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Janina Henkes, Maximilian Hugendubel u.a. (Hrsg.): Ordnung(en) der Arbeit

Cover Janina Henkes, Maximilian Hugendubel, Christina Meyn, Christofer Schmidt (Hrsg.): Ordnung(en) der Arbeit. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2019. 300 Seiten. ISBN 978-3-89691-266-4. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR.
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Die Herausgeber*innen

Janina Henkes ist nach Studien der Literaturwissenschaften und der European Women Studies u.a. als Journalistin, Referentin für Hochschulpolitik der GEW, freie Dozentin und Lektorin tätig. Forscht u.a. zu Subjektivationen im Zusammenhang mit populären Medien, insbesondere journalistischen Texten.

Maximilian Hugendubel, Masterstudium in politischer Theorie in Frankfurt/M. und Toronto, danach Promovend am HBS-Promotionskolleg „Die Arbeit und ihre Subjekte“ an der Universität Duisburg-Essen. Forscht u.a. zu Arbeitsdiskursen in Plenardebatten des deutschen Bundestages.

Christina Meyn, Soziologie- und Psychologiestudium an der Universität Duisburg-Essen. Danach Promovendin am HBS-Promotionskolleg „Die Arbeit und ihre Subjekte“ ebd. und Tätigkeiten in Forschung und Beratung. Forscht u.a. zu Arbeitskritik im Kontext von Depressions- und Burnout-Diskursen.

Christofer Schmidt, studierter Theaterwissenschaftler und Lehrbeauftragter an der RUB. Promovend des HBS-Promotionskollegs „Die Arbeit und ihre Subjekte“. Forscht u.a. zu Arbeits- und Subjektivierungsprozessen vor dem Hintergrund televisueller Coachingformate.

Thema

Die Herausgeber*innen versammeln im Nachgang der interdisziplinären Tagung „Die Ordnung(en) der Arbeit. Fiktionen und De/Konstruktionen einer geordneten und ordnenden Arbeitswelt“ Ende 2018 am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen insgesamt 16 Beiträge, welche sowohl auf der Mikro- wie auf der Makroebene Ordnungs- Normierungs- und Normalisierungsmuster in der Arbeitssphäre aus den Perspektiven der (Neu)Ordnungen von (Un)Gleichheit sowie der Subjekte in Arbeits(um)ordnungen, im Hinblick auf prekäre Arbeit und Geschlechterverhältnisse sowie mit Blick auf Widerstand und Emanzipatorische Bewegungen analysieren.

Aufbau

Der Band bündelt insgesamt 16 Beiträge von 12 Autorinnen und 5 Autoren. Die Themen sind im Einzelnen

  1. Das Paradox der WfbM in der Erwerbsarbeitsgesellschaft, oder: Wenn Arbeit ausschließt (Alexander Bendel und Caroline Richter),
  2. (Soziale) Arbeit im Spannungsfeld zwischen Gesellschaft und Individuum – Kontaktläden der niedrigschwelligen Drogenhilfe (Daniela Molnar),
  3. „Familienpolitik ist Wachstumspolitik“. Ein gouvernementalitätstheoretischer Blick auf Elterngeld und Elternzeit (Benjamin Neumann),
  4. Ordnung durch Diversity – die strukturierende Wirkung der Charta der Vielfalt (Johanna Degen),
  5. Die Rolle von organisationalen Policies für die Geschlechterordnung: Der Einfluss von Gleichstellungs- und Vereinbarkeitsmaßnahmen auf Geschlechterunterschiede im psychologischen Vertrag (Charlotte K. Marx),
  6. „Tante Emma bitte an Kasse 3!“ Die räumliche, zeitliche und soziale (Um-)Ordnung von Arbeit im Einzelhandel (Manuela Rienks),
  7. Persönlichkeit gesucht! -Diskurse um den Ordnungsparameter Persönlichkeit in der Auswahl von Bewerberinnen und Bewerbern (Sarah Thanner),
  8. Die Verspielung der Gesellschaft (und der Arbeit) (Rolf F. Nohr),
  9. Geschlechterbeziehungen in der pluralisierten Klassengesellschaft. Überlegungen zum Wandel von männlicher Herrschaft und prekärer Arbeit (Alexandra Manske),
  10. Intimität der Unordnung: Kontinuitäten vergeschlechtlichter Arbeit in der Kosmetik (Isabel Klein),
  11. Ist das noch Arbeit? Frauen und die „unsichtbare Arbeit“ – ein deutsch-französischer Vergleich (Catherine Teissier),
  12. Saubermachen ist Arbeit (Lisa Bor),
  13. „Die Gewerkschaften machen ihre Zukunft selbst, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken.“ Der DGB und die Flexibilisierung der Arbeit in den 1980er Jahren (Moritz Müller),
  14. Kollektive Filmproduktion als Strategie in Arbeitskämpfen: Les Groupes Medvedkine, Scuola senza fine und Precarias a la deriva (Julia Tirler),
  15. Die Vierte Welt in Berlin. a minor art space IN THE CAPITAL OF CREATIVITY (Laura Strack),
  16. Widerstand, Kritik, Verweigerung. Umbesetzungen von Streik und Arbeit in der Kunst seit 1960 (Herbert Kopp-Oberstebrink).

Gerahmt werden die Beiträge von einer ausführlichen Einleitung und von einer Vorstellung der Autor*innen.

Inhalt

Im ersten Abschnitt „(Neu)Ordnungen von (Un)Gleichheit“ versammeln sich die Beiträge von Bendel/​Richter, Molnar, Neumann, Degen und Marx. Ausweislich der Einleitung fokussieren Brendel/​Richter und Molnar auf die „Spannungsfelder und Paradoxien, die insbesondere bei der Arbeit mit Individuen entstehen können, die der gesellschaftlich-normativen Ordnung bzw. weniger entsprechen“ (S. 11). Alexander Brendel und Caroline Richter stellen Werkstätten für Menschen mit Behinderung (WfbM) als Schonraum vor, welcher sowohl die statuswirksame Wahrnehmung als auch die Einübung von Erwerbsarbeit unter den Bedingungen eines gesetzlich regulierten besonderen Arbeitsmarktes ermöglicht, wobei insbesondere auf das spannungsreiche Tripelmandat der Werkstätten zwischen Inklusion, Rehabilitation und Wirtschaftlichkeit fokussiert wird. Daniela Molnar zeigt am Beispiel der Kontaktläden Bedingungen der niedrigschwelligen Drogenhilfe auf, die einen Bereich „an der Grenze gesellschaftlicher Normalitätsansprüche“ (S. 39) bearbeitet und sich professionell navigierend zwischen sozialer Arbeit, Betäubungsmittelgesetzgebung, Hilfeanspruch drogengebrauchender Personen und den Interessen der bürgerlichen Gesellschaft bewegt. Hierbei werden unter vergleichendem Bezug auch auf ältere Quellen die Professionellen als Grenzgänger*innen und als kompetente Verhandler*innen gezeichnet.

Benjamin Neumann „untersucht aus einer geschlechtertheoretisch angereicherten Gouvernementalitätsperspektive die ordnungsstiftende Funktion des Bundeselterngeld- und Elternzeitgesetzes (BEEG) hinsichtlich des Verhältnisses von Erwerbs- und Familienarbeit“ (S. 59). Er geht hierfür bis zum Beginn der 2000er Jahre zurück und zeichnet seitdem die Wandlungen staatlicher Regulierungspraktiken im Zusammenspiel mit der Nutzer*innenperspektive (d.h. den Eltern) und mit Weiterentwicklungen der Geschlechterrollen zwischen politischem Anspruch und individueller Lebenspraxis nach.

Johanna Degen nimmt am Textbeispiel der Charta der Vielfalt Diversity-Diskurse in den Blick, denen sie eine „Business-Case“ (S. 76) und eine „Justice Case“ (ebd.) Perspektive unterlegt. Ökonomische Mehrwertgenerierung durch das Branding als diversity-bewusstes Unternehmen gerät hierbei in einen Kontrast zu einer egalitaristischen Aushandlung von Interessen zwischen Akteur*innen verschiedener Statuszugehörigkeiten und Anerkennungsperspektiven.

Charlotte K. Marx diskutiert am Beispiel des „psychologischen Vertrags“ i.S.e. subjektiv empfundenen fairen Balance von Erwartungen und Gewährungen im Arbeitsverhältnis den „Einfluss von organisationalen personalpolitischen Gleichstellungs- und Vereinbarkeitsmaßnahmen auf bestehende Geschlechterunterschiede innerhalb der Beschäftigtenbeziehung“ (S. 93). Durch die Reanalyse einschlägiger empirischer Studien kann Marx u.a. aufzeigen, dass Gleichstellungs- und Vereinbarkeitsmaßnahmen in Unternehmen genderspezifisch z.T. unterschiedlich wahrgenommen werden und dass eine höhere Zahl diesbezüglicher Maßnahmen nicht automatisch zu einer höheren subjektiv empfundenen Balance führt.

Der zweite Cluster „Subjekte in Arbeits(um)ordnungen“ leitet mit dem Beitrag von Manuela Rienks ein. Die Autorin lässt am Beispiel des Einzelhandels und des Paradigmenwechsels von der Thresenbedienung zum Selbstbedienungssystem in einer konsumsoziologisch und geschlechterhistorisch informierten Studie Wandlungen im Verkäufer*innen-Kund*innen-Verhältnis und die subtile Aushandlung von Status durch die Kontrolle über bzw. das Agieren im Geschäftsraum sichtbar werden. Ordnung der Arbeit heißt im Beitragskontext nicht zuletzt Ordnung des Verkaufsraums und Ordnung der hier situierten Praktiken und Interaktionen.

Vor dem Hintergrund der Bewerber*innenauswahl in Unternehmen zeichnet Sarah Thanner im folgenden Beitrag mit Blick auf die Ebene der Entscheidungsträger*innen „die diskursive Konfiguration des Ordnungsparameters Persönlichkeit als eine in der Verhandlung des arbeitenden Subjekts hervortretende Form der Humandifferenzierung“ (S. 131) nach und präsentiert dazu Befunde aus ihrer Analyse von mehreren Jahrgängen des Personalmagazins.

Abgeschlossen wird der zweite Abschnitt des Bandes mit dem Aufsatz von Rolf F. Nohr über Unternehmensplanspiele (Business Management Games), Training Machines und ähnliche Simulationen zwischen strategischer Planung, „spielerische[r] Belehrung und Subjektsteuerung“ (S. 152). Sowohl hinsichtlich des Untersuchungsfokus, als auch in Bezug auf die zitierten Quellen beginnt Nohr seinen Weg durch die Operations Research im frühen und mittleren 20. Jahrhundert und führt die Leser*innen von dort ausgehend durch verschiedene Anwendungskontexte und Verweise bis in die jüngere Vergangenheit weiter.

Der dritte Teil „Prekäre Arbeit und Geschlechterverhältnisse“ beginnt mit einem Beitrag von Alexandra Manske, worin die Autorin systematisch den Zusammenhang von sozioökonomischer Klassenlage und hegemonialer Männlichkeit i. S. einer prekarisierungsbedingten Irritation männlicher Herrschaft analysiert. Im Forschungszusammenhang wird dabei u.a. auf Prekarisierungsdiskurse und auf die „Klassen-Geschlechts-Hypothese“ (S. 186) rekurriert.

Isabel Klein bereitet ethnografisches Material zu einer Typologie von Kosmetikarbeit auf und bringt dabei sog. „feminisierte[] Tätigkeiten“ (S. 193) zwischen „Fürsorglichkeit und ökonomische[r] Disziplin, emotionale[r] Nähe und professionelle[r] Distanz“ als „Grenzgänge zwischen kommodifizierter und unentlohnter Arbeit“ (ebd.) in einen Zusammenhang mit berufsfeldbezogenen Anerkennungsprozessen und mit Aushandlungen im Dienstleister*innen-Kund*innen-Verhältnis.

Das aus der feministischen Theoriebildung bekannte Konzept des mental load nutzt Catherine Teissier im Beitrag „Ist das noch Arbeit?“ als Aufhänger für eine ländervergleichende Diskussion der Würdigung, Gleichverteilung und Kompensation von häuslicher Arbeit. Sie stellt in diese Zusammenhang „[i]n einem französisch-deutschen Vergleich und unter Bezug auf aktuelle und vergangene Diskussionen hinsichtlich des Stellenwertes von Hausarbeit […] Überlegungen über die Kategorie der unsichtbaren Arbeit“ (S. 210) an.

Lisa Bor widmet sich ausgehend von der Onlinevermarktung von Reproduktionsarbeit dem Thema Ungleichheiten in der Erbringung und der Anerkennung von häuslicher Arbeit. Dieses mit einem Blick auf Dienstleister*innen-Kund*innen-Verhältnisse. Allgemein gesagt, geht die Verfasserin von der Unterscheidung aus, wer sich seine Wohnung professionell reinigen lassen kann und wer – aus welchen berufsbiographischen Gründen und für welchen Zeitraum auch immer – seine Arbeitskraft vermarktet, indem er Dritten die Reinigungsarbeit ihrer Privaträume abnimmt. Ihre Resultate gewinnt Bor, indem sie u.a. die differenzieren Zugangsmodi und Geschäftsbedingungen der Plattform helpling an der Schnittstelle von Digitalisierung und Reproduktionsarbeit analysiert. 

Im vierten Abschnitt „Widerstand und emanzipatorische Bewegungen“ beginnt einleitend Moritz Müller mit einer Analyse von Motivlagen und Argumentationsstrategien der Tarifpartner in ökonomisch-sozialen Flexibilisierungsdebatten der 1980er Jahre. Er fokussiert auf das Agieren des DGB im Spannungszustand zwischen Kooperation und Konflikt in Fragen der betrieblichen Mitbestimmung unter den Bedingungen einer Deregulierungstendenz, die im „Stellungskrieg“ (S. 252) zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerlager argumentativ mit Angriffen auf „Besitzstandswahrung“, „Modernisierungsverhinderung“ u.ä. in Richtung der Arbeitnehmer*innenvertretung flankiert wurde.

Julia Tirler nimmt am Beispiel der Groups Medvekine, der Scuola senza fine und der Precarias al la deriva „die kollektiven filmischen Praxen von drei politischen Zusammenschlüssen als Ausgangspunkt, um über kollektive Filmproduktion als widerständige Strategie in Arbeitskämpfen nachzudenken.“ (S. 265) Sie tut dies in diachroner Perspektive, sodass eine Entwicklung von den späten 1960er Jahren bis in die 2010er Jahre hinein nachvollziehbar wird. Ähnlich wie in den Beiträgen von Manske und Teissier werden die Klassen- und die Geschlechterfrage analytisch miteinander verknüpft.

Laura Strack widmet sich der Vierten Welt in Berlin, einem selbstverwalteten Projekt und Gegen-Ort, als Exempel der Widerständigkeit gegen die umfassende „Kapitalisierung künstlerischer Arbeit“ (S. 283) in Verbindung mit einer Verschmelzung von Kreativität, symbolischer Referenz und ökonomischer Wertschöpfung. Die Problematik, welche Strack skizziert, besteht bei weitem nicht nur in der Gentrifizierung der Quartiere mit einhergehender Verdrängung kreativer Projekte bzw. in der für viele Künstler*innen mangelhaften sozialen und materiellen Absicherung. Die hegemoniale Produktionsordnung funktioniere, so Strack, mittlerweile selbst „nach dem Strukturprinzip künstlerischer Arbeit“ (S. 282) und absorbiere damit widerständige und emanzipatorische Impulse.

Herbert Kopp-Oberstebrink komplettiert den Band mit einem Aufsatz zu Verweigerung und Unproduktivität in der Kunst am Beispiel der Artist‘s Strikes seit den 1960er Jahren. Der Autor interpretiert die Streiks als „extreme künstlerische Strategie und Praxis […] die sich den Erwartungen des Kunstbetriebs und des Publikums bis hin zur Selbstauslöschung als Künstler*in verweigert“ (S. 298) und entfaltet gewissermaßen eine kurze Historie der westeuropäischen Kunstkritik-aus-der-Kunst.

Diskussion

Im Sammelband „Ordnung(en) der Arbeit“ wird in vielfältiger Weise auf Sinnstiftungs- Legitimierungs- und soziale Allokationsfunktionen von „Normal“arbeitsverhältnissen (hier schematisierend als SV-versicherte Tätigkeiten in einem Anstellungsverhältnis verstanden) Bezug genommen. Auch der Blick auf selbstständige und scheinselbstständige (und letzten Endes oftmals prekäre) Arbeitsformen wird geleistet, bevor sich der thematische Bogen bis in die informellen Arbeitszusammenhänge der Reproduktions- und der Carearbeit und bis hinein in widerständige künstlerische Avantgarden spannt.

Sehr produktiv erscheint dabei sowohl der Blick in die jüngere Vergangenheit als auch die Betrachtung über den bundesdeutschen Arbeitsmarkt hinaus. Leider bleibt der Blick auf die DDR-Arbeitswelt und überhaupt auf die Staaten des ehemaligen RGW mit ihrem ideologisch konnotierten Proletarier*innensethos, mit oftmals verfasstem Recht auf Arbeit und mit gleichzeitiger Stigmatisierung von Arbeitslosigkeit als „kapitalistische Verfallserscheinung“ sehr sparsam.

Es gibt eine interessante Bezugnahme auf die DDR bei C. Teissier und eine Erwähnung bei M. Rienks. Die Perspektive „über den Zaun“ (man bedenke die Rolle der polnischen Solidarność) hätte mglw. im Überblick, den Moritz Müller mit geübter Hand entwirft, sehr interessante Perspektiven eröffnet. Denn: Am zentralen Sinnstiftungs- und Partizipationscharakter der Erwerbsarbeit wird scheinbar über Systemgrenzen hinweg festgehalten, weswegen in populären Debatten der 1980er Jahre das Beharren auf Mitbestimmung, auf Lohnadäquanz und Arbeitsschutz auf der einen Seite des Eisernen Vorhangs als „sozialistisch“ gerahmt worden sein dürfte und auf der anderen Seite der Systemgrenze sehr wahrscheinlich als „bourgeois“ galt.

Wie jeder gut kompilierte Band wirft auch der hier in Rede stehende Band nach der Lektüre eine Reihe neuer Fragen auf. Ein Zeichen dafür, welch vielfältige Anregungen und Kontextualisierungen durch die einzelnen Autorinnen und Autoren dargeboten werden. Hinsichtlich der Beleuchtung widerständiger Praktiken und alternativer Vernetzungsinitiativen – bspw. im Blick auf Formen der „Arbeitsverweigerung“, wie sie in den Artist Strikes sichtbar wurde – wäre mglw. ein Blick auf Antikunst-Initiativen, wie die Punk-Bewegung oder generell auf DIY-Zusammenhänge am unteren Rand spannend. Im Hinblick auf die Geschichte der WfbM kommen die Werkstätten der seinerzeitigen „Krüppelfürsorge“ bzw. der sog. „Lazarettwerkstätten“ in den Sinn und bei der Abhandlung der Kontaktläden für Drogengebrauchende kommt der Wunsch auf, zu diesem spannenden Thema etwas aus der Nutzer*innen-Sicht zu hören. Im Rahmen der Diskussion von Diversity als definitorisch schwer fassbares Konzept wird die Paradoxie von Anerkennung und gleichzeitiger Minorisierung als „divers“ markierter Subjekte (in der Inklusions-Debatte u.a. als Etikettierungs-Ressourcen-Dilemma bekannt) dargestellt. Auch hier hätte man gern weitergeblättert und bedauert, dass der Beitrag schon endet. Soweit einige kurze Beispiele für reflexive Anregungen, die der Sammelband vermittelt.

Die Definitionen und Erläuterungen, die sich in einigen der Beiträge finden, sind ausgesprochen leser*innenfreundlich. Es mag sein, dass im Rekurs auf die Theorie manchmal viel des Guten getan wird und sich bspw. auch deshalb die governementalitätstheoretische und die kapitalismuskritische Perspektive nicht an allen Stellen von Redundanzen und einigen Generalisierungen freihalten kann.

Thematisch eingrenzend sei angemerkt, dass, wer sich für die disziplinierende Rolle der Arbeitsagentur/des Jobcenters interessiert, Formen der Nischenökonomie im „reichen Norden“ oder eine Perspektive auf arbeitsbezogene Geschlechterordnungen und Familienbilder außerhalb der sog. „ersten Welt“ im globalen Süden (z.B. in der Textilindustrie oder der Nahrungsmittelproduktion) recherchiert oder wer Informationen über Zeitarbeit sucht, in anderen Publikationen fündig wird.

Dadurch, dass in Teilen des Bandes fast schon „musterhaft“ auf das Vokabular der Diskursforschung rekurriert wird, bleiben die Ergebnisse stellenweise noch etwas im Vagen. Dieses gilt bspw. für den Versuch, „die Verhandlung des Faktors Persönlichkeit hinsichtlich der in ihm hervortretenden Deutungsmuster, Typisierungen und narrativen Ummantelungen aus dem Material heraus transparent zu machen“ (S. 136). Dieses wird angemerkt, aber nicht kritisiert, denn der Band tritt nicht als Einführung in die Thematik auf. Inhaltlich erklärtermaßen einem „Verständnis von Arbeit als diskursives und höchst variables Konstrukt […], das von sozialen Akteur*innen und Institutionen, aber auch gesamtgesellschaftlich und (massen)medial stets auf Neue verhandelt und hervorgebracht wird“ (S. 10) verpflichtet, versammeln sich diskursanalytische und konstruktivistische Perspektiven zu einem interessanten thematischen Überblick, dem man die Verwandtschaft zur Hans-Böckler-Stiftung mit ihren einschlägigen Schriftenreihen (z.B. denen des WSI) anmerkt.

Für Personen, die dem diskursanalytischen Paradigma forschend verbunden sind, liest sich „Ordnung(en) der Arbeit“ vermutlich mit besonderem Gewinn. In der Diskursforschung weniger Geübte lesen sich durch Diskursanalyseprosa wie „Mäander“, „eingeschrieben sein“ oder „verwoben sein“ etc. und finden ein klug zusammengestelltes aktuelles Kompendium mit Beiträgen verschiedener disziplinärer Provenienz zu Formen und Ordnungen der Arbeit im ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert.

Die Beiträge lesen sich durch die Bank mit großem Gewinn und einzelne Namen dabei besonders herauszuheben, ist fast unmöglich. Durch die Quellendichte (und wahrscheinlich auch dadurch bedingt, dass einige Beiträge als „Ausgliederung“ aus der Dissertation der Verfasserin/des Verfassers entstanden und damit auf weitere Forschungskontexte verweisen,) liegen neben der jeweiligen Kernthese auch zahlreiche Möglichkeiten zur weitergehenden Recherche auf dem Tisch. Wenn nun doch Bendel/​Richter, Bor, Marx, Rienks und Strack als besonders lesenswert empfunden wurden, dann nicht mit Blick auf die Relationierung der anderen Beiträge, sondern als rein subjektives Empfinden, welches auf die geglückte sprachliche Gestaltung oder die Dankbarkeit des Rezensenten für die Eröffnung neuer Perspektiven und das Aufzeigen neuer Kontexte zurückgehen mag.

Als besonderer Pluspunkt ermöglicht die sinnvolle Anordnung der Beiträge gut das Weiterverfolgen eines Themenzusammenhangs über die Einzelaufsätze hinaus. Diese gute Nachverfolgbarkeit gilt im Themenzusammenhang z.B. für die Reproduktionsarbeit als Schauplatz anerkennungstheoretischer Konflikte oder die Rolle von Kunst als Standortvorteil und Zeichenlieferant für die Label und Brands.

Fazit

Die hier besprochene Publikation ist ein interdisziplinäres und multiperspektivisches Projekt. Das macht den Reiz und den Gewinn des Bandes aus. Sehr wahrscheinlich wird jede*r Leser*in neues darin finden. Eine Vielzahl von Perspektiven, von bekanntem und argumentativ altbewährtem ebenso wie von innovativen Forschungsideen, werden miteinander verknüpft. Die Aktualität der im Band versammelten Betrachtungen ist nach den pandemiebedingten Verwerfungen auf dem formellen und dem informellen Arbeitsmarkt und den Kontakt- und Hygieneregulierungen augenscheinlich (man denke an die Thematik des Beitrags von D. Molnar).

Durch den sammelbandtypisch begrenzten Umfang der Beiträge sind die Thesen und Argumente pointiert und die Verweise überschaubar.

Da im Verhältnis von Inhalt und Form bei 16 Beiträgen kein homogenes Niveau angestrebt wurde und weil der Band auf den ersten Blick an manchen Stellen wie ein Selbstverständigungsmedium wirkt, lohnt sich eine zweite Lektüre. Vor dem Kauf gilt es darüber hinaus, einen Blick ins Inhaltsverzeichnis zu werfen, um zu entscheiden, ob die „Übersetzung“ des Großthemas „Ordnung(en) der Arbeit“ in die 16 Einzelbeiträge das jeweils individuell gesuchte Thema beinhaltet. Tut man dies, erhält man/frau das dort angekündigte (und im Hinblick auf die Corona-Pandemie noch einmal quasi aus sich selbst aktualisierte) Material zu einem marktüblichen Preis mit einem Gruß aus der Diskursanalyse und mit einer Empfehlung des Rezensenten dargeboten.

Der Blick auf Arbeitsverhältnisse und auf aktuelle ökonomisch-politische Debatten wird nach der Lektüre ein anderer sein, soviel glaubt der Rezensent versichern zu dürfen.

Zusammenfassend sei deshalb die Lektüre des Bandes nachdrücklich empfohlen.


Rezension von
Dr. Sven Werner
Fakultät Erziehungswissenschaften der Universität Erfurt
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Zitiervorschlag
Sven Werner. Rezension vom 26.06.2020 zu: Janina Henkes, Maximilian Hugendubel, Christina Meyn, Christofer Schmidt (Hrsg.): Ordnung(en) der Arbeit. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2019. ISBN 978-3-89691-266-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26481.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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