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Peter Lehmann (Hrsg.): Psychopharmaka absetzen

Cover Peter Lehmann (Hrsg.): Psychopharmaka absetzen. Erfolgreiches Absetzen von Neuroleptika, Antidepressiva, Phasenprophylaktika, Ritalin und Tranquilizern. Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag (Berlin) 2019. 5., aktualisierte und erweiterte Auflage. 366 Seiten. ISBN 978-3-925931-27-7. 19,90 EUR.
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Thema

Die Entwicklung neuer Psychopharmaka und deren positive Wirkung auf psychiatrische Erkrankungen haben dazu geführt, dass viele der früher gebräuchlichen Zwangsmaßnahmen wie Gummizellen, Dauerbäder, Zwangsjacken und Netze, Gewalt gegen Patienten und professionelle Helfer, Elektroschocks ohne Muskelrelaxation, ja selbst die geschlossenen Stationen vieler Kliniken überflüssig geworden sind. Gleichwohl erweist sich der Einsatz vieler neuer Medikamente oft als „chemische Zwangsjacke“ mit erheblichen Nebenwirkungen auf Seele, Körper und Geist. Denn während der Behandlung mit Psychopharmaka leiden die Patienten immer noch, nur unter anderen Symptomen.

Die in der Psychiatrie gängige Auffassung, dass zur Behandlung in den meisten Fällen eine Langzeitbehandlung mit Psychotherapeutika erforderlich sei, sollte endlich auf dem Prüfstand gestellt werden. Sowohl im psychiatrischen Alltag als auch seitens der Pharmaindustrie müssen Nutzen und Risiken von Langzeitbehandlungen offen diskutiert werden. Das notwendige Erwirtschaften von Gewinnen darf nicht der Gesundung entgegenstehen! Die ärztlichen und pharmakologischen Experten sollten einen stärkeren Schwerpunkt auf die Forschung richten, die danach fragt, wie man verantwortungsvoll und zum Nutzen des Patienten seine pharmakologische Dauermedikation absetzen kann. Die Ergebnisse solcher Studien sollten zu einem integralen Bestandteil des psychiatrischen Handelns werden.

Allerdings ist das Absetzen von Psychopharmaka längst kein ungeschriebenes Blatt mehr. Viele Erfahrungen und Erkenntnisse liegen vor, von denen dieses Buch berichtet.

Herausgeber

Peter Lehmann (Dipl.-Pädagoge, Autor, Verleger und Verlagsbuchhändler) hat seit seinen Anfängen1989 im Weglaufhaus Berlin viele Stationen durchlaufen und sich einen Namen in der Welt der Psychiatrie geschaffen. Auch die nunmehr 5. Auflage seines Klassikers „Psychopharmaka absetzen“ zeugt von seiner Überzeugung, dass in der Psychiatrie viel zu viel und viel zu lange Tabletten geschluckt werden. Er fragt nach dem Für und Wider und will auch dem qualifizierten Absetzen eine professionelle Chance in der Behandlung geben.

Aufbau und Inhalt

Am Anfang gibt es für den Leser einen Rechtlichen Hinweis. Es wird davor gewarnt, die von den Autoren/​Autorinnen in ihren Beiträgen beschriebenen Erfahrungen ohne Prüfung direkt auf die eigene Situation anzuwenden. Es ist geboten, einen Spezialisten- den Hausarzt, einen Psychiater, einen Psychologen- aufzusuchen und mit ihm oder ihnen zu diskutieren, ob und wie man seine Psychopharmaka auf eine verantwortungsvolle Weise absetzen kann. Also kein Absetzen ohne kompetente Begleitung!

Es folgen Vorworte von Pirkko Lahti, Loren R. Mosher und Peter Lehmann. Die Lektüre dieser Vorworte ist anregend. Dass ein solches Buch in jede Arztpraxis, jede Therapiestation und in jede Patientenbibliothek stehen sollte, gehört dazu.

In der von Peter Lehmann geschriebenen Einführung werden die Entzugsprobleme für folgende Arzneimittel beschrieben: Tranquilizern, Psychostimulanzien, Phasenprophylaktika/​Stimmungs-stabilisatoren, Antidepressiva und Neuroleptika.

In neun Kapiteln schreiben Betroffene aus Australien, Deutschland, England, Neuseeland, den Niederlanden, Österreich, Schweden, Schweiz, Serbien, Ungarn und den USA über ihre Erfahrungen mit dem Absetzen. Ergänzend berichten Psychotherapeuten, Psychiater, Heilpraktiker, Mediziner und Sozialarbeiter, wie sie beim Absetzen helfen konnten:

  • Der Entschluss zum Absetzen- (2 Beiträge)
  • Absetzen ohne Entzugsprobleme- (2 Beiträge)
  • Stufenweises Absetzen- (5 Beiträge)
  • Absetzen mit Problemen- (2 Beiträge)
  • Gegengewichte- (6 Beiträge)
  • Absetzen mit professioneller Hilfe- (3 Beiträge)
  • Lieber manchmal Psychopharmaka als immer- (3 Beiträge)
  • Professionell unterstützen- (11 Beiträge)
  • Die Zeit danach- (2 Beiträge)

Wir werfen nun einen ersten Blick auf den Beitrag von Wilma Bieving:

Wilma hat jahrelang Antidepressiva und Tranquilizer eingenommen. Am Anfang stand für sie der Mut zur Einsicht in die Frage, wie es dazu hat kommen können, Psychopharmaka einzunehmen. In einer schwierigen Lebenssituation von der Jugend zum Erwachsenwerden zeigten sich bei ihr körperliche Symptome wie Schwerhörigkeit, Kopfgeräusche und Schwindel, für die man keine körperliche Erklärung fand. Eine psychische Ursache sollte der Auslöser sein. Die Autorin empfand eine ausgeprägte Schuld für alles Elend der Welt, Hoffnungslosigkeit und unspezifische Ängste. Neben den verabreichten Psychopharmaka versuchte sie etwa drei Jahre lang, sich zusätzlich mit Alkohol zu betäuben. Die Schuldkomplexe blieben, sie wollte sich auslöschen, Suizid begehen. Das führte zum zweieinhalbjährigen Aufenthalt in einer für das Absetzen aufgeschlossenen Klinik, in der man langsam die psychotropen Substanzen reduzierte. Heftige Entzugserscheinungen wie Zittern, Schwindel, große Unruhe, Schlafstörungen traten auf. Wilma setzte alle Medikamente langsam ab, setzte sich mit ihrem Leben auseinander und wurde gesund. Die Autorin schließt ihren Bericht mit der Feststellung „Psychopharmaka lösen nichts, sie lassen dich nur eine Zeitlang die Augen schließen, sodass du die Wirklichkeit nicht anschauen musst.“

Der zweite Blick gilt dem Beitrag von Josef Zehentbauer: Wer hat Angst vor dem Absetzen?

Ärztliche Beratung und psychotherapeutische Gespräche sind allen Patienten zu empfehlen, die ihre Psychopharmaka absetzen wollen. Nicht immer ist ein Patient beim Bedürfnis, seinen nebenwirkungs-reichen Medikamente absetzen zu wollen, auf sich allein gestellt. Es gibt durchaus- zwar wenige-Fachpsychiater, die die lebenslange Therapie mit Psychopharmaka kritisch sehen. Zehentbauer ist als Arzt und Psychotherapeut auch dafür ein Beispiel. Zentraler Leitsatz seines Handelns ist: Nicht jedes Leiden ist Krankheit. Mehr Selbstverantwortung wird vom Patienten gefordert.

Ein guter Zeitpunkt zum Absetzen sollte gewählt werden und eine natürliche, nicht pharmakologisch gedämpfte Wahrnehmung wieder angestrebt werden. Achtsame, behutsame und schrittweise Dosisreduktion, eventuell die Gabe einer Alternative und flankierende Behandlungsmöglichkeiten sollten in Betracht gezogen werden. Zehntbauer empfiehlt z.B. bei der Reduktion von Neuroleptika unter anderem die Gabe von Tranquilizern, die trotz des Abhängigkeits- risikos deutlich weniger Nebenwirkungen aufweisen als Neuroleptika.

Weitere Hinweise: Ernährungsumstellung, Mobilisierung körpereigener Drogen durch Bewegung (insbesondere Laufen und Joggen), Entspannung, Musik, Selbsthilfe in entsprechenden Gruppen und Psychotherapie.

Peter Lehmann hat in seinem Beitrag Zusammenfassung und spezielle Aspekte beim Absetzen psychiatrischer Psychopharmaka einige Ratschläge zum Absetzen zusammengefasst:

  • Nichts überstürzen/abruptes Absetzen ist nicht der beste Weg
  • Allmählicher und stufenweiser Entzug
  • Techniken für das kleinschrittige Reduzieren lernen
  • Von der letzten Minidosis auf Null ist erhöhte Vorsicht geboten
  • Rat holen/​Unterstützung suchen
  • Entzugslindernde Substanzen bereithalten
  • Rechtssicherheit herstellen
  • Ruhige Umgebung
  • Körperliche Betätigung/​Gesunde Ernährung/​ausreichender Schlaf

Es gibt kein eigenes Literaturverzeichnis. Doch gibt es zahlreiche Hinweise auf lesenswerte Arbeiten. Wer mehr erwartet, wird bei den Beiträgen von Peter Lehman überaus fündig.

Der Anhang enthält eine Übersicht der Psychopharmaka-Wirkstoffe und der Handelsnamen, ein informatives Verzeichnis aller Beteiligten sowie ein Register, das für gezieltes Nachschlagen unentbehrlich ist.

Diskussion

Wir legen so viel Wert auf den informierten Patienten, geben aber in vielen Fällen gar keine Informationen über den Nutzen und den Schaden der dauerhaften Einnahme von Psychopharmaka. Solche für eine Entscheidung zur Tabletten-Einnahme notwendigen Hinweise werden allenfalls für die Spezialisten formuliert und nicht in einer Weise, die auch dem Nutzer verständlich ist. Hier besteht großer Handlungsbedarf auf einem Milliarden-Markt. Oft vergehen nämlich viele Jahre der Tabletten- Einnahme, die das anfängliche Übel beseitigt haben, aber gleichzeitig neue Beeinträchtigungen und Krankheitsbilder hervorrufen. Wenn man dann die Tabletten absetzen möchte, bemerkt man, wie abhängig man geworden ist und dass das Absetzen gar nicht so einfach ist, sondern Erfahrung, Wissen und Umsicht verlangt. Wer hilft mir dabei? Leicht geht der Hinweis auf den Besuch eines Psychiaters oder Arzte über die Lippen. Doch wie stehen diese Experten zur Absetzung? Gehört ein solches Vorgehen überhaupt zu ihrem Handlungsrepertoire? Psychopharmaka absetzen- gehört zu den Büchern, die Information, Beratung und Aufklärung in einem Bereich bieten, der unterbelichtet ist und der mehr Licht benötigt. Man kann sich sachkundig machen, sich über Möglichkeiten des Absetzens informieren und Beispiele erfolgreichen Tuns für die eigene Motivation finden. Nach der Lektüre ist man jedenfalls in der Lage, eine vernünftige Entscheidung über das Für und Wider mit einem sachkundigen Arzt, mit einem Vertrauten oder Erfahrenen zu treffen.

Fazit

Solange Apotheken, Pharmaindustrie, Ärzte ihre Aufmerksamkeit auf das Verkaufen richten, ohne dabei zumindest gleichrangig das Für und Wider dauerhafter Psychopharmaka-Verschreibungen zu thematisieren und Wege aus der Sackgasse zu beschreiben, bleibt das hier besprochene Buch aktuell. Es werden noch einige Jahre ins Land gehen, bevor das System unsrer Versorgung dieses Lehmann-Buch überflüssig gemacht hat. Bis dahin lesen wir es einfach!


Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 05.08.2020 zu: Peter Lehmann (Hrsg.): Psychopharmaka absetzen. Erfolgreiches Absetzen von Neuroleptika, Antidepressiva, Phasenprophylaktika, Ritalin und Tranquilizern. Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag (Berlin) 2019. 5., aktualisierte und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-925931-27-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26554.php, Datum des Zugriffs 23.09.2020.


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