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Maria Urban, Ulrike Busch u.a. (Hrsg.): Sexuelle Bildung und sexualisierte Gewalt in Schulen

Cover Maria Urban, Ulrike Busch, Harald Stumpe, Heinz-Jürgen Voß, Konrad Weller (Hrsg.): Sexuelle Bildung und sexualisierte Gewalt in Schulen. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2019. 160 Seiten. ISBN 978-3-8379-2908-9. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.

Reihe: Angewandte Sexualwissenschaft.
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Thema

Das Buch von Maria Urban schließt sich dem Diskurs um die Prävention sexualisierter Gewalt im System Schule an. Dabei versteht die* Autor*in Schule als zentrale Sozialisationsinstanz und sieht eine entsprechende Verantwortlichkeit von Schule für die Prävention von sexualisierter Gewalt.

Maria Urban vertritt dabei die Position sexueller Bildung, welche Prävention vor allem dahingehend versteht, Kindern und Jugendlichen eine positive Auseinandersetzung mit Sexualität zu ermöglichen und sie in ihrer sexuellen Selbstbestimmung zu stärken um ein Sprechen über Sexualität und über sexualisierte Gewalt zu ermöglichen.

AutorIn oder HerausgeberIn

Die* Autor*in Maria Urban ist Sozialarbeiter*in, Medien- und Kulturwissenschaftler*in. Das Buch ist als Band 21 der Reihe Angewandte Sexualwissenschaft erschienen, welche vom Institut für Angewandte Sexualwissenschaft der Hochschule Merseburg herausgegeben wird. Die Reihe ist interdisziplinär angelegt und fokussiert auf Verbindungen von Theorie und Praxis.

Entstehungshintergrund

Das Buch stellt die Veröffentlichung der Masterarbeit von Maria Urban dar. Die* Autor*in ist wissenschaftliche Mitarbeiter*in an der Hochschule Merseburg im Forschungsprojekt „Schutz von Kinder und Jugendlichen vor sexueller Traumatisierung“ sowie im Projekt „SeBiLe – Sexuelle Bildung für das Lehramt“. Beide Projekte werden vom BMBF gefördert. Aus der Beteiligung der* Autor*in an beiden Forschungsprojekten leitet die Autor*in ihr Interesse am Thema sowie ihre* methodische Herangehensweise ab (S. 13/89).

Aufbau

Neben der Einleitung kann das Buch in 2 Teile aufgeteilt werden. Im ersten Teil fokussiert die Autor*in in zwei Kapiteln auf den theoretischen Kenntnisstand zu den Themen Sexuelle Bildung in Schulen sowie Schule und sexualisierte Gewalt. Im zweiten Teil des Buches widmet sich die* Autor*in in drei Kapiteln der eigenen empirischen Erhebung bezüglich der Bedarfe und Kompetenzen von Lehrkräften bezüglich sexueller Bildung und Prävention sexualisierter Gewalt. Im abschließenden Kapitel fasst die Autor*in die Ergebnisse zusammen.

  1. Einleitung
  2. Sexuelle Bildung in Schulen – Theoretischer Kenntnisstand
  3. Schule und sexualisierte Gewalt – Theoretischer Kenntnisstand
  4. Einbettung der Studie in das Forschungsfeld
  5. Methodik der empirischen Untersuchung
  6. Auswertung der Untersuchungsergebnisse
  7. Kernaussagen und zentrale Thesen der Auswertung

Inhalt

In der Einleitung führt die* Autor*in ihr* Verständnis bezüglich Prävention sexualisierter Gewalt ein. Demnach soll Prävention sexualisierter Gewalt ganzheitlich sein und nicht nur in Präventionsangeboten für Kinder und Jugendliche bestehen, vielmehr müssen alle Personen aus der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen aktiv werden (S. 10) – respektiv auch alle Lehrkräfte. Dabei bezieht sich die* Autor*in auf das Verhältnis von Schule und Sexueller Bildung, da Sexuelle Bildung Aspekte vereint die eine positive Auseinandersetzung mit der (eigenen) Sexualität sowie ein Sprechen über Sexualität – und damit auch sexualisierter Gewalt – ermöglichen.

Die* Autor*in führt ihre Überlegungen im ersten Teil des Buches über zwei Stränge ein. Der erste Strang im Kapitel 2 widmet sich dem theoretischen Kenntnisstand zur sexuellen Bildung in Schulen. Besonders erhellend ist die Darstellung und Einordnung, dass die Idee eines ganzheitlichen Einbezuges sexualpädagogischer Inhalte im gesamten schulischen Alltag bereits seit den 70ern in der Bundesrepublik Deutschland vorhanden ist (Vrgl. KMK 1968). Des Weiteren zeigt die* Autor*in die Diskrepanz zwischen gesellschaftspolitischem Engagement einzelner Akteur*innen sowie bildungspolitichen Bestrebungen für sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung in Schulen und der tatsächlichen Situation in Bezug auf Lehrkräfte die kaum standardisierte Aus- und Fortbildungsinhalte haben (S. 38).

Im zweiten Strang wird der theoretische Kenntnisstand zu Schule und sexualisierter Gewalt im Kapitel 3 dargestellt, wobei der* Autor*in eine sehr anschauliche Chronologie der „Bewusstwerdung“ sexualisierter Gewalt im Kontext Schule gelingt. Anhand empirischer Ergebnisse verdeutlicht die* Autor*in die Relevanz sexualisierte Gewalt durch die eigene Peergroup, bzw. gleichaltrige Menschen. Dabei legt die* Autor*in dar, dass Schule auch als Ort zu verstehen ist, an dem sexualisierte Gewalt stattfindet – nicht nur durch Schüler*innen, sondern auch durch Lehrer*innen. Dadurch begründet sich ein klarer Interventions- und Präventionsbedarf, der am Lebensraum Schule ansetzt.

Im zweiten Teil des Buches rückt die* Autor*in die Lehrkräfte als zentrale Akteur*innen im Lebensraum Schule in den Vordergrund und fragt danach, ob und wie Lehrkräfte den Bedarfen bezüglich sexueller Bildung sowie Intervention bei und Prävention von sexualisierter Gewalt gerecht werden können. Zur Erhellung des Anliegens bezieht sich die* Autor*in auf Qualitative Interviews mit Lehrkräften, die im Rahmen des vom BMBF geförderten Forschungsprojektes „Schutz von Kinder und Jugendlichen vor sexueller Traumatisierung“ entstanden sind. Im vierten Kapitel bettet die* Autor*in entsprechend die eigene Untersuchung ausführlich in das Gesamt-Forschungsprojekt ein, welches Faktoren analysieren will die dazu beitragen dass Kinder und Jugendliche in ihrer (sexuellen) Selbstbestimmung gefördert und gestärkt werden. Dabei lag der Fokus in deren beschriebenen Projektphase auf den Bedarfen der Fachkräfte (Vrgl. 69f). Nachfolgend stellt die* Autor*in im fünften Kapitel die Methodik für die Generierung und Auswertung der leifadengestützten Interviews mit den Fachkräften dar. Die Auswertung erfolgt im sechsten Kapitel ausführlich anhand zahlreicher Kategorien. In der Auswertung wird deutlich wie die persönlichen Überzeugungen der Lehrkräfte vornehmlich die Begegnung mit dem Thema Sexualität prägen und das „klassische“ Felder von Sexualaufklärung, wie Schwangerschaft und Verhütung, sowie die Bedeutung von „intakter“ Familien – entsprechend einem traditionellem Verständnis von Familie – die Inhalte bilden die den befragten Lehrkräften aufgrund mangelnder Professionalisierung zugänglich sind (S. 105ff). Des Weiteren zeigt sich dass in den Schulen kaum bis gar keine Schutzkonzepte vorhanden sind und (regelmässige) Präventionsangebote nicht oder nur selten stattfinden. Es gibt kaum ein verlässliches und gezieltes Vorgehen bei sexualisierter Gewalt in den Schulen. Präventive Angebote zielen oft einseitig auf die Befähigung der Schüler*innen Grenzverletzungen zu erkennen, wobei wichtige andere Ebenen, wie die Verantwortung der Lehrkräfte selbst sowie der gesamten Institution Schule, ausgelassen werden. Die Lehrkräfte selbst erleben bei sich weitreichende fehlende Kompetenzen, welche mit hoher psychische Belastung bei Verdacht und Unsicherheit im Umgang mit sexualisierte Gewalt einhergeht. Die Lehrkräfte erleben dass die Verantwortung bei ihnen selbst liegt was zu Überforderung wie Vermeidung führt. Die befragten Lehrkräfte berichten aber auch dass neben den mangelnden Zugänglichkeiten zu Angeboten sexueller Bildung sie selbst wenig Ressourcen (zeitlich, persönlich) zur Verfügung stellen wollen und können.

Im nachfolgenden abschließenden Kapitel fasst die Autor*in die Kernaussagen der Interviews sowie zentrale Thesen, die die* Autor*in aus den Aussagen der Lehrkräfte ableitet, übersichtlich in Stichpunkten zusammen und überträgt diese Überlegungen in die Beantwortung der Forschungsfragen und stellt zusammenfassend fest, dass die Uneinheitlichkeit und starke Individualisierung von Prävention wie Intervention dazu führt dass nicht alle Schüler*innen die Unterstützung erhalten die notwendig wäre (S. 143). Als Resümee sieht die* Autor*in in der Ausbildung bezüglich sexueller Bildung der Lehrkräfte nur einen, wenn auch wichtigen Baustein. Vielmehr muss in der Institution Schule ein konzeptioneller Rahmen geschaffen werden, der sexuelle Bildung einbezieht sowie eine Auseinandersetzung mit Risikofaktoren für sexualisierte Gewalt die durch die Institution bedingt und begünstigt werden.

Diskussion

Die zentrale Fragestellung, der in dem Buch nachgegangen wird, richtet sich nicht auf Konzeptionen von Präventionsprojekten, sondern findet im zweiten Teil des Buches einen äußerst praxisrelevanten Zugang, indem sich die* Autor*in darauf fokussiert „welchen Beitrag Lehrkräfte leisten, leisten müssten und aktuell leisten können, um Kinder und Jugendliche im Lebensraum Schule vor sexualisierter Gewalt zu schützen“ (S. 79). Damit setzt die* Autor*in den geforderten sowie notwendigen Präventionsbedarf im Sozialraum Schule in ein Verhältnis zu den tatsächlich bestehenden Fertigkeiten, Fähigkeiten und Ressourcen der Lehrkräfte.

Lehrkräften wird einerseits als Fachpersonen zugesprochen und zugemutet, sich kompetent zum Thema sexualisierter Gewalt zu verhalten, wobei andererseits nicht ersichtlich ist inwiefern Lehrkräfte über ein notwendiges und grundlegendens Wissens- und Handwerkszeugs verfügen um einen professionellen Umgang mit sexualisierter Gewalt überhaupt gewährleisten zu können. Dies entspricht dem im Titel formulierten Widerspruch „zwischen Anspruch und Wirklichkeit“, den die* Autor*in in dem zweiten Teil des Buches treffend herausarbeitet. Die Lehrkräfte begegnen dem Thema Sexualität vor allem im Rahmen persönlicher Überzeugungen, was vor allem auf eine mangelnde Professionalisierung zurückzuführen ist. Diese mangelnde Fachkompetenz spiegelt sich gleichfalls im Umgang mit dem Thema sexualisierter Gewalt. Hier arbeitet Maria Urban differenziert die Leerstellen in der Fachkräfteausbildung von Lehrer*innen heraus und zeigt, dass Schule kaum Räume schafft, in denen sich Lehrkräfte professionalisieren können. Den interviewten Lehrkräften sind Schutzkonzepte oder Präventionsangebote kaum zugänglich und in den Schulen gibt es kaum verlässliches und gezieltes Vorgehen bei sexualisierter Gewalt. Vor allem aber sehen die Lehrkräfte bei sich selbst weitreichende fehlende Kompetenzen mit dem Resultat hoher psychischer Belastungen bei Verdachtsfällen und Unsicherheiten im Umgang gekoppelt an ein stark individualisiertes Handeln. Das dahingehend dem Thema sexualisierte Gewalt adäquat begegnet werden könnte ist zu Lasten der Kinder und Jugendlichen nahezu ausgeschlossen.

Festzuhalten ist, dass es sich bei den 6 interviewten Lehrkräften um eine sehr kleine Stichprobe handelt, deren Aussagen nicht als statistisch repräsentativ gewertet werden dürfen, vor allem da die Hälfte der interviewten Lehrkräfte in Schulen mit dem Förderschwerpunkt Lernen tätig waren. Eine weitere Schwachstelle der Arbeit ist der einseitige Bezug auf den Sekundarschulbereich, der nur randständig transparent gemacht wird und durch die Setzung „Schule“ im Titel irritieren kann. Von daher wäre eine Erweiterung der Thematik auf den Grund- wie Vorschulbereich wünschenswert.

Fazit

Insgesamt leistet Maria Urban mit ihrer* Publikation einen konstruktiven Beitrag zur Verdeutlichung der Notwendigkeit einer festen Verankerung von sexueller Bildung sowie des Themas sexualisierter Gewalt im schulischen Kontext. Die prägnante Darstellung der Diskrepanz zwischen dem von Bildungsinstitutionen vorgegebenen Verständnis sexualisierter Gewalterfahrungen von Kindern und Jugendlichen und den tatsächlichen, deutlich an konkreten, verbindlichen Festlegungen mangelnden institutionellen Gegebenheiten wird durch den Einbezug der Perspektive der Lehrkräfte sehr anschaulich. Das Buch ist insofern insgesamt eine wertvolle und fachliche fundierte Auseinandersetzung mit dem Thema Schule und Prävention sexualisierter Gewalt, die die Belange der Fachkräfte vor Ort stark hervorhebt und dadurch Handlungsbedarfe praxisrelevant sichtbar werden lässt.


Rezension von
Maria Kühn
Bildungsreferent*in, Sexualwissenschaftler*in, Sexualpädagog*in
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Zitiervorschlag
Maria Kühn. Rezension vom 30.04.2020 zu: Maria Urban, Ulrike Busch, Harald Stumpe, Heinz-Jürgen Voß, Konrad Weller (Hrsg.): Sexuelle Bildung und sexualisierte Gewalt in Schulen. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2019. ISBN 978-3-8379-2908-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26470.php, Datum des Zugriffs 26.05.2020.


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ISSN 2190-9245

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