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Fethi Benslama, Susanne Enderwitz u.a.: Geschichten teilen – Konflikte verstehen

Cover Fethi Benslama, Susanne Enderwitz, Renate I. Haas, Anna Maria Maier, Jürgen Michael Schmidt: Geschichten teilen – Konflikte verstehen. Kulturarbeit als Radikalisierungsprävention in der Einwanderungsgesellschaft. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2020. 150 Seiten. ISBN 978-3-8379-2943-0. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.

Reihe: Forum Psychosozial.
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Thema

Thema des vorliegenden Titels sind Berichte über die Kulturarbeit durch Bereitstellung eines ‚Übergangsraum‘ zur Verständigung zwischen eingewanderten und deutschen Jugendlichen, um einer Radikalisierung vorzubeugen.

Autoren

  • Dr. phil. Renate Haas ist Mitbegründerin des Instituts für Kulturanalyse e.V. Berlin und leitet seit 2011 Modellprojekte im Programm „Demokratie leben“. Sie ist für Beratung, Coaching und Supervision am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle/​Saale tätig und Autorin von Fachartikeln zum Verhältnis von Migration und Einwanderungsgesellschaft.
  • Fethi Benslama Ist Psychoanalytiker und Professor für Psychoanalyse an der Université Paris-Diderot und Mitglied der tunesischen Akademie der Wissenschaften, sowie Autor zahlreicher Bücher und Artikel über Psychoanalyse und Islam.
  • Prof. Dr. phil. Susanne Enderwitz beschäftigt sich mit der Geschichte, Religion und Literatur des Islam, sowohl in der klassischen als auch zeitgenössischen Periode. Sie war Professorin für Islamwissenschaft/​Arabistik an der Universität Heidelberg und ist seit 2018 im Ruhestand.
  • Dr. phil. Michael Schmid ist Psychologe und Psychoanalytiker und Vorstand des Lacan-Archivs Bregenz. Er ist Mitherausgeber der Zeitschrift RISS und Mitbegründer des Lacan-Seminars Zürich. 2017 ist von ihm ‚Psychoanalyse des Islam‘ erschienen.
  • Anna Maria Maier ist Kulturwissenschaftlerin und arbeitet seit 2017 in der kulturellen Bildung und freien Jugendarbeit.

Entstehungshintergrund

Entstehungshintergrund sind die Erkenntnisse der Beratungsarbeit im Rahmen schulischer, politischer und kultureller Bildung zur Wechselwirkung von Migration und Zuwanderungsgesellschaft Das Anliegen ist, beiden Seiten neue Erfahrungen zu vermitteln und eine Radikalisierung zu verhindern.

Aufbau

Nach einer Einleitung von Renate Haas beschäftig sich Fethi Benslama mit den Gründen für die Radikalisierung Jugendlicher. Michael Schmid schreibt über ‚Die Tücke des Ideals und die Frage nach dem Vater‘. Renate Haas stellt die Frage, ob Amos Amri einen anderen Weg hätte einschlagen können, wenn er Kamel Daouds ‚Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung‘ kennengelernt hätte. Literaturkritisch beschäftigt sich Susanne Enderwitz mit der ‚Mission des Salafismus‘ und Michael Schmid mit dem ‚Mythos vom Vater‘. Anna Maria Maier schreibt über geflüchtete Jugendliche auf der Suche nach Freiheit und Sicherheit, und zum Schluss greift Renate Haas noch einmal das Thema der Radikalisierungsprävention auf.

Inhalt

Einleitung (Renate Haas)

Als sich das Institut für Kulturanalyse e.V. (IfK) 2011 für das Bundesprogramm ‚Initiative Demokratie stärken‘ bewarb, verfügte es bereits über eine 20-jährige (Forschungs-)Arbeit zur Wechselwirkung von Migration und Zuwanderungsgesellschaft (Beispiele aus deutsch-türkischen Kindertagesstätten) und beschäftigte sich mit dem ‚Exotismus als Vermeidungsstrategie‚ (Erdheim1980) besonders in Institutionen. Frühkindliche Idealisierungen der Eltern werden leicht auf Fremde übertragen und enthalten im Kern eine Spaltung (Kramer 2005). Erfahrungen mit Schülern aus Haupt- und Gesamtschulen in den 90er Jahren zeigten, dass ein vergleichender Literatur- und Geschichtsunterricht fehlte, um kulturelle Umbrüche – Generationen übergreifend weitergegeben – zu verstehen. Das führte 2011 zum Modellprojekt „Konfliktkultur – Ein Programm zur Bildung historischen Bewusstseins von Eltern“. Diese Perspektive wurde 2015–2019 im Projekt „Interkulturelle Übergangsräume – Erweiterung von konfliktträchtigen Gruppen“ als Radikalisierungsprävention fortgeführt: Wie können Konflikte mit Destruktionspotenzial konstruktiv gelöst werden?

Eine Tendenz zu Spaltungen gibt es bereits im Kindesalter, Traumatisierungen verstärken diese und werden In der Pubertät erneut virulent. Interkulturelle Erfahrungen sind in geschützten Übergangsräumen möglich unter Benutzung von etwas ‚Drittem ‚ (Literatur, Malerei, Musik); das wird am Beispiel von Camus ‚Der Fremde‘ gezeigt. Es gab Kurse, Workshops, Gespräche, Interventionen und Nachfragen, mit denen an Projektionen und Vorurteilen gearbeitet wurde.; denn: ‘Das Eigene muss so gut gelernt sein (werden?) wie das Fremde‘. Das löste teilweise Verunsicherung und Angst aus. Auch eine ‚unvollendete Vergangenheitsbewältigung der Deutschen‘ wurde deutlich und Spaltungen auf türkischer und deutscher Seite.

Ursprungsmythen (Koran) – in Broschüren verbreitet – verstärken Spaltungen und generieren einen erheblichen Widerstand. Das Thema ‚Religionsfreiheit in einem säkularen Staat‘ führte zu dem Ergebnis, dass man in einem liberalen Staat mit einem Fortbestehen des Dissenses leben und allen Religionen eine Partizipation am gesellschaftlichen Leben ermöglichen muss.

Der Gruppendruck, z.B. ein Kopftuch zu tragen, kann Konflikte verschärfen. Diskussionen über Sexualität, interkulturelle Heirat, Haram und Halal fanden Interesse bei allen Jugendlichen gleich welcher Herkunft.; bei Kindern war eine Verständigung aufgrund ihrer Impulsivität und fehlenden Fähigkeit zur Symbolisierung schwieriger.

Fethi Benslama geht in seinem Beitrag auf die Rolle der Ideale im Prozess der Radikalisierung bei Jugendlichen ein; es handelt sich dabei nicht nur um eine individuelle, sondern auch um eine Krise der islamischen Welt. Mit dem Ideal verbinden sich Souveränitätsvorstellungen, die Identität des Eigenen und das Recht auf Erlaubtes, im Gegensatz zum Verbotenen. Krisen gibt es sowohl in der persönlichen Identität als Muslim, als auch in der Identität der Gemeinschaft. Das Leiden daran (Globalisierung, Auflösung der Geschlechtergrenzen und der traditionellen Sozialordnung) kann durch die Erfüllung des Ideals subjektiv beseitig werden. Das Problem der „überdeterminierten Identitätsstörung“ findet sich nicht nur im Islam. Die drei Dimensionen des Vaters (nach Freud), die reale, symbolische und imaginäre vereinigt in der verinnerlichten Repräsentanz des Vaters, sind ein konstitutiver Faktor der Subjektwerdung. Der gottgleiche idealisierte Urvater wird durch den „Vatermord“ (Freud) zum Symbol für eine Ordnung von Recht und Gerechtigkeit. Vaterverlassenheit wird individuell am Fall Anis Amri in Zusammenhang mit Camus ‚Der Fremde‘ diskutiert und soziokulturell als Trauma des Kolonialismus verstanden.

Ergänzt wird diese Veröffentlichung durch Tagungsbeiträge von Susanne Enderwitz über ‚Salafismus‘, Michael Schmidt über den ‚Mythos vom Vater‘ und Anna Maria Maier über ‚die Suche syrischer Flüchtlinge nach Freiheit und Sicherheit‘.

Der Schlussteil enthält die Hoffnung, dass durch „Kulturarbeit“ das zerstörerische Aggressionspotenzial umgewandelt werden kann in ein konstruktives ‚Lernen aus Erfahrung‘ (W.R. Bion).

Gründe für die Radikalisierung Jugendlicher (Fethi Benslama)

In Frankreich führt das Innenministerium eine Kartei von 20.000 radikalisierten Personen, davon sind 17 % minderjährig, 27 % Frauen, 35 % (männliche?) Konvertiten (8 % waren bereits in Syrien, 2/3 davon sind zwischen 15 und 25 Jahren alt). Soziologisch handelt es sich um eine heterogene Gruppe, aber der überwiegende Teil sind Adoleszente oder junge Erwachsene. Im Gegensatz zu früher ist die Kindheit immer kürzer und die Adoleszenz immer länger geworden. Diese Gruppe hat Idealvorstellungen, individuell und kollektiv, die die Identität überlagern und eine Verbindung mit früheren Generationen herstellen und zur Quelle von Exzessen/​Terror werden können. Die Verherrlichung von Idealen hat in Europa im 20. Jahrhundert einen hohen Preis gekostet, da sie eine explosive Radikalität begünstigt,– u.a. auch die ‚Islamische Radikalisierung‘, eine soziale und psychologische Epidemie.

Mit dieser ‚ökologische Nische‘ (für Ideale), ihrer individuellen und Massenpsychologie, beschäftigt sich Benslama als Analytiker. In der Adoleszenz zersplittern die Kindheitsideale und werden – ‚gierig‘ – durch neue ersetzt (Ent- und Neu-Idealisierung); die Adoleszenten schwanken zwischen Leere und Exaltiertheit. Das Subjekt muss sich neu erfinden und an den Grenzen zwischen Ich-Nicht/Ich, Leben-Tod, eigenem-fremdem Geschlecht, Realem und Irrealem, Welt-Jenseits, eine alte Haut gegen eine neue tauschen. Radikalisierungen sind unabhängig von der Ideologie Mutproben in einer Übergangssituation, die die Dschihadisten nutzen für ihre Zwecke. Einige Adoleszente sind unauffällig, andere zeigen chaotische Symptome von Delinquenz, Sucht, Borderline oder Psychose. Das ideologische Angebot verdeckt die Schwachstellen, anstelle von Angst entwickelt sich ein Gefühl von Befreiung und Allmacht. Das Subjekt tritt hinter dem ‚Automaten‘ zurück, der zu Massenpsychologie (Suggestion, blinder Gehorsam) konvertiert. Radikalisierung bedeutet nicht selten ein Versuch, in einer Notsituation zu überleben durch eine Anbindung an Gott und die Gemeinschaft. Bei Konvertiten handelt es sich oft um schwache Identitäten, die nicht einmal den Koran kennen.

Zum Unterschied von einer Sekte handelt es sich um einen kollektiven Glauben an den Islamismus, eine Mischung von Mythos und historischer Realität, die zu den kritischen Engpässen dieses Alters und seiner Ideale passt. Diese sind: eine Suche nach Gerechtigkeit nach dem traumatischen Verlust politisch-theologischer Souveränität, der Abschaffung des Kalifats und der Zerstückelung des osmanischen Reiches. Das angebliche Unrecht an den Muslimen verbindet sich mit dem eigenen Gefühl der erlebten Kränkung, einem labilen Selbstwertgefühl und dem Wunsch, Rache zu nehmen, – wie eine beleidigte Gottheit. Anstelle nutzlos zu sein, werden die Adoleszenten zu ‚Erwählten Gottes‘, zu Missionaren einer guten Sache, zu ‚Übermuslimen‘. Das Töten wird zu einem moralischen Akt, wenn es die verderbten Ungläubigen zerstört. Der Selbstopferung liegt ein Reinheitsideal zugrunde, da der Körper ein Sitz der Sünde ist. Der neue Name bedeutet auch eine neue Identität, eine Lösung von einer verwirrend erlebten Freiheit.

Der Tod wird bagatellisiert, das Jenseits idealisiert als Übergang in die Unsterblichkeit. Benslama spricht von einer ‚Thanatopolitik‘; der Tod als die Mutter, die dem Kind das wahre Leben schenkt. Das Ideal hat das Ich, den gesunden Lebenswillen, besiegt; es wird zur Realität, die Realität zum ‚Schein‘.

In der Adoleszenz erscheint die Erwachsenenwelt oft als eine Schein- und korrupte böse Welt. Die Sinnentleerung destabilisiert die Identität, erzeugt ein Gefühl von Fremdsein und Selbstauflösung und macht anfällig für apokalyptische Untergangs- und Auferstehungsfantasien vom Anbruch einer neuen Welt.

Die Tücke des Ideals und die Frage nach dem Vater (Michael Schmid)

Der Bruch mit der traditionellen Welt, auch durch die treibende Kraft des neoliberalen Kapitalismus einhergehend mit Internationalisierung und Globalisierung, hat bei vielen Menschen ein Gefühl der Verlorenheit und regressive Wünsche nach einer Rückkehr zur alten Ordnung hervorgerufen. Die ‚Krise der Identität‘ beruht auf einem Gefühl der Enteignung, das mit Rache am vermeintlich Schuldigen oder mit Selbstidealisierung bekämpft wird. Islamistischer Terror, Migration, Flucht und Klimakatstrophe sind Ausdruck vom Zusammenbrechen tradierter Gewissheiten. Die Zuflucht zu einem ‚sektiererischen Phantasma der Identität‘ (Jullien 2018) gleicht der Krise in der Adoleszenz, wenn individuell die Identität der Kindheit infrage gestellt und Ambiguitätstoleranz – das Aushalten von Widersprüchen – gebraucht wird. Mit dem Niedergang der autoritären Ordnung hat sich die patriarchale Macht des Vaters und seine Bedeutung im Seelenleben von Menschen verändert.

Die Erzählung von Ingeborg Bachmann ‚Alles‘ beschreibt die Schuldgefühle eines Vaters angesichts des Todes seines Sohnes verbunden mit dem Eingeständnis, dem Sohn die Entwicklung einer eigenen Sprache verhindert zu haben.

Nach Freud gibt es einen unbewussten Wunsch nach einem allmächtigen Vater, der gemordet wurde und symbolisch als eine Ordnung im Unbewussten wieder aufersteht und Schuldgefühle erzeugt. Der Mythos vom Urvater ist der Mythos vom verlorenen Paradies verknüpft mit Allmacht, und, nach dem Verlust, mit Ohnmacht.

Die Gesellschaft gibt dem Subjekt einen Platz in der Gemeinschaft; aus dieser Beziehung entwickelt sich ein Gefühl und Bewusstsein der Identität. Der vor allem soziale Vater übt ein Vateramt aus, das für die Ordnung der Logik und des Symbolische steht und gleichzeitig eine Projektionsfläche für Größe und Allmacht ist. Der erste Schrei ist, richtig aufgenomme, bereits ein Ausdruck der Liebe von Mutter und Vater, also von zwei ‚Gebärmüttern‘, wobei der Vater für die die Gültigkeit und Sicherheit einer fremden sprachlichen Ordnung bereits in der Namensgebung steht. Der Vater ist das Ideal des Vaters, Anfang von allem, dann der symbolische Vater (der den toten repräsentiert) und gleichzeitig der reale des Zeugungsaktes.

Die Sprache zwischen Mutter und Kind ist bereits der Beginn einer Trennung von Eigenem und Fremden und eine Triangulierung. Als kulturelles Erbe behütet sie und engt ein. DIE Sprache gibt es genau so wenig wie DEN Vater. Sie ist nicht das Sein, aber das Soziale. DER Vater als Symbol für den Ursprung ist eine Leerstelle und eine Sehnsucht. Fehti Benslama und Julia Kristeva sehen insbesondere bei Adoleszenten eine radikale Sehnsucht zu einem ‚vorreligiösen‘ (Kristeva) Glauben ohne einen bestimmten Inhalt, ein Ur-Akt des Vertrauens.

Mit dem Schwinden einer Welt, die von der Autorität regiert wurde und durch die Macht des Geldes (Neoliberalismus) abgelöst wurde, tritt anstelle von Schuldgefühl die tatsächliche Schuld, wenn man auf der Verliererseite ist (keinen Mehrwert generiert). Die Berufung auf Abstammung genügt nicht mehr. Dennoch handelt es sich nicht um eine Selbst-, sondern um eine Fremdbestimmung. Die Sprache, auch die in der wir uns selbst verstehen, wird uns aufgezwungen, führt zur Entfremdung (Lacan 2017). Wir erschließen (und verschließen!) unseren Kindern mit unserer Sprache die Welt (auch sexuell in der Bezeichnung ‚Junge‘ und ‚Mädchen‘). Kinder spielen mit der Sprache, löchern uns mit Fragen in bestimmtem Alter und stellen uns auf die Probe, ob das, was wir sagen, auch wahr ist; sie enthüllen die Nacktheit der Eltern, sind aber in Gefahr, ihren Platz selbst einzunehmen. Wir können diese Transformationsprozesse unterstützen oder behindern. Der Eigenname symbolisiert als Name sowohl etwas Vergängliches als auch eine Versuchung zu narzisstischer Selbstüberschätzung oder Fremdheits- und Minderwertigkeitsgefühlen. Einen Namen haben oder ein Name sein? Die Antwort: ‚Name sein, ohne ihn zu haben und ihn zu haben, ohne zu sein.‘

Hätte Anis Amri einen anderen Weg einschlagen können, wenn er Kamel Daouds ‚Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung‘

 kennengelernt hätte? (Renate Haas)

Die Verfasserin beschreibt einen ‚erfundenen Versuch‘, sich von einer ‚Erblast‘ von Gewalt zu befreien. Die Modernisierung der tunesischen Gesellschaft habe Jugendliche in eine Adoleszenzkrise geraten lassen – zwischen Ohnmachts- und Allmachtsfantasien –, die von den Familien oft nicht mehr bewältigt werden konnte, da traditionelle Initiationsriten weggefallen sind. Die Lehrerin Frau A. habe deshalb (fiktiv) beschlossen, ihre Schüler den Roman ‚Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung‘ lesen zu lassen, in dessen Zentrum eine zerrüttete Familie steht. Der Schriftsteller Kamel Daoud versucht den ‚Stimmen aus dem Orient‘ damit Gehör zu verschaffen, die in europäischen Adaptationen nicht zu Wort gekommen sind. Der salafistische Prediger Ab del Fattah Hamadache sprach eine Fatwa gegen Daoud aus, der von einem Gericht in Oran dann zu sechs Monaten Haft verurteilt wurde. Sein Held Haroun zeigt wie die ungelöste Konfliktdynamik in der Familie (eine vom Mann verlassene Mutter, Tod des Erstgeborenen) dazu führt, dass der zweite Sohn stellvertretend zum Rächer der überfordernd-kontrollierenden Mutter wird und einen flüchtig bekannten Algerien-Franzose namens Joseph erschießt, – anstelle der Mutter.

Frau A. ließ die Schüler den Stoff als Theaterstück inszenieren, um die Vielstimmigkeit der Gefühle erlebbar zu machen. Im Fokus der Schüler standen aber nicht die Mutter oder der verstorbene Sohn Moussa, sondern der Vater und Haroun. Die Gruppe spaltete sich: Darf man seine Mutter hassen oder nicht?

Eine Gruppe phantasierte, dass der verschwundene Vater nach Frankreich gegangen sei und im ersten Weltkrieg als Soldat kämpfte. Er habe sich dann der später so benannten Algerischen Volkspartei - 1939 verboten – angeschlossen und sei von 1937 bis 1974 im Gefängnis gewesen. Die Existenz des Vaters habe die Mutter den Söhnen verschwiegen, weil sie Angst hatte, sie würden ihm nachfolgen. Der Hass von Haroun auf die Mutter sei auch bedingt gewesen durch die Abwesenheit des Vaters.

Kolonialgeschichten sind nach dem Literaturwissenschaftler Kreutzer Geschichten, die die Protagonisten mit anderen teilen in der Entscheidung, den Kampf des Hasses fortzuführen oder eine Vermittlung zu suchen. Befragt nach den Motiven des Vaters zur Auswanderung sagte M., dass er selbst nach dem Abitur nach Deutschland gehen wolle, dass sein Vater aber strikt gegen eine ‚Flucht‘ sei. Auswanderung führt aber nicht automatisch zu mehr Aufgeschlossenheit und Weitsicht, sondern kann auch zu Selbst- und Fremdunterwerfung (Bespiel der IS) führen: Angst, das mitgebrachte ‚kulturelle Gepäck‘ könne durch ‚westliche Werte ‘vergiftet werden.

Dieser ‚fiktive Unterricht‘ hat im Fall Amri gar nicht stattgefunden. Ähnliches kulturelles Gepäck habe aber möglicherweise El Amir/Atta oder Gudrun Ensslin (Dissertation über Hans Henny Jahn ‚Fluß ohne Ufer`) mit sich herumgeschleppt, Gewaltfantasien die sich auch bei den Kindern von NS-Tätern und -Mitläufern finden. Möglicherweise hätte Amri geholfen, wenn die Moscheegemeinden die Kulturarbeit der ‚Dialektik des Entspringens‘ (Klaus Heinrich) geleistet hätten, um der Faszination der familiären Ursprungsmythen (Tillich) zu entkommen.

Durch den dargestellten fiktiven Unterricht sei es möglich, die Macht intergenerationeller Beschädigungen deutlich zu machen und zu bearbeiten. Flankierend zum Roman ‚Der Fremde‘ (Camus) könne mit Schülern ‚Der Fall Meursault‘ (Daoud) besprochen werden, um die destruktiven Seiten von Kultur- und Generationenfolge aufzuzeigen.

Eine Veranstaltung mit Daoud musste abgesagt werden, nachdem ihm der Vorwurf der ‚Islamophobie‘ gemacht worden war.

Auch in unserer Gesellschaft gibt es Spaltungen zwischen Idealisierung des Fremden und Fremdenfeindlichkeit. Einige idealisieren aufgrund des Fehlens eines inneren guten Objekts die ‚friedfertige arabische Hochkultur‘ und verleugnen, was dieser Wahrnehmung wiederspricht. Einige brauchen das Phantasma des gewalttätigen Arabers als Projektionsfläche für ihre eigene oder erlittene Gewalttätigkeit. Es ist nicht leicht, sich diesem Soog der Spaltung zu entziehen. Falsches Nationalbewusstsein habe auch ein Einwanderungsgesetz (das der Realität Rechnung trägt) verhindert. Spaltungstendenzen schränken die Handlungsfähigkeit ein. In den Gruppen, mit denen die Mitarbeiter des Instituts für Kulturanalyse gearbeitet haben, waren immer wieder Spaltungstendenzen zu beobachten. Diese verhindern auch, dass man aus Erfahrung lernt, weil neue Erfahrungen verhindert werden. Um die Vergemeinschaftungszwänge zu verstehen, braucht es kulturelle gesellschaftliche Übergangsräume.

Die Mission des Salafismus (Susanne Enderwitz)

Das benutzte Textmaterial (zwei Broschüren und ein Buch) stammt aus einer Moschee in Deutschland und gibt Informationen zum Islam: Anleitung zum Beten, ein Wegweiser zum Islam und eine Biografie Mohammeds. Herausgeber und Verlag findet man nur im Internet, die Spur führt ins Milieu des Salafismus, eines globalen Fundamentalismus (d.h. auch bei Juden und Christen) seit Mitte des 20. Jahrhunderts, der die Muslime in die Zeit des Propheten zurückführen möchte, eine Spielart des sunnitischen Wahhabismus, Staatsreligion in Saudi-Arabien. Die Anhänger fühlen sich der missionarischen Verbreitung des Islam – friedlich, militant, terroristisch – verpflichtet und sind Anhänger einer bestimmten Glaubensrichtung. Konvertiten werden zum unbedingten Glauben verpflichtet nach den Regeln der Frühzeit des Islam.

Die Broschüre: Das Gebet des Propheten. ‚Möge Allah ihn loben und Heil schenken. Eine kurze, illustrierte Zusammenfassung von dem Gebet des Propheten mit Beweisen aus Qu‘ran und Sunnah‘: es handelt sich um eine umfangreiche Ritualvorschrift, die der ‚Einfachheit‘ des Islam zu widersprechen scheint. Ein Bild zeigt einen jungen Mann – ohne Gesicht (Bilderverbot) – im Gewand des Propheten. Der Autor wuchs in Damaskus auf, lernte das Uhrmacher-Handwerk, studierte den Islam und wurde einer der bedeutendsten Vertreter eines quietistischen und unpolitischen Salafismus im 20. Jahrhundert und geriet in Konflikt mit den politischen Autoritäten. Er wollte die Prophetenpraxis – mit dem Gebet als Kern – rekonstruieren und etablieren und misstraute religiösen Neuerungen, aufbauend auf ein pessimistisches und fundamentalistisches Geschichtsbild, da der Islam zurzeit des Propheten perfekt gewesen sei.

Die zweite Broschüre: Ein kurzer illustrierter Wegweiser, um den Islam zu verstehen‘. Autor und Verlag sind nicht ganz eindeutig. Beginnend mit dem ‚wissenschaftlichen und sprachlichen Wunder im Heiligen Qu‘ran‘, geht es weiter mit ‚der biblischen Ankündigung des Propheten‘, Voraussagen künftiger Ereignisse und von Mohammad bewirkte Wunder (die ‚Spaltung des Mondes‘ wird des Öfteren erwähnt, ‚die Herbeischaffung von Wasser‘ weniger). Dem folgt ein vorletztes Unterkapitel ‚Das bescheidene Leben von Mohammad‘ und ein letztes ‚Das phänomenale Anwachsen des Islam‘. Trotz aller Liebe zur Worttreue treten hin und wieder zeitgenössische Assoziationen auf.

Das zweite Kapitel ‚Vorteile des Islam‘ enthält Stichworte zu Paradies und Hölle, Unterwerfung unter Gott, Vergebung der Sünden. Wahre Freude und inneren Frieden. – Das dritte enthält ‚Einige islamische Glaubensgrundlagen‘ und ‚Was sind die fünf Säulen des Islam‘, Antworten auf Fragen von Ungläubigen z.B. nach ‚dem Tag des Gerichts‘ und ob es ‚noch andere Heilige Quellen außer dem Quran‘ gibt.

Grundsatzfragen sind: Wie wird man Muslim? Was glauben Muslime über Jesus? Was sagt der Islam zum Terrorismus, zur Stellung der Frau und zur Familie im Islam? Wie behandelt man Ältere?

Das Hauptinteresse gilt aber den ‚wissenschaftlichen Wunder‘ im Quran. Die dort bereits erwähnten Tatsachen (Embryonalentwicklung, stabilisierende Rolle der Berge, Entstehung des Kosmos, Funktionsweise des Gehirns, Bewegung von Meeren, Wolkenbildungen und ihre eruptive Entladung) wurden erst vor kurzem (!) von (Natur)Wissenschaftlern entdeckt. Das dient vor allem dem ‚Beweis‘ eines überlegeneren Weltbildes. Der Autor arbeitet weitgehend spekulativ, folgt aber einer psychologischen Logik, den Koran mit Wissenschaft gleichzusetzen, oder dem Islam ein rationaleres Fundament zu unterstellen als dem Christentum. Renan hatte ins einer Jesusbiografie Gott zum Menschen ‘heruntergeschrieben‘, Mohammed hingegen wurde als Vorbild für die Menschheit ‚hochgeschrieben‘.

Das Buch von Jotiar Bamarni ‚Muhammad. Die faszinierende Lebensgeschichte des edlen Propheten‘ folgt der klassischen Prophetenbiographie aus dem 8./9.Jahrhundert: Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter, Erweckungserlebnis, Anfänge seiner Mission, Anfeindungen in Mekka, Auswanderung nach Äthiopien, später nach Medina, Krieg zwischen Mekka und Medina, Wiedereinzug in Mekka, Bekehrung der Stadt zum Islam und Tod Mohammeds. Eine Hagiografie, wenn auch in Romanform, mit klarer Rollenverteilung (Gut-Böse) ohne Zwischentöne und Ambivalenzen. Mohammad ein Muster von Tugend, seine Feinde hochmütig, neidisch, missgünstig und rachedurstig. Mohammed ist der letzte und endgültige Erneuerer des Monotheismus, ein letzter und endgültiger Bote des wahren Gottes. Abraham wird direkt in die Familiengeschichte vom Mohammed aufgenommen, dessen Sohn Ismael die Kaaba erbaute und dessen Nachkommen bis zum Grossvater vom Mohammed reichten. Dieses Anknüpfen an eine Uroffenbarung ist zwar nicht historisch, aber das gilt auch für die biblische Überlieferung (Wunschdenken). Die Entstehung des Koran aus dem jüdisch-christlichen Milieu ist unumstritten. Eine textkritische Analyse ging nicht von Muslimen aus, sondern entwickelt sich historisch-exegetisch aus der Bibelkritik. Sie befasst sich auch mit dem historischen Jesus und dem historischen Mohammed. Allerdings hält man sich in muslimischen Ländern eher an die klassischen Texte. Ein missionarischer Islam ist nicht auf Austausch aus. Mit der Migration als Massenphänomen aus muslimischen Ländern ist die Bereitschaft von Muslimen und Nicht-Muslimen zu einer neuen Betrachtung des Islam notwendig, da es um gemeinsame ethische Werte auch mit Säkularisten, Agnostikern und Atheisten geht.

Nachwort von Renate Haas: Sie erwähnt die Islamische Theologie in Deutschland (breites Spektrum theologischer Positíonen); dazu gehört auch der humanistische ‚Islam der Barmherzigkeit‘ (Mouhanad Khorchide); andere sind stärker bekenntnisgebunden. Bislang sind theologische Diskurse nur rudimentär ausgebildet. Auch der bildungspolitische Auftrag ist noch nicht erfüllt und wird behindert durch das Vorrecht der Verbände. Es gibt starke Unterschiede: In Münster eher progressiv, in Osnabrück eher konservativ. Für viele Studenten ist es nicht leicht, ihren Glauben mit einer wissenschaftlichen Analyse in Einklang zu bringen; einige brechen auch ab. Sollte man den Gläubigen (zurück zu den Quellen) und ihren subjektiven Empfindungen mehr offene Diskussionsräume anbieten, in denen gegenseitige Projektionen abgebaut werden können? Auf diese Weise könnte es zu ‚einer reflexiven Selbstvergewisserung der pluralen islamischen Tradition‘ kommen.

»Ich habe noch einen Hund in Syrien…« (Anna Maria Maier)

Oder: Geflüchtete Jugendliche auf der Suche nach Freiheit und Sicherheit (20 Seiten).

In Deutschland wird Flüchtlingen das Bild einer offenen, aktiven und partizipatorischen Gesellschaft vermittelt, jedoch nicht der Status der Nichtbürger. In der Bildungsarbeit mit geflüchteten Jugendlichen wird deshalb von deren Erfahrungen und Vorstellungen ausgegangen. Demokratie ist keine durch Mehrheitskonsens ausgedrückte Einheit, sondern eine Vielzahl von Konflikten und Meinungen, was Kritikfähigkeit und Gewaltfreiheit voraussetzt. Auseinandersetzungen sind notwendig. Themen der Jugendlichen waren: Das Bedürfnis nach Sicherheit und Ordnung, Der Staat als Versorger (Bildung, Gesundheit), der Ausschluss durch die fehlende Staatsbürgerschaft.

Sie brachten Angst vor Gewalt und Kriegserfahrungen aus ihren Herkunftsländern mit und ein Bedürfnis nach Rechtssicherheit und einem guten Gesundheits- und Bildungssystem. Nicht nur staatliche institutionelle, paramilitärische und kriminelle Gewalt spielten eine Rolle, sondern auch die Gewalterfahrung in der eigenen Familie (Eltern und Geschwister). Missbrauch der elterlichen Gewalt führte, vor allem bei jüngeren Kindern, auch zu einer Identifikation mit dem Angreifer/den Eltern und später zu einer Bevorzugung autoritärer Strukturen. Anhand des Bildes von Max Ernst ‚Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen‘ entwickelte sich eine lebhafte Diskussion über Doppelmoral in Familie und Gesellschaft. Nach Freud und Erdheim (1982) besteht ein Antagonismus zwischen Familie und Kultur, der insbesondere in der Pubertät zu erheblichen Spannungen führt, wenn die Lösung von der Familie und die Verbindung mit dem Fremden behindert wird.

Die fehlende Staatsbürgerschaft unterschied die Jugendlichen auch von ihren Mitschülern (minderer Status) und weckte Konkurrenzgefühle gegenüber anderen Minderheiten. Auch dürfen sich Menschenrechte nicht an nationalstaatlichen Begrenzungen orientieren (Anerkennungsproblem). Gefahren sind sowohl zu hohe Anpassungsforderungen als auch Überidentifikationen mit den Zuwanderern. Mit anderen Gruppen gibt es sowohl Rivalitäten als auch Identifikationen, aber auch Gemeinsamkeiten durch künstlerische und kreative Aktivitäten und einen geschützten Gesprächsraum.

 Ein Junge berichtet von seinem in Syrien bei Nachbarn zurückgelassenen Hund, möglichweise auch ein Bild für ihn selbst, da die Familie (Eltern/​Geschwister) in Deutschland fast immer unterwegs ist. Der Staat wird eher unter dem Versorgungsaspekt (‚Mama Merkel‘) als unter dem Demokratieaspekt wahrgenommen. Geschlechtsrollenbilder sollten aus den verschiedenen kulturellen Perspektiven diskutiert werden. Die Brüche, Diskontinuitäten und Ungleichheiten können auch als Chance zur Veränderung begriffen werden. Wichtig waren auch Gespräche über Veränderungen in der Schule (mehr Lehrer z.B.) und Teilnahme an Jugendfreizeiteinrichtungen als Experimentierräume. Politisch ist lebendige Demokratie auf ständige Auseinandersetzung angewiesen (Loraux 1994).

 In der Antike war Gleichheit nicht identisch mit Gleichberechtigung (z.B. für Frauen oder Sklaven), was heute für Demokratie und Staatsangehörigkeit auch noch gilt. Ein gemeinsamer Horizont ist durch die Menschenrechte – Freiheit und Gleichheit für alle – gegeben. Horizontale und vertikale affektive Verflechtungen verursachen Spannungen (Zorn, Wut, Neid) und müssen gemeinschaftlich bearbeitet werden. Nach Fukuyama 2019 sind Unterschiede der Herkunft und Kultur und damit verbundener Partikularismus (Gegensatz zum Kolonialismus) unvermeidlich. Den historischen Ungleichheiten und Verletzungen muss Rechnung getragen werden und die ‚Verfügungsmacht über Kapital, Arbeit, Geld‘ (Vorländer 2014) global gelöst werden. In einer Demokratie muss der Widerstand gegen eine bestehende Ordnung auch durch eine innere Arbeit an den Konflikten individuell und gesamtgesellschaftlich bewältigt werden.

Radikalisierungsprävention diesseits von Ausschlusslogiken (Renate Haas)

Destabilisierungen innerhalb des sozialen Bandes führen zu Verlust von Tradition und Entfremdungsgefühlen und ruft Abwehrreaktionen in Gestalt von Spaltungen und Externalisierungen hervor, die eine Illusion von Homogenität begünstigen. Die Identität des individuellen Subjekts beruht auf seiner Autonomie, die Identität kollektiver Subjekte fußt auf kulturellen Identifizierungen, und nicht auf einer uranfänglichen Identität. Der Widerstand einer Kultur richtet sich gegen das Subjekt im Übergang, deshalb bestehen grundsätzlich Unterschiede zwischen dem Konzept des Multikulturalismus (Schutz von Minderheiten) und dem Konzept der Laizität (Sciuto 2019), das die Emanzipation des Individuum reguliert: identitäre Zugehörigkeit versus Staatsbürgerlichkeit. Laizität hebt der Standpunkt des Partikularen dialektisch auf und schützt die Grundrechte des Einzelnen. Deshalb geht es bei der Arbeit mit Menschen aus anderen Kulturen nicht um die Unterschiede, sondern um den kulturell unterschiedlichen Triebverzicht (Freud 1929), d.h. Gleiches wird in den Kulturen unterschiedlich behandelt. Daraus erwachsen kulturelle Konflikte, die oft sprachlos/​unbewusst übermittelt werden. So schützt z.B. nach Benslama 2017 das Kopftuch den Mann vor der Verführung durch die Frau. Übergang oder Einwanderung bedeutet Destabilisierung des Gleichgewichts zwischen innerer und äußerer/sozialen Realität und ein Bruch in der Kontinuität. Wer das Vertraute verlassen muss, ist in Gefahr, das Außen zu manipulieren anstelle einer innere Arbeit an den eigenen Widerständen Ein verbissenes Festhalten kann totalitäre Entwicklungen begünstigen. Es geht um eine Ethik der Differenz, die dem Werden und nicht dem Sein verpflichtet ist, um der totalitären Gefahr – von innen und von außen – zu begegnen. Neue Perspektiven können erarbeitet werden durch den Anschluss an Traditionen und über die Künste, da das Ästhetische der Macht entgegengesetzt ist. Institutionen können das Zusammenwachsen verschiedener Kulturen gesellschaftlich mitgestalten. Ihre Normen und Regeln können im Widerspruch zu familiären Werten stehen. Deshalb ist es wichtig, dass die Mitarbeiter in Schulen und Kindertagesstätten sich bewusst sind, dass Menschen Teil einer symbolischen Ordnung sind, die sie tragen und übertragen, und die sie analysieren und konstruktiv nutzen können. Das läuft vor allem über die Sprache und die Ermöglichung des Sprechens. Dabei bedarf es oft der Wiederholungen, bis man Konflikte versteht und Vermittlungen möglich sind. Voraussetzungen sind, dass die Anliegen zur Sprache gebracht und gehört werden, damit diese Vermittlungsarbeit überhaupt stattfinden kann. So kann dem physischen und psychischen Leiden durch Gewalt, Flucht und Vertreibung ohne Spaltungen begegnet werden.

Diskussion

Ein wichtiges, aber nicht immer leicht lesbares Buch, das die kulturellen Differenzen zwischen Fremden und Einheimischen nicht nur bewusst, sondern auch verstehbar machen will. Vereinzelt wird an Beispielen gezeigt, wie das in der Praxis möglich ist. Für den Leser wäre es aber sicher eine Erleichterung gewesen, mehr aus der praktischen Arbeit (auch vielleicht aus misslungenen Anstrengungen, da man auch aus Fehlern lernen kann) durch erzählte Beispiele und Geschichten zu erfahren.

Andererseits ist es natürlich möglich, und wird auch angeboten, mit dem Institut für Kulturanalyse direkt Kontakt aufzunehmen und sich beraten oder Supervisieren zu lassen. Der Fokus liegt vor allem auf der Arbeit mit Jugendlichen und Adoleszenten, was sicher der Aufbruchsstimmung dieses Alters gerecht wird und die Arbeit auch begünstigt, während die Konzepte für Kinder vielleicht spielerischer gestaltet werden müssten, wie bei dem Beispiel der Lehrerin A., die über die Inszenierung den Schülern ermöglichte, über eigene Erfahrungen, Wünsche und Probleme zu sprechen. So wäre durchaus denkbar, dass man auch einen transkulturellen Märchen- und Geschichtenschatz benutzt, um Interesse und Nachdenken bei Kindern zu fördern.

Inwieweit die Kulturarbeit auch die Elterngenerationen erfasst, wird nicht deutlich. Auch da könnte ich mir vorstellen, dass andere Wege gefunden werden müssten.

Insgesamt halte ich es für ein sehr wichtiges Buch, weil sich beim Lesen erschließt, das das Fremde auch eine Bereicherung ist, wenn man sich auf der Basis von gemeinsamen Grundwerten und Grundrechten ohne Idealisierung und Verketzerung jenseits religiöser und ideologischer Differenzen trifft.

Fazit

Lesenswert, aber – leider – nicht immer leicht zu lesen. Deshalb sollte man mit den Kapiteln anfangen, die bereits thematisch Interesse und eine gesunde Neugierde wecken.


Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 24.03.2020 zu: Fethi Benslama, Susanne Enderwitz, Renate I. Haas, Anna Maria Maier, Jürgen Michael Schmidt: Geschichten teilen – Konflikte verstehen. Kulturarbeit als Radikalisierungsprävention in der Einwanderungsgesellschaft. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2020. ISBN 978-3-8379-2943-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26589.php, Datum des Zugriffs 14.08.2020.


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