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Nicole Biedinger (Hrsg.): Was Eltern und Fachkräfte bewegt

Cover Nicole Biedinger (Hrsg.): Was Eltern und Fachkräfte bewegt. Ein Überblick über die vorschulische Bildung in Deutschland. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. 264 Seiten. ISBN 978-3-8474-2336-2. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Der Titel des Sammelbandes verspricht einen Überblick über die vorschulische Bildung in Deutschland zu geben und dabei Themen aufzugreifen, die Eltern und Fachkräfte in diesem Zusammenhang interessieren und beschäftigen.

Als Zielgruppe für das 262-seitige Buch werden interessierte Eltern und pädagogische Fachkräfte angegeben.

Herausgeberin und Autor*innen

Der Sammelband ist von Prof. Dr. Nicole Biedinger herausgegeben, die Professorin für Soziologie und Empirische Sozialforschung an der Katholischen Hochschule Mainz im Fachbereich Soziale Arbeit und Sozialwissenschaften ist. Ihr Arbeitsschwerpunkt ist u.a. Bildungssoziologie mit Schwerpunkt auf dem Vorschulbereich.

Die Autor*innen sind (ehemalige) Studierende des Bachelorstudiengangs „Soziale Arbeit“ an der Katholischen Hochschule Mainz, die teilweise schon über eine Ausbildung zur/zum Sozialassisten*in verfügen und damit neben einer wissenschaftlichen auch eine praktisch-frühpädagogische Qualifikation mitbringen.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband entstand im Rahmen eines zweisemestrigen Seminars im Bachelorstudiengang des Fachbereichs Soziale Arbeit und Sozialwissenschaften an der Katholischen Hochschule Mainz. Es wurde sich in diesem Kontext im 6. und 7. Semester tiefergehend mit dem Thema vorschulische Kinderbetreuung auseinandergesetzt. Die prinzipielle Konzeption des Buches, das Finden passender Themenkapitel, die (inhaltliche) Abstimmung zwischen den einzelnen Beiträgen sowie das Verfassen und Reviewen der Kapitel wurde von den Studierenden innerhalb dieses Seminars geleistet.

Aufbau

Der Sammelband besteht aus einer Einleitung und 17 inhaltlich voneinander getrennten Beiträgen. Laut Einleitung ist das Buch in drei inhaltliche Abschnitte gegliedert.

  1. Das erste Drittel stellt die Situation der vorschulischen Betreuung in Deutschland (inklusive dem Kita-System allgemein, dem dort tätigen Personal und seinen Einstellungen) dar. Es umfasst die Kapitel 1 bis 7.
  2. Der zweite Abschnitt widmet sich pädagogischen und psychologischen Grundlagen und beinhaltet die Kapitel 8 bis 12.
  3. Der dritte Teil fokussiert auf besondere Zielgruppen im pädagogischen Alltag, deren Bedeutung für die Alltagsgestaltung, neue Fördermöglichkeiten, aber auch Herausforderungen und gibt praktische Beispiele. Hierzu zählen die Kapitel 13 bis 17.

Diese Abschnitte lassen sich aber mit einem Blick in das Inhaltsverzeichnis leider nicht erkennen. Hier wäre es – im Sinne der Leser*innenführung – durchaus sinnvoll gewesen, diese thematische Strukturierung im Verzeichnis kenntlich zu machen.

Inhalt

Die Einleitung stellt hauptsächlich den Entstehungshintergrund und die inhaltliche Gliederung des Buches vor. Auf eine kurze Beschreibung der einzelnen Beiträge wird verzichtet. Dafür werden einmal der Hinweise zur synonymen Verwendung der Begriffe Kindertagesstätte, Kindergarten, Krippe und vorschulischen Betreuung als institutionelles Betreuungsangebot für nicht schulpflichte Kinder und ein Hinweis zur gendergerechten Sprache gegeben. Außerdem wird die Zielgruppe definiert (Eltern und Fachkräfte). Eine inhaltliche Rahmung des Buches und damit der einzelnen Beiträge findet lediglich mit vier Sätzen statt und ist damit sehr allgemein sowie oberflächlich gehalten. Auf eine genauere inhaltliche Vorstellung der einzelnen Beiträge wird verzichtet – es werden nur kurz die drei Abschnitte (siehe oben) zusammengefasst.

Das erste Drittel des Sammelbands erhebt den Anspruch, die vorschulische Betreuung in Deutschland abzubilden.

Im 1. Kapitel setzen sich Francesca Beyer, Sarah Haupt und Janine Kastello daher mit „Historischen und gesetzlichen Grundlagen der Kindertagesstätten in Deutschland“ auseinander. Zunächst wird ein historischer Abriss über die Entwicklung des Kindergartens in den verschiedenen zeitlichen Epochen (z.B. Industrialisierung, Fröbel, Weimarer Republik, DDR, BRD) gegeben. Daran schließen sich die gesetzlichen Rahmungen (SGB VIII/KJHG, KifÖG, BGB, SGB XII, SGB IX) an. Es wird gesondert auf den gesetzlichen Bildungsauftrag von Kitas eingegangen und in diesem Kontext die Bildungs- und Erziehungspläne erwähnt. Exemplarisch wird der Bildungs- und Erziehungsplan des Bundesland Rheinland-Pfalz näher ausgeführt sowie die beiden der Bundesländer Sachsen und Saarland für einen Ost-West-Vergleich gegenübergestellt. Das Kapitel wird über eine Schlussbetrachtung versucht zusammenzufassen.

Samira Wellnitz und Jennifer Werner befassen sich im 2. Kapitel mit den „Arten der Kinderbetreuung in Deutschland“. Es werden die Kinderkrippe, die Kindertagesstätte, der Kindergarten, die Tagespflege und Elterninitiativen sowie der Kinderhort skizziert und voneinander abgegrenzt. Anschließend wird sehr kurz auf die drei wesentlichen Funktionen der Kindertagesbetreuung (Bildung, Betreuung, Erziehung) eingegangen. Im nächsten Unterkapitel wird die „Kinderbetreuung im Ausland“ (am Beispiel von Finnland, Frankreich und Schweden) beschrieben bevor dieser Beitrag dann mit statistischen Erläuterungen zur Kinderbetreuung (für Deutschland) und einer Schlussbemerkung schließt.

Das „Betreuungssystem für Kinder unter drei Jahren“ (3. Kapitel) steht im Mittelpunkt des Beitrags von Christine Karsch und Lea Gießler. Hier werden kurz die gesetzlichen Grundlagen beschrieben und anschließend die häuslichen und institutionellen Betreuungsmöglichkeiten für den U3-Bereich dargestellt. Dabei liegt der Schwerpunkt der Darstellung allerdings auf den Krippen. Das Kapitel endet mit der Thematik der Eingewöhnung und stellt das Berliner Eingewöhnungsmodell kurz vor.

Lea Schlesinger setzt sich im 4. Kapitel mit „Bilingualen Kindergärten“ auseinander und steigt direkt mit einer sehr knappen Zusammenfassung zum kindlichen Spracherwerb sowie der Bilingualität ein. Es folgen statistische Daten zu bilingualen Kindergärten und der fmks e.V. (Verein für frühe Mehrsprachigkeit an Kitas und Schulen) wird vorgestellt. Anschließend wird auf das Immersionmodel, Probleme und Besonderheit der Bilingualität sowie Methoden der Unterstützung des Zweitspracherwerbs eingegangen, bevor ein knappes Fazit gezogen wird. Um bilinguale Kindergärten – wie die Beitragsüberschrift verspricht – geht es in diesem Kapitel nur am Rande. Vielmehr stehen die Mehrsprachigkeit und der pädagogische Umgang damit im Fokus.

Der „Fachkräftemangel in deutschen Kindertagesstätten“ wird von Julia Traska im 5. Kapitel umfassend thematisiert und analysiert. Hier werden zunächst über verschiedene Studienergebnisse die Arbeitsbedingungen in der Kindertagesbetreuung dargestellt. Die Ursachen des deutschen Fachkräftemangels für das Tätigkeitsfeld der FBBE werden kurz skizziert, bevor der (erwartete) Personalbedarf bis 2025 in diesem Bereich beschrieben wird. Um dem dargestellten Fehlbedarf entgegenzuwirken, werden acht mögliche Lösungsvorschläge nach Rauschenbach & Schilling (2010) vorgestellt. Zudem wird ein Überblick über die bisherigen Entwicklungen und den Ist-Zustand (von 2017) gegeben. Die akute Problematik wird anhand eines Fallbeispiels aus Rheinhessen verdeutlicht und abschließend ein Fazit gezogen.

Hannah Schwitalla und Tobias Otto widmen sich dem „Spagat zwischen Familie, Beruf und Elternschaft vor dem Hintergrund der Rollentheorie“ (Kapitel 6). Als Erstes wird sich mit dem Begriff der Rolle aus soziologischer Sicht und der Darstellung der eigenen Rolle (inkl. Erwartungen an bestimmte Rollenbilder) auseinandergesetzt, um dann explizit auf die (gesellschaftlichen) Vorstellungen der Mutter- und Vaterrolle (im Wandel der Zeit) zu sprechen zu kommen. Daran an schließt sich die Auseinandersetzung mit dem sich daraus ergebenden Spannungsfeld zwischen Berufs- und Elternrolle in der heutigen Zeit. Es werden zudem Unterstützungsmöglichkeiten für Eltern aufgezeigt, um dem entgegenzuwirken, und auf die sich aus dem Spannungsfeld ergebenen Konsequenz für die FBBE hingewiesen. Den Abschluss des Kapitels bildet die Thematisierung der problematischen gesellschaftlichen Rollenerwartungen im Dienstleistungsbereich (v.a. im Erziehungswesen).

Im 7. Kapitel „Fördern – Fordern – Überfordern von Kindern“ setzen sich Katharina Lühnsdorf und Johannes Rausch mit diesen drei Begriffen, die im Kontext der FBBE von Bedeutung sind, auseinander. Dabei wird die sprachliche, motorische, geistige, soziale und mediale Förderung jeweils kurz betrachtet. Davon wird das Fordern abgegrenzt, allerdings der Unterschied inhaltlich nicht trennscharf beschrieben, sondern vielmehr auf das „Spiel“ als kindliche Tätigkeit und die Zusammenarbeit mit Eltern eingegangen. Der Begriff der Überforderung im Zusammenhang mit Kindern wird v.a. im Zusammenhang mit dem „Problemfeld“ digitale Medien betrachtet. Der Beitrag schließt mit Tipps für ein „Gesundes Maß an Förderung“ in Form von Elternkursen und Antistress Coaching für Kinder.

Das zweite Drittel des Sammelbands ist, so die Einleitung, pädagogischen und psychologischen Grundlagen gewidmet.

Zunächst befassen sich Tabea Hottum und Mona Zimmermann mit „Pädagogischen Konzepten“ (Kapitel 8). Sie nehmen die Fröbel-Pädagogik, die Montessori-Pädagogik und die Reggio-Pädagogik jeweils unter den Aspekten der Grundannahmen und Rahmenbedingungen, des zugrundeliegenden Kindbildes, der Rolle der Fachkraft und Besonderheiten des jeweiligen Konzepts in den Blick. Unter den gleichen Gesichtspunkten wird im Anschluss der Situationsansatz beleuchtet. Die Autorinnen beleuchten hier bewusst nur einzelne Ausschnitte der komplexen pädagogischen Konzepte, die so auch für fachfremde Personen zugänglich werden. Am Ende steht eine Schlussbemerkung, die insbesondere die Gemeinsamkeiten der Ansätze in den Fokus stellt.

Carlotta Wenke und Christoph Bemsch gehen im 9. Kapitel des Sammelbands auf die interkulturelle Erziehung ein und erläutern „Ansätze und Prinzipien einer Pädagogik am Beispiel der Interkulturellen Arbeit in Kindertagesstätten“. Sie gehen dabei von einer universellen Gleichwertigkeit der Kulturen aus, die allerdings verschieden in ihren Ritualen, Werten etc. und damit voneinander zu unterscheiden sind. Zunächst werden in zwei thematisch nicht klar voneinander getrennten Abschnitten „Interkulturelle Pädagogik im Kindergarten“ und „Grundsätze einer interkulturellen Erziehung“ aufgenommen. Teilweise kritisch nehmen die Autor*innen sowohl die Bedeutung von Religion in den Blick, wie auch mittels einer 2005 von Roux et al. durchgeführten Studie den Zusammenhang zur Sprachförderung. Die interkulturelle Arbeit wird im Folgenden jeweils mit dem Situationsansatz und dem Ansatz Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung zusammengedacht. Der Beitrag schließt mit einem Fazit.

Die „Entwicklungsschritte zwischen dem 1. und 6. Lebensjahr“ werden von Dagmar Hörner und Marie Spiegelhalter ohne weitere Einleitung in sechs Abschnitten dargestellt (Kapitel 10). Dabei nehmen die Autorinnen jeweils eine Untergliederung in motorische, sprachliche/​kognitive und soziale Entwicklung vor. Sehr knapp wird in einem zusätzlichen Abschnitt auf den Unterschied zwischen Jungen und Mädchen rekurriert, der eher selektiv Unterschiede in den Blick nimmt als die Komplexität der Thematik abbilden zu können. Der letzte Abschnitt befasst sich ebenso knapp mit dem großen Thema der Entwicklungsverzögerung. Hierbei wird auf die inter- und intraindividuellen Unterschiede in den verschiedenen Entwicklungsbereichen rekurriert und die kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchungen (U-Untersuchungen) einbezogen. Hinweise auf die Konsequenzen für die vorschulische Bildung und Erziehung fehlen ebenso wie das Fazit.

Franziska Hahn und Robyn Riedel-Koenig befassen sich im 11. Kapitel des Bands mit der „Bindung“ im Sinne Bowlbys und setzen diese Thematik in Verbindung zur frühen Kindertagesbetreuung (U3). Nachdem in einem ersten Abschnitt die Bindungstheorie mit den sieben Merkmalen der Bindung vorgestellt wird, geht der Beitrag auf die Entwicklung der Bindung ein. Im Rahmen der Fokussierung der Bindungsqualitäten werden nach der Erläuterung der grundlegenden Studien und der daraus resultierenden Bindungstypen in einem separaten Abschnitt die Auswirkungen auf das Sozialverhalten thematisiert. (Internalisierende wie externalisierende) Verhaltensauffälligkeiten werden knapp umrissen und mit den Bindungstypen in Verbindung gebracht. Ein letzter inhaltlicher Punkt befasst sich mit der angestrebten Verbindung zur außerfamilialen Betreuung. Zunächst wird hier für die knappe Darstellung vergleichsweise differenziert auf die „Auswirkungen auf die Mutter-Kind-Bindung“ (S. 171 f.) eingegangen, bevor die „Erzieher-Kind-Bindung“ (S. 172 f.) in den Blick rückt. In einem abschließenden Fazit werden die Ergebnisse zusammengefasst und mit der Bedeutung einer durchdachten und am Kind orientierten Eingewöhnung zusammengeführt.

Im Mittelpunkt des 12. Kapitels „Beziehungsgeflechte in Kindergärten. Die Bedeutung der Elternarbeit“ von Daniela Knierim und Natascha Wilding stehen Potenziale sowohl im Sinne von Chancen insbesondere jedoch im Sinne von Konflikten. Die Familie als Herkunft und Hintergrund des Kindes wird auch im Sinne der dort entstandenen Eltern-Kind-Bindung aufgegriffen und mit der sicheren Fachkraft-Kind-Bindung kontrastiert. Der Erziehungs- und Bildungsauftrag der Fachkraft wird definiert. Im Anschluss nimmt der Beitrag unter dem Schlagwort „Dreiklang“ die Notwendigkeit der Zusammenarbeit von Eltern und Fachkraft auf. Auch wenn der Begriff der „Bildungs- und Erziehungspartnerschaft“ genannt wird (exemplarisch S. 182), gehen die Autorinnen dann dezidiert auf „Elternarbeit“ ein. Die Sozialisationsfunktion des Kindergartens wird hier teils kritisch umrissen und die Gefahren konflikthafter Beziehungen zwischen Eltern und Fachkräften thematisiert. Elternarbeit wird hier als Chance des umfassenderen Verstehens des Kindes definiert. Nach der Definition von Zielen der Elternarbeit werden acht Erfolgskriterien benannt, denen eine Differenzierung in adressatenorientierte, themenorientierte und situationsorientierte Elternarbeit folgt. Als potentielle Schwierigkeiten werden Zeit und Qualifikation benannt, die grundlegend für erfolgreiche Zusammenarbeit, aber nicht immer gegeben seien. Ein Fazit schließt den Beitrag ab.

Der dritte Teil des Sammelbands nimmt besondere Zielgruppen in den Blick.

Der abschließende Teil des Bandes wird von Rebekka Gildermann mit dem Beitrag „Logopädie bei Sprachschwierigkeiten und ihre Bedeutung innerhalb der Kindertagesstätte“ (Kapitel 13) eingeleitet. Sie geht hierbei von Sprache als einem der Schlüssel für einen gelingenden Lebensweg aus. Zunächst definiert Gildermann Logopädie als wissenschaftlichen Bereich und Profession, bevor sie die interaktionistische Spracherwerbstheorie beleuchtet. In diesem Kontext werden die altersgemäße Sprachentwicklung, Sprachentwicklungsstörungen und deren mögliche Ursachen ebenso thematisiert wie der Handlungsorientierte Therapieansatz und die Rolle der Fachkräfte in Kindertagesstätten. Die Rolle der Fachkraft in der Prävention wird im Beitrag deutlich hervorgehoben.

„Tiergestützte Förderung in der vorschulischen Betreuung am Beispiel von Therapiehunden“ überschreibt Kathrin Schlieber ihren Beitrag (Kapitel 14), in dem die praktische Erfahrung der Autorin mit dem Themengebiet anklingt. Nach einem definitorischen Abschnitt (Definition „Therapiehund“, Wirkung, Ziele, Einsatzbereiche), wird die tiergestützte Arbeit für den Bereich der Kinder- und Jugendhilfe knapp verortet und dann auf die Arbeit im Kindergarten bezogen. Dies geschieht zunächst in allgemeiner Form und dann mit Schwerpunkt auf die notwendigen Voraussetzungen dieser Arbeit. Ein Erlebnisbericht veranschaulicht die Darstellung, bevor ein abschließendes Fazit den Beitrag schließt.

Annemarie Freudenberg und Tatjana Höfler gehen im 15. Kapitel „Generationen lernen gemeinsam – Konzepte aus Theorie und Praxis“ auf den Umgang mit demographischen Wandlungsprozessen ein. Nach der Beschreibung der intergenerationalen Wissens- und Erfahrungsweitergabe in Bezug auf deren Struktur wird die Notwendigkeit der Schaffung von eben diesen Erfahrungsräumen thematisiert. Die Bedürfnisse von Kindern und älteren Menschen in Bezug auf den intergenerationalen Kontakt werden knapp umrissen, um im Folgenden zunächst verschiedene Konzepte aus der ehrenamtlichen Arbeit vorzustellen und dann konkrete Projekte zu skizzieren. Die Auswertung fasst die Erkenntnisse des Beitrags noch einmal prägnant zusammen und benennt Potenziale und Stolpersteine intergenerationaler Beziehungen. Die gesellschaftlichen Funktionen Kompensation und Partizipation des Generationenlernens werden angesprochen.

„Hochbegabung“ (Kapitel 16) wird im Beitrag von Johanna Gmeiner zum Thema. Zunächst werden Definitionen und Messbarkeit von Intelligenz skizziert und die unscharfe wissenschaftliche Definition von Hochbegabung angesprochen. Nach einer Vorstellung allgemeiner Merkmale im Verhalten von Kindern, die auf eine mögliche Hochbegabung hinweisen, werden sechs Typen dieses Phänomens vorgestellt. Abschließend wird die Stiftung „Kleine Füchse“ als ein Ort vorgestellt, der sich der Thematik annimmt.

Abschließend nehmen Franziska Kneib, Clarissa Schmidt und Christina Völker im 17. Kapitel des Bands die „Kinder von psychisch kranken Eltern“ in den Blick. Eines der längsten Kapitel nimmt damit ein Thema auf, das in der Praxis nach Aussage der Autorinnen oft Unsicherheit hervorruft. Ziel ist es deshalb, pädagogischen Fachkräften einen sicherheitgebenden Einblick in die Thematik zu verschaffen. Zunächst wird hierzu „psychische Erkrankung“ definiert. Knapp wird die Häufigkeit in Bezug auf Erwachsene dargestellt, bevor Kinder in den Fokus rücken, die als verhaltensauffällig gelten. Die Wahrnehmung einer elterlichen Erkrankung wird über die Abschnitte „Erleben der Krankheit“ und „Subjektive Krankheitstheorien der Kinder“ eingeholt, um dann Bewältigungsstrategien in der Familie und – als gesonderter Abschnitt – der Kinder zu beleuchten. Im folgenden Teil des Beitrags werden dann „Auswirkungen der Krankheit der Eltern auf die Kinder“ im Sinne einer Typisierung von Bewältigungsstrategien aufgenommen. Hier wird auch das Risiko einer Erkrankung der Kinder mitangesprochen. Die „Nutzung externer Ressourcen“ (Abschnitt 17.3) und die „Hilfen für betroffene Familien“ (Abschnitt 17.4) stellen Unterstützungsstrukturen in den Mittelpunkt. Bevor ein abschließendes Fazit gezogen wird, wird mit dem Netzwerk „Kinder psychisch kranker Eltern“ eine Möglichkeit der Vernetzung und der Weiterbildung seitens der Fachkräfte genannt.

Diskussion

Die Strukturierung des Bands bzw. die Anordnung der Beiträge ist auf den ersten Blick nicht nachvollziehbar, da die Abfolge eher wahllos als vertiefend oder vom Allgemeinen zum Speziellen erscheint. Dies hängt auch damit zusammen, dass die drei thematischen Abschnitte, die die Einleitung beschreibt, nicht mit abgebildet werden.

Die Einleitung stellt keine wirklich inhaltliche Rahmung des Bandes und der einzelnen Beiträge dar. Es gibt auch keine thematische Abrundung oder Zusammenfassung (was eine Alternative gewesen wäre). Deshalb stehen die Kapitel umso mehr lose und unverbunden nebeneinander. Die Bezugnahmen, die hin und wieder auf andere Beiträge verweisen, kompensieren dies nicht. Darüber hinaus wird im Titel die Auseinandersetzung mit vorschulischer Bildung angekündigt, während die Einleitung immer nur von vorschulischer Betreuung spricht. Außerdem erscheint der geläufigere Begriff der „Frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung“ (FBBE) für Institutionen in diesem Tätigkeitsfeld passender. Denn mit vorschulischer Bildung oder Betreuung wird jeweils nur ein Aspekt – der für diesen pädagogischen Bereich grundlegenden und international einzigartigen Trias aus Bildung, Betreuung und Erziehung – betont, ohne sich damit kritisch auseinanderzusetzen oder dieses begriffliche Vorgehen zu erläutern.

Insgesamt ist dieser Sammelband in seinen thematischen Betrachtungen eher oberflächlich, es fehlt eine nachvollziehbare Struktur und eine Argumentationslinie, auch innerhalb der Beiträge. Eine wirkliche Einführung in oder eine Hinführung in die jeweilige Thematik zu Beginn der Kapitel (z.B. in Form eines Abstracts, einer Zusammenfassung, einer Einleitung oder eines Kapitelüberblicks) findet nicht immer statt. Ebenso verhält es sich mit einem Fazit, einer Zusammenfassung oder einem Ausblick am Ende der Kapitel. Die behandelten, qualitativ sehr unterschiedlichen, Unterkapitel der einzelnen Beiträge stehen meistens nebeneinander und werden selten aufeinander bezogen oder kommen häufig thematisch unterwartet. Das Fazit ist oft kaum aussagekräftig und beinhaltet auch falsche Schlussfolgerungen.

Wichtige Aspekte innerhalb des Themengebietes werden nur sehr knapp erwähnt oder sehr einseitig betrachtet (dies wird auch über die zitierten Quellen deutlich). Themen, die man beim Titel des Buches „Ein Überblick über die vorschulische Bildung in Deutschland“ erwarten würde, werden nur am Rande erwähnt (z.B. Auseinandersetzung mit der Trias Bildung, Betreuung, Erziehung, den Bildungsplänen, den Bildungsbereichen, der Professionalisierung im Elementarbereich). Aktuelle Themen, die unseres Erachtens zurzeit „Eltern und Fachkräfte bewegen“ finden kaum oder keine Beachtung (z.B. Inklusion, alltagsintegrierte Sprachförderung, Umgang mit neuen Medien, Kindeswohlgefährdung, Autonomieentwicklung, Kinderfreundschaften, Umgang mit Ängsten von Kindern, Übergang Kita – Grundschule). Eine logische und argumentative Themenauswahl erschließt sich auch bei näherer Betrachtung nicht. Insgesamt erscheint die Auswahl der thematischen Beiträge eher beliebig oder nach persönlichem Interesse, was dazu führt, dass eher „Exotenthemen“ (z.B. tiergestützte Förderung, Hochbegabung) ein eigenes Kapitel erhalten, die zwar durchaus ihre Berechtigung haben, allerdings nicht für die alltägliche pädagogische Arbeit in Kitas bestimmend sind. Dadurch werden aber grundlegende und relevante Themen, die einen wirklichen Ein- und Überblick in das Feld der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung geben (siehe oben), nicht ausgeführt.

Fazit

Im Sammelband werden Begriffe verwirrend verwendet und selten in aktuelle Diskurse eingebettet (z.B. Elternarbeit vs. Bildungs- und Erziehungspartnerschaft; Bildung vs. Betreuung vs. Erziehung). Gemeinsame Definitionen fehlen trotz des gemeinsamen Entstehungszusammenhangs. Zudem soll es laut Einleitung um institutionelle Betreuung nicht schulpflichtiger Kinder gehen, aber es wird dann auf Tagespflege und Hort in den Beiträgen Bezug genommen. Es soll die „vorschulische Bildung in Deutschland“ dargestellt werden, gleichzeitig werden aber ohne ersichtlichen Grund Beispiele aus dem Ausland in die Beiträge aufgenommen. Mit dem Bildungsbegriff wird sich nicht auseinandergesetzt und er wird nicht definiert. Außerdem werden teils veraltete Daten verwendet (z.B. die Betreuungsquote oder Anzahl von bilingualen Kitas von 2012, obwohl das Buch 2020 erschienen ist). Es sind noch zahlreiche Grammatik- und Rechtschreibfehler enthalten, ebenso Formatierungsfehler. Auch werden zitierte Autor*innen falsch geschrieben. Die geschlechtergerechte Sprache findet nicht in allen Kapiteln Anwendung. Die Zitationsweise ist an einigen Stellen ungenau oder fehlerhaft. Die ausgewählte Literatur oft sehr einseitig (teilweise werden ganze Unterkapitel entlang einer Quelle belegt) oder auch nicht wissenschaftlich seriös, um pädagogisches/​psychologisches Grundlagenwissen darzustellen (bspw. www.windeln.de, www.elternimnetz.de oder www.tagesmutter.net).

Trotz des begrüßenswerten Ansatzes, der berücksichtigt, auch Studierenden ein Forum des wissenschaftlichen Schreibens und des Diskurses zu bieten, ist – wohl auch bedingt durch die Freiheit bei der Themenwahl – eine Struktur entstanden, die dem Sammelband weniger einen Überblicks- als einen Einblickscharakter verleiht. Während der angekündigte Überblick einige wichtige Aspekte (wie exemplarisch die Inklusionsdebatte) außen vorlässt, finden Themen wie bilinguale Kindergärten Ansprache. Auch wenn die Beiträge für fachlich nicht vorgebildete Eltern teils eher schwierig zu verstehen sein dürften, handelt es sich insgesamt um ein für Fachkräfte interessantes Werk, das Einblicke in verschiedene ausgewählte (Rand-)Bereiche der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung erlaubt. Allerdings ist (leider) das studentische Niveau der Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Thema zu erkennen, weshalb manche Aussagen und Schlussfolgerungen kritisch zu hinterfragen sind. Die entsprechende wissenschaftlich-kritische Kompetenz und den Metablick auf die Thematik kann allerdings ein/e Bachelor-Absolvent*in (v.a. noch vor Erhalt des Abschlusses) nur im Ausnahmefall leisten. Hier wären eine engere thematische Betreuung sowie mehrere kritisch-konstruktive Review-Schleifen von verschiedenen fachlichen Standpunkten aus, die eine klare thematische Rahmung des Bandes, inhaltliche Überarbeitungen der Kapitel sowie Stringenz in der Argumentation und im Aufbau nach sich gezogen hätten, erforderlich gewesen.

Insgesamt ist es erstaunlich, dass der Sammelband in dieser Form im Verlag Barbara Budrich erschienen ist.


Rezension von
Bianca Bloch
staatlich anerkannte Kindheitspädagogin (M.A.), wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin der Abteilung Pädagogik der Kindheit an der Justus-Liebig-Universität Gießen
Homepage www.uni-giessen.de/fbz/fb03/institutefb03/elementar ...
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und
Dipl. Päd. Nicole Dern
Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Justus-Liebig-Universität Gießen
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Zitiervorschlag
Bianca Bloch/Nicole Dern. Rezension vom 19.02.2021 zu: Nicole Biedinger (Hrsg.): Was Eltern und Fachkräfte bewegt. Ein Überblick über die vorschulische Bildung in Deutschland. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. ISBN 978-3-8474-2336-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26524.php, Datum des Zugriffs 20.10.2021.


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