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Lothar Böhnisch: Lebensbewältigung

Cover Lothar Böhnisch: Lebensbewältigung. Ein Konzept für die Soziale Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. 234 Seiten. ISBN 978-3-7799-3878-1. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.

Reihe: Zukünfte.
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Thema

Das Werk befasst sich mit dem Konzept der Lebensbewältigung. Hier sei auf die Rezension der Erstauflage von Prof. Dr. Annemarie Jost verwiesen (https://www.socialnet.de/rezensionen/20843.php).

Autor

Dr. rer. soc. habil. Lothar Böhnisch war bis 2009 Professor für Sozialpädagogik und Sozialisation der Lebensalter an der Technischen Hochschule Dresden. Weiter lehrt er Soziologie an der Freien Universität Bozen/Bolzano.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in vier Teile. Im ersten Teil greift der Autor die psychodynamische Sphäre der Lebensbewältigung auf und geht u.a. auf die Themen innere Hilflosigkeit sowie die Notwendigkeit von Bewältigungsverfahren ein. Der zweite Teil konzentriert sich auf die soziodynamische und gesellschaftliche Sphäre der Lebensbewältigung auf. Eine Vertiefung des theoretischen Bezugsrahmens für die Soziale Arbeit erfolgt in Teil III. Im vierten Teil des Buches wird die sozialpolitische Dimension der Sozialen Arbeit herausgearbeitet.

Inhalt

Inhaltlich weicht das Werk nicht von der Erstauflage ab, sodass auch hier auf die Rezension von Frau Prof. Dr. Jost verwiesen werden kann.

Die einzelnen Teile des Buches führen umfassend in das von Lothar Böhnisch bereits in den 1980er Jahren nach und nach entwickelte Konzept der Lebensbewältigung ein. Unter Einbezug der verschiedenen Themensphären wird die Bedeutung und Notwendigkeit von Lebensbewältigungsstrukturen umfassend herausgearbeitet.

In Teil I wird herausgestellt, dass die Kernfrage in der Interaktion mit KlientInnen nicht ein bloßes „Warum“ bleiben darf, sondern sich sozialpädagogische Interventionen mehr auf das dahinterliegende Bedürfnis konzentrieren müssen. Bewältigungsstrategien werden vor dem Hintergrund der Selbsterhaltung gewählt und weisen gemäß dem Autor genderspezifische Ausprägungen auf.

Innere Hilflosigkeit und die damit einhergehende Handlungsunfähigkeit stellen häufig die Ausgangslage für antisoziales Verhalten dar. Nach Böhnisch zeigen sich Menschen antisozial, wenn sie nicht mehr in der Lage sind, ihr Leben an sozialen Regeln auszurichten und ihren sozialen Pflichten nachzukommen. Das Unrechtsbewusstsein gerät in den Hintergrund. Handlungen werden rein aus Eigeninteresse ausgeführt. Es zeigen sich aggressive oder regressive Haltungen und Verhaltensweisen. Der Selbstbehauptungstrieb tritt als (Lebens-)Bewältigungsstrategie auf.

Das Modell der Lebensbewältigung ist grundsätzlich dreidimensional konzipiert, was in Teil II umfassend herausgearbeitet wird.

Die psychodynamische Dimension des Einzelnen fokussiert sich auf den Verlust an Selbstwert, sozialer Anerkennung und der Erfahrung von Selbstwirksamkeit in kritischen Lebenssituationen und -konstellationen. Des Weiteren wird die Unfähigkeit der Thematisierung innerer Hilflosigkeit sowie der unbedingte Handlungsdrang und das Streben nach Handlungsfähigkeit aufgegriffen. Darauffolgend werden in der Dimension der Sozialdynamik und Interaktion Aspekte diverser Bewältigungskulturen sowie relevante Gruppen, wie Familie, Peers sowie Schul- und Arbeitswelt benannt. Im Rahmen der gesellschaftlichen Dimension werden sozialpolitische Konzepte, Abhängigkeiten, Aneignungsprozesse und Anerkennung subsumiert. Eine Verbindung zur Psychoanalyse stellt Böhnisch beim Verlauf von antisozialen Verhaltensweisen da. Die innere Hilflosigkeit des Klienten bildet dabei das Fundament. Handlungsunfähigkeit und Ohnmacht können nicht thematisiert werden, da dies zu einem weiteren Verlust an Handlungsfähigkeit und Selbstwert führen würde. Diese mangelnde Thematisierung der Hilflosigkeit muss an anderer Stelle kanalisiert werden. Es folgt die Abspaltung.

Diese kann sehr unterschiedliche Formen annehmen. Einerseits kann Abspaltung über Kompensation und Projektion erfolgen. Diese Form der äußeren Abspaltung wird laut Böhnisch vorwiegend von Männern gewählt. Frauen neigen eher zu Autoaggression und Regression, was Böhnisch unter innerer Abspaltung zusammenfasst. Eine weitere Form erfolgt im Gruppenkontext: Durch den Wunsch nach Zugehörigkeit, werden Verhaltensweisen übernommen, auch wenn diese nicht dem eigenen Wertekanon oder dem der Gesamtgesellschaft entsprechen. Böhnisch liefert damit einen Erklärungsansatz für rechtsradikale Tendenzen und Gruppierungen. Die eigenen Gemeinsamkeiten werden hervorgehoben, fremdes wird abgewertet, um den eigenen Selbstwert zu betonen. Weiter können antisoziale Verhaltensweisen auch als Hilferufe interpretiert werden. Das Fordern nach Aufmerksamkeit und der Anteilnahme anderer am Geschehen sind nach Böhnisch mögliche Erklärungsansätze für antisoziale Verhaltensweisen. Inwieweit Klienten diese Interpretationsversuche annehmen bleibt ein zentraler Konflikt bei sozialpädagogischen Interventionen.

In Teil III rückt die Sozialisation des Einzelnen in der modernen Gesellschaft in den Fokus. Äußerer Bewältigungsdruck und die innere Entwicklung stellen eine Herausforderung dar, welche es durch Bewältigungsstrategien zu überwinden gilt. Identitätsbildung im traditionellen Sinne zeige sich in der Gegenwart als zu starr und einschränkend. Bewältigungsdruck ergebe sich v.a. aus den (Post-)Modernisierungstendenzen der Gesellschaft, welche gerade in prekären Bildungslagen kaum jugendkulturelle Entwicklungsspielräume biete. Die Abwertung anderer wird zum Antrieb der Selbsterhaltung.

In Teil IV werden sozialpolitische Themenfelder aufgegriffen und bezugnehmend auf das Konzept der Lebensbewältigung diskutiert. Hierunter fallen u.a. Armut, Sucht und familiale Gewalt. Weiter formuliert Lothar Böhnisch ein Plädoyer für eine sozialpolitisch greifbare Ethik in der Sozialen Arbeit. Hierunter fällt die Frage nach den Lebensbedingungen, welche sowohl biographische als auch gesellschaftliche Bezugspunkte unabdingbar miteinander vereint.

Fazit

Das Buch bietet eine gute und umfassende Einführung in das Konzept der Lebensbewältigung. Die theoretischen Grundlagen werden umfänglich dargestellt und in die konkrete Umsetzung des Konzeptes miteingeflochten. Das Konzept bietet eine hervorragende Orientierungshilfe gerade auch für die Praxis und öffnet den Blick gegenüber den KlientInnen und den von ihnen gezeigten Verhaltensstrukturen und -mustern, welche aus professioneller Sicht zunächst als provokant oder ungeeignet verstanden werden könnten. Auch in der Neuauflage ist das Werk ein großer Gewinn für Theoriekonzepte der mittleren Reichweite.


Rezension von
Jutta Harrer-Amersdorffer
(M.A. Soziale Arbeit), Lehrbeauftragte KU Eichstätt, Fakultät für Soziale Arbeit, PhD Universität Ostrava (CZ)
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Zitiervorschlag
Jutta Harrer-Amersdorffer. Rezension vom 19.02.2020 zu: Lothar Böhnisch: Lebensbewältigung. Ein Konzept für die Soziale Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-7799-3878-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26473.php, Datum des Zugriffs 28.09.2020.


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