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Alex Willener, Annina Friz: Integrale Projektmethodik

Cover Alex Willener, Annina Friz: Integrale Projektmethodik. Interact Verlag Hochschule Luzern (Luzern) 2019. 295 Seiten. ISBN 978-3-906036-39-7. D: 41,00 EUR, A: 42,20 EUR, CH: 45,00 sFr.
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Thema

„Projekt“ oder „Projektarbeit“ sind schillernde und viel verwendete Begriffe. Das vorliegende Buch bezieht sich auf Projekte im Bereich der soziokulturellen Animation.

Entstehungshintergrund

Das Buch „Integrale Projektmethodik“ baut auf zwei Vorgängerwerken zur soziokulturellen Projektmethodik auf (Hongler/​Willener 1998 und Willener 2007). Neu strukturiert und aufbauend auf aktuellen Erfahrungen der Praxis, dient es als „Nachschlagewerk und Inspirationsquelle“, stellt die Grundlagen für Projektarbeit dar und im Sinne eines Work in Progress – Produkts sind Praktiker*innen eingeladen ihre Einschätzung zum Buch zu teilen.

Die Herausgeber*innen formulieren folgendes Ziel: „eine Methodik zur Verfügung zu stellen, die in einer Vielzahl von Situationen, Settings und Kontexten anwendbar sein sollte“ (S. 10). Erklären aber im nachfolgenden Satz, dass dies ein „gewagtes Unterfangen“ ist. Aufgrund der Vielfalt und Dynamik von Projekten scheint ein theoretisches Modell kaum von generellem Bestand sein zu können.

Herausgeberin und Herausgeber

Beide Herausgeber*innen sind an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit tätig.

Alex Willener ist Projektleiter und Dozent an der Hochschule Luzern sowie selbstständig in den Bereichen Areal-, Siedlungs- und Stadtentwicklung tätig.

Annina Friz ist Soziokulturelle Animatorin und als Dozentin und Projektleiterin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit tätig.

Aufbau

Das Buch ist in drei Teile gegliedert

  • Teil 1 Programmatische Grundlagen
  • Teil 2 Normative Grundlagen: Arbeitsprinzipien
  • Teil 3 Methodische Grundlagen

Gerahmt werden die drei Hauptteile von einem Vor- und Schlusswort der Herausgeber*innen. Am stärksten untergliedert ist mit fünf Unterkapiteln der Teil zu den methodischen Grundlagen.

Inhalt

Nachfolgend werden ausgewählte Inhalte vorgestellt.

Im ersten Teil zu den programmatischen Grundlagen steht vor allem die Begriffsbestimmung im Vordergrund. Es werden bspw. zentrale Merkmale von Projekten erläutert (S. 27ff). Projekte sind u.a.:

  • zeitlich begrenzt,
  • inhaltlich bestimmt,
  • zielgerichtet,
  • interaktionsbasiert und
  • über Projektphasen systematisiert.

Aus den verschiedenen Ausführungen zur Definition von Projekten kann abgeleitet werden, dass dem vorliegenden Buch sowohl ein ziel- als auch prozessorientiertes Projektverständnis zugrunde liegt. Den Projektbeteiligten werden Handlungsstrukturen und -räume eröffnet, um sich – auf verschiedene Weise – gestaltend einzubringen und Veränderungen herbeizuführen (S. 25). Die Ergebnisse von Projekten müssen nicht zwangsläufig Produkte sein, auch Lernprozesse, Momente der Beteiligung und deren ggf. nachhaltige Wirkung auf bspw. einen Sozialraum sind zentrale Resultate der Projektarbeit.

Im zweiten Teil des Buches werden die Arbeitsprinzipien (und Haltungen) erläutert. Die acht beschriebenen Arbeitsprinzipien gründen auf den Werteorientierungen der Sozialen Arbeit, so die Herausgeber*innen.

Eines der Arbeitsprinzipien ist das der „Partizipation“. Der Beitrag wurde von Peter Stade verfasst. In Bezug auf die verschiedenen Stufen von Partizipation werden vier Modelle vergleichend vorgestellt (Arnstein 1969; Lüttringhaus 2000; Wright et.al. 2007 und European Handbook for Participation 2006). Kurz wird die Frage diskutiert, ob „Information“ bereits ein Teil von Partizipation ist. Ausgehend von den vier Modellen kann diese Frage unterschiedlich beantwortet werden. Für die weitere Argumentation hält Stade fest, dass für soziokulturelle Projekte bereits ab der Stufe der „Information“ von Partizipation gesprochen werden könne (S. 55). Diese Stufe stellt zugleich die Basis eines siebenstufigen Modells für soziokulturelle Projekte dar, welches als Planungsinstrument auf den nachfolgenden Seiten erläutert wird und sich am Modell von Lüttringhaus orientiert.

Das sieben-Stufen-Modell umfasst:

  1. Information
  2. Konsultation
  3. Mitwirkung
  4. Mitentscheidung
  5. Partielle Selbstorganisation
  6. Unterstützte Selbstorganisation
  7. Vollständige Selbstorganisation

Die einzelnen Partizipationsstufen werden mit Beispielen untersetzt und in Bezug auf mögliche Ziele und Entscheidungskompetenzen erläutert. Außerdem wird über ein Frageschema auf die Voraussetzungen für die Teilnehmer*innen je Stufe eingegangen.

Im dritten Teil des Buches werden die methodischen Grundlagen behandelt. Dies ist der umfangreichste Teil des Buches. Zu Beginn geht es um die Dimensionen und Funktionen im integralen Projekt. Beides sind wichtige Grundlagen, die die gesamte Projektarbeit beeinflussen.

Die Herausgeber*innen erläutern, dass von einer Parallelität neun verschiedener Dimensionen (bspw. Projektumfeld, Ressourcen, Projektinhalt, Projektmanagement etc.) im Projektkontext auszugehen ist. Für die Arbeitsprozesse ist es mitunter hausfordernd an verschiedenen Aufgaben und mit verschiedenen Zielgruppen gleichzeitig zu arbeiten: „Während wir zum Beispiel noch über die geeignete Projektkommunikation debattieren, sind vielleicht externe Anspruchsgruppen bereits darüber verärgert, bestimmte Informationen nicht erhalten zu haben“ (S. 138). Die zentrale Herausforderung für die Projektsteuerung ist es, den Überblick zu behalten und trotz der vielfältigen Prozesse gestaltend zu agieren.

Bezüglich der Projektsteuerung werden zwei Kernfunktionen unterschieden. Die Herausgeber*innen beschreiben eine Dualität einer funktionellen Projektsteuerung und einer fachlich-inhaltlichen Auseinandersetzung. Diese zwei Funktionen benennen sie als „Projektmanagement“ und „Projektintervention“. Während das Projektmanagement projektunspezifisch nach einer Planungslogik (Führungs- und Organisationsaufgaben) agiert, zeichnet sich die Projektintervention durch eine projektspezifische sowie inhaltlich-fachliche Logik aus.

Im Anschluss daran wird ein Prozessmodell für integrale Projekte vorgestellt. Einen Überblick über dieses Modell findet sich auf den Seiten 144–145. Beide Herausgeber*innen definieren für dieses Modell drei Hauptelemente:

  1. Vier Phasen für den Projektverlauf (Vorbereitungs-, Konzeptions-, Umsetzungs- und Abschlussphase),
  2. Zwölf Schritte, wodurch die Phasen in sich differenziert werden und
  3. Zwei Funktionen, die während der einzelnen Schritte unterschiedliche Aufgaben übernehmen.

Trotz der linearen Darstellung des Modells betonen die Herausgeber*innen die Dynamik der Prozesse innerhalb eines Projektes.

Bevor die einzelnen Schritte näher beschrieben werden (S. 154–221) findet eine Vertiefung in Bezug auf die zwei Funktionen „Projektmanagement“ und „Projektintervention“ statt: Welcher Projektschritt erfordert welche Aufgaben und Kompetenzen vom Projektmanagement und von der Projektintervention?

Die Seiten 154 bis 221 sind der Darstellung der einzelnen Projektschritte gewidmet. Großer Stellenwert wird auf die Situationsanalyse, die Formulierung von Projektzielen, die Umsetzungsstrategie und die Evaluation gelegt.

Anhand eines Beispiels wird die Formulierung von Projektzielen erläutert. Dabei werden zwei Zielarten unterschieden: Wirkungs- und Leistungsziele (Outcome und Output). Im Anschluss daran folgen anschauliche und einfache Ausführungen zum Aufbau eines Zielsystems, sodass nachvollzogen werden kann, wie Leitziele, Teilziele, Maßnahmen und Indikatoren zusammenhängen. Dieser Prozessschritt ist auch für eine spätere Evaluation zentral. Immer wieder erfolgt auch der Verweis darauf, dass die Formulierung von Zielen beteiligungsorientiert verlaufen sollte.

Im Kapitel zu Evaluation wird zunächst die doppelte Zielsetzung einer Evaluation erläutert: Evaluation ist Erfolgskontrolle und Wirkungsanalyse zugleich (S. 210). Außerdem wird beschrieben, dass eine Evaluation sowohl zentraler Bestandteil der Abschlussphase (summative Evaluation), als auch prozessbegleitend angelegt sein kann (formativ). Es folgt ein kurzer Aufriss von Grundsatzfragen, wie bspw. der Zeitpunkt der Evaluation: Wann ist eine Projektevaluation wirklich sinnvoll, um Aufschluss über Wirkungen zu geben? Hier müssen mitunter Projektlogik und Förderlogik (Auftraggebende/​geldgebende) verhandelt werden.

Kurz und überblickshaft werden außerdem folgende Aspekte beschrieben (S. 210–220):

  • Nutzen der Evaluation für verschiedene Akteure.
  • Planung einer Evaluation. Dies sollte möglichst projektspezifisch erfolgen.
  • Voraussetzungen: Eine gründliche Arbeit bei der Formulierung von Zielen und Indikatoren.
  • Organisationsformen der Evaluation: interne, externe oder wissenschaftliche Evaluation sowie Mischformen.
  • Gegenstand der Evaluation: produkt- oder prozessorientiert.
  • Beteiligte an der Evaluation.
  • Methoden und Instrumente von Evaluationen. Hier mit Verweis auf weiterführende Literatur.

Abschließend folgen zwei Kapitel bezogen auf die Kernfunktionen: „Spezifische Methoden in der Projektintervention“ und „Elemente des Projektmanagements“.

Diskussion

Von der Darstellung her überzeugt das Buch durch ein sehr gutes und übersichtliches Layout. Die Orientierung im Buch wird bspw. durch eine sich widerholende Farbgebung erleichtert. Insgesamt sind die Inhalte einfach und anwendungsorientiert beschrieben. Es ist möglich, sich ein fundiertes Überblickswissen anzueignen, welches schwerpunktmäßig durch weitere Literatur vertieft werden muss (bspw. Evaluationsmethoden).

Immer wieder argumentieren die Herausgeber*innen anhand von kleineren Beispielen oder arbeiten mit Fragen als Hilfestellung, um eigene Projekte weiterzudenken oder sich in eigene Projekte hineinzudenken.

Die einzelnen Projektphasen werden im dritten, methodischen Teil näher beschrieben, sind jedoch bei den Ausführungen zu den Arbeitsprinzipien (Teil 2) immer wieder Thema. Eine kurze, überblickshafte Darstellung der Phasen wäre deshalb zu Beginn wünschenswert gewesen, um die Erläuterungen der jeweiligen Arbeitsprinzipien besser einordnen zu können.

Die Projektschritte erinnern an Planungsprozesse in anderen Bereichen, bspw. der Sozialplanung. Auch hier werden zunächst Bedarfe eruiert (Situationsanalyse), um daran anknüpfend möglichst beteiligungsorientiert Ziele zu formulieren und Maßnahmen anzuregen, die dann umgesetzt und evaluiert werden.

Fazit

Als Nachschlagewerk und Inspirationsquelle konzipiert, kann das vorliegende Buch für diejenigen interessant sein, die mit der Entwicklung und Durchführung von Projekten im sozialen Bereich noch unerfahren sind. Das vorgestellte Prozessmodell kann an unterschiedlichen Stellen hilfreich zu sein, bspw. um Ideen (für die Antragsstellung) zu systematisieren oder Projektziele (gemeinschaftlich) zu formulieren.

Für Projekterfahrene mögen viele Ausführungen zunächst nicht sonderlich innovativ erscheinen. Jedoch gibt die Systematisierung der Projektschritte und die konsequente Unterscheidung von Projektmanagement und Projektintervention Anlass zur Reflexion vergangener Prozesse und dient der sorgfältigen Planung künftiger Projekte.

Die Herausgeber*innen machen immer wieder und besonders im Schlusswort Mut Projektideen zu verwirklichen, auch und gerade wenn nicht alles nach Plan verläuft.


Rezension von
Dr Theresa Hilse-Carstensen
Dipl. Sozialpädagogin/ Sozialarbeiterin (FH)
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Zitiervorschlag
Theresa Hilse-Carstensen. Rezension vom 06.05.2020 zu: Alex Willener, Annina Friz: Integrale Projektmethodik. Interact Verlag Hochschule Luzern (Luzern) 2019. ISBN 978-3-906036-39-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26558.php, Datum des Zugriffs 23.11.2020.


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ISSN 2190-9245

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