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Franz Brunner, Rita De Dominicis u.a.: Krisenintervention kompakt

Cover Franz Brunner, Rita De Dominicis, Gerhard Hintenberger, Otto Hofer-Moser, Melitta Schwarzmann: Krisenintervention kompakt. Theoretische Modelle, praxisbezogene Konzepte und konkrete Interventionsstrategien. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2020. 136 Seiten. ISBN 978-3-525-40851-3. D: 15,00 EUR, A: 16,00 EUR.
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Thema

Das Buch will Menschen in unterschiedlichsten Berufsgruppen Anregungen und Hilfestellungen für einen professionellen Umgang mit Menschen in Krisen bieten. Krisenhafte Entwicklungen werden dabei nicht als pathologische Phänomene, sondern als normale Reaktionen auf Situationen der Überforderung betrachtet, die sich entweder langsam anbahnen, aber auch überraschend auftreten können. Diese Publikation bietet einen Überblick über wichtige theoretische Hintergründe und Interventionsstrategien in knapper übersichtlicher Form. Es bietet Praktikerinnen und Praktikern in konkreten Situationen Orientierung, vermittelt Kernwissen und präsentiert Einblicke in die konkrete Praxis der Krisenintervention.

AutorInnen

Dr. Otto Hofer-Moser ist Arzt für Allgemeinmedizin und Psychotherapeut (Integrative Therapie), Lehrtherapeut der ÖAK, Lehrtherapeut der Integrativen Therapie, Balint-Gruppenleiter, und in eigener psychotherapeutischer Praxis tätig.

Gerhard Hintenberger ist Psychotherapeut und Supervisor in eigener Praxis.

Melitta Schwarzmann ist Klinische und Gesundheistpsychologin und in eigener psychotherapeutischer Praxis tätig.

Rita De Dominicis ist Klinische Psycholgin und in eigener psychotherapeutischer Praxis tätig.

Franz Brunner ist Psychotherapeut und in eigener psychotherapeutischer Praxis tätig.

Die Autor*innen unterrichten im universitären und außeruniversitären Bereich „Krisenintervention im Kontext psychosozialer Berufsfelder“.

Aufbau

Das Buch setzt zehn inhaltliche Schwerpunkte:

  1. Vorbemerkung
  2. Allgemeines Krisenverständnis
  3. Konkrete Kriseninterventionsmaßnahmen bei Krisen
  4. Suizidalität
  5. Einführung in die Akut-Psychotraumatologie
  6. Notfall- und Krisenintervention bei psychiatrischen Störungsbildern
  7. Krisenentwicklungen mit dem Symptom „Panikattacken“
  8. Überwältigende Trauer
  9. Krisenberatung online
  10. Selbstfürsorge und Psychohygiene.

Ergänzt werden diese Schwerpunkte durch ein Literatur- und ein Abkürzungsverzeichnis.

Inhalt

Die Autor*innen dieses „Kompakt“-Bandes, der sowohl theoretische Modell als auch praktische Konzepte, aber auch konkrete Interventionsstrategien für die Krisenintervention vorstellen möchte, verstehen Krisen als normale Reaktionen auf Überforderung. Dass sich Krisen individuell so unterschiedlich darstellen, liegt nach Auffassung der Auto*innen an

  • den Krisenanlässen und Krisenauslösern
  • familiär-kulturell biografischen Hintergründen
  • Robustheit und Vulnerabilität der betroffenen sowie
  • aktuellen Lebens- und Ressourcenlagen (10).

Exemplarisch sollen in dieser Rezension die Kapitel 2 und 9 genauer vorgestellt werden.

Kapitel 2 widmet sich dem allgemeinen Krisenverständnis und ist als Einführungskapitel zu verstehen. Die Autor*innen setzen hier vier inhaltliche Akzente:

  1. Systemtheoretische Modelle
  2. Einstellungskriterien
  3. Krisenaspekte
  4. Allgemein Prinzipien der Krisenintervention.

Aus systemischer Sicht betrachten die Autor*innen von einer Krise als „Labilisierungen eines System“, die von vorhandenen Ressourcen und Bewältigungsstratgien nicht kompensiert werden und daher zu einer „Gefährdung des Weiterbestandes des Systems“ führen können. Dies kann mit weitreichenden Erschütterungen des Welt- und Selbstbildes einhergehen und zu Endfremdungsphänomenen führen, habituelle Bewältigungsstrategien helfen nicht mehr (13). Ausgelöst werden sie durch innere oder äußere Ereignisse, die die betroffene Person mit unausweichlichen Veränderungen konfrontiert und im Regelfall Bewältigungsstrategien aktiviert. Es kann zu Labilisierungen, Gefühlen des Überfordertseins oder Ausgeliefertseins kommen, falls sich diese als nicht adäquat oder ausreichend erweisen. Dabei können auch Höhe- und Wendepunkten auftreten, die im Idealfall mit einer Neuausrichtung verbunden sein können, bei misslingenden Bewältigungsversuchen aber auch zu dysfunktionalen Bewältigungsstrategien bis hin zu Suiziden führen können.

In Hinblick auf die Spezifizierung von Krisenverläufen stellen die Autor*innen im Anschluß einige Charakteristika vor und weisen dazu hin auf

  • die zeitliche Verlaufsgestalt
  • die Intensität der seelischen Erschütterung und die
  • Krisenanlässe selbst (15).

Ausführlicher behandelt werden sodann Verlustkrisen, die als archetypische Verlustkrisen (Tod eines geliebten Menschen), Verlustkrisen in Form von Trennungen oder Arbeitsplatz oder Heimatverlust durch Flucht, oder als Verlust der körperlichen Unversehrtheit oder auch als Werteverluste (z.B. spirituelle Krise) in Erscheinung treten können.

Die Autor*innen definieren Krisen bei Menschen mit Persönlichkeitsstörungen und gehen dann genauer auf psychosoziale Krisen ein. Grundsätzlich betrachten sie jede persönliche Krise als psychosozial. Sie führen auch den Begriff Lebensveränderungskrisen in Bezugnahme auf Stein und Caplan ein (18).

Sie sprechen sich vielmehr für eine Differenzierung von Krisen in Hinblick auf ihre subjektiven Auswirkungen und Bedeutungszuschreibungen aus und schlagen folgende Unterscheidungen vor:

  • schicksalhaft bedingte Krisen
  • gesellschaftlich bedingte Krisen
  • man made disasters (18).

In Ergänzung bzw. Abgrenzung dazu werden die ICD-10 bzw. DSM-D-Diagnostik Kategorien eingeführt und auf spezifische Notfallsituationen hingewiesen.

Weiterhin werden spezifische Krisenaspekte genauer beleuchtet:

  • Krisenanlass
  • Subjektive Bedeutung
  • Krisenanfälligkeit
  • Reaktion der Umwelt
  • Krisenverlauf (21).

Weiterer Schwerpunkt sind die allgemeinen Prinzipien der Krisenintervention in den Blick und dabei werden als Hauptaufgaben der betroffenen Berufsgruppen in Hinblick auf die Klient*innen herausgearbeitet, die Angst- und Panikzustände einzugrenzen, weitere belastende Gefühle zu regulieren und zu integrieren und die Klient*innen dabei zu unterstützen, die Lebensführung wieder in die eigenen Hand zu nehmen (22). Dazu, wie dies gelingen kann, geben die Autor*innen am Ende des Kapitels weitere Hinweise und Praxistipps.

Kapitel 9 nimmt die Krisenberatung online in den Blick. Das Buch ist im Frühjahr 2020 erschienen, also vor der Pandemie, die zu deutlichen Veränderungen in der Onlineberatung geführt hat. Etwaige Erkenntnisse und Erfahrungen diesbezüglich sind hier daher noch nicht berücksichtigt worden. Leider ist das Kapitel mit insgesamt nur 5 Seiten recht kurz geraten. Die Autor*innen gehen auf Mail- und Chatberatung ein, eine Beschäftigung mit Beratung via Video fehlt leider.

Sie benennen verschiedene positive Implikationen, die sich aus Online-Beratungs- bzw. Therapieformaten ergeben können:

  • erleichtert eine offene Problemkommunikation
  • ermöglicht vertiefte Verstehensprozesse
  • ermöglicht im Krisenfall Problemdistanzierungen
  • fördert Kreativität (116).

Sie hat zusätzlich eine stabilisierende Funktion in akuten Krisensituation, weil es hier eine Erreichbarkeit 24/7 gibt. Ein Praxisbeispiel schließt sich an und es werden kurz vier Einrichtungen vorgestellt, die Online-Krisenberatung anbieten.

Fazit

Die Autor*innen legen hier ein „Essential“ vor, bei dem sie Wert darauf legen, theoretische Hintergrundinformationen und entsprechende Interventionsstrategien schnell zugänglich zu präsentieren. Sie gehen dabei interdisziplinär und schulenübergreifend vor und legen besonderen Wert auf hohe Anwendungsorientierung. Sie setzen Icons ein, um besonders wichtige Inhalte extra zu kennzeichnen und markieren auch Praxistipps und -beispiel optisch. Wichtige Kernbotschaften werden am jeweiligen Kapitelende leser*innen-freundlich noch einmal zusammengefasst.

Positiv hervorzuheben ist auch, dass die Autor*innen sich um gendersensible Sprache bemühen, indem sie in zufälliger Reihenfolge männliche und weibliche Formulierungen einsetzen.

Die Publikation vermittelt kompakt und gut lesbar, anwendungsorientiert, aber dennoch mit Hinweisen auf wichtige theoretische Bezugsrahmen Grundlagenwissen und Praxistipps zum Thema Krisen und Krisenintervention. Es ist eine spannende Lektüre und ein hilfreicher Ratgeber für alle Berufsgruppen, die im Kontakt stehen mit Menschen, die sich in Krisen befinden oder geraten können, nicht nur Therapeut*innen und Berater*innen, auch für Sozialarbeiter*innen und Pädagog*innen hält das Buch zahlreiche Impulse bereit.


Rezension von
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 30.09.2020 zu: Franz Brunner, Rita De Dominicis, Gerhard Hintenberger, Otto Hofer-Moser, Melitta Schwarzmann: Krisenintervention kompakt. Theoretische Modelle, praxisbezogene Konzepte und konkrete Interventionsstrategien. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2020. ISBN 978-3-525-40851-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26515.php, Datum des Zugriffs 30.10.2020.


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