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Philipp Müller, Stefan Geiß u.a. (Hrsg.): Dynamische Prozesse der öffentlichen Kommunikation

Cover Philipp Müller, Stefan Geiß, Christian Schemer, Teresa K. Naab, Christina Peter (Hrsg.): Dynamische Prozesse der öffentlichen Kommunikation. Methodische Herausforderungen. Herbert von Halem Verlag (Köln) 2019. 330 Seiten. ISBN 978-3-86962-404-4.

Reihe: Methoden und Forschungslogik der Kommunikationswissenschaft - 15.
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Thema

Die ausgearbeiteten Beiträge der Jahrestagung der DGPuK-Fachgruppe Methoden der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft aus dem Jahre 2017 in diesem Band präsentieren ein breites Spektrum aktueller Ansätze in empirischer Forschung. Leitfrage ist, wie die zunehmende Dynamik öffentlicher digitaler Kommunikationsprozesse adäquat abgebildet werden kann, welche Methoden sich hier für Analysen eignen, und wie überhaupt Daten im ephemeren Medium Internet valide erhoben und ausgewertet werden können.

Inhalt

Die Mehrzahl der Beiträge, die sich mit der Untersuchung von sozialen Netzwerken befasst, fokussiert auf Facebook. Jost/Mangold/Jürgens etwa beziehen sich auf die Facebook-Posts deutscher Nachrichtenmedien und beobachten den Zeitraum, über den sich Interaktionen erstrecken und fragen gleichzeitig danach, welche Dynamiken das Zustandekommen dieser Interaktionen beeinflussen (73ff). Als Interaktion wurden in der Untersuchung lediglich die „reactions“ gewertet, also die „likes“, oder andere vorgegebene Emojis, keine inhaltlichen Kommentare, keine shares. Im Ergebnis reagieren die Nutzer in den ersten Stunden nach Veröffentlichung, nach etwa 12 Stunden stagnieren die Reaktionen, eine Sättigung ist nach ist nach maximal 51 Stunden erreicht. Der Facebook Algorithmus personalisiert entsprechend den Newsfeed der Nutzer nach deren Verhalten: Eine schnelle – kurz nach Erscheinen des Inhalts – Reaktion des Nutzers entscheidet über die Relevanz. Je älter ein Beitrag ist, desto weniger Relevanz wird ihm zugesprochen. Diese Newsfeed Architektur lässt in Folge ältere Inhalte aus dem Newsfeed der Nutzer verschwinden. Für valide Datenerhebungen verweisen die Autoren auf eine kontinuierliche, hochfrequente Erhebung der Reaktionen. Damit könnten sowohl die Dynamiken der Interaktionen abgebildet werden als auch gelöschte Inhalte analysiert werden. (P. Jost/F. Mangold/P. Jürgens: Herausforderungen und Potenziale der Nutzung digitaler Beobachtungsdaten auf Facebook)

Die gleiche Schlussfolgerung zieht Marko Bachl für die inhaltliche Analyse politischer Facebook-Seiten. Die traditionelle, retrospektive Sammlung liefere keine valide Datengrundlage – nach 12 Monaten existieren 27 % einer ausgewählten Stichprobe von 132.068 geposteten politischen Inhalten nicht mehr. Content-Analyse könne deshalb nicht ihren traditionellen Ansatz der Datensammlung beibehalten und ihn unverändert auf ein „moving target“ anwenden. Als methodischer Standard empfehle sich daher eine zeitnahe Datensammlung, in Intervallen wiederholt. Dieser Ansatz sei allerdings aufwändig und setze voraus, vorab zu entscheiden welche Inhalte analysiert werden sollen. (M. Bachl: An Evaluation of Retrospective Facebook Content Collection from Political Facebook Pages)

Kruschinski/Jürgens/​Stark/​Maurer/​Schemer beschäftigen sich mit den automatisierten Aktivitäten von „social bot accounts“ auf Facebook. Social bots sind accounts in sozialen Netzwerken, die mithilfe von Algorithmen menschliche Nutzer vortäuschen und so die Kommunikation in den Netzwerken manipulieren. Der Anteil an social bots ist beträchtlich: 9 bis 15 % der 319 Millionen Twitter-User bestehen aus fake accounts, bei Instagram sind es 9,5 % von 1 Milliarde Usern, bei Facebook 3 bis 4 % der 2,2 Milliarden User (105). Als die dunkle Seite der Möglichkeit für alle, an politischen Diskursen aktiv teilzunehmen erweist sich der so manipulierte Kampf um die Deutungshoheit auf digitalen Plattformen: „But the same features, algorithms and infrastructures which promised to foster freedom of information and expression, can also be abused to accomplish goals that are dangerous or harmful to liberal democracy.“ (104) Eine Strategie der politischen Einflussnahme, insbesondere in Zeiten von Wahlkämpfen, ist das „digital astroturfing“, eine Form von „manufactured, deceptive and strategic top-down activity on the Internet initiated by political actors that mimics bottom-up activity by autonomous individuals“ (111). Social bots sind so programmiert, dass sie die Anzahl von „likes“ und „followern“ künstlich erhöhen können, um so größere Glaubwürdigkeit oder Unterstützung/​Opposition für politische Inhalte und Positionen vorzutäuschen. Darüber hinaus können social bots posts oder tweets selbsttätig generieren, als geteilter Inhalt, retweet oder als vorgefertigte Antwort auf Schlüsselworte oder -sätze.

Ist es schon für normale User schwierig, digital generierte Inhalte zu identifizieren, stellt es auch die Wissenschaft vor methodische Herausforderungen. Die Autoren plädieren für einen Methodenmix, um adäquaten Zugang zu den beschriebenen Phänomenen zu bekommen; das „Heuristic Multi-Feature Framework“ nimmt sowohl inhaltliche Vergleiche von geteilten posts vor, als auch quantitative Analysen von Network-Features, zeitlichen und inhaltlichen Merkmalen von Beiträgen. Um den problematischen Gebrauch von Plattformen in politischen Diskussionen zu identifizieren, sind die analytischen Strategien umso aufwändiger, wenn mit „more sophisticated automated behaviour“ (108 ff) gerechnet werden muss, also mit fake accounts, die ihre Inhalte leicht modifizieren, um sich als menschliche Beiträger zu maskieren. (S. Kruschinski/P. Jürgens/B. Stark/M. Maurer/C. Schemer: The Methodological Challenges in Developing a Heuristic Multi-Feature Framework for Detecting Social Bot Behaviour on Facebook)

Fazit

Der Sammelband zu Erforschung und Analyse von digitaler Kommunikation im öffentlichen, politischen Diskurs nimmt sich der methodischen Herausforderungen an, die sich aus einer veränderten Diskussionskultur in den sozialen Netzwerken ergeben. Insbesondere die selbstverstärkenden Dynamiken und eine kurze Lebenszeit von Beiträgen in sozialen Netzwerken sind es, die eine Analyse und Gewichtung von Informationen erschweren. Die Vorschläge und Präsentationen von entsprechend angepassten Untersuchungsdesigns und -methoden richten sich an ein Fachpublikum und erschließen sich nicht ohne weiteres dem interessierten Laien. Sie versammeln wichtige Erkenntnisse, zu denen die omnipräsenten Diskussionen über die Einschätzung von Inhalten sozialer Netzwerke aufschließen sollten, um ihrerseits faktengesättigter argumentieren zu können.

Summary

The compendium contains scientific contributions analysing digital communication in the realm of public political discourse. Digital social networks have changed the culture of political discussions dramatically, confronting researchers with new methodological challenges. Self-reinforcing processes in dynamic communication patterns and short life span of information make it more difficult to assess and analyse information. The authors present new approaches and methods to take adequate account of the research subject, addressing mainly an expert audience. Although not easily comprehensible to laypeople, these insights should be recognised by the omnipresent discussions about the assessment of content in social networks, providing evidence-based arguments.


Rezension von
Dr. Gabriele Stilla-Bowman
Referatsleitung Qualitäts- und Risikomanagement in der Alexianer GmbH
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Zitiervorschlag
Gabriele Stilla-Bowman. Rezension vom 18.08.2020 zu: Philipp Müller, Stefan Geiß, Christian Schemer, Teresa K. Naab, Christina Peter (Hrsg.): Dynamische Prozesse der öffentlichen Kommunikation. Methodische Herausforderungen. Herbert von Halem Verlag (Köln) 2019. ISBN 978-3-86962-404-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26536.php, Datum des Zugriffs 23.09.2020.


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