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Günter H. Seidler, Harald J. Freyberger u.a. (Hrsg.): Handbuch der Psychotraumatologie

Cover Günter H. Seidler, Harald J. Freyberger, Heide Glaesmer, Silke Birgitta Gahleitner (Hrsg.): Handbuch der Psychotraumatologie. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2019. 3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. 1053 Seiten. ISBN 978-3-608-96258-1. D: 120,00 EUR, A: 123,30 EUR.
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Thema

Das Handbuch bietet eine systematische Zusammenfassung der in Forschung und Klinik gesammelten Erkenntnisse zum aktuellen Stand des Wissens im Bereich der Psychotraumatologie. In der dritten Ausgabe erfolgte eine vollständige überarbeitete und erweiterte Auflage.

HerausgeberInnen

Prof. Dr. med. Günter H. Seidler war von 2002 bis zum Eintritt in den Ruhestand im Sommer 2015 Leiter der Sektion Psychotraumatologie im Zentrum für Psychosoziale Medizin der Universitätsklinik Heidelberg. Der ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie sowie für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie arbeitete als Neurochirurg, Lehranalytiker, Gruppen-Lehranalytiker und EMDR-Supervisor. Er arbeitet freiberuflich als Autor, Coach, Berater, Lehrtherapeut und Lehranalytiker sowie Supervisor. G. H. Seidler ist Gründungsherausgeber und war bis 2019 Leitender Herausgeber der Zeitschrift »Trauma & Gewalt. Forschung und Praxisfelder«.

Prof. Dr. med. Harald J. Freyberger war seit 1997 Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Greifswald und Direktor der am Hanse-Klinikum Stralsund ausgelagerten Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Er studierte Humanmedizin in Hamburg und Zürich. Nach Absolvierung der Facharztweiterbildung für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Lübeck war er als klinischer Oberarzt tätig. Neben seiner psychodynamischen und verhaltenstherapeutischen Ausbildung erfolgte eine Schwerpunktsetzung durch für den Bereich Psychoanalyse in Gruppen. Harald J. Freyberger verstarb im Dezember 2018.

PD Dr. Heide Glaesmer ist stellvertretende Leiterin der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig und Leiterin der dortigen Arbeitseinheit »Psychotraumatologie und Migrationsforschung«.

Prof. Dr. phil. Habil. Silke Birgitta Gahleitner lehrt »Klinische Psychologie und Sozialarbeit« an der Alice Salomon Hochschule in Berlin und leitet die Arbeitsgruppe »Psychosoziale Traumaarbeit, Traumaberatung und Traumapädagogik« der DeGPT.

Entstehungshintergrund

Das Anliegen der HerausgeberInnen über die Entstehung des Buches wird nicht ausgeführt (es gibt kein einleitendes Kapitel). Der Klett-Cotta Verlag möchte ein Standardwerk über die gesammelten Erkenntnisse zum aktuellen Stand der Psychotraumatologie vorlegen.

Aufbau und Inhalt

Das Handbuch in der 1. Aufl. 2011 enthielt 60 Beiträge auf 776 Seiten, die dritte erweiterte Auflage enthält 94 Beiträge auf 1053 Seiten.

Das Buch ist in acht Abschnitte gegliedert, die den Gegenstandsbereich der Psychotraumatologie unterschiedlich angehen. Zugeordnet sind diesen Abschnitten jeweils 3–17 Beiträge. Die einzelnen Aufsätze umfassen jeweils ca. 10–15 Seiten. Im Verhältnis zur ersten Ausgabe im Jahr 2011 wurden die Abschnitte teilweise anders benannt, manche Beiträge wurden von anderen Autor*innen übernommen.

A: Psychologische und biologische Grundlagen der Psychotraumatologie.

Die Schwerpunkte sind: Trauma und Gedächtnis, Dissoziation, psychologische Theorien, Psychoneuroendokrinogische Befunde, Neuroanatomie der Posttraumatischen Belastungsstörung, Risikofaktoren/​Resilienz und posttraumatische Bereifung, genetische Aspekte, transgenerationale Traumatransmission und geschlechtsspezifische Aspekte.

B: Die Traumatheorie in den Hauptschulen der Psychotherapie – historische Entwicklung.

Dieser Abschnitt beinhaltet vier Beiträge mit den Schwerpunkten Psychoanalyse, Verhaltenstherapie, Gesprächstherapie und systemische Therapie.

C: Krankheitsbilder und Komorbiditäten

Dieses umfangreiche Kapitel thematisiert zunächst in mehreren Kapiteln die Kategorisierung und die Diagnostik traumatischer Folgestörungen. Dezidiert thematisiert werden im Anschluss Verbitterungsemotionen, der erlebnisbedingte Persönlichkeitswandel, die anhaltende Trauerstörung, dissoziative Störungen, Zusammenhänge von Traumatisierungen mit Psychosen, Depressionen, Demenz, Persönlichkeitsstörungen und Schmerz.

D: Spezifische Ereignisfolgen

Im Mittelpunkt stehen Traumafolgen nach anhaltender sexueller und anderer krimineller Gewalt, nach Arbeitsunfällen und Gewalt am Arbeitsplatz, Erwerbslosigkeit, militärischen Einsätzen, Verkehrsunfällen, bei gefährdeten Berufsgruppen und häuslicher Gewalt. Anschließend liegt der Schwerpunkt mit zwei Beiträgen im Bereich der Nebenwirkungen der Psychotherapie und der Thematisierung von Sexualdelikten in einem interdisziplinären Fokus.

E: Traumata in der Lebensspanne

Dieser Abschnitt thematisiert Traumatisierungen in der Lebensspanne mit insgesamt vier Beiträgen, davon drei über die Phase Kindheit und Jugend und ein übergreifender Beitrag. (Weitere Lebensphasen werden nicht thematisiert, das Kapitel über Traumata und Alter der ersten Ausgabe entfiel.)

F: Traumatisierungen in gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten

Im Gegensatz zur ersten Ausgabe wurde dieser Abschnitt stark erweitert. Thematisiert werden: Täter- und Opferstereotypien, die Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs als gesellschaftliche Aufgabe, sexueller Kindesmissbrauch als gesellschaftliche Aufgabe, Großschadenslagen, Traumatisierungen im Kontext medizinischer Behandlungen, sexualisierte Gewalt gegen Frauen im Krieg, Folter, Flucht und Migration, Holocaust, traumatische Folgen der DDR-Diktatur, traumatische Erfahrung in der deutschen Kriegs- und Nachkriegsgesellschaft und zwei Beiträge über ethische Aspekte.

G: Therapeutische Möglichkeiten

In diesem Abschnitt werden auf über 230 Seiten in 16 Beiträgen die gängigen Therapieverfahren abgehandelt, zudem Überlegungen von der Spiritualität bis zu Webbasierten Interventionen und der Pharmakotherapie.

H. Schnittstellen von Psychotraumatologie und Justiz

Im letzten Abschnitt beschäftigen sich die Autor*innen mit den Themen Trauma und Justiz, Begutachtung und Folgestörungen im Maßregelvollzug und Gefängnis.

Jeder Beitrag beinhaltet ein Inhaltsverzeichnis. Das Buch schließt mit einem Register und Informationen über die Herausgeber*innen, Autorinnen und Autoren.

Diskussion

Einzelne Beiträge ausführlicher zu besprechen oder hervorzuheben und dabei andere nicht zu benennen, wäre für eine Rezension nicht angemessen.

Das bereits sehr umfangreiche Handbuch aus dem Jahr 2011 wurde nochmals durch Mitarbeit von insgesamt 94 renommierten Autor*innen rund vier Herausgeber*innen umfangreich erweitert. Das Handbuch ist zugleich ein Lehrbuchbuch, welches auch als Nachschlagewerk verstanden werden kann. Es bietet sowohl Studierenden, Praktikern und Forschern Übersichten zu vielfältigen Themen. Wenn etwas kritisiert werden kann, ist dies der Wunsch, dass in einer weiteren noch umfangreicheren Ausgabe die Erkenntnisse weiterer Wissenschaften einen größeren Stellenwert erhalten. Bis auf wenige Ausnahmen stammen die Autor*innen aus dem Feld der Psychologie und der Medizin. Die wichtigen Themen Traumapädagogik, Traumaberatung und der sozialwissenschaftliche Bezug im Umgang mit Traumata werden relativ kurz fokussiert. Mir fehlt auch ein Artikel, der darauf hinweist, dass immer noch viele Traumata wenig thematisiert werden. Dies betrifft beispielsweise Traumata im Kontext von Rassismus, Hunger, Traumata bei alten Menschen, einschließlich der Gewalt in Pflegeeinrichtungen, Gewalt gegenüber Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen. Nicht zuletzt sollte auch die Bedeutung von Traumata für die Angehörigen mehr in den Mittelpunkt gestellt werden. Auch für den Bereich der psychosozialen Traumaarbeit findet sich nur ein zehnseitiger Artikel von S.B. Gahleitner und L. Hantke.

Fazit

Den Leser*innen wird sehr kompakt umfangreiches Fachwissen von renommierten Autorinnen geboten. Die vielfältigen Zielgruppen, von Studierenden bis hin zu Forschern und Praktikern erhalten mit diesem Handbuch der Psychotraumatologie ein umfangreiches Standardwerk. (Allerdings müssen sich die angesprochene Praktiker dieses Werk für 120 € leisten können.) Auch für Anfänger, die sich in das Thema einarbeiten wollen, ist das Buch gut geeignet.


Rezension von
Dr. Jürgen Beushausen
Hochschule Emden Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit, Supervisor, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Traumatherapeut
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Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 25.03.2020 zu: Günter H. Seidler, Harald J. Freyberger, Heide Glaesmer, Silke Birgitta Gahleitner (Hrsg.): Handbuch der Psychotraumatologie. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2019. 3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-608-96258-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26487.php, Datum des Zugriffs 25.11.2020.


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