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Christian Papsdorf: Digitale Arbeit

Cover Christian Papsdorf: Digitale Arbeit. Eine soziologische Einführung. Campus Verlag (Frankfurt) 2019. 198 Seiten. ISBN 978-3-593-51130-6. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

In seinem Buch „Digitale Arbeit. Eine soziologische Einführung“ unternimmt der Autor die Systematisierung und Zusammenfassung des aktuellen Standes der soziologischen Forschung bezüglich des „zentralen Veränderungsmotor[s] moderner Arbeit“ (S. 7) – der Digitalisierung.

Autor

Christian Papsdorf [1] ist Juniorprofessor für Techniksoziologie mit dem Schwerpunkt Internet und Neue Medien an der Technischen Universität Chemnitz. Seine Interessensschwerpunkte sind unter anderen Internetsoziologie und digitale Arbeit. Papsdorf hat diverse Schriften in den Bereichen Internet und Digitalisierung veröffentlicht.

Aufbau

Nach einer kurzen Einleitung gefolgt von der Angabe einer Definition und dem Beschreiben der historischen Entwicklung der Digitalisierung, wird in den Kapiteln drei bis fünf der aktuelle Stand der wissenschaftlichen Untersuchung digitaler Arbeit aus soziologischer Sicht präsentiert.

Das Thema des Buches wird anhand zweier Kategorien strukturiert. Die erste Kategorie – entwickelt im dritten Kapitel – besteht aus der gesamtgesellschaftlichen Perspektive und den konstituierenden Elementen der digitalen Arbeit: Individuen, Organisationen und Technik. Die zweite Kategorie, die im vierten Kapitel beschrieben wird, unterscheidet anhand der Rolle des Internets bei der digitalen Arbeit. So ergeben sich fünf Unterteilungen:

  • Digitale Arbeit ohne das Internet
  • Digitale Arbeit am Internet
  • Digitale Arbeit mit dem Internet
  • Digitale Arbeit im Internet
  • Digitale Arbeit durch das Internet.

Im letzten Kapitel wird kurz die digitale Arbeit als Arbeitsgegenstand präsentiert.

Inhalt

Digitale Arbeit in Theorie und Praxis: Eine erste Annäherung

Das zweite Kapitel beginnt mit der Beschreibung des aktuellen Standes der Digitalisierung in den einzelnen Wirtschaftsbereichen. Dabei orientiert sich der Autor an die Klassifikation der Wirtschaftszweige des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahre 2008. Drei Schlussfolgerungen fassen den Stand zusammen (S. 16 f.):

  • Bei der Digitalisierung handelt es sich eher um einen stetigen Wandel als um eine Revolution.
  • Digitalisierung kann zu einer Ergänzung, Duplizierung oder zu einem Ersatz bestehender Prozesse und/oder Arbeitsschritte führen oder aber völlig Neues schaffen.
  • Die Folgen der Digitalisierung sind nicht einheitlich und sind i.A. nicht durch die Technik vorgegeben, sondern eine Gestaltungsfrage.

Es folgt eine Definition der digitalen Arbeit, die als Meta-Prozess der parallel zur Globalisierung, Individualisierung, Rationalisierung und Ökonomisierung stattfindet (S. 20). Digitale Arbeit wird durch drei Merkmale bestimmt (vgl. S. 21):

  • Sie basiert, nutzt oder nimmt Bezug auf digitale Technik.
  • Sie hat einen wirtschaftlichen Bezug.
  • Sie kann auch von Robotern oder Programmen ausgeführt werden.

Die Konzepte der

  • Mediatisierung – definiert als „Gesamtheit von Veränderungen, die aus dem Gebrauch von Medien resultieren“ (S. 22)
  • Technisierung und
  • Informatisierung – definiert als „sozialer Prozess […], in dem Informationen gesammelt und in technischen Systemen verwaltet und verarbeitet werden“ (S. 27)

dienen als theoretischen Hintergrund für die weiteren Kapitel des Buches.

Das Kapitel wird durch die Nachzeichnung der historischen Entwicklung der Digitalisierung abgeschlossen. Papsdorf unterteilt diese in drei Abschnitten:

  • Die erste Phase beginnend mit den 1970er Jahren ist durch die zunehmende Digitalisierung einzelner Tätigkeiten und der Einführung digitaler Tools gekennzeichnet. Eine Vernetzung findet jedoch noch nicht statt und die Arbeit selbst erfährt keine massiven Zäsuren.
  • Die zweite Phase beginnt in den frühen 1990er Jahren und wird durch Vernetzung gefördert. Diese Phase bringt einerseits massive Änderungen mit sich, beeinflusst aber Bereiche wie Entlohnung, Arbeitsorganisation und Arbeitsbelastung wenig (S. 32).
  • Die dritte Phase beginnt ebenfalls in den 1990er Jahren und hat weitreichende Implikationen auf Arbeitsorganisation, Arbeitsrollen, Arbeitskulturen usw.

Die Digitalisierung der Arbeit als multidisziplinäres Feld

Das dritte Kapitel entwickelt durch die Zusammenführung der konstituierenden Elemente der digitalen Arbeit Individuum, Organisation und Technik drei soziologische Perspektiven. So erkennt der Autor in der Beziehung Individuum-Organisation eine Entgrenzung in mehrfacher Hinsicht (zeitlich, sachlich, qualifikatorisch, rechtlich u.a.). Individuen und Technik bilden soziotechnische Systeme für deren Analyse die Dimensionen Vertrauen und Autonomie wichtig sind. Technik wird wegen ihrer Rationalisierungsmöglichkeiten verwendet. So werden vier historisch aufeinanderfolgende Formen der Rationalisierung identifiziert und besprochen: arbeitsplatzbezogene Rationalisierung (Taylorismus), systemische Rationalisierung (Rationalisierung des gesamten Arbeitsprozesses), Selbst-Rationalisierung und algorithmische Rationalisierung (aktuell im Entstehen).

Die vierte soziologische Sicht betrachtet die Digitalisierung der Gesellschaft. Dabei stehen die Digitalisierung der Gesellschaft und die Digitalisierung der Arbeitswelt in sich verstärkender Wechselwirkung bei einer zunehmend verschwommenen Grenze zwischen Arbeit und Nichtarbeit.

Die fünf Formen des Verhältnisses von Arbeit und Digitalisierung

Das vierte Kapitel befasst sich mit der Beschreibung der Formen digitaler Arbeit. Für jede der fünf Kategorien werden typische Arbeitsfelder, Arbeitsinhalte und Arbeitsmittel diskutiert. Teilweise werden spezielle Untergebiete als Exkurse behandelt (z.B. Sharing Economy oder Industrie 4.0).

Diese fünf Formen der digitalen Arbeit sind:

  1. Die digitale Arbeit ohne das Internet, welche die Arbeit mit digitalen Geräten, die nicht mit dem Internet verbunden sind, beschreibt.
  2. Die digitale Arbeit am Internet, bedeutend die Herstellung und Wartung der ermöglichenden Grundlagen des Internets (Hardware und Software) samt der Erstellung von Content.
  3. Die digitale Arbeit mit dem Internet, bei der das Internet als Kommunikationsplattform für interne oder externe Kommunikation im Unternehmenskontext dient.
  4. Die digitale Arbeit im Internet beschreibt kollaborative Tätigkeiten innerhalb internetbasierter Plattformen (z.B. Wikis).
  5. Die digitale Arbeit durch das Internet beschreibt automatisiert durchgeführte Arbeitsformen.

Die Folgen der Digitalisierung für Arbeit und Gesellschaft

Das fünfte Kapitel ist das längste des Buches und diskutiert Spezifika der (im vierten Kapitel beschriebenen) fünf Formen digitaler Arbeit, betrachtet durch die (im dritten Kapitel entwickelten) vier soziologischen Perspektiven. Durch eine sehr reichhaltige Liste an Studien und Büchern wird der stattfindende Wandel beschrieben und die positiven sowie negativen Implikationen zusammengefasst. Dabei unterstreicht der Autor, dass zwar in jedem der zwanzig resultierenden Kombinationen der aktuelle Stand der Forschung wiedergegeben werde, dieser jedoch aktuell in vielen Fällen nur Tendenzen aufzuzeigen vermöge.

Im Allgemeinen tritt dabei die digitale Arbeit durch das Internet erwartungsgemäß als Sonderform auf. Ebenfalls sind die Implikationen von Technik die eher Tool-Charakter hat, weitaus geringer als die welche zu einer Änderung der Arbeitsweise und des Miteinanders führen. Auf gesellschaftlicher Ebene ist ein „punktueller und oft gradueller Veränderungsdruck für etablierte Strukturen“ (S. 168) erkennbar.

Schluss: Digitale Arbeit als Arbeitsgegenstand

Das letzte Kapitel präsentiert eine sechste, reflexive Art der digitalen Arbeit – die digitale Arbeit als Arbeitsgegenstand. Papsdorf identifiziert fünf Varianten dieser Arbeitsform:

  • Analyse der digitalen Arbeit im Rahmen wissenschaftlicher Bestrebungen
  • Berichterstattung über digitale Arbeit im Rahmen journalistischer Tätigkeiten
  • Lehren der Voraussetzungen für digitale Arbeit
  • Gestaltung der digitalen Arbeit durch Manager, Digitalisierungsbeauftragten und anderen ähnlichen Rollen
  • Rechtliche Regulierung der digitalen Arbeit.

Das Buch endet mit der Prognose, dass die Bedeutung der Digitalisierung weiter steigen wird und eine Spezialisierung auf diese empfehlenswert ist.

Fazit

Papsdorfs Buch liefert eine überzeugende Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstandes zum Thema digitale Arbeit. Durch die sehr gute Strukturierung lässt sich die benötigte Information leicht finden und memorieren.

Das Buch ist keine angenehme Bettlektüre, es liefert keine Lösungen für Probleme, die durch die Digitalisierung hervorgebracht wurden, seien die Probleme real oder wahrgenommen; es klagt nicht an und lobt auch nicht. Vielmehr ist es ein gutes Ergebnis der digitalen Arbeit als Arbeitsgegenstand.

Interessierten Studierenden, an die sich das Buch primär richtet, erlaubt es eine umfassende Betrachtung des Themas digitale Arbeit aus soziologischer Sicht. Die über zwei Hundert Einträge der Literaturliste erlauben auf leichter Weise eine weiterführende Beschäftigung mit dem Thema.


[1] Die folgenden Informationen sind der Präsentationsseite des Autors auf der Seite der Technischen Universität Chemnitz entnommen.


Rezension von
Petre Sora
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Zitiervorschlag
Petre Sora. Rezension vom 03.04.2020 zu: Christian Papsdorf: Digitale Arbeit. Eine soziologische Einführung. Campus Verlag (Frankfurt) 2019. ISBN 978-3-593-51130-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26556.php, Datum des Zugriffs 26.05.2020.


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