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Ralf Zwiebel: Die innere Couch

Cover Ralf Zwiebel: Die innere Couch. Psychoanalytisches Denken in Klinik und Kultur. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2019. 401 Seiten. ISBN 978-3-8379-2895-2. D: 42,90 EUR, A: 44,10 EUR.

Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse.
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Thema

Der Autor zentriert seine Darlegung auf die Grundannahmen des psychoanalytischen Denkens und Handelns, vor allem in der Anwendung des psychoanalytischen Verstehens innerhalb und außerhalb des klinisch-therapeutischen, diagnostischen Rahmens. Richtschnur hierbei bildet die Couch als inneres Bild, die transportiert werden kann auf diverse weitere Felder des Agierens der PsychoanalytikerInnen. Was im weitesten Sinn bedeutet, dass die Couch, sinnbildlich, durch die PsychoanalytikerInnen verinnerlicht werden muss, sie wird zu einer Metapher für das „Psychoanalytische“ (S. 25, 32). So illustriert Ralf Zwiebel diese Verbindung der Psychoanalyse mit der Filmtheorie und Filminterpretation, mit dem Buddhismus und mit der Mehrdimensionalität des Daseins im Kontext der psychoanalytischen professionellen Identität, aber auch bezogen auf die psychoanalytische Ausbildung an sich. Und dabei erweitert er sowohl den Begriff der Psychoanalyse (S. 14) als auch das Einsatzfeld dieser Disziplin auf weitere Lebens- und Wissensbereiche. Der Text konstituiert sich aus der Selbst-Erfahrung und Selbst-Reflexion des Autors, dennoch bleibt der Text stets fachlich und objektiv, ohne Widersprüche zu erzeugen. Das Buch kreist um die Psychoanalyse nach innen und nach außen und deren Ausübung mit oder ohne Couch.

Autor

Ralf Zwiebel (Prof. Dr. med.) ist ein Neurologe und Psychiater, der seine psychoanalytische Ausbildung in den 70er Jahren absolviert hat. Als Psychoanalytiker (DPV) und Lehranalytiker lehrt er am Alexander-Mitscherlich-Institut in Kassel als auch an unterschiedlichen Hochschulen für Studierende der Sozialen Arbeit und des Lehramtes. An der Universität Kassel war er als Professor für psychoanalytische Psychologie tätig. Langjährige Tätigkeit als Supervisor für klinische Teams begründet, unter vielen anderen Aspekten, seine Erfahrungen in der Arbeit „mit und ohne Couch“. R. Zwiebel ist Autor zahlreicher Bücher, Artikel und Fachaufsätze in renommierten wissenschaftlichen Organen.

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band stellt – in einem Guss – Arbeiten und Vorträge des Autors der letzten zehn Jahre zusammen, die mit der Thematik und den Kontexten „mit oder ohne Couch“ (das war übrigens lange Zeit der Arbeitstitel des Bandes) kreisen. Die Texte, der ‚rote Faden‘ des Buches, drehen sich um das Thema wie die Erfahrungen aus der Standardsituation in der psychoanalytischen Therapie („mit Couch“) wirkungsvoll und sinnvoll auf andere Bereiche transferiert werden können („ohne Couch“). Es geht um die Wirksamkeit der inneren Arbeitsweise und Haltung der PsychoanalytikerInnen auch in anderen Arbeitsfeldern wie beispielsweise in der Lehre oder Supervision von nicht geschulten PsychoanalytikerInnen.

Aufbau

„Die innere Couch“ von Ralf Zwiebel gliedert sich in fünf Teile mit 17 Kapiteln, die sich aufeinander beziehen und ein Kontinuum darstellen, obgleich die Kapitel auch getrennt voneinander gelesen werden können. Der Autor führt die Leser zu Beginn eines jeden Kapitels in einer Weise in die Thematik des Kapitels ein, die das Interesse für das Kommende erweckt, und liefert dadurch, einen Einblick über das Kapitel als auch über seine Treibkraft um sich mit dem spezifischen Thema auseinander zu setzen. Die Kapitel enden immer wieder mit einigen abschließenden Überlegungen, die einer kurzen Zusammenfassung entsprechen.

Inhalt

In der Einführung des 401-seitigen Bandes ist das Vorwort angesiedelt, in dem der Autor den Entstehungshintergrund sowie den gesamten inhaltlichen Aufbau seiner Schrift darstellt. Darin findet sich auch die Begründung und Erläuterung des Grundthemas „die innere Couch“, d.h. die Bedeutung der Psychoanalyse im klinischen und außer-klinischen Kontext.

Der zweite Teil des Buches von R. Zwiebel wird als ‚Klinisches‘ betitelt. Die Psychoanalyse und das psychoanalytische Arbeiten werden hier als (kreativer) Prozess verstanden, der den Weg des Psychoanalytiker-Werdens und Psychoanalytiker-Bleibens, der mit einer spezifischen ethischen Dimension gekennzeichnet ist, charakterisiert. Hier geht der Autor auf die Frage der „inneren Couch“ intensiv ein und stellt die wichtige Frage ‚was einen guten Psychoanalytiker ausmacht‘ (S. 109) und nach der Beziehung zwischen der Psychoanalyse (mit Couch) zu anderen Psychotherapien (ohne Couch) genau an der Stelle, wo die zentralen Überlegungen zur Professionalität in der Psychotherapie angesiedelt sind.

Filmpsychoanalytisches“ lautet der Titel des dritten Teils von „Die innere Couch“, ein äußerst zugänglicher Buchabschnitt, der sich mit der psychoanalytischen Interpretation von Filmen befasst und somit den Lesern eine psychoanalytische Perspektive der Filme eröffnet, als möglicher Zugang zu der eigenen inneren (unbewussten) Welt. Es geht um das Heraustragen der Psychoanalyse, „ohne Couch“, in erweiterte Bildungs- und Freizeitkontexte. Beim Erleben eines Films träumen die Zuschauer einen „ungeträumten Traum“ (S. 131ff), den die Regisseure ihnen anbieten, so die These, wodurch eine innere Bewegung, starke Emotionen, eine Reflexion und gar Identifikation mit dem Verborgenen der Filminhalte bewirkt werden kann, in der kollektiven Situation des Filmerlebens. Dies kann praktisch vertieft werden durch die – seit einigen Jahrzehnten – durchgeführte Auseinandersetzung eines Psychoanalytikers, einer Psychoanalytikerin im Dialog mit dem Publikum nach Ende des Films (oder auch in Veröffentlichungen). Beispielhaft für filmpsychoanalytische Überlegungen werden hier mehrere Filme angesprochen und drei näher betrachtet.

Als „Meditatives“ bezeichnet R. Zwiebel den vierten Teil seines Buches. Im Vordergrund steht der Buddhismus in seiner Weltanschauung im Hinblick auf eine Perspektive der Annährungen an die Psychoanalyse. Themen wie das sich Binden und Loslassen, sowohl im klinischen als auch im privaten Kontext, was die Psychoanalytiker als eine Bipolarität (in der Couch-Situation in einer Lehranalyse, beispielsweise) erleben als auch ‚ohne Couch‘, im privaten Kontext, in unterschiedlichen Beziehungen. Vergänglichkeit, Wandel, Achtsamkeit sind hierbei weitere Themen, die die Nähe zwischen Buddhismus und Psychoanalyse aufzeigen. Mit der Vorstellung „falls sich Buddha und Freud in einem fiktiven Himmel treffen würden und in einen Dialog kämen…“ (S. 64) werden auch die Thematiken Sprache und Kommunikation vertieft. Das Thema dieses ‚meditativen‘ Teils stellen – in nuce – inhaltliche Aspekte des früheren Werkes (2015) des Autors (geschrieben zusammen mit Gerald Weischede) „Buddha und Freud – Präsenz und Einsicht. Über buddhistisches und psychoanalytisches Denken“ dar.

Der letzte inhaltliche Teil des Buches „Die innere Couch“ von Ralf Zwiebel, vor der aufschlussreichen Literaturliste und den Textnachweisen, lautet „Didaktisches“. Unterschiedliche Gedanke, die zuvor Eingang in die Textteile fanden, werden hier tiefer und differenzierter wiederaufgenommen, diskutiert und erneut kritisch reflektiert. Die generelle und spezifische Ambivalenz gegenüber der Psychoanalyse im Klinischen (mit Couch) und außerklinische Bereich (ohne Couch), die auch die PsychoanalytikerInnen selbst betrifft, ist hier Gegenstand der Darstellung genauso wie – oder gar damit verbunden – die Frage der professionellen Identität – und Emotionen der Psychoanalytiker. Ganz bedeutsam hierbei sind die Ausführungen zu den ethischen Dimensionen der Psychoanalyse während der Ausbildung.

Diskussion

Das vorgestellte Buch ist sehr lesenswert und zu empfehlen. Die reflexiven Impulse sind äußerst wertvoll. Es ist ein Fachbuch und dementsprechend benötigen die Leser Vorkenntnisse bzgl. der psychoanalytischen Begrifflichkeit und des allgemeinen Verstehens. Es ist aber auch ein Buch, das zahlreiche Perspektiven der Psychoanalyse anbietet, die nicht nur im Behandlungssetting zu verorten sind, sondern auch in unterschiedlichen Alltagskontexten Anklang finden können, was das Psychoanalytische erweitert und zugänglicher macht.

Im Textverlauf stellt R. Zwiebel rhetorische Fragen, die systematisch und differenziert beantwortet werden. Richtschnur hierbei ist immer wieder seine Jahrzehnte lange Erfahrung als Psychoanalytiker, Lehranalytiker sowie Dozent und Supervisor. R. Zwiebel schreibt stets persönlich, bringt sich mit ein in die inhaltliche Reflexion. Das Illustrieren der eigenen Gedanken durch ausgewählte Beispiele führt stets zu einem besseren Verständnis der theoretischen Inhalte, verwässert die Argumentation aber nie. Dadurch entsteht eine Lebendigkeit, die die Lektüre gut in Gang hält. Wie es in der Psychoanalyse so vor sich geht, zielt das Buch ab, Selbst-Erkenntnis, Selbst-Bewusstsein, Selbst-Reflexion zu ermöglichen – mehr oder weniger – unabhängig davon, ob auf einer Couch oder in einem Setting außerhalb eines Behandlungskontextes.

Anzumerken ist dennoch, dass das Werk eurozentrisch und angloamerikanisch orientiert bleibt und der Kulturbegriff –der auch im Untertitel verankert ist – äußerst eng gehalten wird. Außer der Erwähnungen seiner eigenen Erfahrungen bezogen auf Indien (S. 232 ff. Zur Psychoanalyse in Indien vgl. auch Jensen, 2019; Santos-Stubbe, im Druck) im Rahmen des Buddhismus, bleibt – so gut wie – alles was außerhalb dieses geographischen Raumes existiert, unberücksichtigt, was bis zu einem gewissen Teil legitim ist, aber zu einer Kritik führt in einer stark durch Migration, Globalisierung und Flucht geprägten Zeit wie der unsrigen. Das, was ‚mit und ohne Couch‘ in Bezug auf die interkulturelle Begegnung bedeutet, wird nicht thematisiert. Was entsteht in Situationen ‚mit und ohne Couch‘ bei der Begegnung mit Menschen anderer kultureller/​religiöser/sprachlicher Hintergründe? Hier reichen die Ausführungen und Reflexionen des Autors nicht aus um diesen Komplex zu erfassen. Ein Beispiel dafür kann auch durch eine filmpsychoanalytische Betrachtung ersehen werden, wie in der (Tragik-) Komödie der Regisseurin Manele Labidi „Auf der Couch in Tunis“ (2019): Soziokulturelle, ökonomische, politische, individuell-emanzipatorische, religiöse Aspekte gewinnen durch die Psychoanalyse eine neue selbstreflexive Dimension. Auch in der interkulturellen klinischen Situation hat das Kulturübergreifende eine große Bedeutung (z.B. in der Beziehung zwischen Lehranalytiker und Analysandin) und die Psychoanalyse kann hier viele Impulse (mit und ohne Couch) geben, um einer potenziellen „Interkulturellen Kluft“, die Konflikthaftigkeit beinhalten könnte, zu begegnen und diese zu überwinden.

Fazit

Bei dem Werk von Ralf Zwiebel handelt es sich um einen sehr guten, differenziert und selbstreflexiv geschriebenen Text, der durch die dargestellten Fallbeispiele und Zitate einen sehr guten Einblick in die zentrale Thematik des Buches gibt, nämlich die Erweiterung des psychoanalytischen Wissens aus dem Behandlungsraum und der Behandlungssituation („mit Couch“) nach Draußen („ohne Couch“), in andere Arbeitsbereiche, die nicht per se psychoanalytisch sind und im gesellschaftlichen Alltag als Grundlage des Verstehens von sich Selbst und anderen dienen können. Dabei geht es primär in diesem Buch „nicht um eine Übertragung oder Anwendung der Theorie im Sinne einer angewandten Psychoanalyse, sondern um einen Transfer der psychoanalytischen Haltung, des psychoanalytischen Denkens und Arbeitens im Sinne der Verwirklichung der zentralen psychoanalytischen Grundannahmen“ (S. 9). Filmpsychoanalytisches Verstehen, ethische Dimensionen der Profession der PsychoanalytikerInnen, die Verbindung zwischen Buddhismus und Psychoanalyse (u.a. bezogen auf das Thema Achtsamkeit) machen unter anderem das Buch zu einer sehr guten Lektüre für Interessierte und Fachleute.


Rezension von
Prof. Dr. Chirly dos Santos-Stubbe
Dipl. Psych. Hochschule Mannheim – Fakultät Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Chirly dos Santos-Stubbe. Rezension vom 25.09.2020 zu: Ralf Zwiebel: Die innere Couch. Psychoanalytisches Denken in Klinik und Kultur. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2019. ISBN 978-3-8379-2895-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26531.php, Datum des Zugriffs 30.10.2020.


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