Psychischen, das nicht als isoliertes, rein individuelles Phänomen aufgefasst werden darf, sondern von sich aus bereits eine intersubjektive, kulturelle gesellschaftliche Ebene besitzt.“ (S. 180). Die Analyse kollektiv zirkulierender Bilder wird abschließend „an einem empirischen Beispiel exemplarisch untersucht“ (S. 20) – Einzelbildanalysen aus ‚The Dark Knight‘. So scheint mit den ersten drei Kapitel das eigentliche Anliegen der Formulierung einer Bildsoziologie eingelöst, wobei die eigentliche Analyse durch das Vorführen des entwickelten Verfahrens noch einmal Anwendungsbereich – die zirkulierenden populären Bilder – und Vorgehen einsichtiger machen. Das Hervorheben der Polysemie der Bilder und der damit zusammenhängenden Bedeutung dieses analytischen Vorgehens stechen dabei besonders ins Auge: „So erweisen sich die Bilder als Seismogramme der Gesellschaft – als höchst sensible Anzeiger für untergründige Erschütterungen und krisenhaften Verunsicherungen des Gemeinwesens.“ (S. 272, Herv. i.O.).

Fazit

Samuel Strehle hat mit „Kollektivierung der Träume. Eine Kulturtheorie der Bilder“ einen herausragenden Theorieentwurf zur Untersuchung von kollektiv geteilten Bild- und Vorstellungswelten vorgelegt, die nicht nur detailliert ihre Konzeption in der Verknüpfung unterschiedlichster Theorieelemente ausweist, sondern auch ihre forschungspragmatische Begrenztheit offenlegt (vgl. S. 276). Der zuerst scheinbar formal nur lose verbundene empirische vierte Teil wird in der Lektüre als notwendiges Element der Konzeption verständlich, was die ersten Zweifel an einem scheinbar zweiteiligen Aufbau der Arbeit verwerfen lässt. Strehles Arbeit zeigt damit, dass nicht nur konkrete Bildträger wie der Film, sondern die öffentlich zirkulierendem Bilder innerhalb ihres plurimedialen Zusammenhangs für die Analyse von kollektiv geteilten Vorstellungen von Gesellschaft Beachtung finden müssen: Zwar ließe sich zwischen unterschiedlichen Bildformatierungen unterscheiden, doch verweisen sie in ihrer konkreten sozialen Funktion notwendig aufeinander. „Kollektivierung der Träume“ ist als eine einschlägige Empfehlung für die Bildsoziologie und Bildwissenschaften relevant und m.E. als eine grundlegende Lektüre für jene geeignet, die Interesse an der Erforschung von materiellen und imaginären Bildern der Gesellschaft haben.


Rezension von
Michael Karpf
Kollegiat des DFG-Graduiertenkollegs 2228 "Identität und Erbe", Absolvent der Sozialwissenschaften in Gießen und Gesellschaftstheorie in Jena
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Zitiervorschlag
Michael Karpf. Rezension vom 20.03.2020 zu: Samuel Strehle: Kollektivierung der Träume. Eine Kulturtheorie der Bilder. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2019. ISBN 978-3-95832-172-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26468.php, Datum des Zugriffs 13.07.2020.


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