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Ken Krimstein: Die drei Leben der Hannah Arendt

Cover Ken Krimstein: Die drei Leben der Hannah Arendt. Deutscher Taschenbuch Verlag (München) 2019. 244 Seiten. ISBN 978-3-423-28208-6. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR, CH: 21,90 sFr.
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Thema

Ken Krimstein skizziert in dieser Graphic Novel das Leben Hannah Arendts in drei Lebensphasen, beschreibt wichtige Lebensgefährten und Freunde und skizziert relevante philosophisch-politische Positionierungen auf diesem Lebensweg.

AutorIn oder HerausgeberIn

Ken Krimsteins ist Cartoonist und unterrichtet an der DePaul-Universität in Chicago, außerdem ist er Kreativdirektor einer Werbeagentur (Verlagsangaben).

Entstehungshintergrund

Krimsteins Anliegen ist es, Philosophie in einer Art und Weise zu präsentieren, in der sich jeder damit auseinandersetzen kann. Zudem möchte er die Philosophie mit seiner Leidenschaft für Geschichte verbinden.

Aufbau

Das Buch gliedert Hannah Arendts Leben in drei „Leben“:

  • Jugend, Studium, Heirat, Beziehung mit Heidegger
  • 1933 Flucht über Tschechien, Italien, die Schweiz nach Frankreich
  • Emigration in die USA.

Inhalt

Im ersten Teil des Buches widmet sich Krimstein zunächst Hannah Arendts Kindheit und Jugend, beschreibt sie als sensibles, lernhungriges, freiheitlich erzogenes jüdisches, wenn auch nicht religiöses Kind/Jugendliche, die sich eigenständig beispielsweise Kant erschließt. Während des Studiums in Marburg lernt sie Hans Jonas, Leo Strauss, Herbert Marcuse, Karl Löwith, Emmanuel Levinas, Günther Stern und auch Martin Heidegger kennen, zu dem bald eine Beziehung entsteht, deren Beschreibung recht breiten Raum einnimmt. Er führt aus, wie Heidegger sie zu Jaspers nach Freiburg schickt (ihr Promotion dort läßt er zunächst aus), nimmt dann den Faden erst wieder auf, als sie 1929 nach Berlin geht und auch Stern wiedertrifft und heiratet.

Der zweite Teil des Buches „Hannahs zweites Leben“ beginnt 1933. Krimstein skizziert die Zeit, oder besser den künstlerischen Zeitgeist, indem er wichtige Maler*innen, Musiker, Theoretiker, Regisseure benennt. Die Liebe zwischen Stern und Arendt wird als erkaltet beschrieben, ihre Interessen scheinen zu verschieden, ihre Freundeskreise zu unterschiedlich. Es werden Begegnungen illustriert, anhand derer Arendts philosophisch-politische Sichtweisen und Positionen deutlich werden, z.B. die Begegnung mit Einstein oder Kurt Blumenfeld. Für Blumenfeld bzw. die Zionistische Vereinigung für Deutschland dokumentierte Arendt die zunehmende Judenververfolgung, was zu einer Verhaftung und 8-tägen Inhaftierung durch die Gestapo führte.

Der dritte Teil des Buches nimmt Hanna Arends Leben in Frankreich in den Blick, wo sie bis 1941 lebte. Krimstein hebt für diese Lebensphase drei Aspekte hervor:

  • Hannah – die Liebende
  • Hannah – die Denkende
  • Hannah – die Handelnde.

1937 wird Hannah Arendt von Stern geschieden und heiratet 1940 Heinrich Blücher. In Paris entwickelt Arendt ihre Annahmen zu Grundlagen der Erkenntnis(philosphie) weiter. Wichtig sind für sie dazu u.a. die Diskurse mit Walter Benjamin. Als „tätige“ Hannah beschreibt Krimstein beispielhaft ihr Engagement für jüdische Jugendlichen, denen sie zur Flucht nach Palästina verhalf.

Es wird der Einmarsch der Nationalsozialisten nach Polen und Frankreich skizziert, Hanna Arendt wird 1940 für mehrere Wochen im französischen Lager Gurs inhaftiert. Sie und ihr Mann fliehen nach Marseille, wo sie auf Freunde treffen, u.a. auf Walter Benjamin. Die Diskussionen mit ihm werden für Hannah Arendt immer bedeutsamer. Dieser übergibt Hannah Arendt seine Manuskripte, die sie später in den USA herausgeben wird. Bei Nacht und Nebel verlassen Arendt, ihre Mutter, Blücher und Benjamin Frankreich, um nach Lissabon zu fliehen. Auf der Flucht begeht Walter Benjamin Selbstmord.

Im vierten Teil des Buches, nach der Ankunft in New York, illustriert Krimstein ihre strapaziösen Integrationserfahrungen wie die Tätigkeiten als Au-Pair-Mädchen und Hilfsarbeiter. Da es Hannah Arendt aber gelingt, schnell ihre Sprachkompetenzen zu verbessern, kann sie schon bald Artikel in Zeitschriften platzieren und wird Lehrbeauftragte an einem College in Brooklyn und Cheflektorin des Schocken-Verlages. Auch in diesem Kapitel nimmt Krimstein immer wieder Bezug zu ihrer Beziehung zu Heidegger. Sie wird US-Bürgerin und erste Professorin in Princeton. Krimstein gelingt es immer wieder, Fäden zu spinnen zwischen Lebensereignissen in Arendts Leben und historischen Bezügen und Entwicklungen, wie ihrer Analyse der Ereignissen in den Konzentrationslager, den zugrundeliegenden Mechanismen und Denkweisen und der Entwicklung ihrer Philosophie. Ihr wichtiges Werk über den Totalitarismus wird veröffentlich. Eine erneue Begegnung zwischen Heidegger und Arendt wird geschildert, die sie nach 17 noch einmal zusammenführt und auch erstmal Heideggers Frau und Arendt aufeinander treffen läßt, und offenbart, wie stark Heidegger an Hannah vor allem als Frau interessiert zu sein scheint, womöglich ohne ihre vielfältigen anderen Facetten in Gänze zu erfassen und wertzuschätzen. Auch bei einem Partybesuch bei einer Graphologin werden Mutmaßungen über Heideggers Charakter angestellt und von Krimstein beschrieben, ebenso wie ihr zunehmender Prozess der Emanzipation von Heidegger.

Ein fünfter Teil des Buches widmet sich der Lebensphase ab 1958, Arendts „Vita activa“ erscheint, Eichmann wird verhaftet und Arendt veröffentlicht ihre Arbeiten über diesen Prozess, die große Kontroversen auslösen. Krimstein findet auch in diesem Kapitel vielfältige Möglichkeiten, Hannah Arends Positionierungen in ansprechenden Illustrationen umzusetzen und mit entsprechenden Ereignissen zu verknüpfen, z.B. dem berühmten Fernsehinterview mit Günter Gaus oder einem fiktiven Gespräch mit Augustinus.

Diskussion

Krimsteins Graphic Novel ist eine wunderbare und spannende Annäherung an Hannah Arendts Leben und Werk, wenn auch bewußt nicht als klassische Biographie angelegt. Ich war zunächst skeptisch, wie es gelingen könne, ihre komplexen Gedankengänge, ihre umfangreichen theoretischen Betrachtungen, ihre bewegte Biographie in der Form einer Graphik Novel auch nur ansatzweise aufnehmen zu können, aber es ist Krimstein tatsächlich gelungen, nicht nur wesentliche Ereignisse ihres Lebens aufzugreifen, sondern auch zentrale Gedanken der vermutlich wichtigsten politischen Philosophin des 20. Jahrhunderts auf fast spielerische Weise zusammenzufassen und zu präsentieren, ohne es dabei an Sorgfalt und Ernsthaftigkeit mangeln zu lassen. Krimstein hält die Form der Graphik Novel „mit ihrer einzigartigen Eigenschaft, Worte und Bilder gemeinsam wirken zu lassen, […] für besonders gut geeignet, komplexe Themen zugänglich zu machen.“ (234). Das ist hier in jedem Fall gelungen.

Fazit

Das Buch macht unbedingt Lust auf mehr: wieder einmal die Texte von Hanna Arendt selbst zur Hand nehmen zu wollen, tiefer in ihre Biographie wissen zu wollen, mehr Graphic Novels von Ken Krimstein lesen zu wollen. Im Übrigen auch ein ganz wunderbares Geschenk für sich selbst, für Jugendliche und Erwachsene! Es läßt sich sicherlich auch in Schule, Jugendarbeit oder Erwachsenenbildung gut einsetzen und besprechen.


Rezension von
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 13.07.2020 zu: Ken Krimstein: Die drei Leben der Hannah Arendt. Deutscher Taschenbuch Verlag (München) 2019. ISBN 978-3-423-28208-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26550.php, Datum des Zugriffs 30.11.2020.


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ISSN 2190-9245

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