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Jeanette Hofmann, Norbert Kersting u.a.: Politik in der digitalen Gesellschaft

Cover Jeanette Hofmann, Norbert Kersting, Claudia Ritzi, Wolf J. Schünemann: Politik in der digitalen Gesellschaft. Zentrale Problemfelder und Forschungsperspektiven. transcript (Bielefeld) 2019. 332 Seiten. ISBN 978-3-8376-4864-5. D: 69,99 EUR, A: 69,99 EUR, CH: 85,40 sFr.

Reihe: Politik in der digitalen Gesellschaft - 1.
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Digitale Politik und Politik im Netz

„Netzpolitik“ ist überall! Weil das Netz allgegenwärtig ist und die individuelle und lokal- und globalgesellschaftliche Kommunikation bestimmt! Die Vielzahl, Heterogenität und Allgegenwart der digitalen Medien im Alltagsleben ist auch bei den wissenschaftlichen, fächerbezogenen und -übergreifenden Tätigkeiten präsent. Es ist weiterhin notwendig, die Ergebnisse der Forschungsarbeiten haptisch, als Printmedien habhaftbar zu machen; wie es auch Chancen bietet, die Kommunikation über Forschungen im www-Netz auszuweiten und zu intensivieren. In den sozialwissenschaftlichen Forschungsfeldern gewinnt der Zusammenhang von Politik und Digitalisierung, jedenfalls im deutschsprachigen Diskurs, eine neue Bedeutung. Vom gesellschaftlichen „digitalen Wandel“ wird gesprochen, in Forschungsarbeiten werden die lokalen und globalen Entwicklungen in der Digitalpolitik thematisiert, im Social Media sind die Diskussionen und Visionen des Strukturwandels allgegenwärtig, die Politikwissenschaften schauen über den nationalen Gartenzaun, und die Fachdisziplinen schließen sich zu internationalen Verbänden zusammen. Dass diese Entwicklung in der deutschen politischen Kommunikationsforschung hinter denen in anderen Ländern und Regionen zurücksteht, muss die Aufmerksamkeit der Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftler hervorrufen.

Aufbau und Inhalt

Die Berliner Politikwissenschaftlerin Jeanette Hofmann, der Münsteraner Politikwissenschaftler Norbert Kersting, die Trierer Politikwissenschaftlerin Claudia Ritzi und der Hildesheimer Juniorprofessor Wolf J. Schünemann geben den Sammelband „Politik in der digitalen Gesellschaft“ heraus. Sie erheben damit den Anspruch, „einen bislang einzigartigen Überblick über die jüngere Forschung zum Thema Politik und Digitalisierung im deutschsprachigen Raum“ vorzulegen. Sie gliedern, neben der Einführung in die Thematik, die interdisziplinären Beiträge in drei Kapitel. Im ersten werden „gesellschaftliche und politische Grundlagen im Wandel“ thematisiert; im zweiten geht es um „Partizipation im digitalen Zeitalter“; und im dritten Teil werden „zentrale Herausforderungen für Governance und Forschungspraxis“ vorgestellt.

Jeanette Hofmann zeigt mit dem Thema „Mediatisierte Demokratie in Zeiten der Digitalisierung“ eine Forschungsperspektive auf. Mit der These, weil „Demokratien notwendigerweise technisch vermittelt sind und sich daher grundlegende Veränderungen im Bereich der Kommunikationsmedien in der demokratischen Organisation und Praxis niederschlagen“, vollzieht sich ein Bedeutungswandel in der öffentlichen Wahrnehmung und Wertung von demokratischen Prozessen, die es politikwissenschaftlich zu beachten, zu analysieren und zu bewerten gilt.

Thorsten Thiel vom Berliner Internet-Institut, dem „Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft“ postuliert mit dem Beitrag „Souveränität: Dynamisierung und Kontestation in der digitalen Konstellation“ die im digitalen Diskurs bedeutsamen Forderungen nach pluralistischen und freiheitlichen Ordnungs- und Rechtsprinzipien.

Claudia Ritzi setzt sich mit dem Beitrag „Politische Öffentlichkeit zwischen Vielfalt und Fragmentierung“ mit den Wandlungsprozessen auseinander, wie sie sich für öffentliches Bewusstsein und Wirklichkeit ergeben: „Zu den Aufgaben zeitgenössischer politischer Öffentlichkeitsforschung zählt somit nicht nur die Analyse konkreter Konstitutionsformen und Veränderungen der öffentlichen Sphäre am Beginn des 21. Jahrhunderts, sondern auch die theoretische Weiterentwicklung und empirische Überprüfung demokratietheoretischer Konzeptionen von Öffentlichkieit.

Die Berliner Politik- und Kommunikationsforscher Barbara Pfetsch, Annett Heft und Cord Knüpfer stellen Konzepte und Forschungsperspektiven für „Transnationale Öffentlichkeiten in der Digitalen Gesellschaft“ vor und zeigen deren Selbstverständnisse, Wirkungsgrade und Problembereiche auf: „Eine Analyse der digitalen Kommunikationsinfrastrukturen transnationaler Debatten, der Charakteristik der sie befeuernden Sprecher und Medien sowie der Interdependenzen und Dynamiken in transnationalen Diffusions-, Mobilisierungs- und Framingprozessen ist nötig“.

Norbert Kersting verweist mit seinem Beitrag „Online Partizipation: Evaluation und Entwicklung – Status quo und Zukunft“ auf die sich rapide, unkontrolliert und als Fakes auswirkenden momentanistischen und populistischen politischen Entwicklungen. Und er stellt Theorien und Konzepte vor, mit denen den zunehmenden Monopolisierungs- und Ausgrenzungstendenzen politikwissenschaftlich begegnet werden kann.

Die Politikwissenschaftlerin Isabelle Borucki von der Universität Duisburg-Essen fragt mit ihrem Beitrag „Politische Parteien zwischen Sein oder nicht Sein?“ und erkennt digitale Transformationen als Organisationsumbruch. Sie zeigt die in der Parteienforschung beobachteten Veränderungsprozesse auf und verweist auf neue Entwicklungen bei sozialen und Protestbewegungen.

Sigrid Baringhorst von der Universität Siegen erweitert mit ihrem Beitrag „Auswirkungen der Digitalisierung auf soziale Bewegungen“ die Akteursbefunde und plädiert für eine Kultur der „Commons“ (vgl. dazu auch: Silke Helfrich/​David Bollier, frei, fair und lebendig. Die Macht der Commons 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25797.php).

Jasmin Fitzpatrick von der Universität Mainz fragt mit ihrem Beitrag „Potenziale sozialer Medien zwischen Wunsch und Wirklichkeit“ danach, welche Möglichkeiten und Chancen soziale Medien für politische Akteure bieten. Sie zeigt Konzepte und Methoden auf und fordert auf, im politikwissenschaftlichen Diskurs eine stärkere Aufmerksamkeit und Praxis auf (fach-)publizistische Veröffentlichungen und Fachtagungen zu richten.

Die Direktorin des Instituts für Sozialwissenschaften an der Universität Hildesheim und Präsidentin der International Political Science Association (IPSA), Marianne Kneuer, bringt das Konzept „E-Government“ ein und stellt einen internationalen Vergleich der politischen Blick- und Aktionserweiterungsprozesse her. Es sind die Perspektiven, wie sie sich bei E-Democracy, E-Participation und E-Global ergeben, die im politikwissenschaftlichen Schaffen Interdisziplinarität unverzichtbar machen.

Anja Mihr vom Berliner „Center on Governance through Human Rights“ und Sabrina Görisch von der Universität in Trier plädieren mit ihrem Beitrag für den „Schutz der Grundrechte im Digitalen Zeitalter“. Die durch Fake News, Rassismen, Nationalismen und Populismen gefährdeten Menschenrechte bedürfen einer politischen Aufmerksamkeit, Verantwortung und Verteidigung. Es kommt darauf an, „den digitalen Raum mit dem analogen (zu) verbinden“.

Carlos Becker und Sandra Seubert von der Frankfurter Goethe-Universität plädieren für die „Stärkung europäischer Grundrechte im digitalen Zeitalter“ und diskutieren die Forderung am Beispiel des Privatheitsschutzes. Es sind die demokratischen, sozialen und anthropologischen Werte des Grundrechtsschutzes, die als individuelle und kollektive Güter der Conditio Humana zu gelten haben.

Wolf J. Schünemann und Stefan Steiger thematisieren mit dem Beitrag „Jenseits der Versicherheitlichung“ Situation und Aussichten in der Cybersicherheitsforschung. Die Autoren sehen fünf Zugangsweisen für die politikwissenschaftliche Arbeit. Zum einen sind kritische Sicherheitsstudien gefragt; zum zweiten sollen durch empirische Studien Sicherheitsbedrohungen erkannt und bewältigt werden; zum dritten geht es darum, das (neue) Forschungsfeld „Cybersicherheit“ im politikwissenschaftlichen Verständnis zu etablieren; viertens bedarf es bei der Formulierung und Kommunikation von Cybersicherheitsfragen objektive und gesicherte Informationen; und fünftens sollte zwischen sicherheitspolitischen Bedrohungen und medienregulatorischen Machenschaften unterschieden werden.

Die Kommunikationswissenschaftler Frank Marcinkowski und Christopher Starke von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf stellen die Frage: Wann ist Künstliche Intelligenz (un-)fair?“. Sie entwickeln ein sozialwissenschaftliches Konzept von KI-Fairness. Es basiert auf der Überzeugung, „dass ein demokratischer und sozialverträglicher Weg in die Digitale Gesellschaft nur in Kenntnis von und im Einklang mit den Überzeugungen, den Präferenzen und den Wahrnehmungen der Betroffenen beschritten werden kann“.

Die Berliner Sozialwissenschaftlerin Lena Ulbricht wendet sich „Big Data und Governance im digitalen Zeitalter“ zu. Sie zeigt den aktuellen, sozialwissenschaftlichen Forschungsstand zur Thematik auf. Die technologiebestimmten Auseinandersetzungen mit Big Data benötigen sachliche, fachliche, moralische und politik-ethische Ergänzungen.

Sebastian Stier vom Mannheimer Institut für Sozialwissenschaften und Andreas Jungherr von der Universität Konstanz werben mit ihrem Beitrag „Digitale Verhaltensdaten und Methoden der Computational Social Science in der politischen Kommunikationsforschung“, indem sie ein neues Instrumentarium von Datentypen und Analysemethoden vorstellen.

Fazit

Die Sorge, dass in den deutschen Sozialwissenschaften der Anschluss an den lebhaften, differenzierten internationalen Diskurs um Big Data und lokal- und globalgesellschaftlichen Digitalisierung nachhinkt, ist berechtigt. Es ist deshalb verdienstvoll und notwendig, eine Art hiesige Bestandsaufnahme zur aktuellen Lage von Politik in der digitalen Gesellschaft vorzunehmen. Mit dem Sammelband, der auch digitalisiert als PDF-Format angeboten wird, wird ein disziplinärer und interdisziplinärer Überblick über die neuere Forschung zum Thema „Politik und Digitalisierung“ vorgelegt.

Mit der im Bielefelder Transcript-Verlag von Jeanette Hofmann, Norbert Kersting, Claudia Ritzi und Wolf J. Schünemann neu etablierten Publikationsreihe „Politik in der digitalen Gesellschaft“ bietet sich die Chance zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Sie gilt es zu nutzen! Zahlreiche Autorinnen und Autoren, die im ersten Band der Reihe mitwirken, sind im Internet-Rezensionsdienst www.socialnet.de präsent.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 24.01.2020 zu: Jeanette Hofmann, Norbert Kersting, Claudia Ritzi, Wolf J. Schünemann: Politik in der digitalen Gesellschaft. Zentrale Problemfelder und Forschungsperspektiven. transcript (Bielefeld) 2019. ISBN 978-3-8376-4864-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26540.php, Datum des Zugriffs 25.02.2020.


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