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Reinhard Markowetz: Schüler mit Autismus-Spektrum-Störung

Cover Reinhard Markowetz: Schüler mit Autismus-Spektrum-Störung im inklusiven Unterricht. Praxistipps für Lehrkräfte. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2020. 55 Seiten. ISBN 978-3-497-02944-0. D: 21,90 EUR, A: 22,60 EUR.

Reihe: Inklusiver Unterricht kompakt.
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Thema

Die Anzahl an Kindern mit der Diagnose Autismus hat in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen. Diese Kinder in einem Unterricht zu „inkludieren“ ist für Lehrkräfte stets eine besondere Herausforderung. Um diesen Prozess zu unterstützen hat Reinhard Markowetz ein Buch zum Thema „Schüler mit Autismus-Spektrum-Störung im inklusiven Unterricht“ verfasst, das sich an LehrerInnen an Regelschulen (Grundschulen und Sekundarstufe I) richtet. Laut Klappentext bietet diese Praxishilfe „die Basics, die Lehrkräfte brauchen, wenn sie SchülerInnen mit Autismus-Spektrum-Störung unterrichten: gezielte, aber knappe Infos zu Erscheinungsformen von Autismus und Auswirkungen auf das Verhalten, Praxishilfen zur Förderplanung und Unterrichtsgestaltung sowie Anregungen zur Zusammenarbeit mit anderen Fachkräften und Eltern. Damit sind LehrerInnen für den inklusiven Unterricht gut gerüstet!“

Autor

Reinhard Markowetz ist seit dem WS 2011–12 Universitätsprofessor für Sonderpädagogik und Ordinarius für Pädagogik bei geistiger Behinderung und Pädagogik bei Verhaltensstörungen an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er ist ERASMUS-Beauftragter für das Department Pädagogik und Rehabilitation und Mitglied der Ethikkommission der Fakultät 11 an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Entstehungshintergrund

Dieses Buch wurde verfasst für die Reihe „Inklusiver Unterricht kompakt“ des Reinhardt-Verlages in dem bislang bereits der Band „Schüler mit herausforderndem Verhalten im inklusiven Unterricht“ von Petra Breuer Küppers und Anna-Maria Hintz erschienen ist.

Aufbau

Die vorliegenden 62 Seiten im DIN A4 Format sind übersichtlich aufgebaut. Sie bieten in der Randleiste Stichworte für den guten Überblick, sowie Symbole, die verweisen auf Online-Zusatzmaterial, Empfehlungen, Merke! Und weiterführende Informationen.

Die einzelnen Kapitel werden eingeleitet durch einen Überblick über die Inhalte des Kapitels und abgeschlossen durch eine kurze Zusammenfassung.

Inhalt

Das 1. Kapitel befasst sich mit der Definition und den Erscheinungsformen der Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) und geht ein auf Prävalenz und Diagnostik, Auswirkungen von ASS auf das Verhalten, sowie auf die Perspektive der Betroffenen und das dahinterstehende Menschenbild.

Das 2. Kapitel geht ein auf den Förderschwerpunkt Autismus und Beschulung von Kindern mit ASS, beleuchtet die speziellen Herausforderungen in der Unterrichtspraxis und im Schulleben. Ausführlich werden Handlungsempfehlungen und autismussensible Fördermaßnahmen dargestellt, ergänzt um Hinweise zum Nachteilsausgleich, zur Förderdiagnostik und Förderplanung.

Das 3. Kapitel verweist auf die Bedeutung der Kooperation mit Fachkräften und Eltern, ohne die eine Beschulung nicht erfolgreich sein kann.

Abgeschlossen wird das Buch mit einer Aufstellung weiterführender Literatur und einem Glossar.

Diskussion

Dieses Buch verspricht in seinem Klappentext Lehrer*innen für den inklusiven Unterricht mit autistischen Schüler*innen gut zu rüsten. Dies muss nach der Lektüre in Frage gestellt werden, da es in Teilen zwar auf inklusiven Unterricht eingeht, dabei jedoch zu unspezifisch für die Situation von Schüler*innen mit Autismus ist, zum anderen, weil das Buch zahlreiche Fehler und Unzulänglichkeiten aufweist, auf die ich hier eingehen will:

Auf Seite 9 ist eine Abbildung überschrieben mit Autismus-Spektrum-Störung. Im ICD 10, auf das die Abbildung sich bezieht, steht aber als Überschrift „tiefgreifende Entwicklungsstörungen“. ASS gibt es im ICD 10 noch nicht. Außerdem vermittelt die Fußleiste der Abbildung den Eindruck, dass sie den darüberstehenden Inhalten zugeordnet werden soll, was nicht der Fall ist.

Ungereimtheiten mit den Zahlen finden wir auf Seite 10 f. Hier steht: 10 Menschen von 10000 haben eine ASS, also 1 %, was rechnerisch nicht stimmt. Ein unzulänglicher Umgang befindet sich hier auch in der Tab 1. Hier werden Häufigkeiten aufgezählt. Addiert man die Minimalzahlen, so kommt man auf 943 000 in einer Gesamtbevölkerung von 83 Mio in Deutschland, bei den Maximalzahlen auf 1,2 Mio Betroffene. Im Text steht aber 400000 bis 800000 Betroffene.

In einer Tabelle auf Seite 14 werden Ansätze und Theorien zur Erklärung der Entstehung von ASS dargestellt. Es gibt zahlreiche Aussagen dazu, mal ernsthafte, bis hin zu „Verschwörungstheorien“ (Masernimpfung). In der Fachliteratur besteht heute „Konsens darüber, dass dem frühkindlichen Autismus bzw. den ASS neurobiologische Ursachen zugrunde gelegt werden müssen“ (S. 13). In der folgenden Tabelle werden jedoch Psychosoziale Ansätze erwähnt, die an die „Kühlschrankmutter“ erinnern, die zum Glück überwunden ist.

Eine weitere Tabelle Seite 15 und auch der Text vermitteln den Eindruck, dass Exekutive Funktionen, Zentrale Kohärenz und Theorie of Mind „Wahrnehmungsstörungen“ sind, was sicher keine genügende, wenn nicht gar eine falsche Erklärung, für diese neuropsychische Problematik ist.

Auch auf Seite 21f finden wir einen Zahlendreher: im Text heißt es, dass zwei Drittel eine Regelschule besuchen, ein Drittel eine Förderschule, die Tabelle auf Seite 22 zeigt es anders.

Inhaltlich fragwürdig ist auch die Ergänzung der Prävalenzrate auf Seite 22 um Schüler mit „autistischen Zügen“. Diesen Begriff gibt es in der Diagnose von ASS nicht.

Auch die folgende Aussage auf Seite 35 ist fachlich nicht zu akzeptieren: „Eine Störung aus dem autistischen Spektrum lässt sich nicht heilen. Selbst intensive therapeutische Maßnahmen erweisen sich oft als Sackgasse und führen nicht zur erhofften Genesung“. Es stimmt, dass ASS zurzeit nicht heilbar ist, weshalb auch keine seriöse Therapie gibt, die sich eine Genesung erhofft. Es geht lediglich um Hilfen im Alltag.

Fachlich auch nicht korrekt ist auf Seite 37 der Satz „aus dem sogenannten Autismus-Spektrum, z.B. Rett-Syndrom oder Prader-Willi-Syndrom“ … Diese Syndrome gehören nicht zum Autismus-Spektrum. Das Rett-Syndrom gehört im ICD 10 wie der Autismus mit zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen, im ICD 11, in dem es ja erst die ASS gibt, ist das Rett-Syndrom anders zugeordnet.

Zuletzt noch eine Anmerkung zum „individuellen autistischen Sein“. Der Autor zeigt große Sympathie für die Einschätzung des „Autismus als neurologische Variation eine Form menschlichen Seins“ (S 18) und begründet damit sein Plädoyer für eine „positive Pädagogik“. Bei den Besonderheiten und Verhaltensweisen von Schülern mit ASS (S 26) ist aber ausschließlich eine Negativliste zu finden. Den Begriff Ressourcen habe ich das erste Mal im Zusammenhang mit der Förderplanung auf Seite 45 gefunden, wobei dieses Kapitel wenig autismusspezifisch ist.

Fazit

Hier sollte jetzt eigentlich eine Empfehlung kommen, die dem Buch möglichst viele Leser*innen wünscht. Die kann ich aber nicht ausgeben, da meines Erachtens LehrerInnen nicht gut gerüstet sind für den inklusiven Unterricht, wenn sie dieses Buch gelesen haben – wie es der Klappentext verspricht. Zum einen, weil es vermessen ist, dies nach der Lektüre eines Buches zu erwarten, zum anderen, weil es nur in Ansätzen die Probleme autistischer Kinder und Jugendlichen erfasst.

Fraglich ist auch, warum dem Reinhardt Verlag die genannten Fehler und Unzulänglichkeiten nicht aufgefallen sind.


Rezension von
Dr. Richard Hammer
Dipl. Motologe
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Zitiervorschlag
Richard Hammer. Rezension vom 03.07.2020 zu: Reinhard Markowetz: Schüler mit Autismus-Spektrum-Störung im inklusiven Unterricht. Praxistipps für Lehrkräfte. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2020. ISBN 978-3-497-02944-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26480.php, Datum des Zugriffs 27.11.2020.


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