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Dorothea Zimmermann, Silke Birgitta Gahleitner u.a.: Minderjährige Geflüchtete in der Jugendhilfe

Cover Dorothea Zimmermann, Silke Birgitta Gahleitner, Conny Bredereck, Adrian Golatka, Marilena de Andrade u.a.: Minderjährige Geflüchtete in der Jugendhilfe. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2019. 107 Seiten. ISBN 978-3-525-40679-3. D: 15,00 EUR, A: 16,00 EUR.

Reihe: Fluchtaspekte.
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Thema

Das vorliegende Buch geht der Frage nach, was Kinder und Jugendliche brauchen, um in Deutschland anzukommen. Der These folgend, dass gelungene Unterstützung zu gelungenen Integrationsprozessen führt, werden Möglichkeiten und Grenzen der Kinder- und Jugendhilfe als Unterstützungsinstanz dargestellt und diskutiert. Dabei kommen die Bereiche Beziehungs- und Bindungsarbeit, traumapädagogische Alltagsbegleitung, transkulturelle Kompetenz, Familienarbeit, Schule und Empowerment, Partizipation und Selbstorganisation genauso zur Sprache wie die destabilisierenden Faktoren Orientierungslosigkeit und unsicherer Aufenthalt (vgl. Klappentext, vgl. auch S. 5/6).

Autor*innen

Dorothea Zimmermann, Diplom-Psychologin, Psychologische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, Supervisorin und Traumatherapeutin, ist Geschäftsführerin bei Wildwasser e.V. in Berlin. Sie ist Mitinitiatorin und langjähriger Vorstand von BIG (Berliner Initiative gegen Gewalt gegen Frauen). Sie engagiert sich in der Fortbildungsarbeit zu sexueller und häuslicher Gewalt, Kinderschutz, interkultureller (Eltern-)Arbeit, selbstschädigendem Verhalten, Trauma, Flucht und Gewalt.

Dr. phil. habil. Silke Birgitta Gahleitner hat die Professur für Klinische Psychologie und Sozialarbeit im Arbeitsbereich Psychosoziale Diagnostik und Intervention an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin inne. Sie war langjährig als Sozialarbeiterin und Psychotherapeutin in sozialtherapeutischen Einrichtungen für traumatisierte Frauen und Kinder sowie in eigener Praxis tätig.

Marilena de Andrade ist studentische Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Psychosoziale Diagnostik und Intervention an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin.

Conny Martina Bredereck, Sozialarbeiterin/-pädagogin (B.A., M.A.), ehemalige Schulsozialarbeiterin, arbeitet als freiberufliche Supervisorin (DGSv) und freie Dozentin, u.a. an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin. Sie gibt für Lehrkräfte, Erzieher*innen und Schulsozialarbeiter*innen Fortbildungen zu den Themen traumasensible Arbeit und interkulturelle Öffnung an der Schule. Seit 2017 organisiert sie monatliche Erzählcafés für geflüchtete Menschen als eine besondere Form der biografischen Arbeit.

Adrian Golatka, B.A. Soziale Arbeit, M.A. Klinische Sozialarbeit, ist Einrichtungsleiter einer therapeutischen Wohngruppe der Pfefferwerk Stadtkultur gGmbH Berlin. Er befindet sich in Ausbildung zum analytischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten am Alfred-Adler Institut Berlin.

Mohammed Jouni ist Referent der politischen Bildung, Diversity- und Empowerment-Trainer. Er hat die Selbstorganisation »Jugendliche ohne Grenzen« mitbegründet und arbeitet als Sozialarbeiter im BBZ – Beratungs- und Betreuungszentrum für junge Flüchtlinge und Migrant*innen (vgl. website des Verlags Vandenhoeck & Ruprecht).

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch versteht sich als Antwort auf das Buch „Zwischen Barrieren, Träumen und Selbstorganisation – Erfahrung junger Geflüchteter“ (Autor*innenkollektiv „Jugendhilfe ohne Grenzen“, 2018, Reihe Fluchtaspekte, Vandenhoeck & Ruprecht) und versucht, die darin von den Jugendlichen formulierten Wünsche nach angemessener Unterstützung aufzugreifen und als Leitfaden für Sozialarbeiter*innen und andere in die Unterstützung involvierte Professionen aufzubereiten (vgl. Geleitwort; vgl. S. 7).

Aufbau

Das Buch gliedert sich in insgesamt sechs Kapitel: Nach einem kurzen Geleitwort der Autor*innen und Herausgeber*innen der Reihe „Fluchtaspekte“, folgt die Darstellung „Minderjährige Geflüchtete in Deutschland. Mythen, Daten und Fakten“ (Kap.1), „Minderjährige Geflüchtete in der Kinder- und Jugendhilfe. Aufmerksamkeitslinien“ (Kap. 2), „Alles anders, alles gleich: Familienarbeit mit Geflüchteten im Jugendhilfesystem“ (Kap. 3), „Minderjährige Geflüchtete in der Schule“ (Kap. 4) sowie „Empowerment, Partizipation und Selbstorganisation in der Kinder- und Jugendhilfe“ (Kap. 5). Das Buch schließt mit einem „Fazit“ (Kap.6) ab.

Inhalt

Nach einem Geleitwort, erfolgt im ersten Kapitel „Minderjährige Geflüchtete in Deutschland. Mythen, Daten und Fakten“ eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuellen Datenlage, der Situation von unbegleiteten wie begleiteten geflüchteten Minderjährigen und einer kritischen Diskussion von vergessenen, missachteten und funktionalisierten Ressourcen.

Im zweiten KapitelMinderjährige Geflüchtete in der Kinder- und Jugendhilfe. Aufmerksamkeitslinien“ geht es um vertrauenswürdige Haltung anstelle von viktimisierender Umgangskultur (vgl. 2.1; 2.2), um bindungskompetente professionelle Beziehungsgestaltung (vgl. 2.3), traumapädagogische Alltagsunterstützung (vgl. 2.4) und um transkulturelle Kompetenz als respektvoller und neugieriger Zugang (vgl. 2.5). Die Themen in diesem Kapitel werden durch Zitate aus Jugendhilfe-Untersuchungen teils generiert, teils eingeführt bzw. eingebettet. Das Kapitel schließt mit einem Resümee, in dem u.a. die Ambivalenz zwischen „Autonomie und Hilfebedarf“ der Zielgruppe deutlich herausgestellt und entlang der hier formulierten Bedarfe zur Weiterbetreuung von jungen Volljährigen nach § 41 SGB VIII appelliert wird.

Das dritte KapitelAlles anders, alles gleich: Familienarbeit mit Geflüchteten im Jugendhilfesystem“ widmet sich zunächst einer Fallvingette. Samiras Geschichte wird im ersten Teil des Kapitels aus verschiedene Sichtweisen geschildert (Jugendamt, Eltern, Bruder, Samira selbst) und unter den Stichworten Kommunikation und Kontakt kommentiert. Im weiteren Verlauf des Kapitels findet sich eine Auseinandersetzung mit Themen, die im Clearingverfahren mit Samira und ihren Familienmitgliedern besprochen wurden (individuelle Flucht- und Ankommenserlebnisse, Haltung in der Kindererziehung, Gewaltwiderfahrnisse) sowie eine Darstellung der Familienzusammenführung und der darin beteiligten Akteuer*innen, ihren Ausgangslagen und Rollen.

„Minderjährige Geflüchtete in der Schule“ stehen im Mittelpunkt des vierten Kapitels. Ihre Situation wird ebenfalls aus verschiedenen Perspektiven betrachtet und entsprechend werden Herausforderungen für Schüler und Schülerinnen benannt, die Rolle von Schule und Lehrkräften thematisiert und abschließend Forderungen zur Verbesserung der Schulsituation von geflüchteten Kindern und Jugendlichen aufgestellt, die sich insbesondere auf das Positionspapier „Voraussetzungen für gutes Lernen“ vom Arbeitskreis Junger Flüchtlinge (2019) beziehen.

„Empowerment, Partizipation und Selbstorganisation in der Kinder- und Jugendhilfe“ sind die methodischen Felder des fünften Kapitels. Das Empowermentkonzept, wie es klassischerweise in der Sozialen Arbeit zur Anwendung kommt, wird kritisch betrachtet und im Sinne eines macht- und privilegienbewussten Power-Sharings und der Notwendigkeit von Safer Spaces (neu) gedacht. Im Hinblick auf Partizipation werden die bekannten Fallstricke skizziert und darauf verwiesen, dass Formen der echten Partizipation nach wie vor kaum in der Praxis umgesetzt werden, mit Blick auf die Umsetzung des SGB VIII allerdings dringend implementiert und vor allem gelebt werden müssen. Die Auseinandersetzung mit Selbstorganisation schließt an den vorangegangenen Ausführungen an und stellt abschließend knapp mit dem Verein Careleaver e.V. sowie dem Verein Jugendliche ohne Grenzen (jog) zwei Beispiele gelungener Selbstorganisation vor.

Das Buch endet mit einem „Fazit“ (sechstes Kapitel), in dem vor allem die professionelle Grundhaltung wie die Rechte der geflüchteten Minderjährigen im Fokus stehen.

Diskussion und Fazit

Es ist ein kleines schlaues Buch geworden, dessen Qualität sich zum einen aus dem gelungen umgesetzten Ansatz ergibt, (institutionelle wie handlungsorientierte) Antworten auf die von geflüchteten Jugendlichen formulierten Fragen zu finden. Die explizite Einbindung von Stimmen der Zielgruppe durch Interviews, Fallvignette und Beispielen sowie die theoretisch wie empirisch umfangreiche Zitation von relevanten Fachquellen verleihen dem Werk zum anderen multiperspektivische Zugänge und fundierte Analysen. Aber: es ist tatsächlich auch nur ein kleines Buch, von dem nicht erwartet werden kann, dass es allumfassend auf konkrete Fragen der Jugendhilfe eingehen kann oder Handbuchcharakter aufweist. Es gibt vielmehr Einblick in Unterstützungsmöglichkeiten wie -grenzen der involvierten Instanzen und richtet sich eher an eine Leser*innenschaft, die mit dem Thema bzw. Handlungsfeld schon vertraut ist. Für diese bietet es allerdings gewinnbringende Informationen und Reflexionsansätze für die eigene Tätigkeit wie die daran geknüpften Kooperationen. Auch Studierende der Sozialen Arbeit bietet es wichtige Impulse im Hinblick auf Haltungsfragen und kann entsprechend (auch ausschnittsweise) sehr gut in der Lehre eingesetzt werden.

Insgesamt eine lohnenswerte Lektüre!


Rezension von
Prof. Dr. Antje Krueger
Professorin für „Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft“ und „Internationale Soziale Arbeit“ an der Hochschule Bremen.
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Zitiervorschlag
Antje Krueger. Rezension vom 28.07.2020 zu: Dorothea Zimmermann, Silke Birgitta Gahleitner, Conny Bredereck, Adrian Golatka, Marilena de Andrade u.a.: Minderjährige Geflüchtete in der Jugendhilfe. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2019. ISBN 978-3-525-40679-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26499.php, Datum des Zugriffs 26.09.2020.


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