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Ellen Notbohm, Veronica Zysk: Alltag mit autistischen Kindern und Jugendlichen

Cover Ellen Notbohm, Veronica Zysk: 1001 Ideen für den Alltag mit autistischen Kindern und Jugendlichen. Praxistipps für Eltern, pädagogische und therapeutische Fachkräfte. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2019. 280 Seiten. ISBN 978-3-7841-3062-0. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.
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Thema

Den Alltag von Kindern und Jugendlichen mit Autismus zu bewältigen ist stets eine Herausforderung, sowohl für die Eltern als auch für Erzieher*innen und Lehrer*innen, die mit der Erziehung und Förderung betreut sind. Im vorliegenden Buch finden wir 1001 Ideen (in der aktuellen Auflage sind es bereits 1800, wie die Autorinnen anmerken), die praktisch, alltagsnah und auf die unterschiedlichen Entwicklungsstufen, Lernstile und Fähigkeiten angepasst, Hilfestelllungen geben, wie mit Kindern und Jugendlichen aus dem Autismus – Spektrum gelebt und gearbeitet werden kann.

Autorinnen

Ellen Notbohm ist Autorin, schreibt Bücher und Artikel (www.ellennotbohm.com) und ist insbesondere bekannt durch ihr Buch: Ten Things Every Child with Autism Wishes You Knew.

Veronica Zysk ist seit 1991 auf dem Gebiet des Autismus tätig und ist heute Chefredakteurin des Autism Asperger’s Digest. Sie hat zusätzlich zu ihrer Zusammenarbeit 14 weitere Bücher über Autismus und Asperger verfasst und/oder herausgegeben.

Entstehungshintergrund

Die beiden Übersetzer*innen, Georg Theunissen und Isabell Drescher wurden vom Lambertus-Verlag angefragt, ob sie „Interesse hätten, ein in den USA viel beachtetes und preisgekröntes Buch“ (S. 13) ins Deutsche zu übersetzen. Nach anfänglichem Zögern, ob es sinnvoll und hilfreich sein könnte ein „Sammelsurium von Ideen“ zu übersetzen, wurden sie – inspiriert vom Vorwort von Temple Grandin – bei näherer Betrachtung „eines Besseren belehrt. Tatsächlich besteht das Werk aus einer unüberschaubaren Fülle an Ideen zum Umgang mit Autismus. Diese Ideensammlung ist unzweifelhaft einzigartig. Was uns aber ebenso beeindruckt hat, ist die Art der Präsentation. Sie wird nämlich von einer positiven Grundhaltung durchdrungen, welche das autistische Sein wertzuschätzen weiß“ (S. 13, aus dem Vorwort der Übersetzer*innen).

Aufbau

Die 1001 Ideen, eine Sammlung von Tipps und Empfehlungen für den Umgang mit Kindern und Jugendlichen aus dem autistischen Spektrum werden verteilt auf 6 Kapitel mit jeweils einer kurzen Einführung in den Schwerpunkt des Kapitels und dann folgend eine lose Aneinanderreihung der „Ideen“. Das Buch beginnt mit einem Kapitel zur „Sensorischen Integration“, denn: „Die sensorische Integrationsstörung ist die Ursache für viele Kernprobleme, die mit Störungen aus dem Autismus-Spektrum einhergehen (…) Eine sensorische Dysfunktion anzugehen und zu behandeln sollte immer eine hohe Priorität haben“ (S. 26). Weitere Kapitel befassen sich mit den Themen Kommunikation und Sprache, Besonderheiten des Verhaltens, Hilfestellung bei der Gestaltung des Alltags, Sozial denken und sozial sein, sowie die Fragen, wie der Schulalltag von Lehrer*innen für Schüler*innen aus dem Autismus-Spektrum gestaltet werden.

Inhalt

Es fällt mir schwer, eine inhaltliche Zusammenfassung der einzelnen Kapitel darzustellen, da diese jeweils mit einer kurzen ein- bis zweiseitigen Einführung eingeleitet werden und dann auf 30 bis 40 Seiten eine Sammlung von Ideen anbieten, die nicht immer geordnet erscheinen. Sie sind zum großen Teil an Eltern gerichtet, aber auch an Lehrer*innen und Fachbetreuer*innen.

Das 1. Kapitel basiert auf der „Sensorischen Integrationstherapie“, die in den USA von Jean Ayres entwickelt wurde (was im Buch nicht erwähnt wird) und auch in Deutschland eine weitgehende Anerkennung hat in der Psychomotorischen Praxis und in der Ergotherapie. „Sensorische Integration bezeichnet die Fähigkeit, Empfindungen, die wir intern und extern empfangen, zu verarbeiten und zu organisieren“ (S. 25). Grundannahme in diesem Buch ist, dass „Menschen aus dem Autismus-Spektrum Töne, Bilder, Gerüche, Geschmäcker und ihr Gleichgewicht in einer Art und Weise wahr(nehmen), die sich grundlegend von der, neurotypisch entwickelter Kinder und Erwachsener unterscheidet“ (S. 25). Die Reize werden entweder zu stark oder zu schwach empfunden. So „kann jede Minute des täglichen Lebens einen Kampf gegen Reize dar(stellen)“ oder es braucht großer Anstrengungen „den Körper so anzuregen, dass es zu einer lebhaften und sozialen Interaktion kommen kann“ (S. 25). Es folgen – differenziert nach den Sinnesbereichen – zahlreiche Empfehlungen, die im direkten Umgang mit dem Kind oder Jugendlichen sowie bei der Gestaltung der Umwelt helfen, die „Überreizung“ abzufiltern oder so zu stimulieren, dass sich die Betroffenen „spüren“ können. Eingegangen wird auch auf methodische Fragen wie z.B. den Unterschied zwischen Bedürfnissen und Belohnungen, die gezielt eingesetzt werden sollen.

Im 2. Kapitel liegt der Schwerpunkt auf Kommunikation und Sprache, ein Kernproblem für Menschen mit Autismus, da sie wegen ihrer Wahrnehmungsprobleme Schwierigkeiten haben Gesten und Blicke zu deuten und so ihre Interessen und Bedürfnisse nur unzureichend deutlich machen können. „Wir haben gelernt, dass unsere Kinder viel geschickter in der Kommunikation sind, als wir es ihnen zutrauen und dass gezielte und intensive Interventionen ihnen die notwendigen Werkzeuge an die Hand geben können“ (S. 68). Und dafür gibt es im Folgenden wieder reichlich gute Beispiele: Hilfen bei der Sprachanbahnung, visuelle Strategien, Tipps zur Art des Fragens, die Einbeziehung von Büchern bis hin zu Detailfragen, wie kann ein Individueller Bildungsplan mit Zielsetzungen erstellt werden und wie kann Schüler*innen die Prüfungsangst genommen werden.

Das 3.Kapitel befasst sich mit dem Verhalten des autistischen Kindes – als Grundlage für einen erfolgreichen Lernprozess. Auch hier fokussieren die Autorinnen wieder auf die sensorische Integration als wesentlichen Faktor. „Inakzeptables Verhalten tritt zum Beispiel auf, weil das Kind von ‚verwirrten‘ Sinnesorganen überwältigt wird, seine Wünsche und Bedürfnisse nicht mitteilen kann oder die Situation oder das, was von ihm erwartet wird, nicht erträgt“ (S. 103). Wir finden wieder zahlreiche Empfehlungen, wie Kontextbedingungen geschaffen werden müssen, damit Fehlverhalten möglichst nicht auftritt und wie der Einsatz von Verstärkern, Tokensystem und Verträgen zum Gelingen beitragen können.

Dies wird weiter geführt im 4.Kapitel, in dem Hilfestellungen in ganz konkreten Situationen des Alltags angeboten werden: Organisation von Spielen, beim Frisör, beim Zahnarzt und Zähne putzen, beim Toilettengang, bei Ausflügen, Umzug und Reisen, Geburtstagspartys, Schlafen, Medikamente und vieles andere mehr. Wichtig ist auch die Frage der Sicherheit beim Bewegen im Alltag, für die nützliche Anregungen gegeben werden. Das Wichtigste bei der Gestaltung des Alltags, „was Eltern tun können, um ihrem Kind zu helfen, ist Lachen, Spielen und Beziehungen zu allen Menschen in ihrem Leben aufzubauen. Wenn sich ein Kind verbunden fühlt, hat es die innere Motivation, die es braucht, um alle anderen Dinge zu tun“ (S. 184).

„Perspektivenübernahme und flexibles Denken sind die Schlüssel, die Ihrem Kind die Tür zur sozialen Kompetenz öffnen und ihm Zugang zu den Verhaltensformen geben, die uns alle verbinden“ (S. 185). Deshalb liegt im 5. Kapitel der Schwerpunkt auf dieser Thematik: wie können Kinder und Jugendliche mit Autismus lernen, sich in die Denk- und Fühlwelt des Gegenüber einzuspüren und einzudenken. Dies kann gelingen durch die Förderung der „gemeinsam gerichteten Aufmerksamkeit“ durch Bewegungsspiele, Rollenspiele, Soziale Geschichten, durch Brettspiele und durch Gespräche mit gezielter Fragestellung, z.B. über das Teilen oder über Konflikte.

Schließlich wird im 6.Kapitel das Thema Lehrer*innen und Schüler*innen aufgegriffen. „Dieses Kapitel haben wir als Letztes in unserem Buch platziert, weil Schüler*innen nur erfolgreich die akademische und sozialen Anforderungen eines formalen Bildungswegs erfüllen können, wenn alle Hindernisse, die sich ihnen im Zusammenhang mit Autismus in den Weg stellen, beseitigt wurden“ (S. 210). Dafür gab es in den vorhergegangenen Kapiteln die entsprechenden Hilfestellungen. Hier gibt es noch konkrete Empfehlungen für die Gestaltung des Schulalltags: Sitzkreis, integrative Spielgruppen, Schulreifetest, Förderung der Konzentrationsfähigkeit, Gestaltung des Klassenraums, Einsatz von Kunsttherapie und geeignete Sportarten für Kinder mit Autismus.

Diskussion und Fazit

Die Bedenken der Übersetzer*innen, dass es sich bei diesen „1001 Ideen“ um ein Sammelsurium handeln könnte sind sicher berechtigt. In diesem Buch ist eine große Zahl an Tipps und Empfehlungen zu finden, die sehr hilfreich sein können im Umgang mit Kindern und Jugendlichen aus dem autistischen Spektrum. Vermutlich kann man zu jeder Fragestellung aus dem erlebten Alltag mit diesen Betroffenen auch etwas finden, man sollte aber eine gewisse Erfahrung mitbringen. Es wird generell von Kindern und Jugendlichen aus dem Spektrum gesprochen und dieses Spektrum ist doch sehr groß. Was also ist richtig für „mein“ Kind? Ein Beispiel dazu: „Mit dieser Liste (an Sportmöglichkeiten) möchten wir Ihnen vor Augen führen, dass zahlreiche Möglichkeiten existieren und Sie das Naheliegende nicht übersehen sollten, wenn Sie eine Freizeitaktivität planen“ (S. 31):

  • Wassersport: Schwimmen, Schwimmunterricht, Schwimmteam, Synchronschwimmen, Aquarobic für Kinder, Tauchen, Surfen/​Boogie Boarding, Rudern, Kanufahren, Rafting, Angeln
  • Spaß auf Rädern: Dreirad, Fahrrad mit Stützrädern …
  • Kampfsportarten: Tai Chi, Taekwando, Karate, Judo, Aikido, Kickboxen, Capoeira

Diese Überfülle an Angeboten ist letztlich wenig hilfreich und – ich denke dies ist markant für diese Buch – es denkt in erster Linie an die Menschen, die am oberen Rand des Spektrums stehen, d.h. es vernachlässigt die schwer betroffenen, „frühkindlichen“ Autisten. Deutlich wird dies im Vorwort der Übersetzer*innen, in dem sie Autismus nicht als Krankheit und „nicht per se als eine Störung“ sehen, sondern als „eine Form menschlichen Seins (…), die mit einer von Natur aus anders ausgerichteten Wahrnehmung, mit einem speziellen Denken, mit speziellen Fähigkeiten und Interessen einhergeht“ ( S. 13f). Diese Sichtweise findet Zuspruch in der „Szene“, fraglich ist, ob dies den Menschen im gesamten Spektrum gerecht wird.

Fazit

Trotz der Kritik ist erfrischend zu sehen, wie positiv die Autorinnen denken und auch ihre Handlungsempfehlungen ausrichten. Sie stellen nicht die Behinderung in den Mittelpunkt und nicht das Fehlverhalten, sondern die Möglichkeiten, die in jedem einzelnen Menschen zu finden, zu wecken und zu fördern sind. Und dafür finden sich in diesem Buch wirklich zahlreiche und gute Beispiele.

Dr. Richard Hammer


Rezension von
Dr. Richard Hammer
Dipl. Motologe
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Zitiervorschlag
Richard Hammer. Rezension vom 27.05.2020 zu: Ellen Notbohm, Veronica Zysk: 1001 Ideen für den Alltag mit autistischen Kindern und Jugendlichen. Praxistipps für Eltern, pädagogische und therapeutische Fachkräfte. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2019. ISBN 978-3-7841-3062-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26585.php, Datum des Zugriffs 07.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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