socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Martin Schulze Wessel, Miloš Řezník u.a. (Hrsg.): Deutsche, Tschechen und Slowaken

Cover Martin Schulze Wessel, Miloš Řezník, Dušan Kováč (Hrsg.): Deutsche, Tschechen und Slowaken im 20. Jahrhundert. Materialien für den Geschichtsunterricht. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2020. 423 Seiten. ISBN 978-3-7344-0852-6. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR.

Reihe: Wochenschau Geschichte. Geschichte unterrichten.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK


Geschichte erzählen, nicht erfinden!

Ein Geschichtsbewusstsein entsteht in der Erziehung, in Bildungs- und Aufklärungsprozessen (Astrid Messerschmidt, 2009; Ehrenhard Skiera, 2019). Es ist eingebunden in Zeit- und Machtvorstellungen und -wirken (Christoph Clark, 2018); es verweist auf Gewinner- und Verlierer-Situationen (Lucassen, 2015); orientiert sich an Epochen- (Tom Holland, 2009) und Achsenzeit-Vorstellungen (Jan Assmann, 2018). Es ist das Bewusstsein, dass Geschichte Vergangenheits-, Gegenwarts- und Zukunftswissen erfordert (Michael Shermer, 2018). Es sind die Herausforderungen für Wertewandel und Veränderung (Alexander Birken, 2018); für Freiheit und Kontrolle (Markus Metz, 2017), die dem globalen Wandel unterliegen (Michael Gehler, 2018). Durch die vielfältigen, von Menschen gemachten, beeinflussten wie zufälligen Entwicklungen (Christian Bachhiesl, u.a., 2019) gerät man leicht zur Feststellung, dass die Auseinandersetzungen mit Geschichte tautologisch ist.

Entstehungshintergrund

Doch Geschichtsbewusstsein ist ein unverzichtbarer, ethischer, moralischer und existentieller Prozess. Es verdeutlicht sich in den Erzählungen und Forschungen über konkrete geschichtliche Ereignisse, die in den Geschichtswerkstätten der Universitäten, den Archiven, Bibliotheken, Museen und lokalen Geschichtsvereinen. Geschichte lernen und erfahrbar machen ist ein wesentlicher Bestandteil der schulischen und außerschulischen Allgemeinbildung. In den Zeiten der Interdependenzen und globalen Entwicklungen kommt den nationalen und internationalen Interpretationen, Auslegungen und Kanonisierungen von geschichtlichen Abläufen, vor allem, wenn sie völkerübergreifend positive oder negative Auswirkungen haben, eine besondere Bedeutung zu. Als ein Beispiel kann hier das Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig genannt werden, das auch als Schulbuchzentrums des Europarats tätig ist. Die Aufgaben des Instituts werden mit den Werteprämissen „Diversität“ – „Digitalität“ – „Globalität“ ausgewiesen und sollen dazu beitragen, gegenwärtige und zukünftige Generationen zu Weltoffenheit, Toleranz und Empathie zu erziehen.

Als weitere Initiativen sind die Historikerkommissionen zu nennen, die sowohl als offizielle, nationale oder internationale Einrichtungen, wie auch als private und gemeinnützige Organisationen tätig sind, um mit erarbeiteten Quellenmaterialien zu geschichtlichen Vergangenheitsprozessen gemeinsame Erinnerungskulturen zu entwickeln. Im europäischen und globalen Einigungsprozess sind zahlreiche Geschichtskommissionen tätig: Die Deutsch-Italienische, Deutsch-Französische, Deutsch-Britische, Deutsch-Dänische, Deutsch-Russische, Deutsch-Ukrainische, Deutsch-Israelische… Die seit 1993 tätige Deutsch-Tschechische und Deutsch-Slowakische Historikerkommission setzt sich insbesondere zum Ziel, die geschichtlichen Ereignisse, die im 20. Jahrhundert die drei Völker betrafen, durch gemeinsam interpretierte, nationale Erzählungen und Quellenmaterialien im Rahmen von europäischer und globaler Verständigung als Informations-, Bildungs- und Aufklärungsmittel zur Verfügung zu stellen.

Herausgeberteam

Mit dem Band „Deutsche, Tschechen und Slowaken im 20. Jahrhundert“ legen der Historiker der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität und Vorsitzende des Collegium-Carolinum, Martin Schulze Wessel, der Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Warschau, Miloš Řezník, und der Historiker vom Institut für Geschichte der Slowakischen Akademie der Wissenschaften in Bratislava, Dušan Kováč, bisher nicht zugängliche Bildungsmedien vor. Sie sollen insbesondere Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufe I und II vergleichende Betrachtungen der Nachbarnationen im Kontext der europäischen Geschichte ermöglichen.

Aufbau und Inhalt

Der Einsatz der vorgestellten, didaktisch und methodisch aufbereiteten Quellenmaterialien wird mit umfangreichen und ausführlichen fachwissenschaftlichen Hinweisen versehen. Neben dem Herausgeberteam sind daran auch beteiligt: Der Historiker beim Institut für Internationale Studien der Fakultät für Sozialwissenschaften der Karlsuniversität in Prag, Vladimír Handl, der Politikwissenschaftler von der Universität Wien, Dieter Segert, und der Gesellschaftswissenschaftler von der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität, Volker Zimmermann.

In der Einführung in die Thematik verweist Schulze Wessel auf die gemeinsamen und gesonderten geschichtlichen Entwicklungen der drei Völker, mit Besetzungen, Eroberungen, Kriegen, Kriegs- und Menschheitsverbrechen, Vertreibungen, Befreiungs- und Demokratisierungsprozessen, und den je unterschiedlich intensiven, nationalen Auseinandersetzungen damit: „Eine intensive Beschäftigung mit Geschichte in Wissenschaft und Unterricht kann die Einsicht befördern, dass populäre Geschichtsbilder oft unseren Blick für die Vielschichtigkeit vergangener Zeiten verstellen“.

Miloš Řezník stellt mit seinem Beitrag „Das 19. Jahrhundert und der Anfang des 20. Jahrhunderts“ gesellschaftliche und kulturelle Umwandlungsprozesse der Moderne vor. Mit einer Zeitleiste, die 1815 mit den Wiener Kongress beginnt und mit dem Ersten Weltkrieg 1914–18 endet, stellt er Quellenmaterialien zur Verfügung, in denen die geschichtlichen Entwicklungen von der Monarchie bis zur Nationalstaatsbildung, der Nationalisierung bis zur sozialistischen, kommunistischen Volksbildung, Demokratisierung und kulturellen Identitätsbildung aufgezeigt werden. Die erläuterten, in den jeweiligen zeitlichen Zusammenhang interpretierten Schwarz-Weiß-Darstellungen und Texte vermitteln neue Einblicke in völkische, offizielle, inoffizielle, karikierende und kritische Meinungen.

Miloš Řezník liefert Informationsmaterialien zum „Ersten Weltkrieg“. In der historischen Betrachtung wird die Zeit von 1914 – 1918 zum einen als nationaler und internationaler Umbruch und als Zeitenwende erklärt; zum anderen als „Verdichtung“ der konflikthaften, revolutionären, ethnologischen Bewegungen benannt. Befriedungs- und Ordnungs-Initiativen, wie der Völkerbund und die späteren Vereinten Nationen, sind Mittel für individuelle und globale Menschlichkeit. Und die verschiedenen künstlerischen Wort- und Werk-Meldungen zur Vermeidung und Überwindung von menschengemachten Katastrophen fordern zu Bildungs- und Aufklärungsaufgaben auf.

Dušan Kováč und Martin Schulze Wessel stellen Veröffentlichungen in der „Zeit zwischen den Weltkriegen“ vor. Beginnend mit der Weimarer Reichsverfassung am 11. 8. 2019, bis zum Pogrom am 9. 11. 1938 werden Dokumente zu Krisen während der Weimarer Republik und in der Tschechoslowakei präsentiert, die Minderheitenpolitik thematisiert, an die ökonomischen, nationalen und internationalen Katastrophen zur Weltwirtschaftskrise erinnert, und die diktatorischen Unrechtsregime und Kriegshetzen in Bildern, Flugblättern, Parteiprogrammen, Manifesten, Propagandamaterialien, Presseberichten und Abkommen dargestellt.

Volker Zimmermann bezieht sich mit seiner Analyse auf die Zeit während des Zweiten Weltkriegs, beginnend mit dem Münchner Abkommen vom 29./30. 9. 1938, bis zur organisierten Zwangsaussiedlung von Deutschen in der Tschechoslowakei 1946–47. Die Besetzungen der osteuropäischen Nachbarstaaten der ČSR durch die Nationalsozialisten führten zur Bildung des „Protektorats Böhmen und Mähren“, und erzeugten auch unterschiedliche Formen von Anpassung und Widerstand in den eroberten Gebieten. Durch die NS-Herrschaft entstanden auch die Menschheitsverbrechen des Holocaust, mit der Verfolgung und Ermordung von Juden, Sinti und Roma, Behinderten, Minderheiten und Regimekritikern. Die Benennung der organisierten Zwangsaussiedlung von Deutschen in der Tschechoslowakei, wird in den Geschichtsinterpretationen bis heute unterschiedlich benannt: Während in der deutschen Politik von „Vertreibung“ gesprochen wird, heißt es in Tschechien „odsun“ (Abschub). Zur Klärung und gemeinsamen Sprachregelung im Vereinten Europa sind die Dokumente und Einflussmedien jener Zeit bedeutsam.

Volker Neumann setzt sich auch mit dem „Ost-West-Konflikt“ während der Zeit des Kriegsendes 1945 bis 1973 auseinander. Tschechische und slowakische Exilpolitiker und Widerständler gründeten am 5. 4. 1945 im slowakischen Košice (Kaschau) die ČSR, die bei der Potsdamer Konferenz der Alliierten bestätigt wurde und zur Eingliederung der Tschechoslowakei in dem kommunistischen Machtbereich, in der Bundesrepublik Deutschland 1949 zum NATO-Beitritt und zur Teilung Deutschlands in die beiden Machtblöcke, und am 11. 12. 1973 mit dem Prager Vertrag zwischen der BRD und der ČSR zur diplomatischen Anerkennung der beiden Staaten und zu einem schwierigen Akt zwischen Kooperation und Konfrontation während des „kalten Krieges“, auch zwischen den beiden deutschen Staaten führte. Die Forderungen von Intellektuellen nach Bürgerrechten in der ČSR (wie auch in der DDR und anderen sozialistischen Ländern) brachte die „Charta 77“ (1977) hervor, die in der Geschichtsinterpretation als der Beginn des Endes des Ost-West-Konflikts und der Wende 1989 bezeichnet wird.

Vladimír Handl und Dieter Segert setzen sich mit der „Nachbarschaft nach dem Ende des Ost-West-Konflikts“ auseinander. Die Zeitleiste umfasst den Zeitraum von 1989 mit der Auflösung der Sowjetunion, der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten, der Gründung der beiden Staaten Česká republika und Slovenská republika (1.1.1993), dem Vertrag der Slowakei mit der NATO und am 1. 5. 2004 der Beitritt der beiden Länder zur Europäischen Union. Die demokratischen Entwicklungen, insbesondere in Tschechien, sind gekennzeichnet durch einerseits ökonomische und freiheitliche Vorteilnahme und andererseits einem EU-Skeptizismus, der die europäischen Dialoge und Meinungsunterschiede bestimmt, sich vor allem in der Europa- und Sicherheitspolitik artikuliert und gemeinsame Anstrengungen erfordert.

Mit einem mehrseitigen Glossar werden Begrifflichkeiten erläutert; ein Abkürzungsverzeichnis verweist auf in den Dokumenten ausgewiesenen Benennungen; und die Intensivierung und Weiterarbeit an der Thematik wird mit weiterführender Literatur angezeigt.

Fazit

Die Auseinandersetzung mit Geschichtsereignissen, die das internationale Zusammenleben von Menschen berühren, bewirken und positiv oder negativ beeinflussen, ist faktisch und emotional notwendig. Der schulische Geschichtsunterricht bietet dafür Gelegenheit, Zeit und Raum. Es ist deshalb verdienstvoll, dass Geschichtswissenschaftler aus der Arbeit der gemeinsamen Deutsch-Tschechischen und Deutsch-Slowakischen Historikerkommission bisher un- oder wenig bekannte Informations- und Lehrmaterialien in einem didaktischen Arbeitsbuch vor- und für den Unterrichtseinsatz in S I und II bereit stellen. Ohne Zweifel sind die Materialien für den Geschichtsunterricht auch für den Einsatz in der universitären, beruflichen und Erwachsenenbildung geeignet; und sie können dazu beitragen, das notwendige und unverzichtbare bessere, interkulturelle Kennenlernen der Menschen zu fördern. Die Nachbarschaftsverhältnisse zwischen Deutschen, Tschechen und Slowaken sind verbesserungsbedürftig. Mit den vorgelegten, historisch und didaktisch erläuterten Dokumenten aus den privaten und gesellschaftlichen, politischen Lebensbereichen von Nachbarvölkern vom 20. Jahrhundert bis heute kann es gelingen, ein gemeinsames, europäisches Bewusstsein und eine globale Identität zu bilden.

Eine Replik des Rezensenten auf den historischen, europäischen und globalen Erinnerungs- und Analyse-Diskurs sei noch erlaubt: In der Geschichtswerkstatt der Universität Hildesheim finden die öffentlichen „Europagespräche“ statt, in denen die internationalen Geschichte im globalen Wandel zur Sprache kommt (Michael Gehler, u.a., Internationale Geschichte im globalen Wandel, Band 13.1, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/23992.php); es werden Flüchtlings-, Asyl- und Konfliktsituationen im Verhältnis der Tschechoslowakei und Deutschland thematisiert (Detlef Brandes, u.a., Flüchtlinge und Asyl im Nachbarland. Die Tschechoslowakei und Deutschland 1933 bis 1989, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/23836.php); und zur Verflechtungsgeschichte zweier osteuropäischen Reformbewegungen zwischen 1956 und 1968 werden Zusammenhänge verdeutlicht (Hannes Lachmann, Die „Ungarische Revolution“ und der „Prager Frühling“, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/23837.php).


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1422 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 17.02.2020 zu: Martin Schulze Wessel, Miloš Řezník, Dušan Kováč (Hrsg.): Deutsche, Tschechen und Slowaken im 20. Jahrhundert. Materialien für den Geschichtsunterricht. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2020. ISBN 978-3-7344-0852-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26574.php, Datum des Zugriffs 28.03.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung