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Thomas Russmann: Psychotherapie bei Erschöpfungs­depression und Burn-out

Cover Thomas Russmann: Positive Psychotherapie bei Erschöpfungsdepression und Burn-out. Handbuch für die klinische Praxis. Hogrefe (Bern) 2019. 186 Seiten. ISBN 978-3-456-85996-5. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 32,50 sFr.
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Thema

Unter dem Stichwort „Positive Psychologie“ werden – wie es Prof. Dr. Willibald Ruch in seinem Geleitwort zum vorliegenden Buch kurz skizziert – „jene Ansätze in der Psychologie und verwandten Disziplinen zusammengefasst, die sich zum Ziel gesetzt haben, das entstandene Ungleichgewicht in der wissenschaftlichen Forschung und Praxis zu korrigieren“ (S. 9); in diesem Konzept steht weniger der in Psychologie und Psychiatrie lange Zeit vornehmlich unternommene Versuch der Linderung von Leiden im Vordergrund; vielmehr geht es um ein Verständnis von psychischer Gesundheit, das ein gelingendes „gutes Leben“ und die Schaffung von Wohlbefinden anstrebt und dies auch mit wissenschaftlichen, empirischen Methoden erforscht (ebd.).

Dem Autor Thomas Russmann erscheint eben diese „Positive Psychologie als die praktisch anwendbare Philosophie des 21. Jahrhunderts“ (S. 11) mit der eine der größten Ursachen für Krankheit und verlorene Produktivität – der Depression – begegnet werden kann; das große Verdienst der Positiven Psychologie sei es, philosophische Weisheiten aus ihrem vertaubten Elfenbeinturm zu befreien und für die Behandlung von Burn-out-Patienten eine Therapie bereitzustellen, die zu Achtsamkeit und zur Auseinandersetzung mit – für die persönliche Identität wichtigen – ethischen Werten anleitet (ebd.).

Das als kompaktes Handbuch konzipierte Buch soll – so der Klappentext – aufzeigen, was Menschen, die an einer Stressfolgeerkrankung leiden am ehesten hilft und was Positive Psychologie, Philosophie und Neurowissenschaften zur Therapie von Depression und Burn-out beitragen können.

Autor

Dr. med. Thomas Russmann studierte Medizin an den Universitäten Freiburg im Breisgau und an der LMU München; seine Promotion legte der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie erfolgreich an der Universität Freiburg im Breisgau vor; als Oberarzt wirkte der Verfasser viele Jahre an unterschiedlichen Schweizer Spezialkliniken zur Burn-out-Behandlung; aktuell ist er am Department Psychiatrie des kantonalen Spitalzentrums Oberwallis in Brig tätig; die aktuelle Publikation ist das Ergebnis einer Projektarbeit im CAS-Studiengang zur Positiven Psychologie der Universität Zürich (s. S. 175).

Aufbau und Inhalt

Thomas Russmann gliedert seinen Text in zwei Hauptteile und 17 – teils kurze, teils mehrfach untergliederte, differenziertere – Kapitel; jedes Hauptkapitel beginnt mit einem sinnstiftenden Zitat und endet mit entsprechenden Literaturangaben.

Erster Teil: Grundlagen, Konzepte, Zusammenhänge und Überlegungen

Zunächst skizziert der Verfasser – mehr als kompakt – Ambivalenzen, die Arbeit in einer modernen Welt bietet; neben der nachvollziehbaren Option, dass Menschen aus Arbeitskontexten schöpferische Kraft und Glück gewinnen können, sind gerade sinnentleerte Arbeitsschritte oder unmenschliche Arbeitsverhältnisse ursächlich für Stress, Burn-out und Depression verantwortlich.

Im anschießenden 2. Kapitel schildert Thomas Russmann Erschöpfungsdepression und Burn-out im Kontext der Ursachen und Symptome, der Phänomenologie und/oder anhand der 12 Stadien/​Phasen des Burn-outs (vom Zwang sich zu beweisen bis zum Burn-out-Syndrom); einen größeren Umfang nimmt dabei der Blick in die neurobiologischen Mechanismen der Erkrankung ein.

Im Weiteren schildert der Autor elementare, klinische Grundlagen von Stress und die Entstehung von Depression; thematisiert werden – in der Regel wieder sehr kurz – u.a. die Wirkungen des Stresshormons Kortisol, die bei depressiven Patientinnen und Patienten feststellbare strukturelle Veränderung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebenrinden-Achse oder die Perspektive von Stress und Angstkonditionierung; gerade diese Passagen wirken hier doch ein wenig stichwortartig und aufzählend.

Auf zwei Seiten fasst Thomas Russmann Die Empfehlungen des Schweizer Expertennetzwerks Burn-out zusammen, bevor er – deutlich vielschichtiger und informativer – Ansätze der Psychotherapie bei Erschöpfungsdepression und Burn-out; neben der kognitiven Verhaltenstherapie, die über den Aufbau positiver Aktivitäten, der Veränderung von Kognitionen und der Veränderung sozialer Fertigkeiten eine verbesserte Affektregulation anstrebt und so letztlich zu größerem Wohlbefinden führen kann, stellt der Verfasser u.a. die Theorie des authentischen Glücks nach Seligman vor; auch wenn der Autor attestiert, dass dieser Zugang nicht unanfechtbar ist, erscheinen die fünf Elemente des in dieser Theorie entwickelten PERMA-Modells:

  1. Positive Emotion – Positives Gefühl
  2. Engagement – In einer Sache aufgehen/Flow
  3. Relationship – Positive Beziehungen
  4. Meaning – Sinn
  5. Achievement – Zielerreichung

geeignet, eine klare Vision des gelingenden Lebens mit den Patientinnen und Patienten zu erarbeiten (vgl. S. 46 f.) und können somit eine Grundlage z.B. der Positiven Psychotherapie sein und/oder entsprechende Impulse für eine auf Grundbedürfnisse-basierte Psychotherapie bieten; insgesamt bietet das 5. Kapitel einen guten Überblick zu aktuellen, innovativen therapeutischen Grundprinzipien in der Behandlung und Begleitung von Stress und Burn-out.

Den ersten Teil beschließen – wieder recht knapp – die beiden Kapitel zu Körperpsychotherapie und Öko-Psychosomatik; gerade die Auswirkungen körperlicher Aktivität oder die heilende Wirkung eines „grünen“, ökologischen Lebensumfeldes hätte doch noch vertiefter thematisiert werden können.

Zweiter Teil: Das sinnbestimmte Leben: Perspektiven, Methoden und Interventionen

Im zweiten Hauptteil stellt Thomas Russmann – wie im Klappentext angekündigt – die bereits aufgezeigten fünf Prinzipien des PERMA-Konzeptes in Verbindung mit der antidepressiven Wirkung von trainierbaren Charakterstärken; im Weiteren wird die Bedeutung von Rhythmus und Achtsamkeit in der Burn-out Behandlung skizziert.

Im Kapitel Hoffnung zitiert der Verfasser zunächst die Definition von guter psychischer Gesundheit (nach dem Oxford Handbook of Psychiatry) und verweist darauf, dass eine der Voraussetzungen für eine gesunde psychische Konstitution der Glaube an sich selbst ist und dass es gelingen sollte, auch andere Menschen zu finden, die an einen glauben.

Dankbarkeit und das Reflektieren über die Vorteile und Wohltaten des eigenen Lebens können ebenso ein höheres Ausmaß an positiven Gefühlen, höherer Lebenszufriedenheit; Vitalität und Optimus erbringen (vgl. S. 93 ff.) wie die positive Emotion der Vergebung; Menschen die vergeben können – so Thomas Russmann – entwickeln weniger ausgeprägte negative Gefühle wie Ärger, Ängste, Depressionen oder Feindseligkeiten und schützen sich so vor Verbitterungen, psychopathischen oder emotional instabilen Störungen (s. S. 89 ff.).

Rhythmus nimmt den anzustrebenden sinnvollen Mittelweg zwischen Arbeit und Nichtstun in den Blick; Thomas Russmann erklärt u.a. kurze Aspekte, die hinsichtlich der Ausgestaltung des Tag-Nacht-Rhythmus zu beachten wären; er thematisiert den Zusammenhang von Schlaf und Kognition und weist auf die Notwendigkeit hin, sich auch einmal zu verweigern oder Tagträumen zu folgen.

Achtsamkeit – so verdeutlicht der Verfasser im Weiteren – stellt eine elementare Perspektive der psychischen Gesundheit dar, die in den fundamentalen Funktionen des Bewusstseins – also Aufmerksamkeit und Metabewusstsein – verwurzelt ist; Achtsamkeit – als eine Art nicht kognitives, nicht urteilendes gegenwartszentriertes Gewahrsein – kann in Gedanken, Gefühlen und Körperempfindungen auftauchen, erkannt und nicht urteilend und bewertend akzeptiert (vgl. S. 108); Thomas Russmann betont den relevanten Zusammenhang zwischen Achtsamkeit im Alltag und einer Burn-out-Problematik; der Autor benennt leicht umsetzbare Übungen, wie Achtsamkeit im Alltag umgesetzt werden kann und skizziert das Konzept einer achtsamkeitsbasierten Kognitiven Therapie.

Das Kapitel Genießen nimmt Grundüberlegungen zur Achtsamkeit auf und betont – wieder ein wenig schlagwortartig – die Wertigkeit des bewussten Genießens, der Entschleunigung und der Wertschätzung von Schönheit und Exzellenz für das menschliche Wohlbefinden.

Flow als „ein angenehmer Zustand der Konzentration auf eine fesselnde Tätigkeit, in dem wir zutiefst versunken sind und sogar Zeit und Raum vergessen“ (S. 121) könnte dem Menschen in einen Zustand des höchsten Glückes versetzen; dieser Idealzustand wäre über selbstbestimmte Achtsamkeit im Tun; eine Reduktion von Aufmerksamkeitsräubern und hohe Arbeitszufriedenheit zu erreichen; im Kontext des zentral wirkenden Lebensbereiches der Arbeit sind im Text dann auch einige Faktoren beschrieben, die Zufriedenheit in der Berufsausübung positiv beeinflussen.

Das Kapitel Sinn versucht – mit Querverweisen auf die menschliche Evolution, eine buddhistische Weltsicht oder die Bedeutung von Spiritualität – die Fragen nach dem individuellen Sinn des Lebens zu diskutieren; trotz der bitteren Feststellung des zitierten israelischen Historikers Yuval Harari, dass aus rein wissenschaftlicher Sicht das menschliche Leben absolut keinen Sinn macht und Menschen das Ergebnis blinder evolutionärer Prozesse sind, die ohne Ziel oder Zweck funktionieren (S. 128 f.) scheint es eben doch so zu sein, dass – so Irvin Yalom von der Stanford-University – jemand, der ein Gefühl für Sinn hat, das Lebens so erfährt, dass es einen Zweck oder eine Funktion erfüllt und übergreifenden Zielen dient, denen sich der einzelnen verschreibt (S 132); das Verstehen der eigenen Identität und eben dieser Sinnhaftigkeit verweist wieder auf das schon skizzierte PERMA-Konzept.

Positive Beziehungen bilden nach Thomas Russmann einen Baustein für Lebenssinn; dementsprechend können Übungen zur Stärkung zwischenmenschlicher Kontakte und der Empathiefähigkeit einen Beitrag zu seelischer Gesundheit leisten; gerade die Fähigkeit Gefühle, Emotionen, Gedanken und Absichten anderer Personen zu erkennen und zu verstehen kann Resilienz fördern, während eine Burn-out-Erkrankung eben dieses verstehende Mitgefühl reduziert oder gar verhindert.

Das Kapitel Zielerreichung beschließt den zweiten Teil der vorliegenden Publikation; auch hier betont der Autor die offensichtliche Verbindung zum PERMA-Konzept in dem er ausführt, dass bei der Zielerreichung (Achievement) eben weniger die das Engagement für eine Tätigkeit sondern vielmehr die Freude über das Erreichte im Vordergrund steht (S. 153); Zielperspektiven, die den eigenen Fähigkeiten entsprechen und mit Unternehmungslust und einer gewissen Hartnäckigkeit verfolgt werden, können – auch, wenn die Zielerreichung stets mit gewissen Mühen und Hindernissen verbunden ist – Stressresistenz erhöhen.

Mit kurzen zusammenfassenden Schlussfolgerungen zur positiven Psychotherapie und einem knappen Nachwort beschließt der Verfasser seine Publikation; der Anhang enthält noch eine Systematik zur Klassifikation von Charakterstärken und eine kurze Übung („drei gute Dinge-Übung“); gerade hier wäre doch die konkrete Umsetzung von vielschichtigen Methoden und Techniken der Positiven Psychotherapie eine bereichernde Option gewesen.

Diskussion

Positive Psychotherapie in Verbindung mit der Behandlung von Depressionen und/oder Burn-out ist sicherlich ein Themenspektrum, das als innovativer Ansatz eine größere Aufmerksamkeit verdient; wie der vorliegende Text zeigt, kann die Verbindung von Psychologie und Philosophie durchaus innovative Zugänge für eine mögliche therapeutische Begleitung und Behandlung betroffener Personen bieten; sehr gut vorstellbar erscheinen viele Gedanken, die im vorliegenden Text skizziert sind, auch im Bereich der Prophylaxe.

Insgesamt betrachtet bietet das Buch von Thomas Russmann einen vielschichtigen Überblick; einige Themen bleiben dabei stichwortartig; in einigen Passagen würde eine vertiefende Diskussion Sinn machen; gerade im Hinblick auf konkreter Techniken und Übungen wäre es im Rahmen einer Erweiterung und/oder Neuauflage des Textes wünschenswert, konkrete Anwendungsperspektiven der Positiven Psychotherapie und/oder des PERMA-Modells zu erhalten.

Positiv hervorzuheben ist, dass das Buch verständlich strukturiert ist und einen gelungenen Überblick/​Einblick in das Konzept der Positiven Psychologie bietet; über Aphorismen, Zitate und/oder dem Bezug zur Belletristik (z.B. wird Michael Ende’s Roman „Momo“ thematisiert) gelingt eine leichte und kurzweilige Lektüre, die Leserinnen und Leser sicher immer wieder zum Reflektieren animiert.

Fazit

Thomas Russmann's Einführung in die Grundlagen der Positiven Psychotherapie vereint bekannte Zugänge zur Behandlung von Stress und Burn-out mit durchaus innovativen bzw. zumindest noch nicht sehr weit verbreiteten Gedanken; der Text ergänzt bekannte Thesen zur Behandlung, Betreuung und Begleitung von Menschen mit einer Erschöpfungsdepression bzw. Burn-out-Problematik um bedenkenswerte, weiter zu denkende Perspektiven.

Wünschenwert wäre, dass dieser gelungene und lesenswerte Einstieg weiterverfolgt wird und – wie erwähnt – um weitere praktische Perspektiven erweitert wird; gerade eine konkrete Beschreibung der Umsetzung des PERMA-Konzeptes in der therapeutisch-beraterischen Praxis könnte für Therapeuten, Sozialarbeitende und/oder Betroffene konkrete Wege aus dieser Erkrankung aufzeigen.


Rezension von
Dipl. Soz.-Päd. Mathias Stübinger
Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Hochschule Coburg, Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit, u.a. in tätig in den Lehrgebieten: Sozialmanagement / Organisationslehre / Praxisanleitung und Soziale Arbeit für Menschen mit Behinderung
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Zitiervorschlag
Mathias Stübinger. Rezension vom 21.08.2020 zu: Thomas Russmann: Positive Psychotherapie bei Erschöpfungsdepression und Burn-out. Handbuch für die klinische Praxis. Hogrefe (Bern) 2019. ISBN 978-3-456-85996-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26471.php, Datum des Zugriffs 23.09.2020.


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