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Manuela Steiner, Bernd Ahrbeck u.a.: Das Unbewusste im Klassenzimmer

Cover Manuela Steiner, Bernd Ahrbeck, Wilfried Datler, Urte Finger-Trescher: Das Unbewusste im Klassenzimmer. Aggressive Gegenübertragungsreaktionen von Fachkräften in pädagogischen Handlungsfeldern. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2020. 170 Seiten. ISBN 978-3-8379-2939-3. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.

Reihe: Psychoanalytische Pädagogik.
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Thema

Das vorliegende Buch widmet sich den unbewussten Prozessen bei Lehrern, wenn sie aggressiv auf das Verhalten von Schülern reagieren.

Autorin

Manuela Steiner ist Erziehungs- und Bildungswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt psychoanalytische Pädagogik. Sie arbeitet in der Lebenshilfe Tirol als Behindertenfachkraft im Bereich Betreutes Wohnen, im Psychosozialen Pflegedienst Innsbruck und befindet sich in der psychoanalytischen Ausbildung.

Entstehungshintergrund

Grund für die Anfertigung des vorliegenden Titels ist – aufgrund von Interviews – die Frage, ob die pädagogische Ausbildung ausreichend der schulpädagogischen Praxis gerecht wird. Unvermeidliche Konflikte können ein Anstoss für Pädagogen sein, ihre eigenen Reaktionen und Handlungen kritisch mithilfe von Supervision zu reflektieren, um professionell reagieren zu können

Aufbau

Dem Vorwort und der Einleitung folgt ein Kapitel über ‚Übertragung und Gegenübertragung als funktionelle Einheit‘, im folgenden Kapitel bezogen auf den ‚Kontext der Schulpädagogik‘. Methodisch folgt ein Kapitel über die ‚untersuchungsleitende Fragestellung und Begründung der Methode‘ (Interviews) und schließlich eine ‚Auswertung und Interpretation der Interviews‘. Dem folgt eine ‚Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse‘ und das Schlusskapitel ‚Fazit und Ausblick‘. Ziel der Untersuchung ist es, eine Sensibilität für die in Szene gesetzten Zusammenhänge in der Schüler-Lehrer-Interaktion aufzuzeigen und

 die Selbstwahrnehmung und Selbstreflexion der Lehrer anzuregen.

Inhalt

Einleitung

Die Forschungsarbeit beschäftigt sich mit den unbewussten Gegenübertragungsreaktionen von Lehrern auf Übertragungen von Schülern durch ‚störendes Verhalten‘, unter spezieller Berücksichtigung ausagierter Aggressionen. Neben der Darstellung der umfangreichen entwicklungspsychologischen und sozialisationstheoretischen Literatur geht es der Autorin um die psychoanalytisch-pädagogische Perspektive, dargestellt und reflektier an exemplarischen Beispielen aus der Praxis (Fallvignetten). Fantasien der Schüler und der Lehrer können zu einem erweiterten emotionalen Verständnis der Beziehungsdynamik führen, wenn die eigene Rolle in der Interaktion tiefenhermeneutisch reflektiert wird. Der Aufbau beginnt mit einem theoretischen Teil, den Begriffsbestimmungen und dem Blick in die pädagogische Praxis. Es wird dann die Forschungsmethode erläutert, die Auswertung und Interpretation der Interviews und Schlussfolgerungen aus den Erkenntnissen.

Übertragung und Gegenübertragung als funktionelle Einheit

Nach dem klassischen psychoanalytischen Verständnis der Übertragung, dass unbewusste Gefühle und Vorstellungen in die Beziehungen von Menschen einfließen, wird auf eine Person in der Gegenwart reagiert wird wie auf eine in der Vergangenheit. Im analytischen Setting werden diese Übertragungen positiv und negativ therapeutisch genutzt und bearbeitet, einschließlich der Widerstände aufgrund von schmerzlichen Erinnerungen, Angst, Schuldgefühlen und Scham. Es handelt sich ursprünglich um Teile ‚vergessener Vergangenheit‘, die, allerdings oft gegen heftige Widerstände, analysiert und bearbeitet werden.

Die Gegenübertragung hingegen galt ursprünglich als ein Störfaktor, obgleich sie inzwischen als eine Erkenntnisquelle erkannt worden und ein unverzichtbarer Bestandteil psychoanalytischer Kompetenz ist. Sie ist Bestandteil der realen und phantasierten Projektionen (Melanie Klein) des Patienten auf den Analytiker, die dessen Gegenübertragung auf den Patienten intersubjektiv hervorruft.

Die Objektbeziehungstheorien befassten sich mit dem Einfluss früher Entwicklungsphasen auf die Entwicklung des Selbst, der Identität und dem Aufbau der inneren und äußeren Welt durch Introjektion und Projektion. Übertragungsinszenierungen sind nicht nur Ausdruck der Aktivierung innerer Konflikte des Patienten, sondern auch der aktuellen Beziehung zum Analytiker. Je stärker Affekte beteiligt waren, umso stärker auch die Bedeutung der verinnerlichten Beziehung zwischen Selbst und Objekt (Kernberg 2002).

In der projektiven Identifizierung werden unerträglich affektive Anteile in den Analytiker hineinprojiziert, die nach Bion von diesem aufgenommen und in erträglicher, d.h. modifizierter Form reintrojiziert werden. Die Gegenübertragung ist ein wertvolles Arbeitswerkzeug, das komplementär (identifiziert mit dem Objekt) oder konkordant (identifiziert mit dem Unbewussten Ich) benutzt werden kann als Kommunikationsmittel. Der Analytiker wird einerseits zum Objekt fortgesetzter Analyse, ist andererseits aber auch nicht ein unabhängiger, sondern beteiligter Beobachter. Übertragung ist ein interaktives wechselseitiges Geschehen, das vom Patienten und dem Therapeuten gemeinsam und wechselseitig konstruiert wird.

Die sozialkonstruktivistische Psychoanalyse sucht in Anlehnung an Piaget und Bettighofer nach Assimilations- und Akkommodationsprozessen in der Übertragung, die neue Erfahrungen motivational sortieren und kategorisieren. Gelingt die Akkommodation nicht, werden verunsichernde Teile aus der Wahrnehmung ausgeblendet oder verzerrt wahrgenommen. Assimilation bedeutet eine Einfügung einer Erfahrung in bereits vorhandene Schemata, Akkommodation wenn die Schemata verändert werden müssen. In der Übertragung können aktivierte Schemata (Mutter, Vater, Geschwister) zur Wahrnehmungsverzerrung und zu Widerständen führen, die, bearbeitet, korrigierende Erfahrungen ermöglichen. Es handelt sich um einen zirkulären präverbalen und verbalen wechselseitigen Prozess, an dem beide beteiligt sind, um ein gemeinsames Drittes zu bearbeiten und kreativ etwas ‚Neues‘ zu schaffen.

Übertragungen finden vom Beginn der Begegnung an statt und setzen eine Bereitschaft zur Rollenübernahme beim Anderen voraus. Die Übertragungen des Therapeuten werden ebenfalls von unbewussten Konfigurationen bestimmt. Eine sozialkonstruktivistische Auffassung sieht ein Zusammenspiel von Übertragung und Gegenübertragung, wobei unerkannt Szenen wiederholt werden und es zu einem destruktiven Mitagieren kommen kann. Das Agieren des Patienten kann als notwendiger Ausdruck von Gefühlen und Fantasien verstanden werden, die inszeniert und gemeinsam engagiert analysiert und interpretiert werden. Ein Gegenübertragungswiderstand würde den Zugang zu Affekten und Konflikten behindern. Insbesondere bei Retraumatisierungen kann ein unbewusster Widerstand gegen die Gegenübertragung, um sich vor Verletzung, Kränkung und Verunsicherung und gegen verunsichernde Vorwürfe zu schützen, eine Aussöhnung oder Heilung behindern. Der Widerstand kann nach Ermann sich dagegen richten, sich als Objekt verwenden zu lassen, sich mit Widerstand des Patienten verbünden und zu einem ein Ausagieren der Gegenübertragung führen.

 

Übertragung und Gegenübertragung im Kontext der Schulpädagogik

Schüler und Lehrer tragen in der Interaktion zu Reaktivierung früherer Objektbeziehungen bei, die den Unterricht stören können. Nach einem Überblick über die Entwicklung der psychoanalytischen Pädagogik werden die Unterschiede zwischen Psychoanalyse und Pädagogik dargestellt: Pädagogik ist vor allem zielorientiert ausgerichtet. Bei Konflikten kann es hilfreich sein, wenn der Pädagoge einen ‚erkennenden Umgang mit dem eigenen Unbewussten‘ i.S. einer differenzierteren Wahrnehmung von Übertragungen und Gegenübertragungen hat. Denn es gibt schwierige Schüler, aber auch schwierige Lehrer. Eine Blindheit für die eigenen Probleme, insbesondere für das ‚Kind im Erwachsenen‘, belastet die Beziehung. Im szenischen Arrangement der Schule vertritt der Lehrer aktualisierte Elternrepräsentanzen, was zu Konflikten aber auch zu einem vertieften Verständnis führen kann.

Insbesondere in erziehungsschwierigen Situationen kann es zu einem circulus vitiosus kommen durch Rationalisierung (nicht Eingehen auf die emotionale Seite des Konflikts), Rückzug aus der Beziehung, disziplinierende Maßnahmen ohne Klärung der Situation, Strafmaßnahmen ohne Gelegenheit zur Wiedergutmachung. Aggressionen sind Affekte, die eine Ursache haben. Sie werden als extrem provozierend erlebt, wenn die eigenen Aggressionen unterdrückt werden, und diese können dann auch nicht gezielt konstruktiv eingesetzt werden.

Untersuchungsleitende Fragestellung und Begründung der Methode

Das Ziel ist die Darstellung der Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomene zwischen Schülern und Lehrern mit einem Fokus auf die Aggressionen. Dazu wurden folgende Hypothesen formuliert:

  1. In der Schüler-Lehrer-Interaktion werden infantile Objektrepräsentanzen des Pädagogen aktiviert.
  2. Aus ein unbewussten Gegenübertragung des Pädagogen kann ein aggressives Agieren werden.
  3. Eskalation in der Interaktion mit verhaltensauffälligen Schülern kann durch selbstreflexives Denken und Handeln des Pädagogen reduziert werden.

Der Fokus lag auf der 2. Hypothese.

In der qualitativen Forschung ist der Forscher in den Prozess einbezogen, dessen Subjektivität nicht eliminiert werden kann. Der Einstieg erfolgte hier über Angaben der Lehrer zur eigenen Biografie, dem folgten Fragen, welches Schülerverhalten als störend erlebt wurde, welche Schüler heftige Gefühle auslösten und wie man mit seiner Wut umgegangen ist. Wird das Verhalten persönlich genommen und kann man auch nach Feierabend nicht abschalten? Es folgt dann eine sehr detaillierte Beschreibung, wie das Interview – einschließlich der Sprechpausen usw. – dokumentiert und von einem Forschungstagebuch begleitet wurde. Anschließend wurde das Material in einem Gruppenprozess i.S. einer tiefenhermeneutischen Analyse, die Sprachliches und Nichtsprachliches erfasst (Lorenzer), gedeutet. Dabei ging es um eine Entschlüsselung des Interaktionsprozesses, indem Assoziationen der Gruppenteilnehmer aufgenommen und Wortbilder (Vorurteile, Klischees, Ideologie, Weltanschauung) entschlüsselt wurden. In der Gruppe ist die Deutungsperspektive intersubjektiv, aber fokussiert darauf, die Schlüsselszene zu re-symbolisieren.

Auswertung und Interpretation der Interviews

Zunächst werden die Gesprächspartner – insgesamt drei Probanden – mit ihren Biographien vorgestellt und in der Gruppe assoziativ die Beziehung zwischen Interviewer und Interview bearbeitet. Dabei werden Irritationen und Unklarheiten beobachtet, inwieweit der Proband sein eigenes Verhalten im Umgang mit dem Schüler reflektiert.

  • Proband 1/männlich: Biografisch war der Vater physisch und emotional wenig präsent; die Mutter wurde depressiv nach dem Tod eines Geschwisters 1 Tag vor der Geburt. Bei dem Konflikt mit dem Schüler ging es ständig um Macht und Stärke (Sieger – Besiegter). Ein hingebungsvoller und aufmerksamer Lehrer versuchte einen schwierigen Schüler zu verstehen, befriedigte dabei aber stärker eigene Bedürfnisse und verstand nicht den Konflikt, den der Schüler mit seinem Vater hatte, versucht stattdessen krampfhaft, ein ‚besserer Vater‘ zu sein. Das Angebot ‚Soziales Lernen‘ empfand er als hilfreich unterstützend. 
  • Proband 2/weiblich: Behütet im Mehrgenerationenhaus aufgewachsen, verhielt sich der emotionale Vater eher im Hintergrund, während die Mutter im Vordergrund stand und sehr redselig war: Die Probandin war ein eher schüchternes Kind mit einer größere Nähe zum Vater, das in der schulischen Entwicklung nicht unterstützt wurde und zeitweilig in der Schule gemobbt wurde. Sie fühlte sich auch als Lehrerin von den Schülern nicht ernstgenommen, trug jedoch auch durch ihr eigenes unangemessenes Verhalten dazu bei und zweifelte an Ihrer Fähigkeit zu diesem Beruf. Sie verdrängt heftige Gefühle, war offensichtlich traumatisiert, fürchtete von Gefühlen überwältigt zu werden und geriet in einen Zustand von Passivität, Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit. Unbewusst war sie mit ihrer Mutter identifiziert, wenn sie den Schülern auch dann keine ‚Eins‘ gab, wenn sie es verdient hatten.
  • Proband 3/männlich: Er ging nach regelmäßigem Schulbesuch und Abitur zur Bundeswehr, nahm dann die Chance zur Aus- und Weiterbildung als Lehrer an aus ‚Gründen der zeitliche Begrenzung und finanziellen Absicherung‘. Er gab sich kurz angebunden, wurde aber im Laufe des Interviews aufgeschlossener. Er erinnerte einen Schüler, der sehr kräftezehrend war und ihm persönlich ‚an die Substanz‘ ging. Konflikten, z.B. auch mit Kollegen, ging er aus dem Weg. War er im falschen Beruf, weil ihn nur der Leistungs- und nicht der Beziehungsaspekt interessierte? In der Gruppe löste er ambivalente, aber vorwiegend negative Gefühle aus. Sein Vater war auch nur mit sich, der Arbeit und dem Haus beschäftigt. Kindlich Bedürfnisse wurden nur wenig befriedigt. Für den Background dieses bestimmten Schülers interessiert er sich auch nicht, wurde aber durch Provokation gezwungen, sich mit ihm und mit sich selbst auseinander zu setzen, was seine Abwehr verstärkt.

Zusammenfassung der Ergebnisse

Aus einer den Pädagogen unbewussten Gegenübertragung kann ein aggressives Agieren werden, das Konflikte verschärft.

  • Proband 1 war dem aggressiven Drängen des Schülers nicht mehr gewachsen und verlor die Kontrolle. Er sah sich in seiner Kompetenz und Autorität bedroht und fühlte sich enttäuscht und gekränkt. Hilflosigkeit und Ohnmacht hatte er selbst in seiner Kindheit erlebt.
  • Probandin 2 agierte das Problem von Macht und Herrschaft in der Klasse aus und benutzte dazu auch die Notenvergabe. Sie war selbst ein schüchternes Kind, das in der Schule gemobbt wurde, und auch zu Hause keine Unterstützung fand.
  • Bei Proband 3 aktivierte der Schüler durch sein aggressives Verhalten Gefühle von Ohnmacht. Er konnte keine Hilfe nicht in Anspruch nehmen, fühlte sich auf sich allein gestellt wie in seiner Kindheit.

Die tiefenhermeneutische Auswertung ergab bei allen Probanden unbearbeitete unbewusste Konflikte, die ein negatives Gegenübertragungsagieren in Beziehung zu bestimmten Schülern zur Folge hatte. Die Gefahr ist immer dann gegeben, wenn Schüler bestimmte unbewusste biografische Situationen beim Lehrer aktivieren.

Fazit und Ausblick des Buches

Supervision, allein oder in einer Gruppe, ist in allen Berufen, die mit Menschen und menschlichen Konflikten zu tun haben, hilfreich. Gebraucht wird eine professionelle, auch unbewusste, Wahrnehmung von Konflikten mit einem Schwerpunkt auf der Affektdynamik, die inszeniert und in den Beziehungen ausagiert wird. Das Problem ist, wenn Unterrichtsprobleme seitens der Institution nicht offen angesprochen werden können und tabuisiert werden. (Was in Berlin mehrfach dazu geführt hat, dass sich die Pädagogen über die Medien an die Öffentlichkeit gewandt haben.) Eine tiefenhermeneutische Analyse kann dazu verhelfen, die eigenen affektiven Reaktionen besser zu verstehen und kritisch gegenüber der Rollenübernahme zu sein, die dem Pädagogen in der Inszenierung übertragen wird. Der Lehrgang in Klagenfurt Psychoanalytical Observational Studies: ‚Persönlichkeitsentwicklung und Lernen‘ arbeitet mit Pädagogen an der Wahrnehmung der unbewussten Gegenübertragung bei bestimmten Konflikten im Schulalltag. Das kann als Anregung verstanden werden, Lehrern, sobald sie in den Schulalltag eintreten, ähnliche Angebote zu machen, fokussiert auf konkrete berufliche Situationen – entsprechend der Fallbesprechungen bei Supervisions-Gruppen.

Das psychoanalytische Wissen ist wichtig in diesem Beruf, auch wenn die Psychoanalyse außer der Selbstreflexion keine Handlungsanweisungen gibt. Ausgerüstet mit diesem Wissen findet der Pädagoge in Begleitung mit Kollegen Wege, die aus der affektiven Verstrickung herausführen.

Positiv können die Provokationen von Schülern auch nach Winnicott ‚im Zeichen der Hoffnung‘ gesehen werden, gute und andere Erfahrungen zu machen und Reifungsprozesse zu ermöglichen. Das war auch das Anliegen von Bernfeld und den frühen psychoanalyischen Pädagogen. Jenseits des vordergründigen Leistungsaspekt geht es in der Schule um die Sensibilität für szenische Zusammenhänge im Schüler-Lehrer-Verhältnis, wobei bereits die Wahrnehmung der Inszenierung eine gesunde Distanzierung anstelle eines unbewussten Ausagierens ermöglicht.

Diskussion

Es handelt sich um ein aufwendiges Forschungsvorhaben, in dem detailliert die Hypothese bewiesen werden soll, dass unbewältigte Kindheitskonflikte durch provokative Schüler unbewusst reaktiviert werden und bei den Lehrern zu einem unkontrollierten Gegenübertragungsagieren führen können, anstelle eines reflektierten pädagogischen Handelns. Zur Stützung dieser Hypothese wurden in den Interviews – ohne dass den Probanden gesagt wurde, um was es ging – Belege gesucht, indem die Lehrer angeregt wurden, von belastenden Situationen im Umgang mit bestimmten Schülern zu berichten. Die Interviews wurden in der Gruppe ausgewertet.

Die Interviews und die Gruppendiskussionen liefern reichlich Material zu einem Nachvollziehen dieses Forschungsvorhabens, dürften aber für jemand, der mit Gruppenprozessen und deren Deutungen nicht vertraut ist, nicht leicht nachzuvollziehen sein.

Die Ergebnisse waren – aus psychoanalytischer Perspektive – voraussehbar und sollen handlungsanleitend sein, wie man Konflikte in der Schule – nicht alle (!) lösen solche spezifischen Gegenübertragungsgefühle aus – aufgreifen und in einer Gruppensupervision gemeinsam bearbeiten kann.

Allerdings habe ich mich gefragt, ob man nicht doch die 3 Probanden in den Untersuchungsprozess aktiv hätte mit einbeziehen können, indem man offen auch mit ihnen die Fragen bearbeitet, die in der Gruppe diskutiert wurden: Wo haben bestimmte Schüler sie an ihren verwundbaren Stellen getroffen und was hatte das mit eigenen ungelösten Kindheitskonflikten zu tun. Mein Gedanke war, ob man nicht in einem zweiten Forschungsvorhaben die Probanden offener – auch in die Interpretation – einbinden sollte.

Was die Aggressionen, von denen viel die Rede ist, anbetrifft, so fehlt mir die Verbindung zur auslösenden Ursache, denn auch Aggressionen kommen nicht aus dem Nichts und zeigen in der Regel an, das hier etwas verhandelt, oder – wenn das nicht möglich ist – gehandelt werden muss (Grenzen setzen). Denn es gibt auch Schüler, die nur mit Unterstützung des ganzen Kollegiums und der Schulleitung, die das Klima der Schule mitprägen, Grenzen aufgezeigt bekommen können, und das, wie das Beispiel verschiedener Berliner Schulen zeigte, auch gebraucht haben.

Fazit

Nicht leicht lesbar. Aber ein wichtiges Thema, das dazu anregen kann, den Lehrern Mut zu machen, aufmerksam und kritisch ihre Reaktionen auf bestimmte Schüler wahrzunehmen und Hilfe – schon der Blick eines Anderen ist hilfreich – in Anspruch zu nehmen.


Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 18.05.2020 zu: Manuela Steiner, Bernd Ahrbeck, Wilfried Datler, Urte Finger-Trescher: Das Unbewusste im Klassenzimmer. Aggressive Gegenübertragungsreaktionen von Fachkräften in pädagogischen Handlungsfeldern. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2020. ISBN 978-3-8379-2939-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26588.php, Datum des Zugriffs 28.09.2020.


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ISSN 2190-9245

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