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Christof Peter: Existenz und Recht

Cover Christof Peter: Existenz und Recht. Perspektiven existenzorientierten Rechtsdenkens. Duncker & Humblot (Berlin) 2019. 264 Seiten. ISBN 978-3-428-15718-1. D: 89,90 EUR, A: 92,50 EUR.

Reihe: Recht und Philosophie - 6.
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Existenz ist Humanisierung von Ich und Welt

Die Weltanschauung, und damit das „on“ im anthropologischen, aristotelischen Denken zeigt, „dass alles Seiende einheitlich ist und alles Einheitliche Seiendes“ (T. Wagner, in: Otfried Höffe, Hrsg., Aristoteles-Lexikon, 2005, S. 393ff). In der Existenzphilosophie wird das Existierende (von Sachen und Lebendigem) als „Seinskönnen“ bezeichnet, das der Mensch benötigt, um mit seiner humanen Existenz in der Welt zurechtzukommen (siehe dazu z.B. auch: Wolfram Eilenberger, Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919 – 1929, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/​24111.php). In der Rechtsphilosophie werden die Grundlagen und Geltungsbereiche von Rechtsnormen und -auffassungen thematisiert, die für ein gerechtes, humanes Zusammenleben der Menschen geboten sind. Dadurch ergibt sich, dass Existenz und Recht unabdingbar zusammengehörende Werte sind (vgl. dazu auch: Ingo Elbe, u.a., Hrsg., Anonyme Herrschaft. Zur Struktur moderner Machtverhältnisse, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/​13528.php).

Entstehungshintergrund

In der Moderne wird das existenzphilosophische Denken als „Philosophie des Umbruchs“ bezeichnet. Allenthalben wird in den Auseinandersetzungen um die Existenz des Individuums und der Menschheit der Perspektivenwechsel gefordert, und zwar auf allen Gebieten des menschlichen Schaffens. Der globale Rechts- und Gerechtigkeitsgedanke, wie er z.B. in der „globalen Ethik“ der allgemeingültigen, nicht relativierbaren Menschenrechtsdeklaration der Vereinten Nationen zum Ausdruck kommt, ruht auf dem Fundament der humanen Existenz: „Existenzorientiertes Rechtsdenken steht … vor der Herausforderung, Individualität und Normativität miteinander zu verbinden“.

Autor

Der Rechtswissenschaftler Christof Peter hat 2018 mit seiner Schrift „Existenz und Recht“ an der Freien Universität Berlin promoviert. Sein erkenntnisleitendes Interesse begründet er damit, dass die Existenzphilosophie in der Moderne eine große Aufmerksamkeit findet, während ein Mangel und eine Vernachlässigung beim existenzorientierten Rechtsdenken zu registrieren ist. Mit seiner Forschungsarbeit sucht er nach einem dritten Weg „jenseits des Dualismus von klassischem Naturrecht und Rechtspositivismus“.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einführung und dem Schlusswort gliedert Peter seine Studie in vier Teile.

  • Im ersten Teil stellt er die „Grundlinien existenzorientierten Denkens“ heraus.
  • Im zweiten begründet er die „Eignung der Existenzphilosophie für den rechtsphilosophischen Diskurs“.
  • Im dritten untersucht er verschiedene Ansätze existenzorientierten Rechtsdenkens.
  • Und im vierten Teil subsumiert er „Grundlinien existenzorientierten Rechtsdenkens“.

Er kommt dabei – ausgewiesen in den existenz- und rechtsphilosophischen Denkschulen – zu drei Interpretationsmustern: Dem „Jaspers“ – „Heidegger“- und „Kierkegaard“-Ansatz. Deren „In-der-Welt-sein“ – Denken führt zu den Auseinandersetzungen mit „Sein“, „Zeit“ und „Raum“, und schließlich hin zu der verbindenden Erkenntnis, „dass Existenz und Recht keine Antipoden sind, sondern das Recht ein Moment zur Existenzverwirklichung darstellt und als solches existentiell zu erfassen ist“. Auch wenn sich in den wissenschaftlichen Such- und Findungsprozessen Unterschiede und sogar Kontroversen auftun – etwa zwischen Sartres rechtsethischen und Heideggers daseinsorientierten Seinsformen -zeigen die Analysen und Interpretationen Peters entscheidende Gemeinsamkeiten im existenzbestimmten Denken auf: Ablehnung des kategorial-begrifflichen Denkens, Einheit von Selbst und Welt, Geschichtlichkeit des Daseins.

Wenn die Analyse stimmt, dass sich im rechtsphilosophischen Diskurs eine Distanzierung zum existenzphilosophischen Denken durchgesetzt habe, ist es angebracht, die Argumentationslinien der Gegner und der Befürworter in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung zu betrachten. Der Autor zeichnet ausführlich die Gegenpositionen der Kritiker nach und stellt die der Fürsprecher gegenüber. Er vermittelt damit ein Vademecum von Kontroverse und Disput, die eingebettet sind in den unterschiedlichen Anschauungen des Zeitgeistes. Wenn als Ziel der Forschungsarbeit nicht ein faktisches oder gar resignatives Achselzucken stehen soll – „Die Gegensätze sind nicht zu überwinden!“ – sondern der Versuch, eine Brücke zwischen Existenz und Recht zu bauen, darf man gespannt sein, wie die „Grundlinien existenzorientierten Rechtsdenkens“ aussehen können. Dabei wird die Grundannahme gesetzt, „dass das In-der-Welt-Sein des Menschen durch eine Verbindung von Individualität und Sozialität geprägt ist“. Als Fundament des existenz- und rechtsphilosophischen Denkens und Handelns filtert der Autor zwei Prinzipien heraus: Den „existenzialistischen Imperativ“, der zu verstehen ist als „Appell an den Einzelnen, unter der Last der ihm auferlegten Freiheit in jeder Situation aufs Neue die richtige Verhaltensmaxime durch eine genaue Abwägung der Situation zu finden“, und in der menschlichen Kommunikation, „in der sich die Diskutierenden über ihr Wollen klar werden“. Die Grundlagen eines existenzorientierten Grundrechtsdenkens sind somit: Freiheit und Selbstentfaltung – Wandlungs- und Veränderungsfähigkeit und -bereitschaft – Gleichheit. Dass dieses philosophische und sozialgesellschaftliche Bewusstsein nur in demokratischen und rechtsstaatlichen Strukturen zu verwirklichen sind, kann als selbstverständlich betrachtet werden.

Fazit

Christof Peter nimmt sich mit seiner Forschungsarbeit nicht mehr und nicht weniger als das Aufbrechen von scheinbaren „Unverfügbarkeiten“ vor (vgl. dazu auch: Hartmut Rosa, Unverfügbarkeit, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​25302.php). Es ist die Ausschau nach einer lokalen und globalen Ordnung, die sich daran messen lassen muss, „das Selbstsein im Mitsein zu befördern“. Der Autor liefert mit seiner Dissertation einen gewichtigen Baustein für die lokalen und globalen Herausforderungen, auch im Rechtsbereich nach Ordnungssystemen zu suchen, „die ihren Ankerpunkt nicht in einer bestimmten Ideologie, Anschauung oder Auslegung von Welt finden, sondern in der Existenz des Menschen“.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 12.05.2020 zu: Christof Peter: Existenz und Recht. Perspektiven existenzorientierten Rechtsdenkens. Duncker & Humblot (Berlin) 2019. ISBN 978-3-428-15718-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26532.php, Datum des Zugriffs 26.05.2020.


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