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Anja Gerlmaier, Erich Latniak (Hrsg.): Psycho-soziale Gestaltung digitaler Produktionsarbeit

Cover Anja Gerlmaier, Erich Latniak (Hrsg.): Handbuch psycho-soziale Gestaltung digitaler Produktionsarbeit. Gesundheitsressourcen stärken durch organisationale Gestaltungskompetenz. Springer Gabler (Wiesbaden) 2019. 444 Seiten. ISBN 978-3-658-26153-5. D: 52,99 EUR, A: 54,26 EUR, CH: 57,50 sFr.
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Thema

Zentrales Thema dieses Handbuchs ist die psycho-soziale Arbeitsgestaltung zur Prävention von Fehlbelastungs- und Stressrisiken in der digitalen Produktion. Es geht um innovative Konzepte mit denen digital-unterstützte Arbeit wertschöpfend und gleichzeitig schädigungsfrei, lernförderlich, sozialverträglich sowie existenzsichernd gestaltet werden kann. Die unterschiedlichen Ansatzpunkte werden sehr handlungsorientiert dargestellt und geben praktische Hinweise für die Überwindung möglicher Gestaltungsbarrieren.

Herausgeberin und Herausgeber

Dr. Anja Gerlmaier ist Arbeitspsychologin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Arbeitsgestaltung, Demografie, Stress- und Burnoutforschung, Wissensarbeit und Gesundheitsmanagement.

Dr. Erich Latniak ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsabteilung Arbeitszeit und Arbeitsorganisation am Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Arbeitsgestaltung, Organisations- und Personalentwicklung sowie Belastung und Prävention in der Wissensarbeit.

Aufbau

Das 444 Seiten umfassende Handbuch ist im Rahmen des vom BMBF geförderten Verbundprojekts InGeMo „Initiative betriebliche Gestaltungskompetenz stärken – ein neues Präventionsmodell für Unternehmen und Beschäftigte“ entstanden. Es besteht aus vier Teilen, die folgende Überschriften tragen:

  • Teil I: Hintergründe, Konzepte, Zusammenhänge
  • Teil II: Gestaltungsansätze und Praxisbeispiele
  • Teil III: Gestaltungsinstrumente für die betriebliche Praxis
  • Teil IV: Kompendium psycho-soziale Arbeitsgestaltung von A bis Z

Insgesamt handelt es sich um 17 längere Fachbeiträge sowie um 23 kürzere Ausarbeitungen für das Kompendium. Zwölf Autorinnen und 20 Autoren haben an dem umfangreichen Handbuch psycho-soziale Gestaltung digitaler Produktionsarbeit mitgewirkt.

Inhalt

Teil I: Hintergründe, Konzepte, Zusammenhänge

In Teil I wird zunächst ein orientierender Überblick über Entwicklungsszenarien digitaler Produktionsarbeit und den daraus resultierenden Folgen für eine gesundheitsgerechte Gestaltung der Arbeit gegeben. Dem schließen sich Beiträge zum Konzept der organisationalen Gestaltungskompetenz und erste Befunde zu Gestaltungspotenzialen an. Interessant sind vor allem die beiden Eröffnungsbeiträge. Erich Latniak und Anja Gerlmaier gehen unter dem Titel „Ende der Arbeitsgestaltung durch Digitalisierung?“ der Frage nach, welche Herausforderungen und Chancen für die betriebliche Prävention durch die zunehmende Digitalisierung der Produktion abzusehen sind. Auf Basis aktueller Daten zum Stand der Digitalisierung werden die neuen Herausforderungen für Gestaltungsprozesse in produzierenden Unternehmen herausgearbeitet. Die AutorInnen zeigen anhand verschiedener Fallbeispiele aus dem InGeMo-Projekt, wie Digitalisierungsprojekte in der Produktion und produktionsnahen Dienstleistungsbereichen neue gesundheitliche Risikomuster in sich bergen, aber auch Chancen für eine bessere Qualität der Arbeit bieten können. Unter dem Titel „Arbeit 4.0 – Proaktive Arbeitsgestaltung als ein zentrales Handlungsfeld für die betriebliche Interessenvertretung“ widmen sich Wolfgang Anlauft, Thomas Habenicht und Jürgen Klippert den Gestaltungchancen einer Industrie 4.0 für die betriebliche Interessenvertretung. Sie beschreiben hierbei verschiedene Ansatzpunkte eines proaktiven Handelns der betrieblichen Interessenvertretung für eine menschengerechte Gestaltung der Arbeit unter den Bedingungen einer Arbeit 4.0.

Teil II: Gestaltungsansätze und Praxisbeispiele

Im Teil II folgen Beiträge mit betrieblichen Praxisbeispielen. Sie zeigen, welche Ansatzpunkte es gibt, um die organisationale Gestaltungskompetenz und die Gesundheitsressourcen der Belegschaft zu stärken. Auch hier seien zwei Beiträge als gelungene Beispiele hervorgehoben: Thomas Wendehals von den Deutschen Edelstahlwerken zeigt auf, wie die psycho-soziale Gesundheit im Betrieb durch die Einführung von Präventionsketten gestärkt werden kann. Er stellt vor, wie die Deutschen Edelstahlwerke bei der Entwicklung und Implementierung einer psycho-sozialen Präventionskette vorgegangen sind. Im Beitrag wird deutlich, wie eine Vernetzung der verschiedenen Aktivitäten zum betrieblichen Gesundheitsmanagement in der Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention zu einer flächendeckenden Sensibilisierung rund um das Thema Stress beitragen kann. In einem Erfahrungsbericht von Heinz Chrobok und Andre Makarov wird anschließend dargestellt, wie die Herausforderungen der Digitalisierung für die Sicherung der psycho-sozialen Gesundheit von Beschäftigten im Bereich des Projektmanagements betrieblich erfolgreich bewältigt werden können. Dargestellt wird unter dem Titel „Gesundheitsförderlich gestaltete Projektarbeit bei der Bühler Motor GmbH“ die Konzeption und Umsetzung eines partizipationsorientierten Vorgehensmodells. Hierbei führte das Unternehmen eine Belastungsanalyse gemeinsam mit Mitarbeitenden und Führungskräften durch und entwickelte hieraus Leitlinien für ein ‚gesundes‘ Projektmanagement. Im Beitrag wird gezeigt, welche Belastungen im Projektmanagement durch zunehmend kurzzyklischere Entwicklungsprozesse vorliegen und welche Gestaltungsmöglichkeiten zur Gesunderhaltung von Projektbeschäftigten möglich sind.

Teil III: Gestaltungsinstrumente für die betriebliche Praxis

Im Teil III dieses Handbuchs werden verschiedene im Forschungsprojekt entwickelte Präventionsinstrumente vorgestellt, mit denen die Gestaltungskompetenz, psychische Fehlbelastungen und Arbeitsgestaltungspotenziale in Organisationen ermittelt werden können. Anja Gerlmaier erläutert zum Beispiel, wie ungenutzte Arbeitsgestaltungspotenziale in Teams ermittelt werden können. Mit dem Instrument der ressourcenorientierten Gestaltungspotenzialanalyse (Gepia) können Organisationen bzw. Organisationseinheiten (Teams) erkennen, wo sie im Bereich der organisatorischen und sozialen Ressourcen bisher wenig genutzte Arbeitsgestaltungspotenziale besitzen. Darüber hinaus können Ressourcenmängel und -stärken der jeweiligen Organisationseinheiten erfasst werden. Das Instrument ermöglicht eine Betrachtung bestehender Arbeitsressourcen aus verschiedenen Perspektiven (Mitarbeitende, Führungskräfte, Arbeitsschutz-Akteure), was die Erarbeitung von Gestaltungsmaßnahmen im Dialog fördert. Wolfgang Anlauft stellt anschließend unter dem Titel „Gesundheitsförderliche Organisationsentwicklung nach dem Modell GeOrg – Gefährdungsbeurteilung Psyche als gesundheitsförderliche Organisationsentwicklung gestalten“ Instrumente vor, die bei der Durchführung von Gefährdungsbeurteilungen zur psychischen Belastung hilfreich sein können. Entlang eines bei der Gefährdungsbeurteilung empfohlenen Handlungszyklus wird ein vom Autor entwickeltes praxistaugliches Instrument zur Gefährdungsanalyse dargestellt, das verschiedene Auswertungsmöglichkeiten etwa über Abteilungen, Tätigkeitsfamilien oder sozio-demographische Daten der Belegschaften ermöglicht. Dem schließen sich Verfahren an, mit denen eine partizipationsorientierte Umsetzung von Gestaltungsmaßnahmen erfolgen kann.

Teil IV: Kompendium psycho-soziale Arbeitsgestaltung von A bis Z

Teil IV beinhaltet schließlich das Kompendium psycho-sozialer Arbeitsgestaltungsansätze für die digitale Produktions- und Dienstleistungsarbeit. Lesende können sich hier von A wie „Alter(n)sgerechte Arbeitsgestaltung“ bis V wie „Gesundheitsgerechte Vertrauensarbeitszeit“ über verschiedene Ansätze zur psycho-sozialen Arbeitsgestaltung informieren. Für den Rezensenten waren folgende Beiträge von besonderem Interesse: Bettina Lafrenz und Manuel Wirth gehen auf die Möglichkeiten der modernen Büroraumgestaltung ein. Der Wandel im digitalen Zeitalter bedingt neue Arbeitsformen an wechselnden Arbeitsplätzen, verknüpft mit Arbeiten unterwegs unter Einsatz mobiler Endgeräte. Um diese Arbeit menschengerecht zu gestalten sind die Büroräume einerseits zur Kommunikation und andererseits hinsichtlich Ruhezonen zur Konzentration zu planen und umzusetzen. Wolfgang Kötter geht auf die Gestaltung von ganzheitlichen Arbeitstätigkeiten bzw. vollständigen Arbeitsaufgaben ein. Im Beitrag werden Methoden zur Analyse und Bewertung von Aufgabenvollständigkeit sowie ein Vorgehen zur prospektiven Gestaltung von Arbeitsaufgaben vorgestellt. Erich Latniak beschäftigt sich mit der positiven Wirkung von Kurzpausen. Für den Erhalt der Arbeits- und Leistungsfähigkeit gewinnt die Erholung und Regeneration in der Arbeit unter Digitalisierungsbedingungen zunehmende Bedeutung. Hierfür sind Kurzpausen ein geeignetes Instrument. Für die konkrete Gestaltung sind dabei die Rahmenbedingungen sowie der Einführungsprozess von besonderer Bedeutung. Im Beitrag werden Prinzipien und Einflussfaktoren genannt, die bei der Umsetzung zu beachten sind. Antje Ducki geht von der Überlegung aus, dass unterschiedliche Mobilitätsformen auch unterschiedlichste Folgen für die Gesundheit der Betroffenen haben können. Ihr Beitrag skizziert Handlungsfelder und Möglichkeiten eines betrieblichen Mobilitätsmanagements. Mit seiner Hilfe können aufbauend auf einer Bestandsaufnahme und Sensibilisierung aller Akteure sowohl die Kompetenzen der Beschäftigten als auch die Mobilitätsbedingungen gefördert und weiterentwickelt werden.

Fazit

Das Handbuch psycho-soziale Gestaltung digitaler Produktionsarbeit bietet eine gelungene Mischung aus wissenschaftlichen Grundlagen und praxistauglichen Instrumenten. Es kann daher sowohl arbeitswissenschaftlich Forschenden als auch betrieblichen Akteuren aus den Bereichen Prävention und Arbeitsgestaltung sehr empfohlen werden. Besonders gelungen sind die 23 Kurzbeiträge des Kompendiums, die unterschiedliche Ansätze zur Stärkung der Gesundheitsressourcen in der digitalen Produktion vorstellen. Sie lassen sich auch in der Hochschullehre zur Arbeitsgestaltung und zum Betrieblichen Gesundheitsmanagement gut einsetzen. Digitalisierungsprozesse in Unternehmen stehen derzeit im Mittelpunkt des organisationalen Interesses. Insofern ist das Handbuch hochaktuell und auch für Interessenvertretungen besonders relevant.


Rezension von
Dr. Günther Vedder
Institut für interdisziplinäre Arbeitswissenschaft der Leibniz Universität Hannover
Homepage www.wa.uni-hannover.de
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Zitiervorschlag
Günther Vedder. Rezension vom 10.03.2020 zu: Anja Gerlmaier, Erich Latniak (Hrsg.): Handbuch psycho-soziale Gestaltung digitaler Produktionsarbeit. Gesundheitsressourcen stärken durch organisationale Gestaltungskompetenz. Springer Gabler (Wiesbaden) 2019. ISBN 978-3-658-26153-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26514.php, Datum des Zugriffs 28.03.2020.


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