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Rainer Grießhammer: klimaretten

Cover Rainer Grießhammer: #klimaretten. Jetzt Politik und Leben ändern. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2019. 260 Seiten. ISBN 978-3-7841-3203-7. 19,90 EUR.
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Thema

Dargestellt werden Daten und Fakten zu Ursachen und Auslöser des Klimawandels aufbereitet für Argumentation junger Aktivisten gegenüber Politikern und Eltern.

Autor

Prof. Dr. Rainer Grieshammer ist Professor für Nachhaltige Produkte und Autor von ‚Der Öko-Knigge‘ und ‚Der Klima Knigge. Er war langjähriger Geschäftsführer des Freiburger Öko- Instituts.

Aufbau

Nach einem Rückblick in die Zeit der Anti AKW Bewegugng und einer umfangreichen Einführung in die bisherigen Errungenschaften im Ausbau erneuerbarer Energien werden die Probleme der Umweltbelastung, insbesondere durch hohe CO2 Emissionen, in vier Bereichen genau belegt.

  1. Energieverbrauch und Versorgung
  2. Auto- und Flugverkehr
  3. Landwirtschaft und Ernährung
  4. Wohnen

Abschließend werden kurz die neuesten Beschlüsse der Bundesregierung zum Klimaschutz erläutert und für unzureichend befunden.

Inhalt

In der der Flut an Zahlen und Fakten drohen die wichtigsten Fakten und am dringendsten notwendigen Weichenstellungen unterzugehen, wären da nicht die sehr übersichtlichen ‚Transformationstabellen‘ zu den jeweiligen Themen: Strom, Autos, Ernährung und Wohnen. Sie geben einen umfassenden Überblick über die breite Palette der sozialen, technischen, wissenschaftlichen und politischen Handlungsfelder.

Der Autor spart eingangs nicht mit Verweisen auf die klimapolitischen Fortschritte der letzten Jahrzehnte, aber dabei wird gleichzeitig überdeutlich, dass viele der positiven Ansätze und sinnvollen Instrumente aufgrund halbherziger, unternehmensfreundlicher Grenzwerte bzw. Preise – beispielsweise beim Emissionshandel – nicht wirklich greifen. Er räumt auf mit dem Mythos, dass die v.a. von Jugendlichen exzessiv genutzten digitalen Produkte und Dienstleistungen wie Smartphone, Internet, Soziale Medien, YouTube, Spotify etc. wenig umweltbelastend wären.

Die detaillierte Beschreibung des jeweiligen Stromverbrauchs unserer Haushaltsgeräte macht bewusst, wie viele (teilweise vermeintlich praktische) Geräte in den letzten 30 Jahren hinzugekommen sind. Statt zu Verzicht auf Überflüssiges liegt der Fokus auf Energieeffizienz und dem wiederholten Rat zum Kauf Strom sparender, neuer Geräte. Gedanken an den zusätzlichen Ressourcenverbrauch findet man jedoch kaum.

Die durchaus beachtlichen Energieeinsparungen durch effizientere Technik werden zudem leider durch das überbordende Angebot der zusätzlichen kleinen Helfer wieder aufgehoben! ‚Großzügigeres‘, anspruchsvolleres Nutzerverhalten verursacht diesen sogenannten Rebound-Effekt ebenso wie steigende Neuzulassungen, höhere PS- und Gewichtsklassen bei Autos.

Trotz vorhandenen Wissens über die klimaschädliche Wirkung von Verbrennungsmotoren, ehrgeizigen Reduktionszielen und besserer Abgastechnik stiegen die CO² Emissionen durch den Verkehr seit 1990 anstatt zu fallen. Auch heute noch haben SUV‘s mit hohem Spritverbrauch einen Marktanteil von 30 % und Flüge werden indirekt durch Steuererleichterungen subventioniert! Überkommene Leitbilder und Statussymbole, einseitige Förderung von Individualverkehr, irreführende Informationen und die normative Kraft materieller Infrastrukturen (Straßen- und Tankstellennetz) sowie die Macht der Autolobby erschweren längst überfällige, klimaneutralere Mobilitätsmuster.

Bei aller Kritik an Verbrennungsmotoren und der Hoffnung auf rückläufige Flottenanteile sowie dem Appell an die jungen Leser*innen, ihre Eltern beim Umstieg auf den ÖPNV ‚an die Hand zu nehmen‘, vom Kauf eines Autos abzuraten bzw. wenigstens zum Spritsparen zu überreden, prognostiziert der Autor eine substanzielle Reduktion des Individualverkehrs von heute 47 Mio. Autos auf 12 bis 15 Mio. erst im Jahr 2050. Angesichts der Tatsache, dass die CO² Reduktionsziele bis 2020 verfehlt und die bis 2030 angepeilten voraussichtlich nicht eingehalten werden, scheint 2050 in unerreichbarer Ferne.

Die Aussicht auf verringerte Emissionen durch Elektroautos wirkt bei der vorherigen Auflistung der Engpässe für den Ausbau an erneuerbaren Energien eher übertrieben optimistisch. Die enormen Umweltschäden bei der Gewinnung von Batteriematerialien, wie die z.B. die Vergiftung von Wasser beim Abbau von Lithium werden nur im Nebensatz erwähnt.

In einer #klima story beschreibt ein chinesischer Student den Versuch eines übergewichtigen Zeitgenossen, Pfunde durch radfahren zu verlieren, indem dieser zunächst mit seinem Auto das Zweirad auf das Hochplateau eines naheliegenden Berges schafft. In windschnittiger Radler-Kluft und mit gesenktem Blick die Natur ignorierend absolviert er sein Pensum, um dann mit anderen motorisierten Ausflüglern im zähflüssigen Verkehr wieder nach Hause zu fahren. Was der Student gar nicht versteht ist, warum dieser Herr Scheuer wochentags mit dem Auto zur Arbeit fährt, obwohl er wegen der regelmäßigen Staus mit dem Rad schneller wäre. Ein paar mehr Geschichten dieser Art, die uns die Absurditäten unseres modernen Lebensstils vorführen, hätten sicher einige wohlmeinende Appelle erspart.

Wie beim Auto verhindern längst überkommende Leitbilder, liebgewonnene Gewohnheiten und materielle Infrastrukturen eine zügige Umstellung auf eine weniger umweltbelastende Nahrungsmittelproduktion. Verblüffend ist, dass Deutschland neben einem sehr hohen eigenen Konsum an tierischen Nahrungsmitteln auch Fleisch in großen Mengen exportiert, für dessen Herstellung Futtermittel importiert werden müssen.

Im Gegensatz zu dem sehr zahlenlastigen Strom-Kapitel machen im Ernährungsteil bunte Grafiken die Notwendigkeit einer drastischen Reduktion der Tierhaltung und des Fleischkonsums augenfällig – nicht nur wegen des Treibhausgasausstoßes, der Wasserbelastung durch Gülle und der allgegenwärtigen Tierquälerei, sondern auch im Interesse einer gesünderen Ernährung. Die eingesparten Kosten können dann die Umstellung auf Biolebensmittel finanzieren.

Im letzten Kapitel über Wohnen geht es v.a. wieder um Energieeinsparungen durch ‚energetische uprades‘ des großen Gebäudebestands. Die durchschnittliche Wohnfläche pro Person hat sich seit 1960 mehr als verdoppelt; je größer die Wohnung, desto höher ist auch der Strom- und Heizenergie-Verbrauch. Veränderte Lebensstile haben den Anteil der 1–2 Personenhaushalte auf über 75 % anwachsen lassen. Das Missverhältnis zwischen dem Bedarf an kleineren und dem Überangebot an großen Wohnungen verschärft den Mangel an bezahlbarem Wohnraum.

Die kurz vor Redaktionsschluss eingefügten Kommentare zum ‚Klimapäckchen‘ der Bundesregierung vom September/​Oktober 2019 zeigen, angesichts der in allen vier Themenbereichen aufgelisteten Maßnahmenvorschläge, berechtigte, unverhohlene Enttäuschung über die unzureichenden Beschlüsse. Man wünscht dem Büchlein viele, wissbegierige Leser, die aus der Erkenntnis, dass die Zeit für eine wirksame Transformation unseres Konsumverhaltens drängt, den eigenen Lebensstiel verändern und in politischen Druck umwandeln.

Fazit

#klimaretten ist als ‚Handbuch für Aktivist*innen‘ gedacht und richtet sich vornehmlich an junge Leser, die ‚was für ihre Zukunft‘ tun wollen. Mit einer guten, didaktischen Aufbereitung ist es gleichzeitig so fakten- und empfehlungsreich, dass es sich u.a. auch als Nachschlagewerk für alle Altersgruppen eignet. Es enthält tausende praktischer Tipps zum Strom- Treibhausgas- und Energiesparen, umweltverträgliche Mobilität und gesündere Ernährung, sowie zahlreiche Hinweise auf nützliche Webseiten und Apps. Die mit #hashtags markierten Sondertexte können, sozusagen im Schnelldurchgang unabhängig vom restlichen Text gelesen werden. Sie geben Anstöße zum Handeln, erzählen futuristische Geschichten oder beantworten aufkommende Fragen.


Rezension von
Margit Meßmer
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Zitiervorschlag
Margit Meßmer. Rezension vom 16.03.2020 zu: Rainer Grießhammer: #klimaretten. Jetzt Politik und Leben ändern. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2019. ISBN 978-3-7841-3203-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26528.php, Datum des Zugriffs 28.03.2020.


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ISSN 2190-9245

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