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Jan-Werner Müller: Furcht und Freiheit

Cover Jan-Werner Müller: Furcht und Freiheit. Für einen anderen Liberalismus. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2019. 170 Seiten. ISBN 978-3-518-07513-5. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR, CH: 23,50 sFr.

Reihe: Sonderdruck Edition Suhrkamp.
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Thema

Bis vor kurzem schien die Welt der Liberalen noch in Ordnung. Die zentralen liberale Werte, wie die Akzeptanz von Grundrechten, der Schutz von Minderheiten oder das Prinzip der Gewaltenteilung wurden von keiner relevanten politischen Kraft mehr grundsätzlich in Frage gestellt. Das hat sich mit dem weltweiten Siegeszug des Rechtspopulismus geändert.

Jan-Werner Müller sucht in seinem Essay „Furcht und Freiheit“ den Liberalismus im Anschluss an Judith Shklars Aufsatz „Liberalismus der Furcht“ (1989) in der Geschichte des liberalen Denkens nach den historischen Spuren eines „sozialen Liberalismus“. Die in Deutschland weitgehend unbekannte US-amerikanische Theoretikerin hat ihre Vorstellung eines Lebens ohne Furcht und Abhängigkeit immer mit der Existenz eines „starken, liberalen Rechtsstaats“ verbunden, der die elementaren sozialen Rechte der abhängig Beschäftigten garantiert, aber auch durch eine Antidiskriminierungspolitik dem Schutz der Schwachen und Marginalisierten Nachdruck verleiht.

Autor

Jan-Werner Müller, geboren 1970, lehrt seit 2005 Politische Theorie und Ideengeschichte an der Princeton University. Seinen Ansatz einer politischen Ideengeschichte versteht er als Theorie mittlerer Reichweite, die er zwischen den Großtheorien der Gesellschaft und einer vorwiegend empirisch arbeitenden Politikwissenschaft angesiedelt sehen möchte. Er fühlt sich den Arbeiten Tony Judts (S. 170) verpflichtet und damit einem Ansatz, der den historischen und situativen Kontext der politischen Ideenwelt in den Blick rückt, um den Erfordernissen eines pragmatischen Handelns gerecht zu werden.

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Essay basiert auf den umfassenden Vorüberlegungen des Autors zum Liberalismus der 20. Jahrhunderts, die sich insbesondere in seinem Buch „Das demokratische Zeitalter“ (dt. Ausgabe Berlin 2013) und dem Essayband „Was ist Populismus?“ (Berlin 2016) nachzulesen sind. Sein besonderes Interesse galt schon dort der Entwicklungen des Liberalismus in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts und den ordo- bzw. neoliberalen Denkschulen, die nach dem Zusammenbruch der realsozialistischen Staaten Osteuropas Ende der 1980er Jahre dann eine weltweite Resonanz erfuhren.

Aufbau

Einem gängigen Vorurteil zufolge verstellt „zu viel“ Theorie den Blick auf die Realität. In seiner Einleitung („Start: Zwischen Selbstgefälligkeit und Selbstkasteiung“) formuliert Jan-Werner Müller seinen Anspruch, eine Orientierungshilfe in der aktuellen Diskussion über den Liberalismus vorzulegen (S. 21).

  1. Einbahnstraße: Der Essay beginnt mit einem kritischen Rückblick auf die „kurze Geschichte der Gegenwart“. Ausgehend vom Ende des Kalten Krieges 1989/90 kritisiert Müller die „klischeehafte“ Erzählung vom totalen Triumph des Liberalismus.
  2. Schleudertrauma: In diesem Kapitel fragt der Autor nach den Gründen eines liberalen Fortschrittsoptimismus und des antiliberalen„backlash“.
  3. Shklars Karte: Jan -Werner Müller erläutert seine Lesart von Judith Shklars „Liberalismus der Furcht“, die auf eine existenzielle soziale Sicherheit des demokratischen Rechtsstaats abhebt. Erst ein sozialer Rechtsstaat, der diesen Namen verdient, könne ein freies Leben nach eigenen Vorstellungen ermöglichen.
  4. Die Route wird neu berechnet: Die Verfechter einer liberalen Demokratie sollten in den Debatten mit Rechtspopulisten und Liberalismuskritiker ihre demokratietheoretischen Argumente schärfen. In diesem Kapitel untersucht der Autor einige Argumentationsfallen, in die die passionierten „Verteidiger des Liberalismus“ gerne hineintappen.
  5. Schluss, nicht am Ziel: Der Schluss fasst zusammen, was ein „anderer Liberalismus“ im Geiste Shklars an politischen Orientierungen in der aktuellen Debatte anbieten kann.

Inhalt

Start: Zwischen Selbstgefälligkeit und Selbstkasteiung

Viele Liberale würden angesichts einer weltweit ansteigenden Liberalismuskritik zwischen zwei Haltungen schwanken: Sie begegnen ihren Kritikern entweder selbstgefällig etwa mit dem stereotypen Hinweis auf – zumindest im Westen – bestehende Freiheitsräume, die angeblich allen offen stünden oder sie tragen eine Art Selbstzerknirschung zur Schau, die nur allzu bereitwillig die Kritik der Gegners übernimmt (etwa den Vorwurf Liberale hätten sich lange Zeit in der Vertretung „ausgefallener Ansprüche allerlei dauerbeleidigter Minderheiten“ (S. 16) gefallen und dabei die Interessen der weißen Arbeiterklasse schlichtweg ignoriert).

Einbahnstraße

Die Behauptung, dass Francis Fukuyama 1990 den endgültigen Sieg des Liberalismus verkündet habe, hält weder einer Lektüre seines berühmten Buches stand, noch ist die undifferenzierte Erzählung einer triumphalen liberalen Selbstgewissheit nach 1990 sonderlich stimmig. In seinem Rückblick auf diese Epoche treten für den Autor zwei besonderen Spielarten des Liberalismus in den Vordergrund. Zunächst ein „antitotalitärer und primär negativer Liberalismus“, der sich für eine Unterstützung „humanitärer Interventionen gegen diktatorische Regime“ (S. 28) ausspricht. Es sind liberale Intellektuelle, die sich zum Sprecher „eines moralisch motivierten globalen Interventionismus“ (S. 39) machen. Daneben (und mit gewissen Übereinstimmungen) dominiere ein Neoliberalismus, dem es trotz seines libertären Selbstverwirklichungscredos im Kern nicht „um Freiheit“, sondern um die Disziplinierung der Individuen (S. 35) gehe.

Schleudertrauma

Das Kapitel rekapituliert die Kritik am Liberalismus, wie er von Populisten aller Couleur vorgetragen wird. Das Kapitel beginnt mit den gängigen Zerrbildern der liberalen Eliten als „imaginären Volksfeinden“ (S. 47 f.) und beschreibt „drei nicht gerade neue Kritikpunkte am Liberalismus“ (S. 64). Im Endeffekt würden in einer Fundamentalkritik des Liberalismus historisch unterschiedliche Varianten des Liberalismus über einen Kamm geschoren. Unter dem Begriff „universalistischer Liberalismus“ werde den Liberalen heutzutage vorgeworfen eine versteckte „imperialistische Ideologie“ zu vertreten, die die Unterschiede der Nationen und Kulturen „im Namen des abstrakten Ideals der Autonomie einebne.“ (S. 70).

Shklars Karte (S. 71 ff.)

Wie jeder politische Begriff, der eine Geschichte hat, ist auch das Verständnis von Liberalismus umstritten. In ihrem 1989 erschienenen Aufsatz „Liberalismus der Furcht“ hatte Shklar ihre Grundthese dargelegt, wonach der Weg des Liberalismus in den westlichen Staaten nach dem Ende des Kalten Krieges maßgeblich von zwei sehr unterschiedlichen theoretisch-politischen Strömungen des Liberalismus abhing: „dem Bildungs- oder Selbstvervollkommnungsliberalismus auf der einen und dem Liberalismus der Rechte auf der anderen Seite.“ (S. 71).

  • Liberalismus als Bildungsideal und Liberalismus der Rechte

Der „Liberalismus der Selbstvervollkommnung“ wurde „von Humboldt und dem von ihm zutiefst beinflusste(n) Mill“, aber auch von Tocqueville als lebenslange Arbeit am eigenen Charakter definiert. Humboldt und Tocqueville waren zutiefst von einer möglichen Schwächung der Selbstentfaltung „starker Individualitäten“ durch die Demokratie beunruhigt. Diesen elitären Geruch der Abgrenzung „nach unten“ wird der Liberalismus auch in den 1920er Jahren dann nicht los, als er sich stärker gegenüber dem Gedanken einer sozialen Demokratie öffnete. Die unteren Schichten sollen ihre Befähigung nachweisen, um mitreden zu dürfen. Demgegenüber vertrete Shklar einen Liberalismus der sozialen Rechte, der sich von den „starken Idealen individueller Autonomie“ (S. 83) frei macht und die Ansprüche eines Sozial-und Rechtsstaat herausstellt, der durch seine Interventionen erst eine individuelle Gestaltung des Lebens ermögliche.

  • Eine liberale Theorie aus der Sicht einer Geflüchteten

Judith Shklar wurde 1928 in Riga als Judita Nissen geboren (ihre Eltern waren Juden, ihre Muttersprache war Deutsch). 1939 floh sie mit ihrer Familie über Schweden in die USA und landete zusammen mit ihren Eltern als illegale Einwanderer in der Internierungshaft in Seattle. Später war sie die erste Frau auf einem politikwissenschaftlichen Lehrstuhl in Harvard, den sie bis zu ihrer Emeritierung innehatte (1992 ist sie verstorben). Die spezifische Erfahrung als Geflüchtete erklärt u.a. ihr Misstrauen gegenüber einem selbstgewissen antitotalitären Liberalismus der Nachkriegszeit, der glaubte, die richtigen Lehren aus den Schrecken des Totalitarismus gezogen zu haben. Aber auch die Vorbehalte gegenüber den „gemeinschaftsseligen Argumenten“ (S. 85) der Kommunitaristen, wie sie in den USA vor allem in den Debatten der achtziger Jahren vertreten wurden. Sie entdeckte für sich in Montaigne und Montesquieu zwei wahlverwandte Geister, die vor dem Hintergrund der brutalen Religionskriege ihrer Epoche mit der moralischen Abrüstung des Staates, der „seinen Bürgern keine Vorschriften über Sinn und Seelenheil“ (S. 88) ernst machen wollten und den Rechtsstaat vor allem als Schutz der Schwachen vor den Mächtigen verstanden: „Nur effektive Gewaltenteilung und eine weite Streuung von Macht könnte das Schlimmste, das summum malum der Grausamkeit verhindern.“ (S. 88). Die Furcht vor Grausamkeit sei auch einer der Gründe dafür, dass Menschen einander überhaupt Grausamkeiten antäten. Man müsse sich vor einer Gesellschaft furchtsamer Menschen fürchten, so Shklar, die damit eine berühmte Sentenz aus Montaignes Essays variierte: „Was ich am meisten fürchte, ist die Furcht“.  An einem zentralen Punkt seines Essays erläutert Jan-Werner Müller, dass Shklars „Liberalismus der Furcht“ und ihr Hinweis auf die „moralische Rolle des kollektiven Erinnerns“ (S. 90) in den 1990er Jahren als Aufforderung gelesen wurde, unter dem Imperativ des „Nie wieder!“ Kriege mitzutragen. Eine auf „offensichtliche Lektionen der Geschichte fixierte Lesart“ tue Shklars Denken allerdings „unrecht.“ (S. 91) Historisch sensibel zu bleiben, bedeute für sie nicht, dass sich aus Narrativen sogleich evidente Schlussfolgerungen ergeben würden oder „zwingend konkrete Handlungsanleitungen“ (S 92). Erfahrungen von Grausamkeit sind nicht immer offensichtlich, vor allem aber wandeln die sich historisch. Auch heute, wo Stimmen von Minderheiten „vielleicht öfter durchdringen“, blieben jedoch die „penetranten Minderheiten“ immer noch „strukturell verletzlicher, als viele Mitglieder der vermeintlich viktimisierten Mehrheit sich das vorstellen können“ (S. 99).

  • Die opferzentrierte Perspektive

Narrative des Leidens können nicht auf kognitive Einsichten verzichten. Furcht und ihre „dichten Beschreibungen“ in literarischen Erzählungen, Reiseberichten oder ethnographischen bzw. soziologischen Darstellungen stehen am Anfang, nicht am Ende politischer Diskussionen (S. 95) Der Imperativ, erst einmal Opfern zuzuhören, gerate (so Müller) schnell in Verdacht in einen „Befindlichkeitsjargon“ abzugleiten. Aber es gelte vielmehr zu begreifen, dass „starke Gefühle“ des Unrechts Hinweise auf Diskriminierungserfahrungen sein können, die „eigentlich bereits geteilte Werte“ (S. 96) verletzten. Mit Verweis auf Hannah Arendt betont Jan-Werner Müller, dass Schmerzerfahrungen erst politisch würden, wenn man „unter Bezugnahme auf geteilte politische Prinzipien“ (S. 96) über sie rede. Vor diesem Hintergrund sei es problematisch, wenn Shklar ihren Liberalismus auf so etwas wie „völlig >unmittelbare< Erfahrungen politisch verursachten Leids“ (S. 96) gründe. Anders gesagt: es gehe „um Erkenntnis und nicht nur um Empathie“ damit „empirisch-kausale Perspektiven ihren Platz (in der Analyse, der Verf.) finden.“ (S. 97). Heute bestünde die Gefahr in den westlichen Gesellschaften nicht im Überwachungsstaat, sondern eher in einem Disziplinierungsregime, das „von der angeblich freien Marktwirtschaft“ (S. 97) ausgeübt würde. Das zeigten die US-amerikanischen Studien Elizabeth Andersons zu den abhängig Beschäftigten in den USA, „von der traditionellen Industrien bis hin zu den Amazon-Lageristen und Gig-Workern.“ (S. 101).

Die Route wird neu berechnet (S. 103 ff.)

Im Folgenden fasse ich Müllers Positionen eines „anderen Liberalismus“ zusammen, der „im Geiste von Shklars Denken“ (S. 103) in unsicheren Zeiten die „Route“ eines Liberalismus der Rechte „neu berechnet“.

  • Dialog mit Rechtspopulismus?

Er beginnt mit einem Fehler, der von Liberalen in der aktuellen politischen Auseinandersetzungen mit dem Rechtspopulismus immer wieder gemacht werde: einem Schwanken zwischen „falscher Ausgrenzung“ auf der einen und einer „falschen Dialogbereitschaft“ auf der andern Seite. Die im Geiste Shklars geforderte Bereitschaft zum Zuhören bedeutet für Müller nicht, dass man das „Framing“, d.h. die Deutungsraster (S. 103) der Populisten übernimmt, weder ihre Inhalte noch die Art, wie Populisten über Probleme reden. Die „rote Linien“ seien dort zu ziehen, wo Rechtspopulisten suggerierten, dass es Menschen in unserer Gesellschaft gebe, die nicht wirklich dazugehörten, bestenfalls zu „Bürgern zweiter Klasse“ erklärt werden.

  • Identitätspolitik

Ein zweites Feld, in dem Linksliberale nach Meinung des Autors gerne in die Argumentationsfallen ihrer Kritiker tappen, ist das verminte Gelände der Identitätspolitik (identity politics). Eine häufig geäußerte Liberalismuskritik wirft Liberalen und Linken bekanntlich gerne vor ihre „überdrehte identity politics habe rechte Identitätspolitik provoziert (oder zumindest ermöglicht).“ (S. 110/111). Es geht um die angeblich übertriebene Berücksichtigung von „Sonderinteressen von Minderheiten (zu denen skurrilerweise auch immer Frauen gerechnet werden)“ (S. 111). Müller antwortet darauf mit Hannah Arendts Bemerkung, wer Minderheiten vorwerfe, „sie würden ja immer nur narzisstisch von sich reden“, meint in Wahrheit, sie dürften im Grunde „noch nicht einmal über ihr Stigma sprechen“ (S. 112). Eine Verteidigung, die sich „sofort ins Allgemeine zurückzieht, lasse es so gar nicht zu, besondere Umstände und Gründe eines Unrechts zu erkennen.“ (S. 112). Aber nur so könnten „strukturelle Gründe für Diskriminierung“ identifiziert und etwaige Lücken im Recht geschlossen werden. Es gehe also nicht um „allerlei feinste Verästelungen von Identität“, sondern um die strukturellen „Überschneidungen verschiedener Formen von Diskriminierung“ (S. 112). Das Ziel von Gruppen, die um ihre rechtliche Anerkennung kämpfen, bestehe darin, „Prinzipien wie Freiheit und Gleichheit, die schon geteilt werden, besser zu verwirklichen, und nicht darum, sie im Namen des Partikularen zu unterlaufen.“ (S. 115). Für einen „Liberalismus der Rechte“ bedeute das, dass die „Anerkennung der besonderen Umstände, an die die von allen geteilten Prinzipien immer wieder angepasst werden müssten.“ (S. 116). Und schon immer war es so, dass „erfolgreiche Kämpfe für Gerechtigkeit immer auch »identitätspolitisch« angelegt waren.“(S. 116), wie schon ein oberflächlicher Blick auf die Arbeiterbewegung zeige.

  • Politik der Mitte

Eine weitere Argumentationsfigur der Entpolitisierung bestehe darin, „Liberalismus“ immer und in jeder Situation als Politik der „Mitte und Mäßigung“ (S. 118) zu definieren. In der Abgrenzung gegen die Extreme von links und rechts reklamiert man für sich die Mitte als Position der Vernunft und den „Dritten Weg“ als „eigentlich alternativlos“ (S. 118). Eine „weitere Entpolitisierungsstrategie“ bestehe darin, sich auf eine „primär psychologisches Verständnis von Liberalismus zurückzuziehen“. Er räumt ein, dass „geschickte Deeskalationsstrategien, Takt und richtiger Ton“ könnten im demokratischen Streit auch durchaus „hilfreich sein“. Die Vorstellung jedoch, die Mitte sei „unter allen Umständen golden“ sei insofern irreführend, als man sich damit offensichtlich von der Positionierung anderer abhängig mache. Ein „gesundes Maß Skepsis gegenüber den eigenen Überzeugungen“ (S. 120) seien zweifellos lobenswerte Fähigkeiten, aber sie ersetzten „kein politisches Programm, das überhaupt erst einmal Orientierung schafft und die Leitlinien bei Verhandlungen bilden.“ (S. 120).

  • Die falschen Freunde des Liberalismus

Dann kommt der Autor auf die „falschen Freunde des Liberalismus zu sprechen“, zu denen auch liberale Parteien und Strömungen gehören, die als passionierte Verteidiger des Liberalismus auftreten, aber gegenüber den Ansprüchen anderer die Vorstellungen eines „Wohlstandschauvinismus“ (S. 120) vertreten. Eine andere Variante des Liberalismus tendiert dazu, „die vermeintlich minder Befähigten“ (S. 120) auszuschließen. In der „neoliberale Variante werden „liberale Ideen nicht nur als Ausgrenzungskriterien (beispielsweise gegenüber den Flüchtlingen und Einwanderern)“ verwendet, wo illiberale „Gesinnung als Befähigungsbarriere“ für die kulturelle Integration aufgebaut wird. Liberale Werte mittels „Disziplinierungsmaßnahmen“ (S. 120) durchzusetzen sei für den Neoliberalismus kein Widerspruch. Wer es ernst mit der „Umsetzung liberaler Werte“ meine, sollte hingegen im „Zweifelsfall auch einmal Spielraum lassen für ihr Wachstum in verschiedenen Kontexten und dafür, dass sie (die liberalen Ideen, d. Verf.) mit der Zeit an Attraktivität gewinnen.“ (S. 121)

  • „Illiberale Demokratie“ und die europäischen Werte

Neben den „falschen Freunden“ der Demokratie gibt es auch die „Falschmünzer“. Sie vertreten eine „identitäre“ oder „illiberale“ Version der „Demokratie“. Es gibt aber keine Demokratie mehr, wenn bestimmte Bürgerinnen und Bürger als Menschen „zweiter Klasse“ ausgeschlossen werden. Kurz: eine Demokratie ohne Rechtsstaat und liberale Grundrechte ist keine Demokratie mehr, wenn der effektive juristische Schutz einer freien „Infrastruktur der Willensbildung“ (vgl. S. 133) wegfällt. Deshalb gebe es, so Müller, in der EU mit Staaten wie Polen und Ungarn nicht nur ein Problem mit dem Rechtsstaat, wie EU-Institutionen meinen, sondern auch ein Problem mit der Demokratie.

  • Sicherheit gegen Freiheit? Falsche Alternativen

Zuletzt wendet sich Müller politischen Kommentatoren zu, die die „Sicherheit“ gerne gegen die „Freiheit“ auszuspielen. Eine moralisch sensible Orientierung an den Erzählungen der Furcht ersetze nicht die Beurteilung der kognitiven Voraussetzungen der Gefühle der Furcht. Inwiefern Furcht berechtigt ist muss jedoch immer zunächst anhand der Gründe von Furcht – und nicht zuletzt: von Fakten – debattiert und idealerweise demokratisch entschieden werden.“ (S. 138).

  • Ein Liberalismus ohne ethische Ideale

Der Staat, wie ihn Müllers „Liberalismus der Rechte“ versteht, gibt kein Lebensideal vor: das ist seine Stärke und Schwäche zugleich. Er lebt dabei durchaus von anspruchsvollen Voraussetzungen, einem moralisch-politischen Konsens der Bürgerschaft, die die Verfahren und Institutionen der Demokratie respektiert. Das demokratische Verfassungsverständnis des „Liberalismus der Rechte“ ermögliche so gesehen größere Spielräume für individuelle Lebensentwürfe und kollektive Lebensformen als jede andere Regierungsform (vgl. S. 142). Das bedeute eben auch eine Unsicherheit, die man aushalten müsse und nicht dadurch beseitigen könne, dass man ein „Höchstes Gut“ (Müller, S. 142) oder eine Zivilreligion proklamiert, die diese Leerstelle ausfüllen soll.

Schluss, nicht am Ziel

In seinem Schlusskapitel betont der Autor, dass der „Liberalismus der Rechte“ an eine institutionelle Ordnung und eine radikaldemokratisch Haltung gebunden bleibt. Ohne demokratische Verfassung gibt es keinen vernünftigen Streit über die Ausgestaltung von Rechten und Institutionen. Zweitens, Demokratie braucht eine „wachsame Staatsbürgerschaft“ (Shklar), die bereit ist, die Ansprüche und Forderungen von Minderheiten anzuhören und zu prüfen. Dabei sieht ein zeitgemäßer Liberalismus nicht in erster Linie im Staat den „potenziell mächtigsten Unterdrücker“ (S. 150), obwohl es weiterhin ein „fortgeschrittener Überwachungsautoritarismus“ des Staates gebe, der „heute in China perfektioniert“ (S. 151) werde. Die Hauptbedrohung der Freiheit gehe eher vom „privaten Regieren der Wirtschaft“ (Elizabeth Anderson) aus, die heute eine „eigene Art von Furcht“ (S. 151) verbreite.

Diskussion

Der negative Begriff von Freiheit

Keine Freiheit ohne ein Minimum von Solidarität – das ist die Pointe des„anderem Liberalismus“. Es bleiben allerdings Zweifel angesichts Shklars negativer Anthropologie. Ist die Vermeidung des „summum malum“ (des größte Übels) als Begründung für eine Demokratietheorie wirklich geeignet? Eine „furchtvermeidende Gesellschaft“ kann auch, wie Müller selbst einräumt, im Sinne einer „bürgerliche Besitzstandswahrung“ oder eines „humanitären Interventionismus“ interpretiert werden (vgl. S. 26, 27). In diesem Sinn hat Seyla Benhabib in ihrem gleichnamigen Aufsatz zu Judith Shklars „dystopischem Liberalismus“ kritisch angemerkt, dass diese Position der „menschlichen Verletzbarkeit“ eine eher pessimistische Lesart der menschlichen Freiheit nahelegt. Sie kritisiert, dass Shklar zu wenig Spielraum für weitergehende politische Möglichkeiten lasse, und fragt, ob sich eine eine liberalen Gerechtigkeitstheorie nicht besser ohne starke anthropologische Annahmen mit dem Begriff einer egalitären Freiheit begründen lasse.

Die Wiederbelebung der Idee einer sozialen Demokratie

Müllers „anderer Liberalismus“ ist Tony Judt Idee einer „social democracy of fear“ verpflichtet (vgl. S. 170). Diese Idee geht nicht, wie gängige liberale Theorien das häufig tun, von einem grundsätzliches Dilemma zwischen Freiheit und Gleichheit aus, als würde die Forderung nach mehr Gleichheit in einer Gesellschaft immer auf Kosten der Freiheit des Einzelnen gehen. Dagegen verbürgt im Rechtsverständnis der „social democracy of fear“ (Tony Judt) gerade der allgemeinen Gleichheitssatz erst die Freiheit eines jeden und einer jeden. Man braucht allerdings schon sehr viel politische Phantasie sich eine reanimierte Sozialdemokratie vorzustellen, die im Sinne Müllers die Herausforderungen der „oligarchischen Formen des Rentierkapitalismus“ und der „Macht der Finanzmärkte und der transnationalen Unternehmen“ (S. 151) annimmt und dabei nicht davor zurückscheut, in die kapitalistische Besitzordnung einzugreifen.

Fazit

Der ideengeschichtlich angelegte Essay Jan-Werner Müllers bietet nicht nur einen historischen Einblick in die Bandbreite unterschiedlicher liberaler Denkhaltungen im „bürgerlichen“ 19. und „extremen“ 20. Jahrhundert, er versucht auch den sozialliberalen Ansatz Judith Shklars für die Gegenwart produktiv zu machen. Er schlägt vor, die bestehenden deliberativen Elementen einer repräsentativen Demokratie so zu nutzen, dass dem praktischen Imperativ sozialer Gleichbehandlung von Individuen und Gruppen stärker Geltung verschafft wird. Das würde bedeuten, dass ein sozialer Liberalismus aufhört, die freie Wirtschaft als einen „heiligen Tempelbezirk“ zu betrachten, in den die Politik nicht hineinregieren sollte.


Rezension von
Peter Flick
Lehrer, unterrichtet die Fächer Sozialwissenschaften, Praktische Philosophie und Deutsch
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Zitiervorschlag
Peter Flick. Rezension vom 13.02.2020 zu: Jan-Werner Müller: Furcht und Freiheit. Für einen anderen Liberalismus. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2019. ISBN 978-3-518-07513-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26475.php, Datum des Zugriffs 03.04.2020.


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ISSN 2190-9245

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