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Jutta Kister: Von Wachstum und Werten

Cover Jutta Kister: Von Wachstum und Werten. Globale Wertschöpfungsketten im fairen Handel. oekom Verlag (München) 2019. 335 Seiten. ISBN 978-3-96238-116-5. D: 34,00 EUR, A: 35,00 EUR.
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Thema

Der Faire Handel hat sich zu einem bedeutenden Wachstumsmarkt entwickelt. Auch große Einzelhandelsketten haben inzwischen fair gehandelte Produkte im Angebot, was bei den seit langem auf diesem Feld aktiven Organisationen und Basisgruppen teilweise auf Misstrauen und Kritik stößt. Jutta Kister untersucht in ihrer Studie, ob oder inwiefern dies berechtigt ist.

Autorin

Jutta Kister ist promovierte Geographin. Sie forscht an der Universität Innsbruck zu wirtschaftsgeographischen Themenfeldern mit dem Fokus auf nachhaltiger Entwicklung.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Publikation basiert auf der Dissertation, mit der die Verfasserin an der Universität Innsbruck promoviert worden ist.

Inhalt und Aufbau

In der Einführung (Kapitel 1) klärt die Autorin die Leser*innen über ihre Forschungsfragen auf. Zum Beispiel: „Wie werden normative Vorgaben im Welthandel in soziale Mindeststandards umformuliert?“ Oder: „Welche neuen Akteure sind [im Fairen Handel] hinzugekommen?“ (13) Und welche Auswirkungen hat das?

Die folgenden Kapitel findet man auf vier große Textabschnitte aufgeteilt. Im ersten Teil, der in drei Kapitel gegliedert ist, werden „theoretischer Ansatz und Forschungsmethoden“, so die Überschrift, präzisiert.

In Kapitel 2 greift die Autorin auf „Kettenansätze in der Wirtschaftsgeographie“ zurück, deren Anwendbarkeit auf „alternative Nischen“ im Welthandel sie prüfen möchte. Zur Erläuterung: Es geht um die Verarbeitungs- oder Wertschöpfungsketten vom Produkt bis zum Verkauf, die in globalen Produktionsnetzwerken sehr komplex sein können. Zur Abbildung der unterschiedlichen Konfigurationen gibt es mehrere Ansätze, die von der Verfasserin diskutiert werden.

In Kapitel 3 wird der Stand der Forschung über Fairen Handel in der Geographie und in Nachbardisziplinen vergegenwärtigt, um den Forschungsbedarf einzuschätzen.

In Kapitel 4 werden die verwendeten Forschungsmethoden vorgestellt. Die Autorin hat ein Set von Methoden verwendet, die der Qualitativen Forschung zugeordnet werden (Bild- und Textanalyse, Interview, teilnehmende Beobachtung und Feldtagebuch). Aus der Wirtschaftsgeographie übernimmt sie das „Value Chain Mapping“ zur Kartierung der Wertschöpfungsketten.

Der zweite Teil der Darstellung „Das Forschungsobjekt – der Faire Handel in Deutschland und seine globalen Verflechtungen“ umfasst wiederum drei Kapitel.

Entsprechend der Ankündigung wird ein Überblick über den Fairen Handel in Deutschland und dessen Entwicklung gegeben (Kapitel 5). Auch die Frage der Abgrenzung vom konventionellen Handel ist Teil dieses Kapitels.

In Kapitel 6 wird die Debatte über die Globalisierung rekapituliert, und die Verfasserin greift die Frage von Mindeststandards, Zertifizierungen und Selbstverpflichtungen im Welthandel und speziell im Fairen Handel auf. Das Fazit zieht sie im kurzen Kapitel 7 (164).

Im dritten Teil werden die globalen Wertschöpfungsketten im Fairen Handel analysiert. Dabei geht es um die Frage, „ob in den globalen Ketten der alternativen Nischenprodukte generell die gleichen Koordinationsformen und Machtasymmetrien erkennbar sind wie im industriellen Handel“ (167).

Die Autorin untersucht in Kapitel 8 mehrere Varianten von Produzenten-Käufer Beziehungen am Fall, die sie mit dem Value Chain Mapping visualisiert, um den Vergleich zu erleichtern. Ergebnis: die größten Veränderungen haben im globalen Norden, am Ende der Kette stattgefunden. Dort ist die meiste Wertschöpfung und das meiste Wachstum zu registrieren. Aber es gibt Ausnahmen.

Thema von Kapitel 9 sind die „Produzenten-Konsumenten-Beziehungen im Wandel“. Es geht unter anderem um die Frage, was Konsumenten heute von der Geschichte des Produkts wissen wollen und erfahren können. Nur noch selten sind unmittelbarer Kontakt oder auch ideell gestiftete Beziehungen wie bei den frühen Fair-Trade-Initiativen. An ihre Stelle sind Informationen auf Verpackungen getreten. Siegel und Marken dienen der Vertrauensbildung, ohne dem Kunden viel über die Produktion zu verraten.

Da die Kunden beim Fairen Handel mit dem Kauf gewisse politische Ansprüche verbinden, sieht sich die Autorin zur Erweiterung des Analyserahmens genötigt, der sie im letzten Teil Rechnung trägt, überschrieben „Wertorientierung als Analysekomponente in alternativen globalen Wertschöpfungsketten“.

In Kapitel 10 begründet sie die Erweiterung unter Bezug auf die vorherigen Untersuchungsergebnisse.

In Kapitel 11 werden kettenexterne Akteure wie Verbände am Beispiel des Fairen Handels in Deutschland in die Betrachtung einbezogen. „Re-Strukturierungen der Netzwerke“ im Zug der Marktausweitung und Aushandlungsprozesse über die Frage „Wer gehört dazu“ werden erörtert.

 Kapitel 12 bietet ein erstes Resümee mit der Differenzierung der Handelsbeziehungen nach Auswahl der Handelspartner, der Gestaltung der Beziehung (z.B. partnerschaftlich vs. rein geschäftlich), nach Langfristigkeit und Transparenz der Geschäftsbeziehung, dem Umgang mit Macht und Risiken (263).

Zum Abschluss untersucht Kister in Kapitel 13 „Wirkungen der Prozesse im ‚Norden‘ auf die Produzentenregion, am Beispiel Nicaragua“. Solche Wirkungen sieht sie in der Fallstudie bestätigt (285). Deutlich zeigt sich die Relevanz langfristiger Beziehungen (293).

Eine Conclusio und Verzeichnisse der Abkürzungen, Abbildungen und Tabellen beschließen zusätzlich zum Literaturverzeichnis den Band.

Diskussion

Es handelt sich um eine sehr gründlich erarbeitete Untersuchung, bei der die Forscherin alle methodischen Standards gewissenhaft einhält. Den Beitrag für die Wirtschafts- und Humangeographie kann der Rezensent nicht einschätzen. Mit Blick auf andere Adressaten hält er es für ein Desiderat, dass der Begriff der Wertschöpfung nicht erläutert wird. Die Ergebnisse sind für Beratung im Fair-Trade-Sektor vermutlich hilfreich und für Unternehmen ebenso aufschlussreich wie für Aktivisten auf dem Feld des Fairen Handels. Diese werden ihre Vermutungen in mancher Hinsicht bestätigt sehen. Freilich mögen einige die Studie insofern wenig spannend finden; denn im Grunde wird mit beachtlichem methodischem Aufwand nur nachgewiesen, was der oder die mit dem Praxisfeld vertraute schon aus Alltagsbeobachtungen schließen konnte. Dazu kommt eine gewisse Langatmigkeit der Ausführungen, wie sie vielen akademischen Qualifikationsarbeiten eigen ist. Ihre Gewissenhaftigkeit verleitet die Autorin zu häufigen Wiederholungen. Jedoch erleichtern die zahlreichen graphischen Darstellungen, zum Beispiel zur Veranschaulichung von Wertschöpfungsketten, die Lektüre, weil sie teilweise auf einen Blick Zusammenhänge verdeutlichen. Am spannendsten fand der Rezensent die Fallstudie zu Nicaragua. Selbst wer nur dieses Kapitel liest, der weiß, was Fairen Handel heute ausmacht oder ausmachen müsste.

Fazit

Eine methodisch saubere akademische Arbeit, deren Ergebnisse für die Unternehmensberatung wie für die operative Arbeit von Unternehmen im Fair-Trade-Sektor nützlich sein dürften, wenn man sich der etwas mühsamen Lektüre unterzieht. Im Bücherbestand von Alternative Trade Organizations sollte das Buch nicht fehlen.


Rezension von
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 27.02.2020 zu: Jutta Kister: Von Wachstum und Werten. Globale Wertschöpfungsketten im fairen Handel. oekom Verlag (München) 2019. ISBN 978-3-96238-116-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26520.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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