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Ulrike Fickler-Stang: Dissoziale Kinder und Jugendliche

Cover Ulrike Fickler-Stang: Dissoziale Kinder und Jugendliche - unverstanden und unverstehbar? Frühe Beiträge der Psychoanalytischen Pädagogik und ihre aktuelle Bedeutung. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2019. 304 Seiten. ISBN 978-3-8379-2894-5. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.

Reihe: Psychoanalytische Pädagogik - Band 50.
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Thema

Im vorliegenden, sehr umfangreich gestalteten Band gestattet uns die Autorin Ulrike Fickler-Stang einen überaus differenzierten historischen Blick auf drei namhafte Pioniere der Psychoanalytischen Pädagogik: auf August Aichorn, Siegfried Bernfeld und Fritz Redl. Alle drei kamen aus Wien, der Geburtsstadt der Psychoanalyse, sie waren Zeitgenossen von Sigmund Freud, und ihr Wirken begann zeitgleich mit dem Erstarken der Psychoanalyse als einem vor allem klinisch-psychotherapeutischen Verfahren. Aichhorn war Jahrgang 1878, Bernfeld 1892, Redl 1902. Die zentrale Frage, mit der sich das Werk beschäftigt, dreht sich um die Überlegung, ob und in welcher Weise diese frühen Konzepte zur psychoanalytisch orientierten Arbeit mit dissozialen und delinquenten Kindern und Jugendlichen heute noch Praxisrelevanz ausstrahlen. Vor dem Hintergrund, dass sich viele Fachkräfte in ihrer Begegnung mit solch hochbelasteten Adressat/innen überlastet fühlen, erscheint ein eingehender Blick auf geschichtliche Vorbilder durchaus vielversprechend, um sich von dort Hilfe zu holen.

Autorin

Die Autorin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität zu Berlin im Fachbereich Pädagogik bei psychosozialen Beeinträchtigungen. Sie lehrt und forscht unter anderem zu den Schwerpunkten Psychoanalytische Pädagogik, Delinquenz und Dissozialität sowie zur Inklusion von Kindern und Jugendlichen im Förderschwerpunkt emotional-soziale Entwicklung.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist sehr systematisch strukturiert. Zunächst wird das von Anfang an intensive, aber bis heute auf Grund methodologischer Untiefen hinterfragte Verhältnis von Psychoanalyse und Pädagogik beleuchtet. Schon für Sigmund Freud war die Pädagogik eine der wesentlichsten Nachbardisziplinen, auch wenn er freimütig einräumte, davon nicht viel zu verstehen. Insofern war er genuinen Vertreter/innen dieser Fachrichtung gegenüber stets sehr gewogen. Und seine eigene Tochter Anna sollte da bald dazu gehören und die Kinderanalyse begründen. Es folgt eine Darlegung der vier wesentlichen psychoanalytischen Konzepte, wie es von Fred Pine formuliert worden ist: Triebpsychologie, Ich-Psychologie, Psychologie der Objektbeziehungen und Selbstpsychologie. Diese Passagen sind als eine Art Rahmung gedacht, um daran später die Bedeutung der Theorien und Konzepte der drei Protagonisten bemessen zu können. Anschließend wird ein kurzer Blick auf zeitgeschichtliche, insbesondere reformpädagogische Erziehungsversuche geworfen. Durch die Machübernahme der Nazis kam das alles ja jäh zum Erliegen.

In den beiden nächsten Kapiteln werden uns die Hauptakteure des Buches nahe gebracht. Ihre Biographien und Konzeptionen werden entrollt, und dann kommt es zur Aufarbeitung ihrer nach wie vor großen theoretischen und methodischen Relevanz an Hand der bereits erwähnten psychologischen Schulen. Am Ende wird der aktuelle Stand innerhalb der community der Psychoanalytischen Pädagogik mitsamt aller inzwischen weiter entwickelten Ausdifferenzierungen skizziert, um die für heute interessanten Anknüpfungspunkte zu markieren.

Sehr gut gezeichnet sind sowohl die Charaktere der drei psychoanalytischen Pädagogen als auch ihre werktheoretischen und vor allem praktischen Hintergründe. August Aichhorn, der getrost als der Begründer der Psychoanalytischen Pädagogik bezeichnet werden kann, dachte psychoanalytisch, aber immer aus einer pädagogischen Perspektive. Als Leiter der Fürsorgeanstalt Oberhollabrunn, später im Erziehungsberatungswesen in Wien wie als Psychotherapeut war er immer unbedingt mit den Kindern und Jugendlichen identifiziert, ohne je in eine naive Sozialromantik abzugleiten. 1925 erschien sein Hauptwerk „Verwahrloste Jugend“, für das Freud das Vorwort schrieb.

Siegfried Bernfeld wiederum wird uns als ein politisch denkender und agierender, der Psychoanalyse mit Haut und Haar verschriebener Pädagoge geschildert, dessen Ideen und Konzepte bis heute an Aktualität nicht verloren haben. Auch er verfügte über eine lange und vielseitige Praxis, etwa im zur selben Zeit wie Oberhollabrunn gegründeten Kinderheim Baumgarten, die sein Verhältnis zur Psychoanalyse aber mit einem gehörigen Maß an distanzierter Kritik und Reflexivität auflud. Alle seine nach wie vor lesenswerten Schriften, vorweg „Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung“, ebenfalls aus dem Jahre 1925, geben darüber beredt Aufschluss. Kurzum: Der Psychoanalytiker vermag dem sozialen Ort gegenüber neutral zu sein, „der Pädagoge kann diese grundsätzliche Toleranz nicht üben“.

Damit zu Fritz Redl. Alle drei eint die Einsicht, dass schwere psychische Probleme und dissoziale Verhaltensweisen nie losgelöst von ihrem sozialen Kontext zu verstehen sind und dass es einer multidisziplinären Zusammenarbeit bedarf, um diesen hoch belasteten Kindern und Jugendlichen zu helfen. Wie kenntnisreich und weise lesen sich diese frühen Einschätzungen in der Jetzt-Zeit, da man sich daran macht, diese Probleme auf äußerst monokausal verkürztem Weg als reine hirnorganische Erkrankungen zu erachten und vornehmlich medikamentös behandeln zu wollen. Wie Bernfeld floh Redl vor den heranrückenden Nazis in die Vereinigten Staaten, wo er, etwa im Pioneer House, intensive pädagogische Bemühungen zu unternehmen begann, den verstörten, ergo gestörten Kindern und Jugendlichen andere Verhaltensweisen zu ermöglichen. Seine Aussage, wonach ihrem extensiven Verhalten eine symbolische Bedeutung zukommt und Strafen oder Sanktionen nur zu einer Symptomverschiebung, nicht aber einer Besserung führen, sollte man so einigen heutigen Kolleg/innen ins Stammbuch schreiben. Das therapeutische Gespräch im aktuellen Lebenskontext, das sogenannte Life-Space-Interview, verband wichtige Elemente der Kinderanalyse mit den Aspekten einer umfassenden Milieutherapie. Seine basalen Erkenntnisse hat er von allem 1951 in dem mit David Wineman verfassten Buch „Kinder, die hassen“ (mit Redl zu ergänzen: weil sie keiner will) zusammengefasst.

In der anschließenden, sehr akribisch gestalteten Einschätzung des Gehalts der drei verschiedenen Konzeptionen entlang der psychoanalytischen Systematik von Pine tritt für mich vor allem das Moment narzisstischer Verletzungen hervor, denn die Selbstwertproblematik bei dissozialen und delinquenten Persönlichkeiten ist sicher an das Fehlen eines spiegelnden, sie anerkennenden und auch bewundernden Gegenübers geknüpft. Wo ein solches wohlwollendes Milieu nicht existiert, das durch sich bedingungslos zur Verfügung stellende primäre Objekte gekennzeichnet ist, müssen schwere seelische Deformationen nachbleiben. So wird auch überzeugend plausibel, dass alle drei Pädagogen mit ihrer unnachahmlichen zugewandten Haltung diese emotionale Lücke zu schließen suchten. Dass dabei ein Nachdenken übers Scheitern und über professionelle Beziehungsabbrüche, was sie jeweils bitter erleben mussten, dass die Reflexion dieser eigenen Kränkung, versagt zu haben, zu kurz kam, wird sehr gut nachvollziehbar, wenn man die Enden dieser Fäden miteinander verbindet. Dies getan zu haben ist eines der großen Verdienste von Fickler-Stang.

Auch bei ihrer Diskussion der Relevanz der frühen Praxisentwürfe für die gegenwärtige institutionelle Pädagogik weist sie eingangs auf die Rahmung von Störungsbildern durch soziale Umstände sowie Gruppenprozesse hin. Da erscheinen damals nicht gestellte wissenschaftstheoretische oder methodologische Fragen tatsächlich von nachrangiger Bedeutung. Wenn wir jetzt noch die aktuelle Debatte um moderne Erziehungstendenzen, die laut Dornes nicht mehr um das Versagen vor Verbots- sondern Kompetenznormen kreiseln, hinzunehmen, müssen erschwerte biographische Lebenslinien umso komplexer erscheinen. Da liegt wohl im Abschied von statischen Persönlichkeitsmodellen, wie es Rauchfleisch mit seiner Theorie der Dissozialität vorgemacht hat, der einzige Ausweg. Danach weist Fickler-Stang auf Ausführungen zum Thema bei Leber („Halten und zumuten“) und Crain („Fürsorglichkeit und Konfrontation“) hin, womit sich die Rückbindung an unsere drei Recken vortrefflich bewerkstelligen lässt. Die Klammer liegt wohl in modernen Vorstellungen vom Mentalisieren. Ist bei Eltern diese Fähigkeit beschädigt, vermögen sie weder Zugang zur inneren Vorstellungswelt ihrer Kinder zu finden noch einen wesentlichen Beitrag zu deren Affektregulation zu leisten. Die unter diesem Mangel entstehenden frühen Objektrepräsentanzen werden als fremd erlebt, was zu externalisierendem Ausagieren führt, im Außen gegen das falsche Innen zu kämpfen. Am Schluss wird von der Autorin auf eine ebenso sympathische wie überzeugende Weise eingeklagt, dass der Blick auf das innere Erleben wieder zentral werden sollte. Dieser Aufruf verbindet die alten mit den neuen Perspektiven.

Diskussion

Das Buch stellt mit seiner ausgiebigen historiographischen Betrachtung früher Ansätze der Psychoanalytischen Pädagogik im Umgang mit massiv verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen sehr einleuchtende Querverbindungen zu und Bereicherungen für aktuelle pädagogische Kontexte her. Eine ähnlich differenzierte und zusammenführende Aufbereitung der theoretischen und konzeptionellen Vorstellungen von Aichhorn, Bernfeldund Redl liegt bislang nicht vor.

Bei ihrer Bewertung der Verbindungslinien von den damaligen Konzeptionalisierungen psychoanalytisch-pädagogischer Provenienz hin zum aktuellen Status des fachinternen Diskurses legt die Autorin besonderes Gewicht auf die Perspektive innerhalb Österreichs. Als Referenzliteratur werden vor allem Wilfried Datler und Helmuth Figdoreinbezogen, ergänzt um Günther Bittner und Jürgen Körner. Hauptsächlich geht es dabei um die enggeführte Abgrenzung zum therapeutischen Setting und zur Möglichkeit der Arbeit mit Übertragungs- und Gegenübertragungsprozessen. Die insbesondere mit dem Standort Frankfurt verbundene Ausprägung und Diskussionskultur, die seit Aloys Leber und Hans-Georg Trescher auch und gerade Gesellschaftsanalysen mit einbezogen und Psychoanalyse als Paradigma einer kritischen Sozialwissenschaft auswiesen, bleibt seltsamerweise etwas blass. Am Ende kommen zwar einige dieser Aspekte, etwa das Konzept des szenischen Verstehens, zu Wort, sie werden aber nicht gemäß der ihnen zukommenden Bedeutung ausbuchstabiert. Über die hier zur Debatte stehende Schrift hinaus können diese unterschiedlichen Lesarten schon seit längerem durchaus als kontrovers bezeichnet werden.

Zudem ist auch kein Bezug genommen auf die Blütezeit derartiger Dispute, als es um die Frage ging, ob Psychoanalyse lediglich der Pädagogik zuarbeite – prononciert von Büttner und anfangs auch Körner formuliert – oder Psychoanalytische Pädagogik ein angestammter Platz innerhalb der Psychoanalyse selbst zustehe – wie bei Leber und Trescher triftig begründet. Und hier scheint eine gewisse Gesellschaftsblindheit auf, die die Gefahr heraufbeschwört, sich einzig auf das pädagogische Terrain jenseits jeder politischen Einbettung zurückzuziehen. An einigen Stellen im Text wird auch Bernfelds ‚revolutionäre‘ Ausrichtung beinahe wie eine heiße Kartoffel behandelt. Wilhelm Reich und seinem Ausschluss aus der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung ergeht es in einer knapp gehaltenen Passage bis auf eine tiefgründige Anmerkung über die Rolle Freuds dabei nicht besser. Andere linke Pioniere der Psychoanalytischen Pädagogik bzw. Sozialarbeit wie Ernst Federn oder Rudolf Ekstein werden nur am Rande erwähnt, obwohl sie doch zu diesem Wiener Kreis dazugehörten.

Und ein kleines Geheimnis um Aichhorn bleibt. Schon 1906 gab es in Österreich militärisch organisierte Knabenhorte. 1915 wurde Aichhorn in Wien zum Leiter der städtischen Zentralstelle für militärische Jugendvorbereitung berufen, einer politisch nicht gänzlich unumstrittenen pädagogischen Einrichtung, die sich mitten im 1. Weltkrieg dieser Tradition verpflichtet fühlte. Zudem verharrte er viele Jahre später, nämlich nach der gewaltsamen Auflösung der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung im Jahr 1938, als einer der wenigen Psychoanalytiker vor Ort, obwohl ja alle jüdischen Kolleg/innen ausgeschlossen worden waren und ins Exil gingen. Der erste Aspekt taucht im Buch gar nicht auf, zum zweiten findet sich immerhin der leise Hinweis auf die charismatische Persönlichkeit Aichhorns, die weitere Nachforschungen als obsolet erschienen ließe. Auch wenn Aichhorn es gewohnt war, politisch zu lavieren und wir nicht erfahren, welche schädlichen Kompromisse er dabei eingehen musste, so steht doch seine gesellschaftskritische und am Ende antifaschistische Haltung außer Frage. Daher seien sein integrer Charakter und seine geradezu subversive pädagogische Haltung gegenüber jeder faschistischen oder reaktionären Bewegung ausdrücklich betont.

Siegfried Bernfeld hatte da viel größere Probleme, die ihn letzten Endes zur Emigration zwangen. Ähnlich erging es den nicht weiter behandelten Kollegen Ernst Federn und Rudolf Ekstein, über den Oberläuter einmal schrieb: „Ekstein musste aus drei Gründen emigrieren: als Jude, als Sozialist und als Psychoanalytiker“. Und auch Fritz Redl gehörte, neben dem zudem noch aufzuführenden Bruno Betttelheim, zur Gruppe der in die USA Emigrierten.

Nicht ganz überzeugt bin ich übrigens von der formalen Vorgehensweise, die Ideen dieser Protagonisten mit ausgewählten psychoanalytischen Mainstream-Konzepten abzugleichen. Schließlich war es nie ihr explizites Ansinnen, sich an derlei Systematiken entlang zu hangeln. Nicht zuletzt sei darauf verwiesen, dass etwa in der Selbstpsychologie die wesentliche Erkenntnisbildung zeitlich versetzt vor sich ging – auch wenn Kohut Analysand bei Aichhorn war. Und wenn wir schon dabei sind: Die Aufbereitung dieser von Pine verfassten psychoanalytischen Systematik für das hier zur Diskussion stehende Vorhaben erscheint mir aus ähnlichen Überlegungen heraus in Teilen lückenhaft. Nehmen wir die Triebtheorie her. Sie ist früh als biologistisch verkürztes Konzept kritisiert worden. Alfred Lorenzer, der leider auch zu kurz kommt, hat in seiner materialistischen Sozialisationstheorie den Trieb selbst als geschichtlich bezeichnet. In aktuellen Erörterungen etwa bei Mentzos oder Leuzinger-Bohleber finden sich ähnliche Vorbehalte.

Und schaut man auf den endlich in der Psychoanalyse angekommenen Gender-Diskurs – siehe dazu die erstaunlich präzisen Ausführungen bei Quindeau oder Naumann, in denen die gesellschaftlich präformierte, dominante heterosexuelle Matrix dekonstruiert wird – kommen weitere massive Einwände gegen eine ahistorische Rezeption des Triebbegriffs hinzu. Dass wir in Zeiten eines seltsam körperlos und blutleer gewordenen sozialwissenschaftlichen Herangehens an das menschliche Subjekt gut beraten sind, das Triebhafte zu rehabilitieren, steht auf einem ganz anderen Blatt. Gleiches gilt es bei der Hinwendung zur Ich-Psychologie anzumerken. Sie stand von Anfang an im Verdacht, nur mehr auf Anpassungsmechanismen zu rekurrieren, die dem Individuum abverlangt werden und damit das Widerständige in seiner Triebgebundenheit zu negieren. Das alles hätte genauer und deutlicher ausformuliert werden können. Ich könnte noch eine Schippe drauflegen und bemängeln, dass dem für eine emanzipative pädagogische Praxis wichtigsten, weil unorthodoxesten Vertreter der Objektbeziehungspsychologie, Donald W. Winnicott, viel mehr Raum zugestanden hätte, und dass Kohuts bahnbrechende Erkenntnis über die genetischen Zusammenhang von narzisstischer Kränkung und nachbleibender narzisstischer Wut – vielleicht das zentrale affektive Motiv für Dissozialität und Delinquenz – nicht gleich präsentiert wird. Insofern entkommt die Schrift nicht gänzlich der Gefahr einer Klinifizierung bzw. Therapeutisierung jenseits der in gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse eingebetteten Genese einer basal beschädigten Persönlichkeitsstruktur.

Indessen muss ich dieses Verdikt in seinem Tenor doch gehörig abmildern. Denn die von mir beanstandeten Lücken bestehen nicht wirklich bzw. durchgehend, sie sind bloß nicht am Stück und konsistent entwickelt gefüllt worden. Bernfelds sozialer Ort, der der persönlichen Störung seinen gesellschaftlichen Status von Ausgrenzung und Beschämung aufdrückt, wird ausführlich geltend gemacht. Gut, sein Bild der Tantalus-Situation explizit auszumalen, wonach bei den proletarischen Jugendlichen im reichen Wien Gelüste geweckt wurden, die nur über kriminelle Handlungen zu erfüllen wären, hätte da noch gute Dinge geleistet. Aber auch so wird deutlich, dass den sozialen Umständen des Milieus für die Entstehung von Verwahrlosung die größte Bedeutung zukommt. Und dass eine Biologisierung der Heilpädagogik sowie die Deutungshoheit medizinisch-psychiatrischer Kategorien einschließlich einer bürgerlich-konservativen Ideologie den Blick auf diese Zusammenhänge erheblich erschweren.

Fazit

Der vorliegende Band gewährt einen sehr lebendig gestalteten Blick auf erste beeindruckende Versuche der aufblühenden Psychoanalytischen Pädagogik, mit als ausgesprochen schwierig geltenden und ausgegrenzten Kindern und Jugendlichen verstehend zu arbeiten – weil ihre agierten Symptome als metaphorische Sprache verstanden werden können, die es gilt ins Bewusstsein zu heben. An dieser Aufgabenstellung hat sich nichts geändert, und der Leser/die Leserin wird neugierig gemacht, sich diesen früh dokumentierten Arbeiten von Aichorn, Bernfeld und Redl zuzuwenden und ihren Reichtum zu entdecken, der in einer verblüffenden Aktualität gründet. Leider ist es zur allgemeinen Unsitte geworden, ‚veraltete‘ Konzepte als unbrauchbar zu diskreditieren. Im Vergleich zu vielen gegenwärtigen, ebenso banalen wie oberflächlichen Entwürfen, die weder das Unbewusste noch das übermächtige Gemenge aus Übertragung und Gegenübertragung zur Kenntnis nehmen und also nutzlos bleiben, sind es im Sinne Lebers Bild vom förderlichen Dialog Schätze, die gehoben werden müssten. Das hat uns Fickler-Stang unhintergehbar verdeutlicht.


Rezension von
Prof. Dr. Manfred Gerspach
lehrte bis 2014 am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt. Schwerpunkte: Behinderten- und Heilpädagogik, Psychoanalyti­sche Pädagogik sowie die Arbeit mit so genannten verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen. Seit 2015 lehrt er als Seniorprofessor am Institut für Sonderpädagogik der Goethe-Universität Frankfurt.
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Zitiervorschlag
Manfred Gerspach. Rezension vom 02.04.2020 zu: Ulrike Fickler-Stang: Dissoziale Kinder und Jugendliche - unverstanden und unverstehbar? Frühe Beiträge der Psychoanalytischen Pädagogik und ihre aktuelle Bedeutung. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2019. ISBN 978-3-8379-2894-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26494.php, Datum des Zugriffs 21.09.2020.


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ISSN 2190-9245

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