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Stefan Mahlke (Hrsg.): Atlas der Globalisierung

Cover Stefan Mahlke (Hrsg.): Atlas der Globalisierung. Welt in Bewegung. taz verlags- und vertriebs GmbH (Berlin) 2019. 183 Seiten. ISBN 978-3-937683-74-4. D: 18,00 EUR, A: 18,00 EUR, CH: 25,40 sFr.

Kartograf: Adolf Buitenhuis.
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Thema und Entstehungshintergrund

Der im Jahr 2019 erschienene „Atlas der Globalisierung: Welt in Bewegung“ wurde von Stefan Mahlke herausgegeben, der seit 2006 bei der deutschen taz vor allem im Korrektorat tätig ist. Obwohl der Begleittitel „Welt in Bewegung“ im ersten Moment eine thematische Fokussierung auf Migration verspricht, zeigt schon ein kurzer Blick ins Inhaltsverzeichnis, dass der 183-seitige Atlas wie schon seine Vorgänger eine breite Palette an Themen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft von globaler oder überregionaler Bedeutung aufgreift.

Der Atlas der Globalisierung wird seit 2003 in unregelmäßigen Abständen von der deutschen Ausgabe von Le Monde diplomatiqueverlegt, die auf eine Initiative der deutschen taz-Genossenschaft im Jahr 1994 zurückgeht. Die verschiedenen Ausgaben bestechen durch ihre Themenvielfalt und politische Kartographie, die dem Atlas, wie schon die Bezeichnung verspricht, auch eine lexikalische Funktion zukommen lassen.

Aufbau und Inhalt

Die aktuelle Ausgabe des Atlas der Globalisierung teilt 59 fallstudienartige kurze und mittellange Hintergrundtexte sowie neun politische Karten ausgeglichen in sieben thematische Kapitel ein.

Elf Beiträge und eine Karte des Kapitel Klimakrise und Welternährung fokussieren auf spezifische Aspekte der Klimakrise, des Ressourcenverbrauchs sowie deren Bewältigung. So zum Beispiel das Abtauen der Polkappen (Manfred Kriener, S. 8–11), das Verbot von Plastiktüten im Handel in Mumbai (Natalie Mayroth, S. 24–25), Fragen der Nachhaltigkeit in der Lachszüchtung (Manfred Kriener, S. 32–35), sowie der von Klimaanlagen und Internet verursachte immense Stromverbrauch. Die Beiträge verdeutlichen, wie große der moderne Lebensstil Klima, Umwelt und andere Lebensformen belastet.

Das Kapitel, Die demographische Herausforderung, mit seinen insgesamt acht Beiträgen und einer Karte, befasst sich mit den Auswirkungen der demographischen Entwicklung auf Volkswirtschaften und gibt Einblick, wie vereinzelte Länder damit umgehen. Tanja Kiziak (S. 46–49) erklärt das Modell der vier Phasen des demografischen Übergangs, das als Instrumentarium für internationale Ländervergleiche dient. Arthur Fouchères (S. 58–59) beschreibt, wie Roboter bereits heute eine soziale Funktion in Japan übernehmen. Der Artikel von Heike Haarhoff (S. 56–57) zeigt, dass neben dem Altern auch Fettleibigkeit ein demographischer Faktor ist, der drängende Fragen für Gesundheitspolitik nationale Gesundheitssysteme aufwirft. 

Der realexistierende Kapitalismus befasst sich mit Themen, wie Freihandel (Ulrike Herrmann, S. 62–63), Bankgeschäfte (Aaron Sahr, S. 72–73), die deutsche und italienisch Rüstungsindustrie (Otfried Nassauer, S. 80–81), oder Tourismusindustrie in Kroatien (Hubert Beyerle, S. 84–85). Die elf Artikel und zwei Karten zeigen, dass aktuelles Wirtschaften die Ungleichheit innerhalb nationaler Gesellschaften aber auch global verschärft.

Ungelöste Konflikte umfasst acht Artikel und eine Karte, die sich vor allem, aber nicht ausschließlich, mit kriegerischen Konflikten auseinandersetzen, wobei hier ein großer regionaler Fokus auf Afrika liegt (Dominic Johnson, S. 96–97; Alex de Waal, S. 98–101; Reiner Klingholz S. 102–103). Daneben werden in Analysen politischen Konfliktstellungen, wie zum Beispiel zwischen China und den USA (Ulrike Hermann, S. 108–111), thematisiert. Die Beiträge zeigen, dass das 21. Jahrhundert von divergierende Tendenzen geprägt ist. Viele Bestrebungen nach multilateraler Konfliktlösung geben Hoffnung auf mehr Frieden gleichzeitig beschwören der politische und militärische Wettstreit um Vormachtstellungen eine instabile Welt herauf.

In den sieben ausgewählten Beiträgen und einer Karte im Kapitel Flucht und Migration gehen die AutorInnen auf Gründe für und den Umgang mit Migration in Europa, Asien und Afrika ein. Manuel Slipina (S. 120–121) zeigt, dass Perspektivenlosigkeit, Geburtenüberschuss und die Verstädterung von Land die drei treibenden Kräfte der zunehmenden städtische Bevölkerung sind. Krieg und Arbeitssuche veranlassen dagegen viele Menschen ihre Heimatländer zu verlassen (Hinja Müller, S. 122–123; Michel Agier, S. 128–129), wobei das Geschlecht in der Wahl des Ziellandes und des Berufs eine bedeutende Rolle spielt (Bridget Anderson, S. 124–125). Nicht alle jedoch erreichen ihre Destinationen, denn viele Flüchtlinge stranden in Lagern in der Perspektivenlosigkeit (Michel Agier, S. 128–129). Welche Maßnahmen die EU setzt, um Migration aus Drittstaaten zu verhindern und wer von dieser Migrationspolitik profitiert, analysieren (Matthias Monroy S. 130–131) und Christian Jakob (S. 118–119).

Die Zukunft der Zivilgesellschaft vereint sieben Beiträge und eine Karte zu Veränderungen gesellschaftsrelevanter Themen, wie Religionszugehörigkeit (Detlief Pollack, S. 140–141), Informations- und Pressefreiheit (Christian Mihr, S. 142–143; Arne Semsrott, S. 146–147). Wie schon in Kapitel vier werden auch gegenläufige Tendenzen erkennbar. Hannes Koch (S. 144–145) zeigt zum Beispiel, dass zwar die Zahl der zivilgesellschaftlichen Organisationen und deren Einflussbereich steigt, autoritäre und demokratische Staaten sind jedoch gleichsam bemüht, die Arbeit vieler Organisationen zu beschränken. Während vermehrte Information einerseits dazu dienen, Staaten transparenter zu machen und Menschen mehr Mitbestimmung zu ermöglichen (Arne Semsrott, S. 146–147), werden sie andererseits auch dazu benutzt, die BürgerInnen zu überwachen. Technologien zur Videoüberwachung verhelfen den staatlichen Visionen der gläsernen BürgerInnen zur Realisieurng (David Bandurski, S. 148–149).

Den Abschluss des Atlas der Globalisierung bilden sieben Beiträge und zwei Karten, die jene Tendenzen und Entwicklungen aufzeigen, die Demokratie in Gefahr bringen. Sozioökonomische Ungleichheit (Branko Milanović, 154–155), fremdenfeindliche Bewegungen und Parteien (Joseph Grim Feinberg, S. 158–159), verfehlte Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik in Kombination mit systemschädigender Korruption (Christoph Twickel, S. 164–167; Anne Vigna, S. 168–69) und Islamisierung bringen die demokratischen Grundfesten vieler Ländern dieser Welt ins Wanken.

Diskussion

Der aktuelle Atlas der Globalisierung ist wie schon seine Vorgänger eine Kompendium an informativen Beiträgen zu aktuellen Entwicklungen, die anhand von Fallstudien einzelner Länder aus regionaler oder globaler Perspektive abgearbeitet werden. Die für den Atlas typische Kartografie veranschaulicht dabei eindrücklich globale Verschiebungen und gibt wichtige statistische Zusatzinformationen aus vergleichender Perspektive. Die Beiträge wurden von ExpertInnen aus dem Journalismus, zivilgesellschaftlicher Organisationen und wissenschaftlichen Institutionen verfasst, die sich durch ihre umfassende fachliche Expertise innerhalb der Themengebiete auszeichnen. Hier wäre es hilfreich gewesen, am Ende ein AutorInnenverzeichnis mit Affiliationen (und ev. Kontaktdaten) anzulegen, wie das schon im letzten Atlas der Globalisierung der Fall war.

Der Atlas der Globalisierung spricht durch seine inhaltliche Vielfalt ein sehr breites Publikum an. Da die Einzelbeiträge inhaltlich nicht aneinander anknüpfen, kann der Atlas chronologisch wie ein Buch gelesen werden, aber eben auch je nach persönlichem Interesse nach Kapitel oder einzelnen Beiträgen gelesen werden. Die statistischen Tabellen und Graphiken fungieren darüber hinaus als ständiges Nachschlagewerk. Diese begrenzte inhaltliche Verschränkung der Beiträge ist die Stärke des Atlas der Globalisierung, gleichzeitig aber auch seine Schwäche.

Obgleich die thematische Einordnung (sieben Kapitel) nach durchaus nachvollziehbaren Kriterien vorgenommen wurde, verabsäumt der Atlas ein verbindendes Element zu schaffen, das ihm eine Perspektive gibt. Bereits in der Einleitung entlarvt Stefan Mahlke die fehlende theoretische oder perspektivische Verknüpfung von der Welt, die in Bewegung ist, denn sie beginnt mit Chinas „spektakulären“ Auftritt auf die Weltbühne und endet mit den „Fridays for Future“-Protesten. Während letztere im Atlas nicht gesondert thematisiert wird, ist Chinas steigender Einfluss, entgegen seiner prominenten Position im Einleitungstext, nur ein Player von vielen. Als Vorbild sollte der Atlas der Globalisierung 2015 dienen, dessen Konzept der Postwachstumsgesellschaft eine perspektivische Verbindung zwischen den Beiträgen herstellte und darüber hinaus eine, wenn auch für viele noch utopische Alternative vorschlägt. Aber vielleicht steht die Welt in Bewegung auch als symptomatischer Ausdruck einer größeren und allgemeineren Ohnmacht vor der Komplexität der Welt, auf die wir (derzeit) keine Antwort finden.

Fazit

Trotz des oben angemerkten Kritikpunktes bietet der Atlas der Globalisierung ein Kompendium mit informativen und aufschlussreichen Einzelbeiträgen, die Einblicke in verschiedene Teilbereiche einer immer komplexeren Welt geben, die von gegensätzlichen Tendenzen geprägt ist. Die nächste Ausgabe könnte die aktuelle Covid-19-Pandemie zum Anlass nehmen und sich, im Sinne einer inhaltlichen Verflechtung, mit globalen Abhängigkeitsverhältnissen, deren Auswirkungen sowie möglichen Auswegen befassen.


Rezension von
Julia Marinaccio
Sinologin und Politikwissenschaftlerin, arbeitet am Taipei Wirtschafts- und Kulturbüro in Österreich (Wien)
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Zitiervorschlag
Julia Marinaccio. Rezension vom 22.05.2020 zu: Stefan Mahlke (Hrsg.): Atlas der Globalisierung. Welt in Bewegung. taz verlags- und vertriebs GmbH (Berlin) 2019. ISBN 978-3-937683-74-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26552.php, Datum des Zugriffs 01.06.2020.


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ISSN 2190-9245

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