socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Fred Mast: Black Mamba oder die Macht der Imagination

Cover Fred Mast: Black Mamba oder die Macht der Imagination. Wie unser Gehirn die Wirklichkeit bestimmt. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2020. 288 Seiten. ISBN 978-3-451-60087-6. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 33,90 sFr.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Der Autor – so der Klappentext – nimmt LeserInnen mit auf eine spannende Reise durch die Wunderwelt unseres Gehirns und dessen Fähigkeit zur Imagination. Denn diese ermöglicht, Handlungen und Situationen imaginativ vorwegzunehmen, mental zu trainieren, Empathie und Kreativität zu entwickeln: „Die Imagination befähigt uns noch zu viel mehr. Von der Psychophysik des Alltagslebens über mentale Repräsentationen, von der Funktion der Träume über die Halluzinationsmaschine, von den Verirrungen der Imagination bis hin zur Frage, ob auch Maschinen Phantasie haben.“ Damit ist das Buch thematisch im Dreieck von Kognitions-, Neuro- und Computerwissenschaft situiert: Mit einer Sichtweisen abseits des Mainstreams und gängiger Denkgewohnheiten stellt der Text Fragen und skizziert forschungsbasierte Antworten, die zu neuen Fragen Anlass geben.

Autor

Fred Mast ist Professor für Psychologie und spezialisiert auf mentale Bilder/​Vorstellungen, sensomotorische Verarbeitung und visuelle Wahrnehmung. Er leitet die Abteilung für kognitive Psychologie, Wahrnehmung und Forschungsmethoden am Institut für Psychologie der Universität Bern.

Entstehungshintergrund

Der Autor beschäftigt sich mit jedem vertrauten Phänomenen der Wahrnehmung (Einflüsse von Spiegelungen, Perspektiven, Nähe/Distanz) und dabei mit der Imagination als „Schnittstelle zwischen Geist und Körper“, nämlich, so Mast im Vorwort: „Innere Prozesse, die sich durch Erwartungen und Vorwissen manifestieren, sind entscheidend, und sie erst machen unsere Wahrnehmung zu dem, wie wir sie erleben. Eng an unsere Wahrnehmung ist auch die Fähigkeit zur Imagination und Fantasie gekoppelt. Mithilfe der Imagination planen wir unsere Zukunft und können in mentalen Simulationen mögliche Wirklichkeiten erproben und von entrückten Welten träumen. Die Macht der Imagination ist ein evolutionärer Jackpot, und unsere Wahrnehmung ist der Schlüssel zu ihrem Verständnis“ (S. 9). Indem das Buch sowohl Fragen stellt als auch forschungsbasierte Antworten skizziert, die zu neuen Fragen Anlass geben, geht es Mast – so seine Prämisse – darum, über die verständliche Vermittlung von Forschungsergebnissen Verbindlichkeit herzustellen, subjektiven Umschreibungen von Erkenntnis entgegenzuwirken und eine s. E. „gefährliche“, weil „uneingeschränkte Beliebigkeit … bei der Auswahl von Realität“ zu behindern (S. 15). Der Anspruch ist, „dass ich mit diesem Buch zum Nachdenken anrege. Wenn das gelingt, ist das Vorhaben geglückt“ (S. 10).

Aufbau

Der Verfasser operiert mit metaphorischen, sprachspielerischen, verfremdenden, virtuelle Realitäten (aus Science-Fiction- und anderen Filmen/​Literaturen) aufrufenden Benennungen und alternierend deutsch-englischen Stichwörtern: Die Überschriften sind daher mitunter allusiv, mehrdeutig, illustrativ, sprichwörtlich und ebenso „erklärungsbedürftig [wie] der eigentümliche anmutende Titel dieses Buches“ (S. 10). Indem die Schlagwörter einerseits Assoziationen auf- und Erinnerungen abrufen, andererseits Fragen beantworten, generieren und – zunächst – offen lassen, ist auch der Aufbau des Buches ein Wahrnehmungs-, Gedanken-, Simulations- und Erkenntnisinstrument inmitten eines Mix' von Objektivitäten und Subjektivitäten, von Fakten und Fakes, von Science und Fiktion.

Inhalt

Das Buch arbeitet systematisch Voraussetzungen der Realitätswahrnehmung und -interpretation, der kognitiven und emotionalen Verarbeitung dieser Wahrnehmungen und deren neuropsychologische/​-physiologische Grundlagen ab. Dabei präpariert der Autor die funktionale Überlagerung virtueller (subjektiver) und objektiver Realitäten heraus, die als Vorstellungen – als sozusagen ‚sprachlose‘ Gedanken – sowohl als mentale Simulationen im Hintergrund (unbewusst) als auch als imaginativ durchgespielte Abbildungen der Realität (bewusst) ablaufen. Nicht ‚nur‘ um mehrfach determinierte Wahrnehmungsebenen und -netze geht es dabei: Diese legen die Grundlage für soziales Denken und Fühlen, für empathische Intersubjektivität (Stichwort ‚Gefühlsansteckung‘), für die Entwicklung und Bedeutung von Körperschemata, für Handlungsplanung und -ausführung auf der Basis eines mehrperspektivisch operierenden ‚verdoppelten‘ Ich. Diese Fähigkeit ermöglicht, im Sinne der Theory of Mind alternative Funktionsweisen (Fähigkeiten, Glaubensinhalte, Gedankensysteme, Handlungsabläufe) zu entwickeln, durchzuspielen und z.B. auch als Science-Fiction zu entwerfen, sprich, zu imaginieren. In dieser Hinsicht ist Psyche auch eine kreative und wirkmächtige ‚Halluzinationsmaschine‘, die auch unabhängig von äußeren Sinnesreizen funktioniert – und die im Wach- wie im Schlafzustand ‚läuft‘. Menschliche Lernprozesse lassen sich nicht nur maschinell simulieren und optimieren, sondern auch am Beispiel maschinellen Lernens (ML) in ihren Algorithmen durchspielen, verstehen und ethisch diskutieren. Dass Fantasien nicht eine arbiträre Parallelwelt erschaffen, sondern auf Realität bezogen diese simulierend wahrnehmen, verstehen und reflektieren helfen, spielt der Autor nicht nur an Labor- und Filmsituationen, sondern auch an Phänomenen, der Langeweile, Kreativität, Flexibilität, Innovation, des Motivmanagements, Reality-Checks und Copings über die Religion (als Copingstrategie) bis in den Tod (als bedrohliche existenzielle Leere) durch.

Doch diese Sachverhalte sind – wie der informative Blick in das diese Skizze vertiefende Inhaltsverzeichnis (s.o. Link zum Inhaltsverzeichnis) zeigt – mehr als nur eine neuro-physio-sensu-moto-psycho-soziale Tour d’horizon durch die Komplexitäten des Ir-/Realen, des Imaginierten und Symbolisierten: Damit, dass faktenbasierte Modelle dieser Komptenzen vorgestellt werden, verdeutlichen diese Entwürfe unseres eigenen Funktionierens zugleich, wie sehr wir auf bereits bestehende Imagines und Modellvorstellungen zurückgreifen, in ihnen ‚zuhause‘ sind … und sie ebenso selbstverständlich finden wie wir sie nicht mehr als kulturelle Vor-/Bilder oder eigene Konstrukte zur Kenntnis nehmen.

Zu den Inhalten gehört – unter dem Stichwort ‚Referenzen‘ – ein thematisch kapitelweise gegliedertes und nach wissenschaftlichen Publikationen bzw. Buchveröffentlichungen sortiertes Literaturverzeichnis. Gewünscht hätte sich der Rezensent noch ein Namen- und Stichwortverzeichnis, doch lässt sich dies bei einer zu erwartenden Neuauflage ja ergänzen.

Diskussion

Fred Mast legt ein in Themenstellung und Ausarbeitung ungewöhnliches, ein informatives und anregendes Fachbuch im Schnittdreieck von Kognitions-, Neuro- und Computerwissenschaft vor. Inhaltlich geht es um eine neurophysiologisch, -anatomisch, -psychologisch fundierte und medial aufbereitete Darstellung und Diskussion der alltäglichen, routiniert und automatisiert ablaufenden Wahrnehmungs- und Erlebnisverarbeitungsprozesse von Wirklichkeit, um Imagination als das „das wichtigste Werkzeug des Denkens“, das neben den simulatorischen, antizipatorischen, mnestischen, de- und rekonstruierenden, rationalisierenden, reflexiven usw. Optionen auch Schmerzverarbeitung beeinflussen und Selbstwahrnehmung bis in „den eigenen Tod“ ermöglichen kann (S. 10). Diese komplexen, mehrspurigen und ausdifferenzierten Prozesse erarbeitet der Autor nicht nur schrittweise und, unterstützt durch Aha-Erkenntnisse, gut nachvollziehbar: Er unterfüttert diese Frage- und Infragestellungen mittels – wie die Kapitelüberschriften erkennen lassen – gängig-eingängigen Beispielen alltäglicher Erfahrung, sprichwörtlichen Reaktionsbereitschaften, filmischen Vorlagen virtueller Welten … und greift, wie der quasi nebenbei aufgelöste Buchtitel anzeigt, nicht nur auf Matrix-Metaphern und -Bildwelten, sondern auch auf Motive z.B. in Tarantinos Kill-Bill-Epos von 2003 zurück, in dem Black Mamba, eine junge und attraktive Berufskillerin nicht nur für attraktive Action steht, sondern auch für die Wirksamkeit von Vorstellungstrainings, die ihr im Film zur Wiedererlangung der Bewegungsfähigkeit zuvor gelähmter Gliedmaßen verhilft. Diese Kombi aus wissenschaftlicher Exploration kognitionspsychologischer Funktionskreise und deren metaphorischen Sinnbildern mit imaginären Vorstellungswelten schaffen nicht nur plastische und vernetzte Verständnisebenen, sondern lösen auch habituierte binäre Subjekt(ivitäts)-Objekt(ivitäts)-Schemata auf. Kurz: Die fantastischen Shortstories des Autors generieren Vorstellungen, sprich, innere Bilder. Sie ermöglichen alternative Selbstbilder, ver-/führen zu interpolierenden Introspektionen und subjektiven Prozessen mentaler Simulation, zu in ihrer Mehrdeutigkeit affizierenden Projektionen, zu Fragmenten autobiografischer Erinnerung.

Parallel bezieht sich der Autor an unterschiedlichen Gegenpolen zugleich auf philosophische Vorannahmen und Selbstkenntnismodelle (Kant, Sartre.), der Psychoanalyse (Freud), der Kunst (Hesse, Mann, Tucholsky, Musil…), sodass der Text auch kulturpsychologisches Potenzial entwickelt.

Fazit

Ein Motiv, dieses Buch unbedingt zu lesen, sind die ebenso kundig wie eingängig (ohne langweilige Reduktionismen, ohne banalisierende Vergleiche) aufbereiteten Prozesse subjektivpsychologischer Realitätsbewältigung durch vielfacettige Imagination, virtuose Kreativität, traumhafte Bildregie. Das andere Motiv ist die äußerst gelungene Vermittlung komplexer psychologischer Forschungsthemen, -ergebnisse in deren alltagspraktischer Relevanz. Seinen Anspruch, dass er mit diesem Buch zum Nachdenken anrege, hat Mast nicht nur gelungen, sondern zudem kreativ und elegant eingelöst. Sprich, das Vorhaben ist geglückt – und dafür ausdrücklichen kollegialen Dank!


Rezension von
Dr. Ulrich Kobbé
E-Mail Mailformular


Alle 11 Rezensionen von Ulrich Kobbé anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Ulrich Kobbé. Rezension vom 18.12.2020 zu: Fred Mast: Black Mamba oder die Macht der Imagination. Wie unser Gehirn die Wirklichkeit bestimmt. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2020. ISBN 978-3-451-60087-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/26593.php, Datum des Zugriffs 21.10.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht