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Gerhard Schwarz: Shitstorms, Lügen, Sex

Cover Gerhard Schwarz: Shitstorms, Lügen, Sex. Steinzeitrituale in Gruppen und Hierarchien. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2019. 336 Seiten. ISBN 978-3-658-18118-5. D: 34,99 EUR, A: 35,97 EUR, CH: 36,00 sFr.
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Thema

Schwarz geht davon aus, dass menschliches Verhalten vorrangig von tiefsitzenden archaischen handlungsleitenden Mustern geprägt wird. Es ist Schwarz ein Anliegen, diese Muster zu entschlüsseln und er formuliert die These, dass Menschen, auf ihrer derzeitigen Stufe der Menschheitsentwicklung lediglich die rationalen Konzepte im Griff haben, es aber noch an Logiken für die irrationalen Prozesse und Strukturen fehlt, in die er etwas Shitstorms, Lügen und Sex einordnet: „Die drei Schlagwörter 'Shitstorms, Lügen, Sex' bezeichnen Verhaltensmuster, die das Überleben der ersten Menschen ermöglichten und die der moderne Mensch heute in verschiedenen Variationen weiter praktiziert.“ (V). Für eine solche Theorie möchte er in diesem Buch erste Elemente vorlegen.

Autor

Professor. Dr. Gerhard Schwarz ist Universitätsdozent. Nach Studium der Naturwissenschaften, der Theologie und Philosophie promovierte er mit einer Arbeit über „Humor und Liebe“ (eigene Angaben).

Aufbau

Das Buch umfasst 9 Kapitel:

  1. Einleitung
  2. Erlebnisse von „Mustern“
  3. Die Stufen der Menschheitsentwicklung – ein Überblick
  4. Muster aus dem Primatenerbe
  5. Die Wasserrevolution
  6. Die Feuerrevolution
  7. Die religiöse Revolution
  8. Die kreative Kunstrevolution
  9. Der Umgang mit Mustern.

Inhalt

Schwarz gibt zunächst einen Überblick über die Entwicklung der Menschheitsgeschichte. Für essentiell hält er die Ausrichtung des Einzelwesens auf die Gruppe, die für ihn auch entscheidender Katalysator für die Entstehung des Homo Sapiens ist. Er wendet sich dann den einzelnen Entwicklungsstufen zu, die er als 5 Revolutionen bezeichnet und grob skizziert:

  • Wasserrevolution
  • Feuerrevolution
  • Religiöse Revolution
  • Kunstrevolution
  • Neolithische Revolution.

Dabei schlägt er immer wieder Verbindungen zur Klaus Schwabs Konzept der Vierten Industriellen Revolution.

Im vierten Kapitel konstruiert der Autor Verbindungen zwischen dem Internet-Phänomen Shitstorm, das der Autor für kein ausschließlich digitales Phänomen hält und archaischen Verhaltensweisen: „Ich vermute, dass dieses Ritual mehrere Verhaltensmuster kombiniert. Die zwei wichtigsten sind shit – 'Scheiße' und die 'Jagd'“ (39). So versteht er einen Shitstorm als Ausdruck kollektiver Aggressivität, die sich gegen Einzelpersonen oder auch gegen kleine Gruppen richten kann und dabei auf alte Jagdmuster zurückgreift. Der/die einzelne Angreifer*in fühlt sich dabei in der Anonymität der Gruppe geborgen (44). Er zieht von dort aus Verbindungslinien zu übertriebenen Reinlichkeitskulturen und -ritualen bis hin zur Sexualfeindlichkeit der Katholischen Kirche und Akten sexualisierter Gewalt.

Weitere Aspekte, die in diesem Zusammenhang beleuchtet werden, sind die Furcht vieler Menschen vor der Nacht und das Thema Angst, das er mit Todesangst gleichsetzt. Weitere Facetten, die der Autor in diesem Kapitel beleuchtet, sind Droh- und Imponiergehabe, Positionierung und Ranking, Positionsmacht, Dominanzattitüden, Understatement, Thrill, Action und Schlaf, Panikreaktionen und Schock sowie Schock-Verarbeitung, abschließend dann werden Terrorismus und Krieg beleuchtet. Auch wenn sich der Autor immer wieder auf bestimmte Studien, Experimente oder Ähnliches beruft, verweist er vielfach als Beleg für seine Thesen auf seine eigenen Beobachtungen in der afrikanischen Tierwelt oder auf Erlebnisse in Beratungszusammenhängen, die als Erzählungen eingebracht werden (in der Online-Variante des Buches z.T. auch als Videobeiträge).

Im fünften Kapitel widmet sich der Autor der Wasserrevolution und führt zunächst in die Bedeutung des Wassers für die Entwicklung des Homo Sapiens ein. Er stellt dabei ebenso Zusammenhänge zu Ansiedlungsvorlieben der Menschen bis hin zum Urinieren (von Männern bevorzugt im Stehen) und Defäkation her, teilt auch seine philosophischen Gedanken zu diesem Thema, diskutiert ebenso Sexualität und Musik in diesem Zusammenhang.

Das sechste Kapitel widmet sich der Feuerrevolution oder der „kulturelle Revolution“, die vor etwa zwei Millionen Jahren in Afrika stattfand. Kennzeichnende Merkmale sind laut Schwarz:

  • Domestizierung des Feuers
  • Entwicklung einer artikulierten Sprache
  • Feuer als Waffe – damit vom Gejagten zum Jäger
  • Die männliche Jagdgruppe
  • Sieg/Niederlage
  • Erste Wanderungen aus Afrika hinaus
  • Umstellung der Nahrungsprinzipien
  • Weiterentwicklung der Sexualität (125).

Er macht deutlich, dass das Feuer „eine Emanzipation des Menschen von der Natur“ (132) ermöglichte, weil es Sicherheit, Wärme, eine neue Art der Aufbereitung von Nahrungsmitteln erlaubte, aber auch das Nachdenken im Sinne von Philosophieren zuließ. Im Hinblick auf das Individuums hieß dies, dass auch die individuelle Emanzipation von der Familie (Gruppe) in Form von Lehr- und Wanderjahren im weiteren Verlauf sinnvoll und denkbar wurden.

Es schließen sich Betrachtungen über Licht und Farben an. In dieser Periode ist die Entwicklung erster Fernwaffen angesiedelt. Ausführungen über die Entwicklung von Sprache in der Menschheitsgeschichte schließen sich an. Er fügt auch Betrachtung zum Thema Lügen und fake news hinzu. Weitere Schwerpunkte des Kapitels fokussieren auf jagende Männergruppen und Kleptoparasitismus, also dem „Muster andere arbeiten lassen und selber den Ertrag kassieren“ (158), da Diebstahl durch die Entwicklung der Vorratswirtschaft immer attraktiver wurde. Von seinen Annahmen über historische Entwicklungen ausgehend, schlägt Schwarz immer wieder Querverbindungen zu anderen historischen Ereignissen wie dem Kreuzestod Jesu als einer Variante von archaischen Jagdszenen/fake news/des Shitstorms (164) oder den in den letzten Jahren beliebten Pokemon-„Suchen“ (166). Als prominenteste Form der Jagd betrachtet Schwarz heute den Shitstorm: „Hier wird nach einem tatsächlichen oder vermeintlichen 'Fehltritt' die Jagd auf eine Person, eine Gruppe, ein Unternehmen oder eine Behörde eröffnet. Die Abfolge der Jagdszenen erfolgt beim Shitstorm nach dem oben beschriebenen Phasenmodell. Durch das Internet gibt es heute die Möglichkeit, dass viele Personen an dieser Jagdgesellschaft beteiligt sind.“ (166)

Es folgen Betrachtungen zu den Denkmustern Raum, Zeit und Weg sowie der Geschlechter-Beziehung in der kulturellen Revolution, sowie Fragen von Nahrung, Armut und Reichtum, Mobbing, Ritualen etc.

Das siebte Kapitel widmet sich insbesondere der religiösen Revolution. Diese ordnet Schwarz wie folgt ein:

  •  „Wir halten noch einmal fest: Der erste Schritt der humanen Evolution bestand im aufrechten Gang und in der biologischen Anpassung an neue Habitate. (Wasserrevolution)
  • Der zweite Schritt bestand in der kulturellen Anpassung an neue Umwelten mithilfe des Feuers und seiner Folgen. (Feuerrevolution)
  • Der dritte Schritt bestand in der Anpassung der Umwelt an den Menschen. Es war eine Art Machtumkehr. (Religiöse Revolution)“ (246).

Als wichtige Kennzeichen dieser Phase benennt Schwarz:

  • Die Steuerung der Angstbalance durch die Gruppe
  • Die Exogamie und die Totemclans – Großgruppen
  • Die Bestattung der Toten und die Idee eines Weiterlebens nach dem Tod – zumindest durch die Weitergabe von Wissen an die nächste Generation
  • Kleidung und die sexuelle Bedeutung der Körperteile – Intimsphäre
  • Die Symbolentwicklung der Sprache
  • Mythen über Anfang und Ende und die Reflexion der Zeit
  • Die Entwicklung des Nervensystems
  • Die ersten Behausungen: Höhlen, Baumhäuser
  • Der Tausch von Objekten
  • Der Sündenfall (Konterdependenz) und die Bedeutung der Negation
  • Das Opfer
  • Nahrung und Feste.

Als Reminiszenz an diese Zeit betrachtet Schwarz im Übrigen Computerspiele. Schwarz beschäftigt sich intensiver mit dem Nein-Sagen und dem Negativen, der Faszination des Bösen, der Moral, Opferkonzepten und -rollen, Neid und der Steuerung dieser Phänomene durch Gruppen bzw. umgekehrt. Abschließende Gedanken in diesem Kapitel gelten Tod und Zeit bzw. Exogamie und dem Totemclan.

Fünf Aspekt beleuchtet Schwarz im achten Kapitel genauer, die Subjekt-Objekt Spaltung, die Macht des Menschen bzw. der Gruppe über die Natur, die Identitätszwiebel oder die soziale Haut von Gruppe, er beschäftigt sich mit der Relevanz der der Gruppengröße und dem Stellenwert von Individualität und Liebe.

Im letzten Kapitel schließen sich außerdem Ausführungen zu Mustern an, sowie Überlegungen zur Mobilität – als ganz praktisches, aber auch geistiges Phänomen.

Schwarz‘ Stil könnte als eher assoziativ bezeichnet werden, häufig greift er als Referenzen auf eigene Beobachtungen und das eigene Erleben zurück, um daraus verallgemeinernde Schlussfolgerungen abzuleiten, z.B. dass bei ihm persönlich zur Schmerzlinderung führt, wenn er eine Statuette der Venus von Willendorf in der Hand hält und dies – warum auch immer – in allgemeine Überlegungen zur Liebe einbettet. Theoretische Bezugnahmen auf Studien und Forschungen anderer Wissenschaftler*innen kommen durchaus vor, sind aber eher verstreut wahrnehmbar. So erstaunt es nicht, dass zwar zwei Seiten weiterführende Literaturhinweise gegeben werden, klassische wissenschaftliche Referenzierungen aber weitgehend fehlen, was einigermaßen erstaunlich ist, da Schwarz den Anspruch formuliert, Elemente einer Theorie entwerfen zu wollen.

Fazit

Schwarz‘ Buch bringt eine gewisse Sicht auf die Welt zum Ausdruck, die man teilen mag oder auch nicht. Nach Auffassung der Rezensentin bevorzugt er dabei monokausale vor multiperspektivischen Herleitungen, die auch möglich und denkbar wären und entscheidet sich immer wieder für Simplifizierungen, denen man folgen mag, oder auch nicht, wie etwa der Auffassung, dass „Überall dort, wo etwas normativ durch die Menschen geregelt werden musste oder geregelt wird, entspricht es nicht mehr den ursprünglichen Verhaltensmustern oder richtet sich sogar gegen die ursprüngliche Natur.“ (22) oder „Auch beim Menschen gibt es dieses Muster: Wenn jemand Schwäche zeigt und flüchtet, wird er gehetzt und gestellt.“ (27). Schwarz formuliert die Überzeugung, „dass Menschen und Gruppen insbesondere vom kollektiven Unbewussten und archaischen Muster geprägt und angetrieben werden, sogar Universitätsprofessoren“ (23). Für Menschen, die ein Interesse daran, haben, sich mit einem solchen Ansatz zu beschäftigen, ist dieses Buch sicherlich eine interessante Lektüre.


Rezension von
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 29.07.2020 zu: Gerhard Schwarz: Shitstorms, Lügen, Sex. Steinzeitrituale in Gruppen und Hierarchien. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2019. ISBN 978-3-658-18118-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26553.php, Datum des Zugriffs 27.11.2020.


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