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Wilfried Hinsch, Daniel Eggers (Hrsg.): Öffentliche Vernunft?

Cover Wilfried Hinsch, Daniel Eggers (Hrsg.): Öffentliche Vernunft? Die Wissenschaft in der Demokratie. Walter de Gruyter (Berlin) 2019. 118 Seiten. ISBN 978-3-11-061420-6.

Reihe: Edition Wissenschaft & Demokratie - Band 1.
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Thema

Ob Finanzkrise, Migrationsdebatte, Klimadebatte, Coronakrise … Das Urteil wissenschaftlicher Experten ist gefragt – sei es in der Politikberatung, in Talkshows, auf Podiumsdiskussionen oder in Experteninterviews. Doch eines kann die Wissenschaft nicht: Einigkeit herstellen und Lösungen vorgeben, die nur noch politisch exekutiert werden müssen. So einfach gestaltet sich das Zusammenspiel von Wissenschaft, Politik und Medien keineswegs: Wissenschaftliche Erkenntnisse bleiben umstritten, der politische Umgang mit ihnen ebenso und längst nicht alles, was in den Medien als Erkenntnis „der“ Wissenschaft verkauft wird, formuliert tatsächlich einen wissenschaftlichen Konsens. Notwendig bleibt eine funktionierende Öffentlichkeit, in der über die verschiedenen menschlichen Teilpraxen hinweg um den richtigen Umgang mit bestehenden Kontroversen gerungen wird. Diesem Thema widmet sich eine neue Reihe im De Gruyter-Verlag. 

Herausgeber

Wilfried Hinsch war von 2006 bis 2012 Mitglied des Wissenschaftsrates; er ist als Professor für Philosophie an der Universität zu Köln tätig. Daniel Eggers arbeitet ebendort als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Praktische Philosophie.

Kontext

Die neue Reihe „Edition Wissenschaft und Demokratie“ steht im Zusammenhang mit dem 2016 gegründeten Wissenschaftsforum zu Köln und Essen. Dieses soll – so die beiden Herausgeber in ihrer Einleitung – „dem freien Austausch und der Selbstverständigung von Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik dienen“ (S. 1). Die Reihe veröffentlicht Ergebnisse aus dessen Arbeit, steht darüber hinaus aber auch für andere Beiträge offen, die sich mit dem Verhältnis von Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik beschäftigen. Neben der Printausgabe erscheinen die Bände zugleich im „Open Access“-Format kostenfrei auf den Internetseiten des Verlags und des Wissenschaftsforums. Die Herausgeber erheben den Anspruch, sich mit ihrer neuen Reihe allgemeinverständlich an eine breitere, interessierte Öffentlichkeit zu wenden. Wissenschaftstheoretisch stützen sich die Beiträge der Reihe auf die Systemtheorie Niklas Luhmanns und die Wissenschaftsphilosophie Michel Foucaults, wie Hinsch und Eggers einleitend offenlegen.

Der Auftaktband dokumentiert einen Workshop, der im März 2018 in Essen stattgefunden hat. Die einzelnen Beiträge des Bandes streben untereinander keinen Konsens an. Dennoch weise die gemeinsame Diskussion unter den Beiträgerinnen und Beiträgern, die im Juni 2019 in Berlin fortgesetzt wurde, einige Konvergenzen auf, welche die Herausgeber in ihrer Einleitung in neun Thesen vorstellen:

  1. Neben medienwirksamen Ereignissen bestehe ein großer Reflexionsbedarf über die gesellschaftliche Rolle und die Verantwortung der Wissenschaft.
  2. Die Offenheit aller Erkenntnisprozesse und deren grundsätzliche Widerlegbarkeit seien konstitutiv für Wissenschaft.
  3. Wissenschaft sei Wahrheitssuche, nicht Wahrheitsbesitz.
  4. Wissenschaft zeichne sich durch ihre Methoden wissenschaftlichen Begründens und Widerlegens gegenüber anderen Weisen der Erkenntnisgewinnung aus.
  5. Die Wissenschaft trage auch eine Verantwortung für erfolgreichen Wissenstransfer.
  6. Wissenschaft sei als eine auf komplexen Regeln beruhende Form sozialer Kooperation zu denken.
  7. Ein weites Verständnis von Wissenschaft umfasse insgesamt die mathematisch-naturwissenschaftlichen (Sciences) wie kultur- und sozialwissenschaftlichen (Arts) Disziplinen.
  8. Eine angemessene Verhältnisbestimmung zwischen Wissenschaft und Demokratie setze eine klare Unterscheidung zwischen wissenschaftlichen und politischen Entscheidungen voraus.
  9. Meinungsverschiedenheiten in der Wissenschaft könnten nicht einfach durch Abstimmung gelöst werden; umgekehrt müsse die Politik vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Kontroversen ihre Entscheidungen treffen.

Aufbau und Inhalt

Der Band gliedert sich in drei Abteilungen, die das Dreiecksverhältnis widerspiegeln, das es auszumessen gilt, wenn es um den öffentlichen Diskurs über wissenschaftliche Politikberatung sowie die mediale Präsenz wissenschaftlicher Experten geht:

  • Politik und Vertrauen
  • Kommunikation
  • Orte offener Wissenschaft

Vorangestellt ist dem Band ein Geleitwort der beiden Rektoren der am Wissenschaftskolleg beteiligten Universitäten, für Köln ist das Axel Freimuth, für Duisburg-Essen Ulrich Radtke.

Politik und Vertrauen

Im ersten Beitrag widmet sich der Wissenschaftspolitiker E. Jürgen Zöllner der Beziehung zwischen Wissenschaft und Politik: Auf der einen Seite habe die Wissenschaft eine Verpflichtung, ihre Erkenntnisse verständlich zu erklären und so der Politik als Entscheidungshilfe zur Verfügung zu stellen. Dabei sei es allerdings wichtig, auch die Bedingungen und die methodischen Grenzen der eigenen wissenschaftlichen Erkenntnisbildung offenzulegen. Umgekehrt warnt Zöllner die Politik aber auch vor einer Instrumentalisierung der Wissenschaft: Politik ziele auf Interessenausgleich und bedürfe daher der Kompromissfähigkeit. In diesem Sinne beständig darum zu ringen, was dem Gemeinwohl am besten diene, bleibe der genuine Auftrag an die Politik. Beriefen sich Politiker hingegen auf ausgewählte wissenschaftliche Positionen und verschanzten sich diese damit hinter sogenannten Sachzwängen, würden sie ihrer politischen Verantwortung gerade nicht gerecht. Solche politischen Entscheidungen verlören auf Dauer an demokratischer Legitimation und an Vertrauen in der Öffentlichkeit.

„Wissenschaft unter Druck: Vertrauensverlust oder Zeichen gewachsener gesellschaftlicher Relevanz?“, fragen Krista Sager, ehemalige Hamburger Wissenschaftssenatorin, und Gert G. Wagner, früher Mitglied des Wissenschaftsrates. Nein, von einem generellen Vertrauensverlust könne nicht die Rede sein – so der Tenor ihres Beitrags. Zunächst einmal zeige die Kritik positiv einen Bedeutungszuwachs der Wissenschaft an. Allerdings müsse die Wissenschaft, wenn sie sich in die öffentliche Debatte begebe, auch lernen, mit Kritik offen umzugehen. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind „ein“ Zugang zur Wirklichkeit. In der öffentlichen Debatte kommen allerdings Akteure zusammen, die alle noch einmal ihre ganz eigene – auf ihre Weise jeweils auch begrenzte – Perspektive mitbringen. Und diese unterschiedlichen Perspektiven und Interessen müssen politisch bearbeitet werden.

Wissenschaftliche Politikberatung, so die Überzeugung Silja Vönekys, habe die Aufgabe, „verschiedene rational begründbare Lösungen für die Probleme der Gegenwart aufzuzeigen“ (S. 42) – was umgekehrt mitunter auch heißen könne, den Vorwurf vermeintlicher Irrationalität aufzulösen. Conditio sine qua non guter Politikberatung sei es, redlich und unabhängig zu sein. Daher sollten Wissenschaftler sensibel sein gegenüber der Vermischung wissenschaftlicher und privatwirtschaftlicher Interessen. Wissenschaftliche Politikberatung könne unterschiedliche Formen annehmen: Grundsätzlich zu unterscheiden seien solche Formen, die von der Wissenschaft selbst organisiert würden, etwa Stellungnahmen von Wissenschaftsorganisationen, Fachgesellschaften oder Großforschungseinrichtungen. Zum anderen generiere die Politik selbst einen Bedarf an wissenschaftlicher Beratung durch die Erteilung von Gutachteraufträgen, die Einrichtung von Experten- und Beratergremien oder Anhörungen im Rahmen von Gesetzesverfahren. Unterschiede zwischen den verschiedenen Angeboten zeigten sich etwa im Öffentlichkeitsgrad oder im Maß politischer Einflussnahme.

Kommunikation

Der Wissenschaftsjournalismus, lange als unentbehrlicher Mittler zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit betrachtet, gerät von vielen Seiten unter Druck: durch Influencer, „Fake News“, die sozialen Medien oder technische Manipulationsmöglichkeiten im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung. Diesen Eindruck vermittelt Nicola Kuhrt, selber Wissenschaftsjournalistin, in ihrem Beitrag und ruft dazu auf: „Rettet den (Wissenschafts-)Journalismus!“ (S. 58). Die „redaktionelle Gesellschaft“, in der jeder Mediennutzer gleichsam selber zum mündigen Journalisten erklärt werde, ist für sie keine Alternative. Als einen Weg für die Zukunft schlägt Kuhrt, die mit MedWatch.de selbst ein solches begründet hat, „Indie-Startups“ vor, die in einer immer stärker diversifizierten Medienlandschaft im harten Kampf um Aufmerksamkeit bürgernäher und transparenter berichten könnten. Allerdings müssten diese auch ökonomisch abgesichert werden, etwa über Stiftungsmodelle.

Daniel Eggers, einer der beiden Herausgeber, plädiert in seinem Beitrag für eine wechselseitige Wahrnehmung von Kritik und Kontrolle im Verhältnis zwischen Medien und Wissenschaft. Traditionell nehme der Wissenschaftsjournalismus eine solche Funktion gegenüber der Wissenschaft ein und erfülle damit die Erwartung an seine – im Ganzen nicht unproblematische – Rolle als „vierte Gewalt“. Umgekehrt sei es aber auch an der Wissenschaft, medienethische Verantwortung wahrzunehmen – aus zwei Gründen: Zum einen gehöre dieses Element zur gesellschaftlichen Verantwortung der Wissenschaftler. Zum anderen gebe es bereits eine breite gesellschaftliche Medienkritik (z.B. in Gestalt des Vorwurfs „Lücken-“ oder „Lügenpresse“), die in Form einer wissenschaftlichen Medienkritik aufgegriffen und bearbeitet werden sollte.

Annette Leßmöllmann, Linguistin am Karlsruher Institut für Technologie, beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit der Gemeinwohlfunktion der Hochschulkommunikation. Weil die Hochschulen privilegierte Orte der Generierung und Weitergabe von Wissen seien, hätten sie nicht allein einen PR-Auftrag, sondern eine Verpflichtung zu gemeinwohlorientierter Kommunikation: Diese bestehe darin, keine Zielgruppen auszugrenzen, die Vielstimmigkeit der verschiedenen Positionen zu respektieren und in der eigenen Öffentlichkeitsarbeit Strategie nicht höher zu gewichten als Akkuratesse.

Orte offener Wissenschaft

Wilfried Hinsch, der weitere Herausgeber, und Lukas H. Meyer, Philosoph an der Universität Graz, beleuchten ausgewählte Streithemen des aktuellen öffentlichen Diskurses: Klimawandel, Genforschung und Künstliche Intelligenz. In den genannten Feldern gebe es keine allseits gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse, die es irgendwie an die Öffentlichkeit zu transportieren gelte. Dies sei auch eine naive Vorstellung. Denn es gebe nicht einfach eine unsichtbare Kommunikationsbarriere zwischen Universitäten und Öffentlichkeit. Die Notwendigkeit diskursiver Urteilsbildung beginne bereits im Hörsaal selbst. Die Lehr- und Forschungsfreiheit biete hierfür gute Voraussetzungen: „Wir haben es mit komplexen gesellschaftlichen Herausforderungen zu tun, auf die noch unbekannte Antworten gesucht werden. Diese können nur gefunden werden, wenn das Zusammenspiel aller Disziplinen in der inner-wissenschaftlichen Öffentlichkeit in neuer Weise koordiniert wird“ (S. 99). Am Ende werde es keinen Konsens geben, der nur noch universitär nach außen mitgeteilt werden müsste. Vielmehr werde es um „[p]lurale, aber darum nicht weltanschaulich beliebige Ergebnisse“ (S. 102) gehen, die im öffentlichen Diskurs einer pluralen, wissenschaftlichen Gesellschaft weiter bearbeitet werden müssten.

Maike Weißpflug und Johannes Vogel vom Museum für Naturkunde in Berlin plädieren abschließend dafür, auch Museen als Debattenorte ernst zu nehmen. Schon immer hätten Museen von dem gelebt, was wissenschaftlich interessierte Bürger eingebracht haben. In glücklichen Fällen könne „Citizen Science“ – wie heute gesagt wird – zu einer gelungen Koproduktion von Wissen führen. 

Diskussion

Zur Freiheit gehört, dass eine gesellschaftliche Arbeitsteilung aufrechterhalten, der nichthierarchische Ordnungszusammenhang zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Teilpraxen gewahrt bleibt sowie deren jeweilige Eigengesetzlichkeit geachtet wird. Für die verschiedenen Teilpraxen sind voneinander unterschiedene regulative Ideen maßgebend. In der Politik etwa werden Entscheidungen nach Mehrheits- oder Konsensprinzip gefällt; in der Wissenschaft kann nur das Geltung beanspruchen, was der argumentativen Prüfung auf empirischem oder hermeneutischem Wege standhält. Der Primat einer Teilpraxis über alle anderen Bereiche des öffentlichen Lebens würde auf Dauer weder zu einer sachlich angemessenen und effektiven Gestaltung der sozialen Ordnung führen noch den Prinzipien einer freiheitlichen Gesellschaft entsprechen. Insofern können sich Wissenschaft und Politik, Wissenschaft und Medien oder Medien und Politik nicht einfach gegenseitig ersetzen. Nur im spannungsreichen Zusammenspiel der verschiedenen Teilpraxen wird die Grundordnung eines freiheitlichen Gemeinwesens erhalten bleiben. Wie dies gelingen kann, wird im Band anhand verschiedener Beispiele diskutiert. Und es wird deutlich, dass die Herausforderungen für dieses spannungsreiche Zusammenspiel und für das faire, sachliche, konstruktive öffentliche Gespräch nicht kleiner geworden sind – im Gegenteil.

Der liberale Verfassungsstaat ist schon deshalb auf die Leistungen der verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereiche angewiesen, da er als „societas imperfecta et incompleta“ aus Voraussetzungen lebt, die er um seines freiheitlichen Charakters willen nicht selbst erzeugen kann, auf die er um den Preis seines eigenen Überlebens willen aber auch nicht verzichten kann. So bleibt er lebensnotwendig verwiesen auf nichtstaatliche Potenzen, beispielsweise der Religion, Wirtschaft, Kultur, Pädagogik – oder eben der Wissenschaft, die er allein aus sich selbst heraus nicht hervorbringen kann.

Die Verfassung sichert dem staatlichen Zusammenleben jenen Rahmen, in dem sich die Freiheit der Einzelnen entfalten kann. Die Regeln unseres Verfassungsstaates müssen aber durch ein Fundament konkret gelebter Orientierungswerte unterfüttert werden. Diese sind Ausdruck gemeinsamer Identität und bestimmen das sozialethische Verhalten der Bürger im Alltag. Medien und Wissenschaft tragen in der freiheitlichen Gesellschaft ihren Teil zur Pflege dieses gemeinwohlbezogenen, kulturethischen Fundaments bei.

Der Erhalt des kulturethischen Fundaments unseres gemeinsamen Zusammenlebens kann durch den Kulturstaat, etwa durch staatliche Rahmengesetzgebung oder Curricula für Staatsexamina, unterstützt werden. Wichtig bleibt allerdings, dass das staatliche Handeln in diesem Fall gesellschaftlich reflektiert, demokratisch legitimiert und maßvoll geschieht. Im Bereich der Wissenschaftspolitik etwa dürfen die für wissenschaftliche Erkenntnisbildung konstitutiven Prinzipien nicht hintergangen werden.

Die gegenwärtig zu beobachtende Polarisierung innerhalb der politischen Debatte hat diese Verhältnisbestimmung keinesfalls einfacher werden lassen. Die Kontroversen müssen im wissenschaftlichen Diskurs auf dem Boden der Verfassung, aber ohne parteipolitische Wertung dargestellt und einsichtig gemacht werden, und zwar vor dem Hintergrund des Selbstverständnisses der jeweiligen Debattenlager. Dabei geht es nicht um Beliebigkeit oder Wertneutralität, sondern um Unvoreingenommenheit und die Fähigkeit, Kontroversen auszutragen – als Grundlage jeder fairen demokratischen Streitkultur. Allerdings geschieht Überwältigung durch eine explizit parteipolitische Vereinnahmung heute vielleicht seltener, als dies in früheren Zeiten der Fall gewesen sein mag. Sehr viel schwerer zu dechiffrieren, sind Überwältigungen, die aus einer fast flächendeckenden Milieugebundenheit einer Berufsgruppe oder einer bestimmten Disziplin erwachsen. Sehr häufig wird dann unter dem Anschein der Neutralität für ein vermeintlich alternativlos „Gutes“ geworben, das in der öffentlichen Debatte und eben auch im Unterricht nicht mehr befragt werden darf. Hiervon ist auch die Wissenschaft keineswegs frei (man muss sich nur das Geleitwort des Bandes ansehen: Die beiden Universitätsrektoren wissen offenbar schon im Vorgriff genau, was unter „Populismus“ zu verstehen ist, ohne dass darüber noch zu reflektieren wäre). Hierüber hätte man im Sinne einer wissenschaftlichen Selbstreflexion und auch Selbstkritik gern mehr erfahren.

Denn wo Gegenpositionen gar nicht mehr zur Sprache kommen, weil sie von vornherein als diskussionsunwürdig etikettiert und aus dem gemeinsamen Gespräch ausgeschlossen werden, verkehren sich das Toleranz- oder Neutralitätsgebot in ein Machtinstrument – mit der Folge, dass die öffentliche Debatte auf Dauer verödet. Denn am Ende erstirbt das notwendige, mitunter harte Ringen um das bessere Argument. Es gibt unterschiedliche Ansichten über die Bedeutung einer europäischen Währungsunion und deren Ausgestaltung, über den verantwortlichen Umgang mit dem Phänomen heutiger Massenmigration, über die Bewertung von Klimadaten und die rechte Strategie im Umgang mit der Coronapandemie – ob das dem Einzelnen gefällt oder nicht. Und über diese Fragen muss in der Demokratie gestritten werden dürfen.

Fazit

Demokratie gelingt nicht als „Expertokratie“. Und Wissenschaft wird nicht erwarten können, zumal sie keineswegs mit einer Zunge spricht, dass ihre Erkenntnisse eins zu eins in Politik übersetzt werden. Entscheidend bleibt aber, dass sich beide nicht einander entfremden – dafür braucht es eine funktionierende Öffentlichkeit, an der Wissenschaftler nicht allein als solche, sondern gleichzeitig auch als Staatsbürger teilnehmen. Es bleibt abzuwarten, wie es der neuen Reihe gelingt, die Rolle der Wissenschaft gegenüber der Politik (und umgekehrt) zu reflektieren. Der erste Band ist ein solider Aufschlag, aber auch nciht mehr.


Rezension von
Dr. theol. Dipl.-Päd. Axel Bernd Kunze
Privatdozent am Bonner Zentrum für Lehrerbildung (BZL) der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Homepage www.axel-bernd-kunze.de
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Zitiervorschlag
Axel Bernd Kunze. Rezension vom 16.04.2020 zu: Wilfried Hinsch, Daniel Eggers (Hrsg.): Öffentliche Vernunft? Die Wissenschaft in der Demokratie. Walter de Gruyter (Berlin) 2019. ISBN 978-3-11-061420-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26500.php, Datum des Zugriffs 23.11.2020.


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