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Sabrina Göbel, Ute Karl u.a. (Hrsg.): Wege junger Menschen aus Heimen und Pflegefamilien

Cover Sabrina Göbel, Ute Karl, Marei Lunz, Ulla Peters, Maren Zeller (Hrsg.): Wege junger Menschen aus Heimen und Pflegefamilien. Agency in schwierigen Übergängen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 310 Seiten. ISBN 978-3-7799-3866-8. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.

Reihe: Übergangs- und Bewältigungsforschung.
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Anlass des Buches

Das vorliegende Buch ist Resultat eines Workshops der in diesem Buch publizierenden Autoren und Autorinnen, der im Februar 2018 von der Universität Luxemburg veranstaltet wurde. Außerdem bezieht sich der Band auf die Ergebnisse des Forschungsprojekts „Young people's transitions out of residential and foster care“ (TransCare). Von September 2015 bis November 2018 konnte das Forschungsvorhaben mit Fördermitteln des luxemburgischen Fonds National de la Recherche an der Universität Luxemburg durchgeführt werden.

Herausgeberinnen

Sabrina Göbel, Dr. phil., Dipl.-Päd., war bis 2018 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt „Young People´s Transitions out of Residential and Foster Care (TransCare)“ an der Universität Luxemburg, Integrative Research Unit on Social an Individual Development (INSIDE). Arbeitsschwerpunkte: Übergänge aus institutionellen Betreuungskonzepten, Pädagogik der frühen Kindheit, Professionalisierung der Sozialen Arbeit, Methoden qualitativ-rekonstruktiver Sozialforschung.

Ute Karl, Dr. phil., Dipl.-Päd., war bis November 2017 Professorin für Sozialpädagogik an der Universität Luxemburg und Projektleiterin des Forschungsprojektes „Young People´s Transitions out of Residential and Foster Care (TransCare)“. Seit Ende 2017 arbeitet sie als systemische Beraterin (DGSF e.V.), Supervisorin und Coach (DGSv e.V.) in der Beratung der Mitarbeiter_innen, Führungskräften und Organisationen im Profit- und Non-Profit-Bereich für ein internationales Unternehmen im Bereich der Gesundheitsförderung.

Marei Lunz, M. A. Soziale Arbeit/​Sozialpädagogik, arbeitet seit 2015 als Doktorandin in dem Projekt „Young People´s Transitions out of Residential and Foster Care (TransCare)“ an der Universität in Luxemburg. Arbeitsschwerpunkte: Kinder- und Jugendhilfe, Leaving Care, qualitative Längsschnittforschung.

Ulla Peters, Assoc. Prof. Dr., arbeitet seit 2003 als Soziologin an der Universität Luxemburg. Arbeitsschwerpunkte: Kinder- und Jugendhilfe in Luxemburg und deren Veränderungen, Fragen der Qualitäts- und Organisationsentwicklung.

Maren Zeller, Prof. Dr., arbeitet seit Dezember 2018 am Fachbereich Soziale Arbeit an der Fachhochschule St. Gallen (CH). Arbeitsschwerpunkte: Kinder- und Jugendhilfe (insbes. Erziehungshilfen und Care Leaver_innen), Refugee Studies, Frühe Hilfen, Vertrauens- und Bildungsprozesse, Qualitative Sozialforschung.

Aufbau des Buches

Das Buch gliedert sich ganz grob in zwei Teile. Im ersten Teil geht es um die Erforschung von Agency, hier aus einer theoretischen und forschungsmethodischen Perspektive. Im zweiten Teil geht es um die Bezugspunkte und die Kontexte, in denen Agency in verschiedenen Zusammenhängen und empirischen Untersuchungen verwendet wird. Mit insgesamt 16 Beiträgen wird Agency diskutiert.

Für alle in diesem Buch versammelten Texte waren im Wesentlichen folgende Fragestellungen leitend:

  1. „Wie kann eine Fokussierung auf Agency, auf Herstellungsprozesse von Handlungsfähigkeit, Handlungsmächtigkeit und Handlungsbefähigung zum Verständnis von Übergängen aus den Hilfen zur Erziehung ins Erwachsenenalter beitragen? Wie können ausgehend hiervon hilfreiche Formen, Übergangskonstellationen durch soziale Dienste und in sozialen Beziehungen zu gestalten, entstehen?
  2. Wie können Handlungsfähigkeit, Handlungsmächtigkeit und Handlungsbefähigung in Prozessen des Leaving Care empirisch erforscht werden?
  3. In welcher Weise werden Zugehörigkeiten, Positionierungen, Differenzierungs- und Normalisierungsprozesse in Übergangskonstellationen zum Ausdruck gebracht und wie werden sie für die Handlungsfähigkeit der jungen Menschen relevant?
  4. Wie werden enaktierte Raum-Zeit-Bezüge durch die Care Leaver_rinnen dargestellt und wie lässt sich anhand dieser Konstellationen Agency rekonstruieren?“ (S. 21)

Die herausragende Einleitung der Herausgeberinnen und Herausgeber bzw. Kurzskizzierung der jeweiligen Beiträge beschreiben die Inhalte in den jeweiligen Texten hervorragend, weshalb diese hier im Folgenden als Übersicht zitiert wird: „Die Beiträge im ersten Teil nähern sich der Herausforderung, Agency zu erforschen, von einer theoretischen und forschungsmethodischen Seite„:

  • Ulla Peters und Maren Zeller diskutieren, inwieweit Agency bisher innerhalb der Forschung zu Leaving Care explizit oder implizit konzeptualisiert wird. Die Autorinnen präsentieren die Ergebnisse eines systematisch erarbeiteten Forschungsüberblicks, für den Studien aus 15 Jahren Leaving Care-Forschung (2000 – 2015) entlang der Kategorien,vor dem Übergang´;,im Übergang´ und,nach dem Übergang´ analysiert wurden. Dieses Vorgehen eröffnet die Chance, auch implizite Theoriebezüge zu Agency im Leaving Care-Prozess in Themen wie Resilienz, Lebensbewältigung, Bildungsprozesse, Turning Points etc. nachzuverfolgen. Die Autorinnen zielen darauf ab, den Analysefokus auf Agency in Beziehung zu anderen Konzepten im Rahmen der Forschung zu Leaving Care zu setzen und der Frage nachzugehen, welcher (zusätzliche) Erkenntnisgewinn sich daraus ergeben kann. Gleichzeitig skizzieren sie die kritischen Aspekte, die mit der Analyse von Agency verbunden sein können.
  • Als einen forschungspraktischen Umgang mit diesen Herausforderungen schlägt Cornelia Helfferich ein Verfahren zur rekonstruktiven Agency-Analyse vor, mit dessen Hilfe die subjektiven Konstruktionen der Care Leaver_innen analysiert werden. Basierend auf den Begriffen der Agentivierung und Agentivität richtet dieses methodische Vorgehen den Blick auf das sprachlich-textuelle Wie des Gesagten. Methodologisch entwickelt dieses Verfahren Grundlagen der Konversations- und Narrationsanalyse weiter, um so die Analyse von Agentivitäten mit der Analyse von Relationen und Positionierungen zu verbinden. Die linguistisch-texthermeneutische Rekonstruktion ermöglicht dabei, bspw. über Zuweisungen von Verantwortung und Schuld oder entlang von Über- und Unterordnungsverhältnissen sowie durch Präsentation von aktiv-selbstbehauptender Stärke oder passiv-erleidender Schwäche, die Positionierungen des Agens und Agentivitätskonstruktionen zu untersuchen. Die gewählten sprachlichen Konstruktionen werden als Formen verstanden, mit den äußeren Bedingungen umzugehen. So wird herausgearbeitet, dass das vorgestellte Verfahren zur Agency-Analyse sensitiv ist für unterschiedliche Kontexte wie auch für Veränderungen über die Zeit.

Diese unterschiedlichen Kontexte und Bezugspunkte wie auch die zeitlichen Veränderungen der Herstellung von Agency werden im zweiten Teil erkennbar. Die hier zusammengestellten, empirisch angelegten Beiträge beziehen sich dabei auf vier nationalstaatliche Kontexte der Care Arrangements, namentlich Deutschland, Luxemburg, Österreich und die Schweiz, wobei anhand der Daten einmal mehr klar wird, dass Biografien und Übergangskonstellationen transnational zu verstehen sind. Alle Autor_innen gehen anhand von qualitativen Forschungsmethoden der Frage nach, wie sich Agency mit Blick auf Transitionsprozesse in unterschiedlichen Konstellationen figuriert und wie die Analyse von Agency mit anderen Konzepten der sozialpädagogischen bzw. soziologischen Forschung wie z.B. Bildung, Zugehörigkeit, Differenzverhältnisse oder Grenzbearbeitung verbunden werden kann.

Die ersten drei Texte relationieren auf unterschiedliche Weise Agency mit Perspektiven auf Bildungsprozesse und Bildungsverläufe.

  • Dorothee Schaffner befragt bildungs- und aneignungstheoretische Ansätze danach, wie darin Struktur und Handlung zueinander ins Verhältnis gesetzt werden, um dann weitergehend Anschlüsse zur Analyse von Agency zu markieren. Der Zusammenhang von Bildung und Bewältigung wird über das sozialpädagogische Konzept der Aneignung beschrieben, das die tätige Auseinandersetzung des Subjekts mit den sozial-räumlichen Kontexten zu begreifen sucht. Diese eher subjektorientierten Konzeptionen werden über ein relationales Verständnis von Agency angereichert und so Social und Human Agency zusammengedacht. Methodisch knüpft die Autorin zum einen an die Narrationsanalyse nach Schütze und zum anderen an die mikrosprachlichen-texthermeneutischen Analyse (vgl. Helfferich i. d. B.) an. Anhand eines Fallbeispiels werden unterschiedliche Formen von Agency im biografischen Verlauf rekonstruiert.
  • Sabrina Göbel, Andreas Hadjar, Ute Karl, Ulla Peters und Julia A. Jäger verbinden – basierend auf Erkenntnissen der bildungssoziologischen Ungleichheitsforschung und der Forschung zu Übergängen von der Schule in den Beruf – die Analyse von relationaler Agency mit der Analyse von Bildungsverläufen. Rekonstruiert werden individuelle Bildungsverläufe von Care Leaver_innenaus Luxemburg hinsichtlich der Frage, wie sich Agency im Übergang von der Schule in den Beruf im Zusammenhang mit dem Übergang aus der Kinder- und Jugendhilfe in unterschiedlichen Konstellationen formiert. Das Hauptaugenmerk gilt dabei der Frage, wie sich Agency in schulischen Übergängen von Care Leaver_innen – vor allem bezogen auf Kontinuitäten und Diskontinuitäten in den Unterbringungs-, Wohn- und Schulkontexten – über die Zeit herausbilden kann und welche spezifischen Situationen, Konstellationen und Bedingungen die Herstellung von Agency fördern oder behindern.
  • Der Beitrag von Katharina Mangold und Benjamin Strahl bezieht sich ebenfalls auf formale Bildung und fragt danach, welche Möglichkeitsräume sich entlang von Bildungserfolgen im Sinne des Erwerbs einer Hochschulzugangsberechtigung für junge Menschen aus der stationären Heimerziehung in Deutschland ergeben können. Sie untersuchen, inwiefern Care Leaver_innen aus ihren Bildungserfolgen Agency ableiten können bzw. ob und wie ihnen angesichts ihres Bildungserfolgs Agency zugesprochen wird und inwiefern die über den formalen Bildungserfolg entwickelte Agency auch für die Bewältigung des Hochschulstudiums wirkmächtig ist. Agency wird als Erweiterung von Möglichkeitsräumen durch unterschiedliche Beteiligte verstanden, die wesentlich über den Bildungserfolg hergestellt wird und sich auch in anderen Lebensbereichen niederschlägt. Diese Perspektive auf Möglichkeitsräume geht über ein rein individuelles Verständnis von Agency hinaus und betont die Relationalität von Agency.

Die folgenden vier Texte thematisieren auf unterschiedliche Weise Formen von Zugehörigkeiten, Prozesse der Differenzerzeugung bzw. -bearbeitung sowie der Grenzbearbeitung in Auseinandersetzung mit zugrunde gelegten Normalitäten, die für Care Leaver_innen im Übergang aus dem Hilfesystem relevant und erfahrbar werden.

  • Sabrina Göbel, Ulla Peters und Julia A. Jäger analysieren Zugehörigkeiten über Bewegungen eines,Hin zu` und eines,Weg von´ anhand von retrospektiven Interviews mit,ehemaligen´ Care Leaver_innen aus dem luxemburgischen Kontext. Mit Bezug auf theoretische Erträge vor allem aus der Migrationsforschung identifizieren sie graduelle Veränderungen von Subjektivitäten, die sich über das Erleben wechselnder Zugehörigkeitskonstellationen in Prozessen des Leaving Care auch hinsichtlich der eigenen Biografie nochmals neu formieren. In der Rekonstruktion werden Modi von Bewegungen deutlich, in denen gerade die Aspekte des Ankommens, des Angenommen-Werdens und der Sorge (Care), aber auch die Aspekte des als passiv erfahrenen Herausgeholt-Werdens aus der Herkunftsfamilie oder des aktiv initiierten Verlassens der Familie sich als entscheidend für die Herstellung von Zugehörigkeiten erweisen und in den Prozessen des Leaving Care relevant werden.
  • Auch Anna-Marie Herdtle, die zur narrativen Identitätsarbeit von Pflegekindern aus Luxemburg im Übergang ins Erwachsenenalter forscht, geht es um Frage der Zugehörigkeit in familialen Konstellationen. Sie bezieht sich auf die Positionierungsanalyse (vgl. auch Helfferich i. d. B.) und untersucht im qualitativen Längsschnitt, wie die interviewten jungen Menschen den Übergang aus der Pflegekinderhilfe im Spannungsfeld von institutionellen Vorgaben und mehrfachen familialen Zugehörigkeiten und Abgrenzungsprozessen in ihrer narrativen Identitätsarbeit darstellen und wie sie sich dadurch als Akteur_innen konstituieren. Dabei wird deutlich, in welcher Weise der institutionelle Rahmen der luxemburgischen Pflegekinderhilfe diese Prozesse und die damit verbundenen Handlungs- und Entscheidungsspielräume präfiguriert.
  • Die Bedeutung von institutionell wie auch gesellschaftlich bedingten Normalitätskonstruktionen für die Herstellung von Handlungsfähigkeit bildet den Fokus der Arbeit von Angela Rein. Entlang von empirischem Material aus der Schweiz geht sie der Frage nach, wie sich Subjektpositionen im Kontext von gesellschaftlichen Differenz- und Machtordnungen herausbilden und wie die für diese Machtverhältnisse konstitutiven Normalitätskonstruktionen und Ordnungsmuster dabei Teil von Prozessen sowohl der Normalisierung als auch der Ent-Normalisierung, die eng miteinander verbunden sind, sein können. Die Analyse zeigt dabei, wie in den biografischen Selbstnarrationen der Care Leaver_innen ein, Ringen um Normalität´ deutlich wird.
  • Mit Praktiken der Normalisierung und der Herstellung von Zugehörigkeit durch Care Leaver_innen beschäftigt sich auch Katharina Mangold. Sie untersucht freiwilliges Engagement von Care Leaver_innen in Deutschland. Dabei handelt es sich um Tätigkeiten, an denen vorwiegend diejenigen jungen Menschen partizipieren, die über ein relativ hohes Bildungsniveau verfügen bzw. über ihre Familien bereits an freiwilliges Engagement herangeführt wurden. Agency erfasst die Autorin dabei über Formen der Grenzbearbeitung. Sie analysiert, wie Care Leaver_innen ihre Handlungsfähigkeit durch freiwilliges Engagement hervorbringen bzw. erweitern; das kann bspw. durch Flucht vor oder Ablenkung von biografischen Problemen, durch die Bearbeitung der Vergangenheit oder auch dadurch geschehen, dass sie im Engagement soziale Anerkennung sowie Bestätigung erfahren, Normalität herstellen und soziale Netzwerke knüpfen können.

Die beiden anschließenden Texte betrachten Vertrauen und Partizipation als unterschiedliche Qualitäten der Beziehungs- und Prozessgestaltung von Übergängen, die beide für die Herstellung von Agencygrundlegend sind.

  • Maren Zeller, Stefan Köngeter und Leonie Meier analysieren Zukunftsvorstellungen unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge in Deutschland und ihre sozialen Vertrauensbeziehungen im Übergang ins Erwachsenenalter. Agency wird dabei als Potenzialität realisierbarer Handlungsoptionen verstanden, die sich im Wesentlichen durch die Relation von Ressourcen, Care Arrangements und Übergangsregimen bestimmen lässt. Deutlich wird dabei, dass Übergangsregime und die Strukturen der Care Arrangements Handlungsoptionen tendenziell beschränken. Gleichzeitig zeigt sich aber, dass diese Einschränkungen je nach Vertrauenskonstellation zwischen den jungen Menschen und den Fachkräften unterschiedlich auf die Handlungsmächtigkeit der Geflüchteten wirkt.
  • Der Beitrag von Clara Bombach, Thomas Gabriel, Renate Stohler und Karin Werner beschäftigt sich mit der Partizipation von Pflegekindern im und am Übergangsprozess, wenn das Pflegeverhältnis frühzeitig beendet bzw. abgebrochen wird. Sie unterscheiden sechs Dimensionen der Partizipationsqualität, die von einem angemessenen Informieren bis zur geteilten Entscheidungsmacht reichen. In ihren Analysen des schweizerischen Kontexts zeigen sie auf, in welchem Zusammenhang Partizipation mit dem Erleben von Handlungsmächtigkeit der jungen Menschen steht. Es zeigt sich zum einen, dass nur wenigen Jugendlichen die Chance zu einer umfassenden Partizipation geboten wird. Zum anderen wird deutlich, dass die jungen Menschen aktiv Strategien entwickeln, um sich ein Mindestmaß an Partizipation zu erkämpfen.

Weitere drei Beiträge fokussieren auf Wege aus der Fremdunterbringung und Lebenswege von Care Leaver_innen und die damit verbundene Herstellung und Erlangung von Agency.

  • Marei Lunz konzeptualisiert Agency anhand des Lebensbewältigungskonzeptes (Böhnisch, 2012) und untersucht, wie junge Menschen den Übergangsprozess aus der stationären Heimunterbringung in Luxemburg erleben. In den Analysen geht sie der Frage nach, wie Handlungsfähigkeit im Zusammenspiel von Bewältigungsverhalten, Bewältigungskultur und Bewältigungslage hergestellt wird. Durch den qualitativen Längsschnitt wird deutlich, wie sich Handlungsfähigkeit über die Zeit verändert, auch wenn grundlegende Modi wie bspw. Distanzieren oder Durchhalten über die Zeit in Variationen beibehalten werden. Zudem zeigt sich die Institution Heim als zentraler Bezugspunkt in der Her- und Darstellung von Handlungsfähigkeit.
  • Der Beitrag von Christina Lienhart, Bettina Hofer und Helga Kittl-Satran beleuchtet die Rückkehr in die Herkunftsfamilie nach einem Aufenthalt in einer stationären Wohnform aus sekundäranalytischer Perspektive. Hierfür wurden Ergebnisse einer Erkundungsstudie zur Rückkehr in die Herkunftsfamilien aus dem SOS-Kinderdorf-Kontext in Österreich mit Blick auf Agency interpretiert. Die Autorinnen richten den Fokus in den Übergangskonstellationen sowohl auf die jungen Menschen als auch auf die Eltern, wenn sie beschreiben, wie sich in diesen Konstellationen Formen Individueller und kollektiver Agency zeigen. Mit diesem doppelten Blick untersuchen sie die Rückkehr in die Herkunftsfamilien als längeren Übergangsprozess, der der Vorbereitung, der (rituellen) Ausgestaltung und der professionellen Begleitung nach der Rückkehr bedarf.
  • Clara Bombach, Thomas Gabriel und Samuel Keller explorieren, wie sich die biografisch prägende Erfahrung einer Heimerziehung zwischen 1940 und 1990 in der Schweiz im weiteren Lebensverlauf der Menschen auswirkt. Sie arbeiten heraus, dass es eines weiter gefassten Verständnisses des Übergangs bedarf: Aus biografischer Perspektive handelt es sich um einen prinzipiell unabgeschlossenen Übergangsprozess, der sich über das gesamte Erwachsenenleben erstreckt, weil Zuschreibungen und (traumatische) Erfahrungen, die das Aufwachsen im Heim betreffen, über die Zeit wirkmächtig bleiben und Handlungsspielräume maßgeblich präformieren.

Der abschließende und gleichzeitig weitere Debatten eröffnende Kommentar von Florian Eßer und Christian Schröder greift im dritten Teil des Bandes das eingangs theoretisch eingeführte relationale Verständnis von Agency erneut auf, indem es Agency und Vulnerabilität zusammengedacht werden. Mit Bezug auf feministische Debatten wird ein erweitertes Verständnis von Care entfaltet, das nicht nur auf den Kinder- und Jugendhilfekontext verweist, sondern wechselseitig hergestellte Beziehungen der Sorge umfasst, in denen Vulnerabilität und Agency aufeinander verwiesen und im ontologischen Sinne miteinander verwoben sind. Dadurch wird auch Verletzlichkeit relational gedacht und als konstitutiv sowie konstituierend für das menschliche Dasein begriffen. Beides wird so als Effekt sorgender bzw. sozialer Beziehungen verstanden, und zwar hinsichtlich ihrer Materialität, Emotionalität, Leiblichkeit und situativen Dynamik und Veränderbarkeit. Durch ein solches Verständnis von Agency und Vulnerabilität, das die soziale Angewiesenheit ins Zentrum der theoretischen Reflexionen stellt, wird auch die Ambiguität von Agency deutlich. In praktischer Konsequenz bedeutet das auch, dass Unterstützungsstrukturen so angelegt sein müssen, dass die Adressat_innen nicht immer wieder ihre Hilfebedürftigkeit betonen müssen, um Hilfe zu erhalten, sondern auf verlässliche und verantwortungsvolle Strukturen zurückgreifen können, die sensitiv für die Vulnerabilität in Caring Relations sind und so Verletzungen vermeiden.

Diskussion

Dieses Buch ist etwas für Insider. Gemeint sind damit Menschen, die sich differenziert mit Themen der Heimerziehung und des Pflegekinderwesens befasst haben und auch die theoretischen Entwicklungen der letzten Jahre mitverfolgt haben. Dazu kommen notwendige differenzierte Kenntnisse aus dem Kontext der soziologischen und gesellschaftlichen Diskussionen. Agency, das wird aus den vielen Beiträgen deutlich, lässt sich nicht auf wenige Zusammenhänge reduzieren, sondern ist eine komplexe Angelegenheit, die einerseits nach den strukturellen Bedingungen und deren Einwirkung auf die Menschen, die aus der Fremderziehung in ein eigenes Leben starten, fragt und andererseits auch deutlich macht, welche Möglichkeiten die jungen Menschen als Akteure ihrer selbst haben, um diesen Übergangsprozess konstruktiv und gelingend zu gestalten. Die Vielzahl der Einflussfaktoren und gelegentlichen Zufallsfaktoren lassen es nicht zu, ein bestimmtes Konzept von Agency zu entwickeln, um diesen Transitionsprozess erfolgreich für alle möglichen Menschen gestalten zu können. Gleichwohl geben die vielen Beiträge und die empirischen Befunde diverse Hinweise darauf, welche verschiedenen Aspekte mindestens zu berücksichtigen und mit zu denken sind.

Fazit

Wie oben schon ersichtlich wird, ist dieses Buch ein Buch für Experten. Aufgrund seiner Komplexität und des hohen theoretischen Niveaus ist es weder für Praktikerinnen und Praktiker geeignet, noch für Mitarbeitende in Jugendämtern und großen Verbänden, die von Berufs wegen mit solchen Prozessen zu tun haben. Zudem bietet das Buch einen guten Überblick über die derzeitige Diskussion zu Transitionsprozessen aus der Heimerziehung. Die schon begonnene Debatte zwischen Forschenden und Care Leavern muss auch zukünftig fortgesetzt werden.


Rezension von
Prof. Stefan Müller-Teusler
Homepage www.uelzen.paritaetischer.de
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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 02.04.2020 zu: Sabrina Göbel, Ute Karl, Marei Lunz, Ulla Peters, Maren Zeller (Hrsg.): Wege junger Menschen aus Heimen und Pflegefamilien. Agency in schwierigen Übergängen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-3866-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26490.php, Datum des Zugriffs 04.08.2020.


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ISSN 2190-9245

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