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Christiane Drechsler: Begegnungs-Räume

Cover Christiane Drechsler: Begegnungs-Räume. Begegnung und Beziehung in Inklusionspartnerschaften: alternative Formen der Gestaltung von Beziehungen in inklusiven Sozialräumen. Athena-Verlag e.K. (Oberhausen) 2019. 152 Seiten. ISBN 978-3-7455-1083-6. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 30,00 sFr.

Reihe: Edition Anthropos - Band 7.
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Autorin

Die Verfasserin Christiane Drechsler ist Juniorprofessorin für Heilpädagogik in außerschulischen Handlungsfeldern am Institut für Waldorfpädagogik, Inklusion und Interkulturalität, Fachbereich Bildungswissenschaften der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter.

Entstehungshintergrund

Ein Inklusives Wohnprojekt im Norden Hamburgs hat ein Projekt zur persönlichen Zukunftsplanung von Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung mit einem Ansatz zur Sozialraumentwicklung verbunden und durch Interviews mit Beteiligten eine empirische Grundlage für die Bewertung geschaffen. Das Konzept des Sozialraumes wurde dabei durch die Themen zwischenmenschliche Begegnung und Beziehung erweitert und priorisiert.

Aufbau und Inhalt

Einleitend werden als philosophisch-theoretische Hintergründe das Dialogische Prinzip von Martin Buber und das Resonanzprinzip von Hartmut Rosa dargestellt, deren zentrale Gemeinsamkeit die Sinnhaftigkeit von Begegnung ist. Ein weiterer theoretischer Hintergrund ist der Sozialraum mit dem Schwerpunkt Nachbarschaft, Freundeskreise und Stadtteile oder Dorfgemeinschaften.

Ziel ist ein inklusiver Sozialraum, dessen zentrale Aufgabe darin besteht, Vielfalt nicht als Problem, sondern als Bereicherung zu betrachten. Wesentliche Elemente sind Nicht-Diskriminierung und Partizipation aller an Planung und Gestaltung der Vorhaben.

Das Projekt findet in den selbstverwalteten sozial-ökologischen Wohnprojekten „Allmende“ und „Wilde Rosen“ statt, die auf dem Demeterhof Wulfsdorf nördlich von Hamburg gegründet wurden. Von den Wohnungen sind 35 für Menschen mit Behinderung in sehr hoher Ausstattungsqualität vorgesehen. Obwohl es sich hier um einen inklusiv gestalteten Sozialraum handelt, wurde von den Dorfgemeinschaften Kritik daran geübt, dass es nur wenige informelle Kontakte zwischen Menschen mit und ohne Behinderung gibt. Um dies zu ändern, entstand die Idee, im Freizeitbereich mehr Kontaktmöglichkeiten zu schaffen.

Um Menschen mit Behinderung nicht zu Objekten – wie oft bei der Hilfeplanung – zu machen, wurde Selbstbestimmung zum zentralen Element der Planung erhoben. Dies geschieht im Konzept der Persönlichen Zukunftsplanung, deren zentraler Gedanke darin besteht, die Träume, Wünsche und Pläne der Person mit oder ohne Behinderung in den Mittelpunkt zu stellen und im zweiten Schritt die Ressourcen und Bedarfe der planenden Person zu eruieren. In einer persönlichen Lagebesprechung werden unter anderem Ideen zusammengetragen und dann ein Aktionsplan erstellt.

In der wissenschaftlichen Begleitung wurden zunächst mit einem standardisierten Fragebogen die persönliche Freizeitgestaltung der behinderten und nicht behinderten Menschen sowie ihre Sicht des Sozialraumes erfasst. Als zweite Methode wurden narrative Interviews eingesetzt.

Zu Beginn des Projektes wurde ein Steuerungskreis gebildet, dessen Aufgabe die Vorbereitung, nicht jedoch die inhaltliche Gestaltung der gemeinsamen Freizeitaktivitäten der Inklusionspartner*innen war. Am ersten Projekt nahmen insgesamt je neun Menschen mit und ohne Behinderung teil.

Die Befragung sowohl behinderter als auch nicht behinderter Bewohner*innen des Quartiers ergab bei beiden Gruppen eine überwiegende Zufriedenheit mit dem Freizeitangebot. Dies bedeutet jedoch nicht, dass keine zusätzlichen Wünsche beider Gruppen bestehen. Die Nichtbehinderten wünschen sich vor allem eine weitergehende Nutzung des örtlichen Cafés für gemeinschaftliche Veranstaltungen. Für Behinderte stehen Wünsche wie Freunde treffen sowie Musik und Sport machen im Vordergrund.

Die Erstkontakte zwischen den Inklusionspartner*innen waren in mehreren Fällen durch Unsicherheiten geprägt. Bei einigen Menschen mit Behinderung zeigte sich, dass sie Schwierigkeiten hatten zu verstehen, was von ihnen in der neuen Situation erwartet wurde. Die Art und Schwere der Behinderung hatte jedoch keinen Einfluss auf Offenheit und Einlassen auf gemeinsame Vorhaben. Unsicherheit bei nicht behinderten Inklusionspartner*innen äußerte sich in Angst vor mangelnder Methodenkompetenz und Sorge, mit geringer Kommunikationskompetenz der behinderten Inklusionspartner*innen nicht adäquat umgehen zu können.

Zu den wichtigsten Ergebnissen der Inklusionspartnerschaften zählt, dass die Beziehung zur Inklusionspartner*in nicht – wie in der professionellen Begleitung in Wohngruppe und Werkstatt – begrenzend und maßregelnd ist, sondern verstehend und akzeptierend.

In den abschließenden Interviews wird deutlich, dass auch bei eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten eine starke innere Beziehung entstehen kann. Die Beschränkung auf den Freizeitbereich hat wesentlich dazu beigetragen, die Beziehungen von Sachzwängen und vorgegebenem Rollenverhalten freizuhalten wie dies in manchen professionellen Beziehungen geschieht.

Das ursprüngliche Ziel, die persönliche Zukunftsplanung in ein Hilfeplansystem zu integrieren, wurde zwar nicht erreicht, Begegnungen und Beziehungen als wesentliche Elemente der Inklusion standen jedoch im Mittelpunkt. Weder Art noch Schwere von Behinderung waren ausschlaggebend für den Erfolg, sondern wesentlich war ein echtes, ehrliches Interesse am anderen Menschen. Behinderung spielte zwar zu Beginn der Partnerschaften eine Rolle, die im Verlaufe der Zeit jedoch immer geringer wurde. „Es ging immer um zwei Menschen und ihre gemeinsame Geschichte, und das ist vielleicht das Wesentliche: Menschen sind sich wichtig geworden, die Parallelgesellschaften sind durchlässig geworden und werden Schritt für Schritt zu einem gemeinsamen Projekt: einer inklusiven Gesellschaft“ (100 f.).

Das Projekt wird über die erste Runde hinaus weitergeführt. Im Café der Einrichtung wurde ein Stammtisch eingerichtet, in welchem sich alle zwei Wochen Interessierte unter Anleitung einer Sozialpädagogin treffen, ihre Interessen und Erwartungen austauschen und eine Inklusionspartnerschaft starten können.

Diskussion

Der Schwerpunkt der Arbeit liegt in der Entwicklung und Stärkung persönlicher Beziehungen zwischen behinderten und nicht behinderten Nachbar*innen in einem gemeinsamen Wohnumfeld durch Persönliche Zukunftsplanung. Mit diesem Ansatz wird das sozialräumliche Inklusionsverständnis um einen wichtigen Aspekt erweitert, der die Begegnungs- und Beziehungsebene in den Mittelpunkt stellt und hierarchische Verhältnisse vermeidet, die häufig zwischen Menschen mit Behinderungen und professionellen Betreuer*innen herrschen. Wünschenswert wäre jedoch, solche veränderten Beziehungen auch zum Beispiel in der gemeinsamen Arbeit von behinderten und nicht behinderten Menschen auszubauen und das Verhältnis zwischen behinderten Menschen und ihren professionellen Betreuer*innen ebenfalls durch Abbau von Hierarchien zu demokratisieren.

Fazit

Die Arbeit gibt wichtige Anregungen für die Weiterentwicklung von Inklusion. Dies gilt insbesondere für den Aufbau gleichberechtigter Partnerschaften und die Vertiefung persönlicher Beziehungen zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen.


Rezension von
Prof. i.R. Manfred Baberg
Hochschule Emden/Leer, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit. Arbeitsgebiete u.a. Behindertenarbeit und Integrationspädagogik in den Studiengängen Soziale Arbeit/Sozialpädagogik und Integrative Frühpädagogik
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Zitiervorschlag
Manfred Baberg. Rezension vom 13.05.2020 zu: Christiane Drechsler: Begegnungs-Räume. Begegnung und Beziehung in Inklusionspartnerschaften: alternative Formen der Gestaltung von Beziehungen in inklusiven Sozialräumen. Athena-Verlag e.K. (Oberhausen) 2019. ISBN 978-3-7455-1083-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26559.php, Datum des Zugriffs 30.11.2020.


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