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Hans-Jürgen Honsa, Ernst-Günther Paasch: Mobbing und sexuelle Belästigung im öffentlichen Dienst

Rezensiert von Ute Wellner, 13.09.2005

Cover Hans-Jürgen Honsa, Ernst-Günther Paasch: Mobbing und sexuelle Belästigung im öffentlichen Dienst ISBN 978-3-503-08306-0

Hans-Jürgen Honsa, Ernst-Günther Paasch: Mobbing und sexuelle Belästigung im öffentlichen Dienst. Ursachen - Auswirkungen - Bekämpfungsstrategien. Erich Schmidt Verlag (Berlin) 2004. 504 Seiten. ISBN 978-3-503-08306-0. 59,80 EUR.
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-503-10663-9 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.

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Thematik

Zum Thema Mobbing ist viel geschrieben worden. Der Begriff Mobbing wird von vielen Menschen inzwischen inflationär genutzt. Es gilt genau hinzugucken, denn die Übergänge wann etwas noch im Bereich Scherz oder auch Krtitikgespräch ist zu Mobbing sind oftmals erst im nachhinein - bei der Draufsicht - erkennbar. Beim Mobbing haben wir es mit negativen kommunikativen Handlungen zu tun die systematisch sind und über einen längeren Zeitraum gehen, andere Menschen in die Unterlegenheit bringen und zu deren Ausstieg aus der Arbeitswelt führen können. Jede vierte erwerbstätige Person in Deutschland hat Erfahrung mit solchen Handlungen wie die Untersuchung der Bundeszentrale für Arbeitssicherheit und Arbeitsschutz aus 2001 belegt. In vielen Fällen sind vorgesetzte Personen daran beteiligt

76% der deutschen Frauen haben im Erwerbsleben Erfahrung mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz machen müssen. In anderen Ländern sind die Zahlen identisch. Seit 1994 gibt es eine spezielle gesetzliche Regelung die die berufstätigen Frauen, natürlich auch Männer schützen soll und die Personalverantwortlichen - oftmals Männer - zu einem Tun zwingt: das Beschäftigtenschutzgesetz. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten nehmen Frauen sexuelle Belästigungen hin und mobbende Handlungen haben Hochkonjunktur.

Das Buch soll einen Einblick in die derzeitige Betriebskultur des öffentlichen Dienstes geben. Es ist eine aus der Praxis entstandene Hilfestellung hauptsächlich für das Mobbingopfer aber auch für den Kollegen und den Vorgesetzten für die tägliche Verwaltungspraxis. Die Autoren wenden sich an den Mobber zur Erkennung der eigenen Situation und zur Reflexion.

Die Autoren

Die Autoren kennen den öffentllichen Dienst und die Verwaltung aus dem eigenen Erleben und Arbeiten. Hans-Jürgen Honsa ist Verwaltungswirt und als Referatsleiter tätig. Er war lange Jahre Personalrat in einer Kommune und lehrt an der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege und dem Studieninstitut Braunschweig. Ernst-Günther Paasch ist gewerkschaftlich seit Jahren für Mobbingberatung zuständig. Beide plädieren für eine Veränderung der Betriebskultur um Mitarbeitende auch zukünftig noch motivieren zu können.

Inhalt

Kapitel A. Nach einer kurzen Einleitung zur Geschichte der letzten Jahre wird die Mobbingproblematik dargestellt. Was wird unter diesem Begriff genau definiert. Die Autoren orientieren sich an den von Heinz Leymann in den achtziger Jahren formulierten Kriterien. Die Ursachen von Mobbing und der Ablauf dieses Phänomens werden anschließend beschrieben. Wo findet Mobbing statt - in der Gesellschaft und am Arbeitsplatz - und welche gesundheitlichen Auswirkungen kann es haben. Anschließend wird das Mobbinggeschehen in Deutschland anhand des sog. Mobbingreports aus dem Jahre 2001 mit Zahlen und Diagrammen dargestellt:

  • die Mobbingquote in Deutschland allgemein
  • sowie unterschieden nach Geschlecht und Alter
  • einzelnen Mobbinghandlungen
  • Häufigkeit und Dauer des Mobbing
  • Position des Mobbers.

Es folgt ein Einstieg in das Thema sexuelle Belästigung. Auch hier zuerst unterschiedliche Definitionen und Beispiele. Zur Begriffsklärung und dem Verständnis von Frauen und Männern um was es sich dabei handelt wird die Studie des Bundesministeriums für Frauen und Familie von 1991 herangezogen. Anhand vorgelegter Fragebögen hatten berufstätige Frauen und Männer in der branchenübergreifenden Untersuchung Auskunft über ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Thema sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz gegeben.

Kapitel B. Im weiteren geht es um die konkreten Auswirkungen von Mobbing und sexueller Belästigung im öffentlichen Dienst. Kosten die durch mobbende Handlungen entstehen werden beziffert und eine Berechnungsformel angeboten. Neben bereits vorliegenden Untersuchungen beziehen sich die Autoren auf eine von ihnen durchgeführte mailing-Aktion die sie an ca. 500 unterschiedliche Adressaten wie Behörden, Ministerien, Gewerkschaften, Krankenkassen, Gerichte sowie Selbsthilfeträger gerichtet hatten. Der Rücklauf aus der Aktion war mit 86% sehr gut, allerdings bzgl. der gemeldeten Inhalte, so Honsa und Paasch, oftmals "Fehlanzeige".

Kapitel C. Auf den folgenden gut 20 Seiten geht es um den öffentlichen Dienst im Allgemeinen vom Rechtstatus der Mitarbeitenden über das Kirchenrecht bis zur Dienstleistung durch Beurlaubung.

Kapitel D und E beschreiben die Thematik zum einen aus der Sicht der Mitarbeitenden und anschliessend aus Sicht der Dientherrn und Arbeitgeber. Es werden die Rechtslage und deren Folgen dargestellt. Auf der Seite der Mitarbeitenden werden die Arbeitsschutzgesetze, das Europäische Recht und Beamtenrecht und ergänzend dazu das Disziplinarrecht erläutert und durch viele Beispiele ergänzt. Trotz intensiver Recherchen fanden sich keine disziplinarrechtlichen Statistiken zum Thema. Zahlen gab es zu inner- und ausserdienstlichen sittliche Verfehlungen, die auch sanktioniert wurden. Ein besonderes Augenmerk richten die Verfasser in diesem Zusammenhang auf die Beschäftigten der Bundeswehr und das Soldatenrecht. Auf der Seite der Dienstherrn und Arbeitgeber werden deren Fürsorgeverpflichtungen benannt und anschliessend nach Präventions- und Hilfsmöglichkeiten geguckt. Ein betriebliches Mobbing-Präventions-Programm wird angeboten und dessen drei Pfeiler - Ablauf, Organisationsform und Öffentlichkeitsarbeit - näher erläutert. Welche Schwierigkeiten bereits bei der Zieldefiniton auftreten können und was hier von einer ausgewählten Initiativgruppe zu berücksichtigen ist wird theoretisch und praktisch anschaulich dargestellt. Ergänzt wird die Darstellung durch die Praxisbeispiele der Verwaltung Stadt München, den Ford-Werken und der Volkswagen AG. Die Effizienz einer Verwaltung wird u.a. an der Leistungsfähigkeit ihrer Mitarbeitenden gemessen. Eine gesunde und damit auch leistungsfähige Verwaltung zeichnet sich daher durch folgende Indikatoren aus:

  • hohe Anwesenheitsquote
  • niedrige Fluktuationsrate
  • hohe Flexibilität und Innovationsbereitschaft
  • Teamgeist
  • hohe Leistungsbereitschaft / Motivation
  • geringer Genussmittelkonsum
  • gesundheitsförderlicher Lebensstil.

Dies führt zu den Human-Ressourcen von denen jeder Behördenleiter heute gerne spricht:

  • Behördenkultur
  • Firmenkultur
  • Menschenbild
  • Leitbild.

Wie das erreicht werden kann, dazu werden dem Lesenden eine Checkliste und Leitlinien an die Hand gegeben. Bevor es um mögliche Anlaufstellen und damit die Tätigkeit des Personalrates und dessen Mitwirkungs- und Mitbestimmungsrechte geht, werden die Bekämpfung- und Präventions bemühungen bei der Bundeswehr, ebenfalls an Beispielen, erläutert.

Kapitel F. An persönlichen Bekämpfungsstrategien nennen und erläutern Honsa/Paasch: Tagebuch, Netzwerk, Selbsthilfegruppen, Rechts- und Therapeutische Beratung.

Kapitel G, mit Dokumentation überschrieben, gibt eine sehr umfangreiche Zusammenstellung an die Hand vom Mobbingtest ("Werde ich gemobbt?" oder "Stimmungscheck am Arbeitsplatz") , den Mobbinghandlungen nach Leymann und Wolmerath/Esser, unterschiedlichsten Dienstvereinbarungen, Dienstanweisungen bis Leitfäden für Vorgesetzte zum Umgang mit Mobbing und sexueller Belästigung. Gerichtsurteile und Auszüge aus Protokollen zu gesetzlichen Regelungen und Stellungnahmen runden die Dokumentation ab.

Im Anhang findet sich eine Broschüren- und Hinweisliste. Weiter gibt es eine Adressenliste von Hilfsorganisationen, Telefonen, Kliniken und eine Literaturliste.

Zielgruppe

Die Autoren nennen Betroffene von Mobbing und sexueller Belästigung am Arbeitsplatz als Zielgruppe ebenso die Vorgesetzten und Führungskräfte. Sie wenden sich aber auch an den/die TäterIn. Ich möchte die Liste ergänzen um die Gruppe der Interessenvertretungen wie die PersonalräteInnen. Eine weitere wichtige Zielgruppe sind die Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten und die Beauftragten für Gender, die es inzwischen in vielen Verwaltungen gibt.

Diskussion

Ein sehr dickes, sehr umfangreiches Buch: 504 Seiten stark. Es ist ein Lehrbuch über den öffentlichen Dienst. Die Autoren versuchen den Lesenden zum einen die Problematik Mobbing zu verdeutlichen und zum anderen den "Tatort" öffentlicher Dienst verständlich zu machen. Dabei haben sie m. E. zeitweise den roten Faden verloren. Als ich mich selber vor vielen Jahren, in die Thematik Arbeitsrecht im öffentlichen Dienst, eingearbeitet habe, wäre mir dieses Buch recht hilfreich gewesen. Für das Verständnis von Mobbing bzw. sexueller Belästigung war es so eher hinderlich. Ich hätte mir die Konzentration auf das im Titel beschriebene Thema Mobbing im öffentlichen Dienst gewünscht, dies ist, da stimme ich den Autoren zu, ein schwer eingrenzbares Thema. Beide Autoren stecken tief in der Mobbingproblematik drin. Es ist ihnen ein Anliegen eine Veränderung der betrieblichen Kultur zu fordern. Die Beispiele, eindringlich, umfassend und auch mit den entsprechenden Ausgang des Verlaufs von Mobbing beschrieben, machen auch den erfahrenen PraktikerIn immer wieder nachdenklich, wütend, aber auch hilflos. Hier sind die dargestellten Checklisten, das Mobbing-Präventions-Modell und die Leitfäden für Vorgesetzte für ein mögliches Vorgehen bei mobbenden Handlungen inklusive des hervorragenden Gesprächsleitfadens praktikabel und auch im akuten Fall einsetzbar.

Schade, dass die Personalräte und Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten in ihren vielfältigen Funktionen (Initiative, Kontrolle, Beratung!) so wenig Raum fanden. Gerade für das zweite Thema der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz wäre dies sinnvoll gewesen. Im Bundesgesetz und in vielen Landesgleichstellungsgesetzen ist das Thema Beschäftigtenschutzgesetz im Aufgabenbereich der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten angesiedelt. Vor allen Dingen in der Praxis sind sie diejenigen - oftmals die einzigen - die darüber Kenntnisse haben: wer ist betroffen, von wem und wie kann damit umgegangen werden!

Dem Thema sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz hätten sich die Autoren nicht annehmen sollen. Aufgrund des eigenen gesetzlichen Rahmens benennen sie es als ein eigenständiges Thema, behandelt wird die Problematik entsprechend H. Leymann als Unterpunkt des Themas Mobbing. Immer wenn ihnen Beispiele, Regelungen, Rechtsprechung aus dem Bereich Mobbing fehlen, findet sich die sexuelle Belästigung.

Fazit

Ein durchaus interessantes Buch. Von sehr engagierten Männern geschrieben.

Rezension von
Ute Wellner
Juristin und Mediatiorin,freiberuflich tätig in Personaltraining, Fortbildung und Mediation. Arbeitsschwerpunkte: Arbeits- und Gleichstellungsrecht, Diskriminierung am Arbeitsplatz (sexuelle Belästigung, Mobbing, AGG)

Es gibt 21 Rezensionen von Ute Wellner.

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Zitiervorschlag
Ute Wellner. Rezension vom 13.09.2005 zu: Hans-Jürgen Honsa, Ernst-Günther Paasch: Mobbing und sexuelle Belästigung im öffentlichen Dienst. Ursachen - Auswirkungen - Bekämpfungsstrategien. Erich Schmidt Verlag (Berlin) 2004. ISBN 978-3-503-08306-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2656.php, Datum des Zugriffs 08.08.2022.


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