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Johannes Lindenmeyer, Stephan Mühlig: Therapie-Tools

Cover Johannes Lindenmeyer, Stephan Mühlig: Therapie-Tools Alkohol- und Tabakabhängigkeit. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. 260 Seiten. ISBN 978-3-621-28680-0. D: 42,95 EUR, A: 44,40 EUR, CH: 55,80 sFr.

Mit E-Book inside und Arbeitsmaterial
Reihe: Therapie-Tools.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
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Thema und Zielgruppe

Das Buch enthält Arbeitsmaterialien für die Behandlung von Alkoholabhängigen und für die Raucherentwöhnung und gliedert sich in die Phasen: Diagnostik/​Anamnese, Motivierung/Veränderungsentscheidung, Entwicklung persönlicher Therapieziele, Therapiedurchführung sowie Rückfallprävention. Die Tools können in einzeltherapeutischen Settings und sowohl zur Vorbereitung auf eine Gruppentherapie als auch unterstützend in gruppentherapeutischen Settings eingesetzt werden. Das Buch richtet sich im Alkoholteil an Ärzt*innen in eigener Praxis oder im Akutkrankenhaus, Fachkräfte in Suchtberatungsstellen, Entzugs- und Entwöhnungseinrichtungen sowie Nachsorgeeinrichtungen und an Psychotherapeut*innen, in Nikotinteil zusätzlich an Bildungseinrichtungen und Fachkräfte im Betrieblichen Gesundheitsmanagement sowie an Medizinische Rehabilitationseinrichtungen.

Autoren

Prof. Dr. rer nat. habil., Dipl.-Psych. Johannes Lindenmeyer war langjährig Direktor der Salus Klinik in Lindow, ist an der Medizinischen Hochschule Brandenburg tätig und durch zahlreiche Publikationen vorwiegend zur Alkoholabhängigkeit sehr bekannt. Zur Rezension seines Buches „Lieber schlau als blau“ siehe auch www.socialnet.de/rezensionen/2365.php

Stephan Mühlig ist Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der technischen Universität Chemnitz. Er leitet unter anderem eine AOK plus Studie zur strukturierten Tabakentwöhnung für Lungenkranke.

Aufbau 

Das Buch enthält einen Code-geschützten Link zu einer elektronischen Fassung (die an eine Mailadresse versendet wird), sodass die Tools leicht ausgedruckt und weiterführende Internetseiten bequem aufgerufen werden können. Weiterhin bietet die Onlinefassung Zugang zu Auswertungsmodulen (z.B. des Alcohol Use Disorder Identification Tests) der Salus Klinik.

Es gliedert sich nach einer kurzen Einführung „Zwei Suchtmittel – ein Anliegen“ in

1. Alkohol

2. Nikotin

Beide Buchteile enthalten prägnant erläuterte Arbeitsbögen für die Behandlungsphasen: Diagnostik/​Anamnese, Motivierung/Veränderungsentscheidung, (nur im Alkoholkapitel zusätzlich: Entwicklung persönlicher Therapieziele), Therapiedurchführung sowie Rückfallprävention.

Einige Bögen sind für die Therapeut*innen, andere für Patient*innen oder Angehörige konzipiert

Inhalt

Die einzelnen Tools sind sehr vielfältig, orientieren sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Ätiologie, Diagnostik und Aufrechterhaltung der Alkohol- bzw. Nikotinabhängigkeit, an internationalen und nationalen (Deutsche Rentenversicherung) Klassifikationen, sowie an Motivierender Gesprächsführung, Teilhabeförderung, den Spezifika von Behandlungsphasen, der Bedeutung von Angehörigenarbeit und etablierten Standards in der Rückfallprävention. Sehr sorgfältig wird auf hilfreiche Formulierungen beim Einsatz der Tools geachtet, hierbei legen die Autoren besonderen Wert auf die Stärkung der Selbstwirksamkeit der Klient*innen und die kontinuierliche Würdigung der Anstrengungen. Die Tools selber bestehen beispielsweise aus Fragebögen, Selbstbeobachtungsanleitungen, Skalierungen, Anleitungen zur Zielformulierung, Selbstevaluationen, Vertragsentwürfen (z.B. mit Angehörigen/​Unterstützern) und bildlichem oder metaphorischem Anschauungsmaterial. Kurz und prägnant wird zu jedem Tool beschrieben, wie die Behandler*innen das Tool einsetzen können.

Im Alkoholteil gehen viele Tools im Detail auf die Selbstbeobachtung des Trinkverhaltens ein: Hierbei geht es um Trinkmengen an Trinktagen oder im Laufe eines Monats, Trinkanlässe, die Fähigkeit, Trinksituationen zu widerstehen oder um die Folgen beispielsweise für die Partnerschaft oder für den Beruf. Auch die selbstkritische Analyse, ob bereits eine Abhängigkeit besteht, ist Gegenstand von Fragen, die in eigenen Worten zu beantworten sind. Besonders hervorzuheben wären auch die sorgfältige Abwägung zwischen den kurz- und langfristigen Vorteilen des Alkoholkonsums und den Vorteilen der Abstinenz sowie die Begleitung bei der Entwicklung persönlicher Ziele bis hin zur konkreten Vorbereitung von Bewerbungsgesprächen. Originell sind die Arbeitsblätter 54 und 55 „Meinem Partner/​meiner Partnerin etwas Gutes tun“ und „Meinen Partner/​meine Partnerin erwischen, wenn er/sie mir etwas Gutes tut“ sowie die genaue Begleitung von Expositionsübungen.

Aus dem Nikotinteil möchte ich an dieser Stelle exemplarisch die Arbeitsblätter „Meine Vorbereitung für meinen Erfolgsstart“ und „Fahrplan meines ersten rauchfreien Tages“ hervorheben. Auch die genaue Instruktion für Rauchfrei-Helfer bis hin zu Vertragsvorlagen zwischen (Ex-)Raucher*in und Helfer*in halte ich für sehr originell.

Diskussion

Es handelt sich um eine gut durchdachte, ansprechend gestaltete, aus jahrelanger klinischer Erfahrung entwickelte Toolsammlung mit vorwiegend (kognitiv) verhaltenstherapeutischem Hintergrund. Die Tools setzen Basiskompetenzen bei den Klient*innen voraus und sind weniger für kognitiv Beeinträchtigte oder Suchtkranke mit Fetalem Alkoholsyndrom geeignet.

Der Anamnesefragebogen entspricht dem obligatorischen Deutschen Kerndatensatz für Suchteinrichtungen (Deutsche Hauptstelle für Suchtgefahren DHS, 2010). Die in diesem Zusammenhang ausgeführte Empfehlung einer elektronischen Patientenakte mit statistischer Auswertungsmöglichkeit führt in der elektronischen Fassung per Mausclick direkt zu einer Anbieterseite (navacom), dies empfinde ich als verdeckte Werbung, da nicht ausgeführt wird, ob es alternative Anbieter gibt.

Interessant sind die Einsatzmöglichkeiten der Nikotin-Tools auch in (Aus-)Bildungssettings, hier wäre eine didaktische Weiterentwicklung in Bezug auf konkrete Bildungsveranstaltungen interessant, dies würde allerdings den Rahmen einer Toolsammlung sprengen.

Eine kleine Anmerkung: Auf S. 174 findet sich ein Fehler bei der Auswertung des Fagerström-Testes, der jedoch in der elektronischen Version bereits korrigiert wurde.

Fazit

Diese Toolsammlung wurde mit großer wissenschaftlicher und klinischer Expertise entwickelt und ist zugleich anwendungsfreundlich gestaltet. Sie unterstützt einzel- und gruppentherapeutische Behandlungen von Alkohol- und/oder Nikotinabhängigen Menschen in einem weiten Spektrum von möglichen Settings.


Rezension von
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
Homepage www.b-tu.de/fg-sozialpsychiatrie/
E-Mail Mailformular


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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 23.12.2020 zu: Johannes Lindenmeyer, Stephan Mühlig: Therapie-Tools Alkohol- und Tabakabhängigkeit. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. ISBN 978-3-621-28680-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26527.php, Datum des Zugriffs 26.01.2021.


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