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Robert Seyfert: Beziehungsweisen

Cover Robert Seyfert: Beziehungsweisen. Elemente einer relationalen Soziologie. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2019. 278 Seiten. ISBN 978-3-95832-189-2. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.
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Thema und Autor

In diesem Fachbuch geht es um den Versuch der Entwicklung einer Soziologie, die weniger weglässt. Es sei eine Fürsprache und Analyse der Vielfalt sozialer Beziehungen, sozialer Beziehungsweisen, die in der Soziologie bisher allzu reduziert betrachtet wurden. Eine relationalen Soziologie müsse der Vielfalt sozialer Beziehungen in theoretischer, methodischer und empirischer Hinsicht gerecht werden.

Autor ist Robert Seyfert, Professor am Institut für Soziologie an der Uni Duisburg-Essen.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist neben „Einleitenden Bemerkungen“ in weitere 13 Kapitel mit Unterkapiteln differenzierter Länge gegliedert. Hier werden die Kapitel und deren Inhalte kurz umrissen.

Im zweiten Kapitel „Soziologie der Beziehungsweisen“ wird davon ausgegangen, dass es in der Soziologie soziale (Werdens-) Beziehungen gäbe, die konstitutiv für die Entwicklung von Individuen und Systemen sind. Wir seien nie nicht-sozial gewesen. Um dieser Sozialität gerecht zu werden, bedürfe es 1. eines Konzepts des sozialen Lebens und 2. eines Konzepts, das für diese Gruppenmitglieder Formen des sozialen Verhaltens berücksichtige (S. 18). Es gäbe eine soziale Immanenz, eine soziale Welt, in der sich diese Sozialität abspiele. Es sei dieser differenzielle Aspekt, der dieses Buch zu einer intensiven Soziologie mache. Sie rücke den Prozess der Differenz, des Anders-Werdens in den Fokus. Es umfasse qualitative Sprünge: Intensitätsdifferenzen.

Das dritte Kapitel ist mit dem Titel „Intensitätsbeziehungen“ überschrieben. Es herrsche in der Soziologie das Primat extensiver Methoden im Gegensatz zu intensiven, die nur ansatzweise und abseitig zum Einsatz kämen. Die Intensitätsanalyse wäre eine Methode, die skalierbare Größen messe und die Diskontinuitäten berücksichtige, sodass die Analyse des konstitutiven Zwischens möglich wäre. Insofern sei die Intensitätsanalyse eine neue soziologische Methode, die auch eine Affektanalyse einschließe (S. 44).

Dem Thema „Ordnungsobsessionen“ widmet sich das folgende Kapitel. Es wird die Frage gestellt, wie eine soziale Ordnung entsteht. Der Autor geht von der Annahme einer Unwahrscheinlichkeit von Ordnung und dem Primat der Beziehungslosigkeit aus. Danach setzt er sich mit Unwahrscheinlichkeitsobsessionen von Luhmann, Hobbes und Parson auseinander. Die Vielfalt sozialer Beziehungen anzuerkennen hieße zugleich, diese nicht als primär antagonistisch und konflikthaft verfasste Beziehungen zu verstehen (S. 57).

Das sechste Kapitel beschäftigt sich mit „Umgehungen“. Man dürfe Nachahmung nicht als identisches Kopieren verstehen, sondern als differenzierende Wiederholung und zwar als eine Differenz, die das Potenzial hätte, etwas Neues hervorzubringen. Evolution sei kein Zahlenspiel, sondern eine Umgehung des Überlebenskampfes und die Schaffung neuer Bedingungen, in denen noch keine anderen Arten lebten. Es handele sich bei den bisher Gesagten um den Appel, die Vielfalt der sozialen Beziehungen angemessen zu berücksichtigen und nichts wegzulassen.

Das folgende Kapitel setzt sich mit „Relationen und Prozesse“ auseinander. Es gäbe keine Abwesenheit einer sozialen Ordnung und damit auch keine Abwesenheit sozialer Beziehungen. Es sei von einer fundamentalen Vielfalt sozialer Ordnungsbildungen und Beziehungen auszugehen. Die Fokussierung der soziologischen Forschung auf soziale Beziehungen zwinge zur Differenzierung und Präzision der unterschiedlichen Arten sozialer Beziehungen (S. 93).

Kapitel acht nimmt die „Affektanalyse“ in den Blick. Mittlerweile hätte sich eine unüberschaubare Zahl von Affekttheorien entwickelt, wobei drei Theorienparadigmen zu unterscheiden seien: die Sozialpsychologie, die Soziologie der Emotionen und die Affektforschung. Diese drei werden im Folgenden kurz dargestellt, um danach die Affektanalyse des Autors herauszuarbeiten.

Im neunten Kapitel will der Autor eine Theorie der „Interpassivität“ entfalten, der die passiven Momente des sozialen Lebens stärker berücksichtige. Danach werden verschiedene Theorieansätze namhafter Soziologen kritisch vorgestellt. So würden soziale Beziehungen gerade dadurch ermöglicht, hergestellt und aufrechterhalte, wenn man nichts tue.

„Suspension“ ist das Thema des nächsten Kapitels elf. Suspension werde als negierende Aufhebung, als Beendigung oder Verzicht verstanden. Sie werde nicht als Einschränkung der Handlungsfähigkeit gesehen, sondern sie stelle deren transzentrale Radikalisierung dar. Anschließend wird der Suspensionsbegriff in der Biologie und Anthropologie verdeutlicht, um dann zur Distinktionssuspension übergehen zu können (S. 184 ff).

„Heterologische Beziehungen: Mensch und NichtMensch“ greift Kapitel zwölf auf. In den folgenden beiden Kapiteln geht es um die empirische Anwendung der eingeführten Intensitäts- und Affektanalyse. Auch nichtmenschliche Teilnehmer könnten Gruppen- und Gesellschaftsmitglieder werden, es seien Beziehungen zwischen menschlichen und artifiziellen Entitäten. So wurden 2017 dem Whanganui River in Neuseeland dieselben Rechte und derselbe Status zuerkannt wie menschlichen Wesen. Einige Tage später wurden in Indien die Flüsse Ganges und Yamuna zu rechtlichen und lebendigen Entitäten anerkannt (S. 191). Heterologische Gesellschaften seien jene, die die Gruppenmitglieder auf nichtmenschliche Andere ausdehnten. Mit der Affektanalyse sei es möglich, den Blick auf Prozesse im Zwischen, auf Details der sozialen Beziehungen zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Anderen zu richten. In einem weiteren Abschnitt werden auf Grundlage früherer Analysen des Totemismus Tiere als Gruppenmitglieder untersucht. Es seien nur Personen verschiedenen Aussehens mit verschiedenen Eigenschaften und bestimmten Fähigkeiten. Im Folgenden werden ethnografische Beschreibungen mit einer Affektanalyse überarbeitet.

„Automatische Beziehungen: Mensch und Maschine“ werden im vorletzten Kapitel behandelt. Thema hier sind Mensch-Maschine-Beziehungen in anthropistischen Gesellschaften. In diesem zweiten Teil der empirischen Anwendung gehe es um das algorithmische Finanzwesen, um die affektive Spezifik und Singularität der sozio-technischen Umwelt. Affektive Beziehungen seien als soziale Beziehungen zu verstehen, die alle möglichen Formen annehmen könnten, inklusive sensorischer Transmissionen, sie seien multi-frequenziell. Automatisierte Systemelemente führten nicht notwendigerweise zum Ausschluss der Menschen und ihrer Affekte. Im Gegenteil würden solche Systeme die sozialen Beziehungen intensivieren (S. 247).

Im letzten Kapitel „Schluss“ widmet sich der Autor abschließend dem zu, was er mit der Publikation „Beziehungsweisen“ erreichen wollte. Diese würde sich dem soziale Leben widmen und zwar mit dem Fokus auf die Verbindungen, die ihnen zugrunde liegen bzw. in die sie eingebunden seien. Als einen abstrakteren Alternativbegriff zur Kommunikation werden Affektbeziehungen vorgeschlagen. Es ist ein Begriff des wechselseitigen Affizierens und des Affiziert-Werdens, die es ermöglichen, soziale Beziehungen empirisch zu untersuchen, die sich jenseits von Semantik und Symbolismus befänden.

Fazit

Mein Urteil fällt wirklich äußerst gespalten aus. Diese Publikation entzieht sich bis auf die letzten drei Kapitel jeder empirisch nachvollziehbaren Analyse. Der Autor ist so auf seine theoretischen Explikationen fokussiert, dass ich noch nicht einmal eine Leserschaft, die diese akademischen Erläuterungen lesen möchte, bestimmen kann. Die ersten 11 Kapitel setzt sich der Autor ausschließlich mit differenzierten soziologischen Theorien und deren Vertreter*innen auseinander ohne dass der Begriff „Beziehungsweisen“ von ihm selbst eindeutig determiniert wird. Ich überziehe bewusst wenn ich sage, diese Explikationen haben zuvorderst totemistische Züge.


Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 06.07.2020 zu: Robert Seyfert: Beziehungsweisen. Elemente einer relationalen Soziologie. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2019. ISBN 978-3-95832-189-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26519.php, Datum des Zugriffs 30.11.2020.


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ISSN 2190-9245

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