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Karl Heinz Boeßenecker: Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege

Rezensiert von Prof. Dr. Josef Schmid, 14.06.2005

Cover Karl Heinz Boeßenecker: Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege ISBN 978-3-7799-1875-2

Karl Heinz Boeßenecker: Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege. Eine Einführung in Organisationsstrukturen und Handlungsfelder der deutschen Wohlfahrtsverbände. Juventa Verlag (Weinheim ) 2005. 336 Seiten. ISBN 978-3-7799-1875-2. 24,00 EUR. CH: 42,10 sFr.
Neuausgabe. Reihe: Votum
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Einführung

Wohlfahrtsverbände gehören zu den unbekannten Riesen in der Sozialpolitik. Vielfach wird nur die Vielzahl einzelner, kleiner Einrichtungen wahrgenommen und ihr gesamtes Potenzial von über einer Million Beschäftigen nicht gesehen. Außerdem wird häufig angenommen, dass für Soziales doch der Staat zuständig wäre. Insofern tut Information Not - trotz einiger Verbesserung in der Literatur und der Datenlage seit den 90er Jahren - und Karl-Hienz Beoßenecker liefert diese detailliert und strukturiert.

Inhalt

Die Entwicklung der freien Wohlfahrtspflege wird von vier Strukturmerkmalen geprägt:

  1. Dualität, d.h. der Existenz von öffentlichen und freien Trägern
  2. Subsidiarität, d.h. des bedingten Vorrangs der frei-gemeinnützigen Träger
  3. Verbändedominanz, d.h. Einbindung der freien Träger in spitzenverbandliche Organisationen
  4. Subventionierung, d.h. der weitgehend öffentlichen Finanzierung.

Man könnte die enge Einbindung in die staatlichen und kommunalen Entscheidungsprozesse (Korporatismus) als weiteres konstitutives Merkmal ergänzen.

Die Darstellung der sechs Spitzenverbände - Caritasverband, Diakonisches Werk, Arbeiterwohlfahrt, Paritätischer Wohlfahrtsverband, Rotes Kreuz und Zentralwohlfahrtsstelle der Juden - erfolgt nach einem einheitlichen Schema; behandelt werden

  • Entstehung, Selbstverständnis und Mission
  • Aufbau des Verbands und Organisationsstrukturen
  • wie Einrichtungen
  • Tendenzen und Probleme der Organisatoinsentwicklung.

Um einige Beispiel für wichtige Informationen zu benennen:

  • In mehreren übersichtlichen Tabellen werden die Einrichtungen (auch im Vergleich zu den öffentlichen Trägern) sowie das beschäftige Personal dargestellt und Auszüge aus den Satzungen aufgeführt.
  • Organigramme zu den Verbänden veranschaulichen die Strukturen und Willensbildungsprozesse; selbst die kommunale Ebene wird nicht vergessen.
  • Auch das komplexe Muster der Finanzierung (Zuschüsse, Entgelte aus den Sozialversicherungen, steuerliche Vorzüge, Beiträge, Spenden etc.) wird ausführlich und anschaulich ausgeführt.
  • Schließlich wird die Frage "quo vadis" (S 279ff.) aufgeworfen und die Spannungslagen zwischen Ideologie, Wettbewerb und öffentlichem Auftrag - und zu ergänzen wäre: demokratischen Entscheidungen in den Verbänden - diskutiert. Hierbei werden die in jüngerer Zeit eingetretenen Veränderung durch das Auftreten von mehr Wettbewerb, Privatisierung und neuen Formen des Public-Pirvate-Management ebenso angesprochen wie die Tendenz zur Europäisierung auch dieses Feldes. Knackpunkt beim letzten Aspekt ist die Frage, ob Soziale Dienste den Regeln des Binnenmarktes zu unterwerfen seien oder ob sie nationale sozialstaatliche Reservate bilden.

Für die weitere Entwicklung der Wohlfahrtsverbände in Deutschland macht Boeßenecker drei Szenarien aus:

  1. Modernisierung und Pluralisierung neokorporatistischer Arrangements: Hier würde sich im Grunde politisch und organisatorisch nichts Wesentliches ändern; nur die Zahl der Anbieter würde sich erhöhen und der Zugang zu den sozialpolitischen Entscheidungen verbreitert.
  2. Wohlfahrtsverbände als Sozialunternehmen: Hier findet eine Vermarktlichung der Sozialen Dienste, eine Stärkung der privat-gewerblichen Anbieter und ggf. eine GmbH«isierung der Verbände sowie ein Absterben der demokratischen Mitgliederorganisationen statt.
  3. Wohlfahrtsverbände als Hybridorganisationen, die sowohl - je nach Segment und Umwelt der Organisation - eher professionelle, am Markt tätige Betriebe oder sozialpolitisch aktive bzw. binnendemokratisch strukturierte Einrichtungen bilden.

Fazit

Insgesamt handelt es sich um einen gut lesbares Basiswerk zum Thema, das als Einführung und Nachschlagewerk sehr gute Dienste leistet und fast alle wichtigen Aspekte detailreich anspricht. Durch die Neuauflage sind die Daten wieder auf dem aktuellen Stand. Defizitär bzw. vom Verfasser wohl nicht angestrebt ist die Frage nach der wissenschaftlichen Bearbeitung des Feldes und dem inzwischen erreichten theoretischen Reflexionsniveau.

Rezension von
Prof. Dr. Josef Schmid
Professor für Politische Wirtschaftslehre und Vergleichende Politikfeldanalyse an der Universität Tübingen, lehrt und forscht über Wohlfahrtsstaaten, Arbeitsmarktpolitik und Bürgerschaftliches Engagement in den Bundesländern. Er ist derzeit hauptamtlicher Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät.
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Es gibt 19 Rezensionen von Josef Schmid.

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Zitiervorschlag
Josef Schmid. Rezension vom 14.06.2005 zu: Karl Heinz Boeßenecker: Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege. Eine Einführung in Organisationsstrukturen und Handlungsfelder der deutschen Wohlfahrtsverbände. Juventa Verlag (Weinheim ) 2005. ISBN 978-3-7799-1875-2. Neuausgabe. Reihe: Votum. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2655.php, Datum des Zugriffs 05.10.2022.


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