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Frederic Fredersdorf, Martin Lehner (Hrsg.): E-Learning und Didaktik. Perspektiven für die betriebliche Bildung

Rezensiert von Prof. Dr. Werner Sauter, 19.04.2005

Cover Frederic Fredersdorf, Martin Lehner (Hrsg.): E-Learning und Didaktik. Perspektiven für die betriebliche Bildung ISBN 978-3-936608-92-2

Frederic Fredersdorf, Martin Lehner (Hrsg.): E-Learning und Didaktik. Perspektiven für die betriebliche Bildung. Symposion Publishing (Düsseldorf) 2004. 278 Seiten. ISBN 978-3-936608-92-2. 49,00 EUR.
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Didaktik als Schlüssel zum E-Learning

E-Learning hat sich trotz immer wieder beschworener Vorteile, insbesondere in Verbindung mit klassischen Lernformen und Medien, noch nicht in der Breite durchgesetzt. Diese Zurückhaltung vor allem kleinerer und mittlerer Unternehmen wurde u.a. durch negative Erfahrungen mit E-Learning Lösungen, die sehr stark durch die technologische Sicht geprägt waren, verstärkt. Es fehlt oftmals die theoretische Fundierung der Lösungskonzepte. Es setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass auch im E-Learning das Primat der Didaktik gilt. Didaktik im E-Learning ist notwendig, um Lernprozesse effektiv zu gestalten, Lernerfolg zu sichern und eine hohe Akzeptanz bei Mitarbeitern bzw. Lernenden zu erzielen. Der Sammelband von Martin Lehner und Frederic Fredersdorf, beide Professoren an der Fachhochschule Voralberg will diesem Anspruch gerecht werden.

Aufbau und Inhalt

Die verschiedenen Beiträge sind in einen Block "Didaktik des E-Learning" sowie in einen Bereich "Praxis des E-Learning" unterteilt.

Die beiden einführenden Beiträge der Herausgeber stellen die Chancen und Risiken multimedialen Lernens sowie exemplarische Leitlinien für eine Didaktik des E-Learning in sehr verständlicher und konzentrierter Form dar. Lehner bezieht sich in seinem zweiten Beitrag zur Didaktik des E-Learning in erster Linie auf die langjährigen Forschungsarbeiten von Diethelm Wahl, die dieser vor allem in seiner Habilitationsschrift unter dem Motto "Der weite Weg vom Wissen zum Handeln" dargestellt hat. Da menschliches Handeln durch relativ stabile subjektive Theorien gesteuert wird, können Trainings nur dann wirksam sein, wenn diese verändert werden.

E-Learning Modelle mit dem Ziel, Handlungskompetenzen zu erwerben und zu verändern, erfordern entsprechende soziale Prozesse und eine mehrphasige Struktur. Dies führt zu einem Konzept des Blended Learning, in dem die soziale Flankierung eine Schlüsselrolle erhält. Lehner formuliert dafür drei didaktische Leitlinien:

  • Aufgabenorientiertes Lernen
  • Exemplarisches Lernen
  • <> Aktives Lernen

Diese spannenden Ausführungen machen dem Leser Appetit auf die folgenden Beiträge, da er jetzt neugierig ist, wie diese Leitlinien konkret umgesetzt werden können. Diesem Anspruch werden leider nur ein Teil der Autoren gerecht.

Falko E.P. Wilms, ebenfalls Professor an der Fachhochschule Voralberg, konzentriert sich auf die Förderung der wechselseitigen Kommunikation unter den Lernenden. Damit entwickelt er für einen Bereich, der in vielen Lernlösungen mit E-Learning eine entscheidende Schwachstelle darstellt, ein Modell zur Modellierung von Lern- und Handlungsstrukturen und dessen beispielhafte Umsetzung. Seine interessanten Ausführungen münden in der Erkenntnis, dass trotz Unterstützung durch neue Medien und durch eine entsprechende Raumarchitektur grundlegende kognitive und emotionale sowie soziale "Handwerkszeuge" die Lernqualität entscheidend beeinflussen.

Besonders spannend ist der Praxisbericht von Rauthgundis Reck vom nationalen Allianz Management Institute, die zusammen mit Diethelm Wahl von der Pädagogischen Hochschule Weingarten das "Kontaktstudium Erwachsenenbildung" seit nunmehr zehn Jahren durchführt. Anhand dieses Praxisbeispiels zeigt sie in sehr anschaulicher und überzeugender Weise, wie sich bewährte Lehr- und Lernmethoden in netzbasierten, elektronisch gestützten Lernzusammenhänge einsetzen lassen. Hier wird sehr gut nachvollziehbar dargestellt, wie der "lange Weg vom Wissen zum Handeln" gestaltet werden kann. Sie zeigt anschaulich und gut begründet, wie bewährte Methoden des Lehrens und Lernens didaktisch so transformiert werden können, dass die den Lernprozess als elektronisch gestützte Methodenvarianten unterstützen. Besonders spannend ist hierbei der Aspekt, wie temporäre Lerngruppen zu einer Wissensgemeinschaft vernetzt werden.

Auch Frederic Fredersdorf stellt in diesem didaktischen Kontext sehr überzeugende Praxisbeispiele dar, die den Leser zum Nachdenken anregen. In dem Beitrag "Multimedial psychomotorisch lernen - Beispiel Gitarrelernen" -entwickelt er sehr gut nachvollziehbar die didaktischen Grundanforderungen an Lernsoftware für psychomotisches Lernen. In seinem weiteren Artikel zum E-Learning in der Sozialarbeiter-Ausbildung sind vor allem die ausführlich dargestellten Erfahrungen mit dem Projekt für den Leser nützlich.

Leider wird die Erwartung, dass diese Ansätze aus der Trainerqualifzierung nunmehr auf Anwendungen in der betrieblichen Qualifizierung oder im Hochschulbereich übertragen werden, enttäuscht.

Im Block "Didaktik des E-Learning" entwickeln Klaus W.Döring, Professor für Erziehungswissenschaft an der TU Berlin, und Frederic Fredersdorf ein Qualifikationskonzept für Dozenten im Bereich E-Learning an Hochschulen. Nach längeren Ausführungen über Mängel in der dozentischen Kompetenz wird ein Lösungsvorschlag entwickelt, dessen Merkmale nur teilweise begründet nachvollziehbar sind. So wird dem Leser nicht klar, warum Trainerqualifikation für E-Learning erst mittels traditioneller seminaristischer Weiterbildung erfolgen muss. Die notwendigen Reflexionsphasen sind wohl auch in Blended Learning Arrangements denkbar. Weiterhin wäre es schön gewesen, wenn der Auflistung der Qualifizierungsinhalte eine didaktische Analyse, insbesondere der Ziele, vorangegangen wäre.

Der Beitrag "Qualität von E-Learning am Beispiel der Lern-CD" wirkt deplaziert. Der Schwerpunkt liegt in einer Ansammlung vieler, manchmal banaler Erkenntisse zum E-Learning. Unklar bleibt, wie die von Lehner eingangs dargestellten Anforderungen mit diesem Ansatz einer Lern-CD, also mit einem Offline-Medium, umgesetzt werden können. Der Kriterienkatalog bietet leider auch keine wirkliche Umsetzungschance für ein bedarfsgerechtes Lernsystem.

Die folgenden Praxisbeispiele des E-Learning greifen den eingangs aufgebauten Gedankenfaden leider nicht auf. Es handelt sich dabei um durchaus interessante Beiträge, die dem Leser aber im Sinne der Zielsetzung des Werkes keine wesentlichen zusätzlichen Erkenntnisse bringen.

Stephanie Kolhosser von der Akademie Deutscher Genossenschaften (ADG) beschreibt den Blended Learning Ansatz der ADG für das berufsbegleitende Studium - BEST - und schildert die Ergebnisse einer Teilnehmerbefragung. Leider fehlt auch hier eine didaktische Analyse. Deshalb beschränkt sich die Lösung auf eine detaillierte Beschreibung der Funktionalitäten des Lernsystems. Spannend wäre z.B. gewesen, zu hören, wie die Forderung von 90 % der Teilnehmer, mehr fachbezogene Kommunikation untereinander zu haben, im Lernprozess gefördert wird.

Peter Littig, pädagogischer Leiter der DEKRA Akademie, entwickelt in übersichtlicher Form die zentralen Empfehlungen, die sich aus den aktuellen E-Learning-Projekten der EU ergeben haben. Diese Forderungen bilden eine gute Grundlage für konzeptionelle Entwicklungsarbeiten im E-Learning.

Der Beitrag "E-Learning in den Geisteswissenschaften implementieren", von Hans Stiehl, Akademischer Rat an der TU-Berlin, umfasst lange Passagen allgemeiner Ausführungen, bis hin zur wiederholten Erklärung des Konstruktivismus, und wird leider erst zum Schluss konkret.

Sonja Thiemann, Produktmanagerin der ADG, beschreibt ein richtungsweisendes Umsetzungskonzept für Online-Lernen in einer dezentralen Organisation am Beispiel der deutschen Genossenschaften. Leider wird die Neugierde des Lesers über die damit gewonnen Praxiserfahrungen nicht befriedigt. Der Artikel hört dort auf, wo es für die Praxisumsetzung spannend wird.

Fazit

Insgesamt vermittelt das Buch überwiegend positive Eindrücke. Die hinführenden Beiträge und die Praxisbeispiele von Reck und Fredersdorf vermitteln einen hohen Nutzen für den Leser, der praktisch umsetzbare Anregungen auf einem fundierten theoretischen Ansatz sucht. Diese Artikel wirken aus einem Guss, weil sie einen gemeinsamen Ansatz aufgreifen und umsetzen. Dagegen wirken die weiteren Beiträge, wie in nahezu allen Sammelbänden, isoliert. Insgesamt ist das Buch aber eine spannende Bereicherung der Veröffentlichungen zu diesem Themenbereich des E-Learning.


Rezension von
Prof. Dr. Werner Sauter
Blended Solutions GmbH
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Es gibt 66 Rezensionen von Werner Sauter.

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Zitiervorschlag
Werner Sauter. Rezension vom 19.04.2005 zu: Frederic Fredersdorf, Martin Lehner (Hrsg.): E-Learning und Didaktik. Perspektiven für die betriebliche Bildung. Symposion Publishing (Düsseldorf) 2004. ISBN 978-3-936608-92-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2654.php, Datum des Zugriffs 21.05.2022.


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