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Werner Pfab: Kompetent beraten in der Sozialen Arbeit

Cover Werner Pfab: Kompetent beraten in der Sozialen Arbeit. Bausteine für eine gute Beratungsbeziehung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2020. 194 Seiten. ISBN 978-3-497-02941-9. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Thematischer Rahmen

Beraten (Beratung), so schreibt Werner Pfab einleitend, „ist eine verantwortungsvolle, außerordentlich anspruchsvolle, hoch komplexe Tätigkeit, die kompetente Beraterinnen fordert und diese immer wieder vor neue Herausforderungen stellt“ (S. 16). Im Rahmen professionell ausgeübter (Sozial-) Beratung wird dabei oft die Beziehung zum entscheidenden Moment, wenn der Beratungsprozess dadurch beeinflusst wird, dass z.B. um Rat suchende Menschen in der Erwartung auftreten, durch die Beratung die Lösung aller Probleme zu erhalten, Berater*innen mit unerwarteten eigenen Emotionen konfrontiert sind oder unter Zeitdruck stehen. Die kommunikative Beziehung zu den Beratenen muss professionell ausgestaltet werden und dabei sowohl unter anderem den institutionellen Rahmen, Wissensgefälle zwischen Berater*innen und Beratenen oder Emotionen unterschiedlicher Art und Weise berücksichtigen.

Verfasser

Prof. Dr. Werner Pfab ist Dipl.-Psychologe und Kommunikationswissenschaftler und war Professor für Theorie und Praxis sozialer Kommunikation an der Hochschule Fulda.

Inhalt

Beratung ist einerseits durch das Fachwissen bestimmt, auf dessen Grundlage Berater*innen professionell handeln und damit fachlich gut beraten können, andererseits durch die Begegnung von Berater*innen und Beratenen. „Um diese Begegnung geht es in diesem Buch“, schreibt Pfab und nennt ein Beispiel: „Ein Klient in einer Schuldnerberatung. Das Ganze ist ihm furchtbar peinlich und er druckst mehr herum, als dass er seine Situation schildert. Die Beraterin reagiert ungeduldig und genervt, den nächsten Termin im Nacken. Demütig folgt der Klient ihren Vorschlägen zur Lösung, die er als Anweisungen versteht. Später stellt sich heraus, dass wichtige Aspekte seines Problems in dem Gespräch nicht zur Sprache gekommen sind und die Vorschläge der Beraterin daher nicht greifen konnten. Der Klient hatte sich von der Beraterin überrollt gefühlt“ (S. 11).

Es geht um die Beziehung zwischen Berater*innen und Beratenen. Der Grundgedanke des Verfassers ist es dabei, dass „die Beziehung“ in der Beratungssituation sich erst aus der Überlagerung sehr unterschiedlicher Beziehungsverhältnisse und -qualitäten mit entsprechenden Beteiligungsweisen ergibt. Diese Beziehungen fließen in unterschiedlicher Intensität und Wichtigkeit die einzelne konkrete Beratungssituation ein, mit der Berater*innen zu tun haben (S. 12). Damit will sich Pfab von anderen Publikationen zur Beratung abgrenzen, „die diese Beziehung aus einem einzigen Konzept heraus bestimmen wollen – und ein solches Konzept dann auch noch präskriptiv vorschreiben“, was aber „der Wirklichkeit des Phänomens Beratungsbeziehung nicht gerecht“ werde: „Es bedarf einer umfassenderen, kulturwissenschaftlichen Perspektive, um der Komplexität des Phänomens Beratungsbeziehung gerecht zu werden“ (S. 12).

Dieser Anspruch erklärt die Struktur des Bandes: Jedes Kapitel ist einer der Beziehungen gewidmet, die Beratungssituationen prägen.

  • Nach einer kurzen Einführung
  • werden die Beziehungsaspekte auf der Grundlage einer kleinen Fallvignette aus der Beratungspraxis illustriert,
  • um anschließend die Beziehung in ihrer spezifischen Logik und Dynamik zu erläutern. Der Verfasser schränkt im Vorwort dazu ein: „Diese Erläuterungen stellen die einzelnen Beziehungen ‚in Reinkultur‘ dar (…) es versteht sich, dass im konkreten Einzelfall von Beratung jede Beziehung durch das Zusammenwirken mit allen anderen Beziehungen ein ‚Gemisch‘ bildet, das sich im Einzelfall durchaus als explosiv erweisen kann“ (S. 14).
  • Aus der Betrachtung der Logik und Dynamik der jeweiligen Beziehung leitet Werner Pfab konkrete Handlungsorientierungen für Berater*innen ab, ebenso auch „Warnungen vor Fallstricken, Empfehlungen zur Vermeidung von Verführungen, Hinweise auf Gestaltungsmöglichkeiten der Beziehung, Vorschläge zum Kontern unangemessener Zumutungen, Anregungen zum Umgang mit Paradoxien und anderes mehr“ (S. 15).
  • Dabei helfen neun sinnvoll gewählte und die Darstellung unterstützende Grafiken und eine Tabelle.
  • Ein überschaubares Literaturverzeichnis (sieben Seiten) schließt den Band ab. 

Diskussion

Es ist ein wahrer Gewinn, dass im vorliegenden Band zwar auch ein Kapitel zu psychologischen Beratungskonzepten („die konzeptionelle Beziehung“) vorliegt, jedoch der psychologisch-orientierte Zugang in Abgrenzung zu anderen Veröffentlichung zur Beratung aber nicht im Vordergrund steht. Werner Pfab ermöglicht dadurch den Berater*innen einen „Perspektivenwechsel“, denn die konzeptionelle Orientierung – die „Theorie“ – spielt für die Beratung „keineswegs die zentrale Rolle, die ihr in der Beratungsliteratur durchweg zugeschrieben wird“. Hierdurch soll deutlich werden, dass eine konzeptionelle Orientierung eine Orientierungsgröße für Berater*innen darstellt, mehr freilich eben auch nicht, hat doch eine Vielzahl anderer Orientierungen im Einzelfall ein deutlich größeres Gewicht für das praktische Handeln von Berater*innen (S. 15).

Dazu zählt unter anderem, dass Beratung als professionelle Beziehung eine berufliche Rolle kennzeichnet, die, so Pfab, auf eine ganze Reihe von Aspekten bezogen ist, insbesondere die Zugehörigkeit zu einer Behörde, ein Fachwissen, das durch Ausbildung (vor allem Studium) erworben und durch Weiterbildung gesichert wird, die Zugehörigkeit zu Fachverbänden und die Reflexion der beruflichen Praxis durch Qualitätszirkel und professionell angeleitete Reflexion in Form von Supervision und Coaching (S. 57).

Dabei spielen drei Spannungsfelder „eine besonders wichtige Rolle“:

  • das Spannungsfeld von Hilfe und Kontrolle, d.h. der Anforderung einerseits, Beratene zu befähigen und zu unterstützen, eine Notlage bewältigen und eine individuell gewünschte Lebensweise entwickeln zu können im Gegensatz zur Anforderung, Beratene in die gesellschaftliche Ordnung (wieder) einzugliedern andererseits;
  • das Spannungsfeld von Therapie und Recht als Anforderung, in der Beratung individuellen Besonderheiten Rechnung zu tragen und doch alle Beratenen (eben rechtlich gesehen) gleich zu behandeln;
  • das Spannungsfeld von Autonomie und Bürokratie (S. 59).

Aufschlussreich diskutiert der Verfasser im Besonderen dieses dritte Spannungsfeld von Autonomie und Bürokratie (Unterkapitel 5.5, S. 57–68) – ein Aspekt, der in der Literatur zur Beratung eher selten thematisiert wird. Hier haben Berater*innen ein Verständnis davon entwickelt, was es für sie bedeutet, Berater*innen zu sein, und wie sie diese Rolle „leben“ wollen. Diesem Verständnis sind sie „verpflichtet“ und demgegenüber wollen sie sich „verantworten“ und „ihre Arbeitszufriedenheit und Befriedigung schöpfen“. In ihrer Beratungspraxis freilich werden sie „konfrontiert mit Aufträgen, Vorgaben, Erwartungen, die nicht die ihren sind, sondern die der Institution, der Abteilung, des Kollektivs ihrer Kolleginnen“. In diesem Spannungsfeld – eigene, autonome Vorstellungen über die Beratungstätigkeit vs. bürokratische Standards und Arbeitsgewohnheiten – müssen sie sich positionieren und mit Aspekten auseinandersetzen, mit denen sie konfrontiert werden (z.B. der Arbeitskultur der Beratungseinrichtung u. ä.). Dazu zählt z.B. die Art und Weise, in der die Beteiligten über sich und die Beratenen reden (Jargon), Haltungen und Einstellungen gegenüber Beratenen (sog. „Klientenhaltung“), die sog. „Gruppenmentalität“ (als „geteiltes Selbstverständnis des Teams oder der Arbeitseinheit, den Charakter ihrer Arbeit betreffend“) und das sog. „Betriebsgedächtnis“ (das gemeinsame, in Erzählungen geäußerte, Wissen über die Einrichtung, ihre Geschichte und Traditionen). Deutlich, so der Verfasser, werde, „dass eine Entscheidung für eine Seite keine Lösung ist“. Folgt die Beraterin/der Berater nur oder weitgehend ihren/​seinen Vorstellungen von einer angemessenen Beratung, dann wird sie/er über kurz oder lang in einen Loyalitäts- oder Kollegialitätskonflikt geraten – sie/er wird zur Rebellin/zum Rebell, so Pfab. „Dienst nach Vorschrift“ werden Berater*innen hingegen machen, wenn sie sich den institutionellen Vorgaben unterwerfen. Geben sie ihre Autonomie soweit auf, „dass sie zu einer angemessenen Beratungstätigkeit nicht mehr in der Lage“ sind, werden sie zu Funktionär*innen bzw. Bürokrat*innen (S. 68).

Damit sind Aspekte der Beratungstätigkeit genannt, die in den gängigen Argumentationen „gelingender“ Beratung nur selten vorkommen, den Erfolg von Beratung aber nachhaltig beeinflussen. Da die Beratungsbeziehung immer durch die institutionelle Rahmung (mit-) bestimmt wird, kommt es also darauf an, dass sich Berater*innen in diesen widersprüchlichen Handlungsverpflichtungen zurechtfinden müssen, die sich als Spannungsfelder (Arbeitsbündnis vs. Unterwerfung, Intimität vs. Vollstreckung, Selbstverpflichtung vs. Loyalitäts- und Kollegialitätsverpflichtung) ergeben. In diesem Fingerzeig liegt eine der Stärken des Buches. Es ist daher auch naheliegend, dass Macht (z.B. in Form von Kontrolle und Vollstreckung), die in nahezu allen Beratungssituationen eine zentrale Rolle spielt, in diesem Buch kein gesonderter Platz eingeräumt wird, ein Kapitel über „Machtbeziehungen“ also vergeblich gesucht wird. Vielmehr wird Macht als besondere „Qualität“ der Beratung in jedem Kapitel im Blick auf die jeweils gegebene Beziehungsqualität thematisiert (sei es nun als Macht der Berater*innen, sei es Macht der Beratenen). Für Berater*innen bietet sich so ein Raum, der zur Selbstreflexion anregt, sich angemessen im Spanungsfeld von Autonomie, Institution und Macht selbst zu bestimmen und professionell zu positionieren.

Zielgruppen

Das vorliegende Buch richtet sich an Berater*innen aus dem Bereich Sozialer Dienste. Verfasst ist es, so der Autor, „ in jedem Fall für alle, die Beratungsarbeit leisten, die dadurch bestimmt ist, dass sie in Institutionen zwischen Fremden stattfindet mit dem Zweck, Ratsuchenden zu einer Lösung ihres Problems zu verhelfen“ (S. 11), also Sozialarbeiter*innen und andere Berater*innen (so sie z.B. im Jugendamt, der in der Erziehungsberatung- in der Schuldner- und Insolvenzberatung).

Fazit

Die (so der Untertitel des vorliegenden Bandes) „Bausteine für eine gute Beratungsbeziehung“ bieten eine vollständige Übersicht zum Beratungsprozess; sie sind anschaulich verfasst, beispielreich (und dabei übersichtlich) und jedes Kapitel schließt mit einer überzeugenden Zusammenfassung ab. Den Anspruch, Beraterinnen darin unterstützen, ihre Tätigkeit inhaltlich produktiv und persönlich befriedigend auszuführen, d.h. kompetent zu beraten, erfüllt das Buch uneingeschränkt. Der Band ist den Beratungspraktiker*innen ebenso wie zur Anwendung in der akademischen Lehre sehr zu empfehlen.


Rezension von
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Professur für Grundlagen und Methoden der Sozialen Arbeit an der Hochschule Magdeburg
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 18.08.2021 zu: Werner Pfab: Kompetent beraten in der Sozialen Arbeit. Bausteine für eine gute Beratungsbeziehung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2020. ISBN 978-3-497-02941-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26504.php, Datum des Zugriffs 17.09.2021.


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