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Edgar Cabanas, Eva Illouz: Das Glücksdiktat

Cover Edgar Cabanas, Eva Illouz: Das Glücksdiktat. Und wie es unser Leben beherrscht. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2019. 242 Seiten. ISBN 978-3-518-46998-9. D: 15,00 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 21,90 sFr.

Reihe: Suhrkamp Taschenbuch. Übersetzer: Michael Adrian.
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Thema

Im Zentrum steht das vergesellschaftete Subjekt, das sich über Konzeptionen von Glück und Glücklichsein zunehmend als gesellschaftsloses versteht. Dahinter stehen Subjektivierungspraktiken neuer Qualität, die ausgehend von der Positiven Psychologie mit dem Impetus von Wissenschaftlichkeit und damit von Wahrheit und Gültigkeit Wirkung entfalten. Cabanas und Illouz decken verschleierte Machtverhältnisse und ihre Reproduktion auf, wobei die Positive Psychologie und die neoliberale Ideologie in den Vordergrund gerückt werden. Das Buch hält erkenntnisreiche Einblicke in die genealogische Spurensuche des Wie und Warum eines kulturellen Programms rund um das Glücksdispositiv bereit, über das soziale Beziehungen, Selbstverständnisse, Aspirationen, Lebensentwürfe und Handlungen mit Bedeutungen aufgeladen werden, die auf reduktionistische Vorstellungen von Glücksempfindungen und ihrer Hervorbringung rekurrieren.

Autorin und Autor

Edgar Cabanas ist spanischer Psychologe und Professor für Psychologie an der Universidad Camilo José Cela in Madrid.

Eva Illouz ist israelische Soziologin und Professorin an der Hebräischen Universität von Jerusalem, zudem Studiendirektorin am Centre européen de sociologie et de science politique de la Sorbonne. Illouz ist als Kritikerin einer umgreifenden Ökonomisierung von Gefühlen bekannt. Bücher wie Die Errettung der modernen Seele oder Gefühle in Zeiten des Kapitalismus befassen sich mit der Dekonstruktion eines machtvollen Gravitationsfeldes von Emotionen, Neoliberalismus und therapeutischer Kultur.

Entstehungshintergrund

Das Buch baut auf einen Artikel von Edgar Cabanas auf, den er im Band „Wa(h)re Gefühle: Authentizität im Konsumkapitalismus“, 2018 von Eva Illouz herausgegeben, publiziert hat. In Frankreich kam das im Folgenden rezensierte Werk bereits 2018 auf den Markt, ehe es ins Englische und nun 2019 von Michael Adrian ins Deutsche übersetzt wurde. Es erschien im Suhrkamp-Verlag.

Aufbau

Das Buch gliedert sich im Wesentlichen in 5 Kapitel. Einleitung und Schluss umspannen diese.

Einleitung

  1. Die Experten wachen über uns
  2. Die Wiederbelebung des Individualismus
  3. Die Arbeit der Positivität
  4. Glückliches Ego zu verkaufen
  5. Die neue Norm des Glücks

Schluss

Inhalt

Im ersten Kapitel „Die Experten wachen über uns“ beschreiben Cabanas und Illouz die Reformbewegung in der traditionellen akademischen Psychologie um Martin E. P. Seligman (einst Präsident der American Psychological Association) Ende der 1990er Jahre, die das Krankheitsmodell als dominanter Deutungsansatz hinterfragt und auf den Begriff der menschlichen Stärke und das Konzept der psychischen Gesundheit abstellt. Dadurch rücken die Potenziale der menschlichen Ontogenese in den Mittelpunkt. Dass fortan auch die Gesunden „einen Anspruch auf und Bedarf an Beachtung durch die Psychologie“ (S. 36) haben, setzen die Autoren mit einer schlagartigen Vergrößerung der Zielgruppe gleich. Cabanas und Illouz zeigen auf, dass – nach v.a. finanzieller Unterstützung und großer Resonanz für die Idee der Positiven Psychologie aus der US-amerikanischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik – Glück und Optimismus als individualistische Konzeptionen sukzessive in den Zeugenstand von Wohlbefinden und Lebenssinn gehoben wurden. Dabei identifizieren sie eine Allianz zwischen Coaches, Lernberatern und Selbsthilferatgebern (sogenannte nicht-akademische Psychoexperten) einerseits sowie den von Seligman berufenen Positiven Psychologen andererseits, die die gesamtgesellschaftliche Verbreitung und bis in den Alltag hineinreichende Verankerung der neuen Begrifflichkeiten sowie Gefühls- und Körpertechniken mit erklärt. Über die Geschichte der Versuche zur Quantifizierung von Glück rekonstruieren Cabanas und Illouz die Verflechtung von Ökonomie, Psychologie und Politik, die Glück zum zentralen Indikator für wirtschaftlichen Fortschritt, sozialen Wohlstand und politische Entscheidungen verhilft und Gefühlen den Schein objektiver Messbarkeit und (technokratisch-)rationaler Handhabung verleiht. Durch den kulturellen Einfluss, das wissenschaftliche Gewicht und die gesellschaftliche Macht der Positiven Psychologie und der Glücksmessung haben es ihre Kritikerinnen seit jeher schwer. Das Buch will exemplarisch diese kritischen Stimmen stärken, auf Verbindungslinien der Positiven Psychologie mit der neoliberalen Ideologie und auf wissenschaftlich-methodische Defizite aufmerksam machen.

In „Die Wiederbelebung des Individualismus“ wird die These stark gemacht, dass der konstruierte Konnex zwischen Glück und Individualismus die Weltanschauung des Neoliberalismus gefestigt hat. So werden die wissenschaftlich-neutrale Sprache und die als objektiv-forschungsbasiert geltenden Erkenntnisse der Glücksforschung als geeignete apolitische Mittel gesehen, um Glück den Anschein einer individuellen, natürlichen menschlichen Eigenschaft zu verleihen und es zum perfekten neoliberalen Werkzeug in Diensten von Mobilität, Flexibilität und Wettbewerb zu machen. Diese Glücksvorstellung löst das Individuum aus der Gemeinschaft und versteht das Selbst als Quelle allen (Un-)Heils. Die Vorstellung autonom, unabhängig und eigenverantwortlich handelnder, kreativ und optimistisch denkender Individuen, die angehalten sind ihre inneren Potenziale auszuschöpfen, bewerten die Autoren als verkürzenden Psychologismus, der als Konstitutivum für die Verwirklichung der kulturellen Ideale von emotionaler Gesundheit und Selbstentfaltung propagiert wird. Letztlich wird dadurch die Schuldfrage im Falle des Scheiterns automatisch und allein zuungunsten des Individuums beantwortet. Das Autoren-Duo kritisiert den Appell der Positiven Psychologie, die Kraft nicht in sozialen Wandel, sondern in die Veränderung der subjektiven Wahrnehmung erfahrener struktureller Umstände (z.B. durch Emotionsmanagement) zu investieren, um das subjektive Wohlbefinden langfristig zu verbessern. Die Empirie, so sagen sie, ist nicht so eindeutig, wie es die Positiven Psychologen glauben machen wollen. Im Gegenteil: Einkommen, Geschlecht, Ethnie, Arbeitsstatus, Bildungsstand etc. „führen zu Statusunterschieden, die das individuelle Wohlbefinden deutlich und nachhaltig beeinflussen“ (S. 49). Eine Verbesserung der Lebenszufriedenheit durch Zweckoptimismus, den Glauben an die eigenen Stärken und den Griff in die psychologische Trickkiste halten sie für blinden Voluntarismus, der in Zeiten der Auflösung industriegesellschaftlicher Lebensformen (wie Klasse, Normalfamilie, Geschlechterkonstellationen, lebenslanger Beruf etc.) Verbitterung, Unzufriedenheit, Einsamkeit und die Neigung zu Selbstvorwürfen eher noch fördert. Bestärkt in dieser These sehen sie sich durch die wachsenden Zahlen der Inanspruchnahme von Therapien sowie von Depressionen und Selbstmorden. Den Glücksindividualismus sehen Cabanas und Illouz als Schwächung für Formen kollektiver Identität und die Positive Psychologie als neue Definitionsmacht über die Psychophysis, auch der gesunden Menschen. Sie zeigen, dass vom mit individualistischen Werten aufgeladenen Konzept des Glücks eine neue wirkungsvolle Form der Subjektivierung ausgeht.

Um die Instrumentalisierung des psychologischen Glücksdiskurses durch Unternehmen geht es Cabanas und Illouz in „Die Arbeit der Positivität“. Dabei spielen sie auf die Verwendung psychologischer Theorien und Begriffe wie Bedürfnis und Glück zur Rechtfertigung und Moderation organisatorischen Wandels und zur Produktivitäts- und Effizienzsteigerung an, die sich schon in der Nachkriegszeit des 20. Jahrhunderts beobachten lässt. Sie zeigen auf, dass der Arbeitsplatz im Übergang zum Post-Taylorismus an die emotionalen und sozialen Grundbedürfnisse der Arbeitnehmer nach Stabilität (v.a. im Sinne vertraglicher und einkommensgeregelter Verlässlichkeit) angepasst war. Dabei stellen sie den starken Einfluss der Bedürfnis- und Motivationstheorie Abraham Maslows heraus, die die Entfaltung höherer Ansprüche wie Selbstverwirklichung, berufliche Karriereambitionen und ökonomisch-unternehmerischer Nutzen auf der Basis grundlegender Sicherheiten denkt. Cabanas und Illouz beobachten, dass diese arbeitsethische Logik und mithin die Maslow’sche Bedürfnispyramide in ihr Gegenteil verkehrt wurden. Im neoliberalen Kontext eines hochgradig unsicheren Marktes, wo nicht mehr Leistung, sondern Erfolg belohnt wird, und wo organisatorische Strukturen kontinuierlich unter Flexibilisierungsdruck geraten, sehen die Autoren Glück nicht länger als Produkt, sondern als Voraussetzung und Bestandteil beruflichen Erfolgs. Neu ist, dass Reorganisationen von Unternehmen und deren unliebsame Maßnahmen wie z.B. Personalabbau, Gehaltskürzungen, befristete Verträge etc. mithilfe der Glückskonzeption der Positiven Psychologie und ihrer Instrumente als Chancen persönlicher Weiterentwicklung umgedeutet wurden, und nicht länger als Unzufriedenheit verstärkende Einflüsse. Sie sprechen davon, dass eine neue Arbeitnehmer-Identität konstruiert wurde. Das glückspsychologisch gestützte Credo lautet, dass glückliche Arbeitnehmerinnen in gewisser Weise immun gegen Veränderungen seien, sich an die wirtschaftlichen Veränderungen immer wieder anpassen und auch in einem instabilen Feld produktiv sein könnten. Vor diesem Hintergrund machen Cabanas und Illouz auch eine Verschiebung in der Wertigkeit der Zugangskriterien für Jobs aus. Positive Gefühle und Einstellungen haben gegenüber technischen Fertigkeiten und wissensbasierten Qualifikationen eine deutliche Aufwertung erfahren. Über das Vokabular und die Techniken der Positiven Psychologie sind Mehrarbeit, Motivation, die produktive Bewältigung sich häufender Unwägbarkeiten und die Identifikation mit den Unternehmenswerten kultiviert worden. Durch die Betonung von Resilienz, Selbstregierungsfähigkeit und Autonomie, so die weitere argumentative Reflexion, wird den Arbeitnehmern suggeriert, dass alles in ihrem Sinne geschehe, während realiter die Verantwortung für strukturelle Risiken, Fehler und Widersprüche an ihnen hängen bleibt. Die Folgen sind psychische Kosten, prekäre, weil überfordernde Arbeitsverhältnisse, häufige Jobwechsel und die Gefahr, in Arbeitslosigkeit zu verharren.

Die Erzählung vom Glück zeugt von einer individualistisch-emotionalen Sprache, schreiben Cabanas und Illouz in „Glückliches Ego zu verkaufen“, in die das psychologistische Konstrukt einer erfolgreichen und wertvollen Persönlichkeit übersetzt wurde. Soziale Beziehungen, Selbstthematisierungen und soziales Handeln haben über die Sprache als Medium der Bedeutungskonstitution Strukturierungen erfahren, die auf eine universalistische Glückserzählung zurückzuführen sind. So zeigen die Autoren am Beispiel eines Textes aus einem Internetforum das prägnante Erzählmuster gelingender Individualität auf, das Glück als moralischen und psychologischen Maßstab der Lebensführung ausweist, das Problemkonstellationen auf Ermöglichung hin affiziert und das Selbstoptimierung zu einer Endlosschleife ausrichtet. Cabanas und Illouz sensibilisieren dafür, dass sich der Markt jene vorgestanzten psychologistischen Deutungsmuster leicht zunutze machen konnte, um mit dem Versprechen einer Glückssteigerung eine breite Masse wirkungsvoll zu erreichen, die durch den Konsum von Gefühlswaren (z.B. Achtsamkeitskurse, Yoga, Glücksprodukte und -dienstleistungen etc.) wiederum zur Reproduktion der individualistischen Glücksnorm beiträgt. Den Idealen der geschaffenen Psychobürgerinnen ordnen die Autoren entsprechende Formen ihrer Vermarktung zu, wie sie gegenwärtig allzu präsent erscheinen. Für Cabanas und Illouz wird über Self-Tracking-Apps emotionale Selbststeuerung suggeriert, die im kulturellen Programm der emotionalen Intelligenz ihren Kulminationspunkt finden soll. In der Forderung nach Regulierung und optimaler Verwertung des individuellen Gefühlshaushaltes sehen die Autoren den Versuch der Internalisierung sozialer Kontrolle als Identität. Am Beispiel des zunehmenden Personal Branding und des großen Zulaufs, den YouTuber erfahren, wird im Buch die marktförmige Gestaltung von Authentizität herausgearbeitet. Es ist ein Geschäftsmodell der Selbstvermarktung daraus geworden, so heißt es auf Seite 157, den symbolischen Wert der Überwindung widriger Umstände als Zeichen der verkörperten Authentizität zu inszenieren und in ein wirtschaftlich wertvolles Argument zu übersetzen.

Der Glücksdiskurs, deren Prämissen und Grundannahmen Cabanas und Illouz in „Die neue Norm des Glücks“ zunächst resümieren, wirkt sich in ihren Augen in eigentümlicher Weise auf Vorstellungen über Krankheitsentstehung und -vermeidung aus. So verspricht die mächtige Deutung der Positiven Psychologie psychische Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Erfolg nur bei einer positiven Bilanzierung des Verhältnisses von positiver und negativer Emotionalität. Unter diesen Entwicklungen sehen die Autoren den klassischen Gegensatz von psychischer Gesundheit und psychischer Erkrankung verändert. Sie machen ein entstandenes Kontinuum zwischen vollständiger und mangelhafter psychischer Gesundheit aus, das eine Zweiteilung des Gesundheitsbegriffs bedeutet: „Optimismus, Hoffnung, Selbstachtung und Wohlbefinden zeugen von vollständiger geistiger Gesundheit, während Pessimismus, Unsicherheit und Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben Anzeichen mangelnder geistiger Gesundheit sind.“ (S. 175 f.). Die Aufspaltung zwischen positiven und negativen Gefühlen halten sie für problematisch, ebenso das von der Positiven Psychologie vertretene essentialistische Verständnis von Gefühlen als ahistorische und kulturinvariante Größen, da dies der Komplexität von Emotionsphänomenen, die zwiespältig, zweideutig, irreduzibel und im Kern nicht definierbar sind, nicht gerecht wird. Dass Gefühle in gut oder schlecht differenziert werden, wie es die psychologisch gestützte Glücksforschung praktiziert, führt für Cabanas und Illouz den Wert negativ konnotierter Gefühle, ihre wichtige Bewertungs- und Signalfunktion ad absurdum und entfremdet vom eigenen Fühlen als Medium der Welterfahrung, wenn einem Teil der erlebten Empfindungen lediglich mit eiliger Verdrängung begegnet wird. Das Autoren-Duo sieht neue soziale Ungleichheiten aufkommen, wenn leidende, pessimistisch denkende Menschen übersehen werden und ihnen eine gesunde und funktionale Lebensführung abgesprochen wird, nur weil sie den diskursiv konfigurierten emotionalen Erfordernissen, das jeder seines Glückes eigener Schmied sei, nicht gerecht werden (können). Dass Leid sinnlos sei, darin sehen Cabanas und Illouz die Hauptbotschaft einer „tyrannische[n] Positivität“ (S. 196), die nicht sozialkritisch ist, sondern affirmativen Charakter trägt.

Diskussion

Das Buch ist essayistisch verfasst, um es über wissenschaftsinterne Kreise hinaus einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, was angesichts des Aussagewertes, seiner Dringlichkeit und der Hoffnung des Ausgangs aus der Unmündigkeit weiter Bevölkerungsschichten sinnvoll erscheint. Über eine bildreiche Sprache und die Verwendung alltagsnaher Beispiele gelingt es auf eindrucksvolle Weise, für die Erkenntnispotenziale einer kritischen Soziologie zu begeistern.

Drei Kritikpunkte seien jedoch angebracht.

  1. Cabanas und Illouz ergreifen gegen eine psychologistische Reduktion in der spätmodernen Definition von Subjektivität Partei, in der das Glücklichsein allein als Potenzial des Subjektes gesehen wird, das sich alles selbst zuschreiben muss und das vor allem aus sich heraus die Fähigkeit des Glücksempfindens zu entwickeln hat. Wenn es stimmt, was die Autoren in ihrem Buch kritisieren, was wäre dann in ihrem Sinne aber eine gute Konzeption von Subjektivität? Damit wird die Leserin allein gelassen bzw. sie kann sich nur implizit eine Vorstellung davon machen. Um es zu versuchen: Die Kehrseite wäre, dass das Subjekt sich und sein Glückserleben vor allem als das Resultat sozialer Verhältnisse begreift, als gesellschaftlich präformiert. Mit welchen Problemen wäre das jedoch behaftet? Zum Beispiel mit der Unmöglichkeit Selbstwirksamkeit zu erfahren, wenn sich Menschen nur als Marionetten einer schicksalsvollen Macht namens Gesellschaft verstehen. Somit wäre auch die Verantwortlichkeit allen Handelns und Fühlens auf die sozialen Umstände verwiesen und das Subjekt von jedweder Verantwortung entbunden. Cabanas und Illouz bleiben eine Antwort darauf schuldig, ob das eine Skizze spätmoderner Subjektivität in ihrem Sinne sein könnte und ob diese denn wünschenswerter ist.
  2. In der Art der Gesellschaftskritik von Cabanas und Illouz wird dem Subjekt abgesprochen, Widerstandspotenziale gegen diese Form der Subjektivierung entfalten zu können. Die Möglichkeit, dass auch in der Anverwandlung kultureller Muster durchaus die Potenzialität besteht, zu rebellieren, subversiv zu sein, Protest im Kleinen zu üben – diese Möglichkeit sprechen Cabanas und Illouz dem spätmodernen Subjekt implizit ab. Das Subjekt wird beschrieben als widerstands- und wehrlos, das reinen Opferstatus hat und durch die Sozialtechnologie zugerichtet ist. Aber das Subjekt und die Art wie es diese kulturellen Angebote auch kritisch erlebt, was es damit macht und inwiefern es auch in der Lage ist, dazu auf Distanz zu gehen, das gerät nicht in den Blick. Die Unterstellung, dass das Subjekt fremdbestimmt und verblendet ist, setzt nicht beim Selbsterleben der Individuen an, sondern ist eine Kritik von außen, sozusagen aus dem Lehnstuhl, die sich ebenfalls einen Ideologievorwurf gefallen lassen muss und als wissenschaftliche Form der Maßregelung skeptisch zu sehen ist.
  3. Ein Verweis auf die soziologische Glücksforschung, wo sozialen Umständen und Faktoren für das Wohlbefinden ausdrücklich Rechnung getragen wird, fehlt bei Cabanas und Illouz. So wird die Glücksforschung per se mit einem Makel behaftet und wenig differenziert dargestellt.

Fazit

Cabanas und Illouz sehen in Achtsamkeitsübungen, Yoga oder Resilienz keine zivilisationskritischen Praktiken der leiblichen Selbst(für)sorge, sondern neoliberale Regierungstechnologien, die nur dem Anschein nach Distanz zur vorherrschenden instrumentellen Gefühls- und Körperpraxis herstellen. Sie sind im Gegenteil Ausdruck einer neoliberalen Rationalisierung, die den Körper mit neuen Methoden zu Konsum aufruft und diszipliniert, indem mit Motiven wie Glück, Autonomie und Souveränität gespielt wird. Die psychologische Glücksforschung gibt das Versprechen von Glück in bestehenden gesellschaftlichen (Herrschafts-)Verhältnissen. Glücksgefühle, auch im weiteren Sinne von Zufriedenheit, scheinen in westlichen Gesellschaften und ihrem Imperativ auf Wohlgefühle besonders gut dafür geeignet, sich auf die Welt zu richten, so wie sie ist. Das Verdienst der Autoren ist die Dekonstruktion eines Verblendungszusammenhangs, der Glück für die gefühlsmäßige Verankerung bestehender sozialer Ordnung, in diesem Fall der neoliberalen, instrumentalisiert. Sozialkritisches Denken á la Cabanas und Illouz entlarvt dies als Ideologie. Positiv gewendet lautet die Botschaft des Buches, in negativ konnotierten Gefühlen wie Frust, Angst oder Wut, um die herum soziale Bewegungen entstehen können, Kräfte für eine demokratische Streitkultur und sozialen Wandel zu sehen.


Rezension von
M.A. Stephan Mader
wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für allgemeine Soziologie / Mikrosoziologie
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Zitiervorschlag
Stephan Mader. Rezension vom 02.06.2020 zu: Edgar Cabanas, Eva Illouz: Das Glücksdiktat. Und wie es unser Leben beherrscht. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2019. ISBN 978-3-518-46998-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26582.php, Datum des Zugriffs 23.09.2020.


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